Eine Wundertüte mit klarer Botschaft zur Wiedereröffnung des Stadttheaters

Die erste Vorstellung im Stadttheater Schaffhausen nach der Coronapause verwirrte und begeisterte die Zuschauer zugleich. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Zugemüllt und vernebelt. Die Umweltverschmutzung und der einfluss des Menschen dabei wurden am Dienstag im Stadttheater Schaffhausen schonungslos angeprangert. (Fotos: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es ist toll und schön, dass wir wieder spielen können“, freute sich Kulturbeauftragter Jens Lampater auf die erste Vorstellung nach der Coronapause. Damit der Wiedereinstieg fulminant wird, hatte sich das Stadttheater dafür einen besonderen Leckerbissen ausgesucht. Ein Stück des Theaterensembles Ontroerend Goed unter der Leitung von Alexander Devriendt. «Mir gefällt an ihren Aufführungen, dass sie starke, eigenständige Stücke auf die Beine stellen und nicht einfach zum 37. Mal Shakespeares Sommernachtstraum oder Brechts Dreigroschenoper einspielen und vielleicht ein bisschen modernisieren», so Lampater. «Es ist konzeptionell und strukturell eine ganz andere Art von Theater.» Was das bedeutet, konnten die Schaffhauser bei den drei bisherigen Auftritten in der Munotstadt miterleben. Einmal errichtete das Ensemble ein Spielcasino auf der Bühne, bei welchen die Zuschauer an den Schalthebeln der Finanzmärkte mitwirken konnten. Einmal eine Abstimmungsarena, bei welchem Schauspieler in einem Knock-Out-System der Rhetorik zum Opfer fielen und ein anderes Mal erzählte die Theatergruppe die gesamte Weltgeschichte innerhalb von eineinhalb Stunden. Rückwärts wohlgemerkt. Kein Wunder waren bei diesen innovativen und partizipativen Ideen die fünfzig Tickets für die Aufführung schnell ausverkauft. Um was es genau ging, konnte man dem Programmheft nur ansatzweise entnehmen. Eine Wundertüte zur Wiedereröffnung der Theaterbühne. Das klang vielversprechend.

Seltsames Chaos

Zunächst begann das Stück unspektakulär. Einsam und alleine stand ein Baum auf der Bühne. Rot funkelnd und majestätisch baumelnd ein einzelner Apfel an einem Ast. Die Schauspieler bewegten sich seltsam rückwärts, verhielten sich teilweise kurios und sprachen ein seltsames Kauderwelsch. Selbst eingerostete Englischfans bemerkten schnell, dass dies nicht die versprochene Landessprache aus Grossbritannien war, welche man zu hören bekam. Der Baum auf der Bühne wurde misshandelt, Äste zerbrochen, ausgerissen und schliesslich wurde die Pflanze weggeworfen. Als wäre das noch nicht genug, regnete es bunte Abfallsäcke von der Decke und eine seltsame goldene Statue wurde in Einzelteile vor das Publikum geschoben und aufgerichtet. War das Dadaismus? Provokation? Oder einfach ein Chaos, welches hier vorgesetzt wurde? Die Zuschauer waren ratlos, bis es langsam dämmerte. Die Schauspieler sprachen rückwärts.

Plötzlich macht alles Sinn

Nach der Hälfte der Vorstellung trat eine Akteurin vor den Vorhang und sprach plötzlich in „normalem“ Englisch. Eine Leinwand wurde heruntergelassen und das ganze Geschehen auf der Bühne wurde über den Beamer ab Band rückwärts nochmals abgespielt. Jetzt machte auf einmal alles Sinn. Die goldene Menschheitsstatue wurde umgerissen, die bunten Abfallsäcke eingesammelt. Die Menschen verschwanden und übrig blieb nur der Baum. Es war in der Rückwärtsschau faszinierend, welche Details und Verhaltensweisen man übersehen hatte und nun verstand. Das Stück hatte jetzt auch eine klare Botschaft. Eine Parabel, die vor der Klimaerwärmung und die Zerstörung der Umwelt durch die Menschen warnt. Der Baum der Erkenntnis blieb übrig. Die Apokalypse und die Verschmutzung konnten zwar auf der Bühne rückgängig gemacht werden. Doch schaffen wir das auch im echten Leben? Der Auftakt in den Theatersommer ist dem Stadttheater damit nicht nur geglückt, sondern regte auch intensiv zum Nachdenken an.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Donnerstag, 6. Mai.