Der Goldfisch, der auch ein Hai sein kann

Am Freitag verzauberte der Berner Musiker die Kammgarn mit seiner hypnotischen Stimme. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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James Gruntz in Schaffhausen. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was für ein Ambiente. Mysteriöses blaues Licht, ein riesiges Bild von Felsen im Meer thront über den Instrumenten. Durch die Lichteffekte von LED-Säulen auf der Bühne wirkte es, als sprudle Sauerstoff und blaues Wasser in die Luft. Als wäre die Bühne ein riesiges Aquarium, in welchem der Goldfisch James Gruntz aus dem Fenster der versunkenen Burg hinausschaue und friedlich seine Runden drehe. Kurzum: Die zauberhafte Umgebung für die Charakterstimme von James Gruntz war perfekt hergerichtet. Mit seiner vierköpfigen Band spielte sich der Singer-Songwriter bereits mit den ersten Klängen in die Herzen der Zuhörer. Er hat seine ganz eigene Mischung aus Pop, Jazz, Rock und anderen Mixturen. Eine wichtige Rolle spielt der Synthesizer, der eine Prise Funk dazu streute. James Gruntz traf die Töne gekonnt und überraschte zwischendurch, als er ganze Passagen oder einzelne Einwürfe mit der hohen Kopfstimme sang. Den Wechsel zwischen hoch und tief lösten die Illusion aus, als würden gleich mehrere Sänger auf der Bühne stehen.

Musikalische Trickkiste

«Ich freue mich, heute für euch zu spielen», begrüsste er nach dem 2. Song die Gäste und wurde mit grossem Applaus empfangen. Die Klänge waren kreativ und harmonisch. Doch der Goldfisch verwandelte sich zwischendurch auch zum bissigen Hai. Als beim Song «Homework» der Gitarrist zu einem Solo ansetzte, begleitete James Gruntz ihn enthusiastisch mit dem Schellenring. Er tanzte, sang und fuhr sich immer wieder durch das krause Haar, damit er nicht zu brav aussah. Vor ihm auf der Bühne stand ein Keyboard, mit welchem er bei längeren musikalischen Passagen mitspielte oder in die Trickkiste der Effekte griff. In der Kammgarn spielte er vor allem die Songs seines neusten Albums «Waves». Mit dem gleichnamigen Titelsong seines sechsten Albums stieg er ein und ein erster Höhepunkt des Abends war erreicht, als er mit «Speechless» den Saal zum Kochen brachte.

Mit dem Velo am Rheinfall

Typisch für James Gruntz war auch, dass er immer wieder kleinere Geschichten vor einigen Songs erzählte. So berichtete er beispielsweise, dass er vor zwei Jahren im Rahmen seines Auftritts am «Stars in Town» mit seinem Klappvelo den Rheinfall besuchte. Dies leitete das Lied «Song to the Sea» ein, welchen er mit der Ukulele begleitete. Die LED-Leuchten schwangen nun im Takt, als wäre die Bühne auf einer leicht stürmischen Schifffahrt. In den vorderen Reihen schienen die weiblichen Besucherinnen jede Textzeile zu kennen und sangen begeistert mit.

Drei Schritte zum Song

«Für mich gibt es drei Stufen, bis ein Song fertig ist», erklärte James Gruntz dem Publikum. In der ersten Phase sei es so, dass sich eine zündende Idee im Kopf verankere und ihn tagelang beschäftige. In der zweiten Phase schreibe er das Lied und feile an den Details. Am meisten freue er sich aber dann auf den dritten Schritt, wenn das Lied zum ersten Mal auf einer Bühne gespielt werde und er zusammen mit dem Publikum dem Track endgültig das Leben einhauchen dürfe. «Das ist wie eine Befreiung», schwärmte Gruntz. «Und genau so ein Lied spiele ich jetzt für euch. Ein Song aus meiner Playlist, der raus musste, damit er mich nachher wieder in Ruhe lässt.» Damit war das Stück «You» gemeint, das derzeit in der Hitparade rauf und runter gespielt wird. Viele Besucher staunten nicht schlecht, dass «live» die Melodie noch viel wuchtiger und eingängiger war als aus dem Radio. Mit einem Drumsolo wurde es aufgepeppt und zum Schluss gab es noch eine Soulversion des Stückes; ganz ohne Synthesizer. Die harmonischen Klänge und die hypnotische Stimme von James Gruntz hatten mittlerweile die ganze Kammgarn in die Fantasy-Welt des musikalischen Aquariums gezogen. Die Herzen der Gäste schmolzen wie Butter in der Sonne dahin und für alle war klar: Das war ein wirklich gelungener Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 6.11.17.