Theaterkritik: Russischer Angriff auf die Lachmuskulatur

Die russische Nationalmannschaft „Teatr 05“ errang einen Doppelsieg beim Theatersport am Freitag und Samstag in der “Kammgarn” in Schaffhausen. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Es war wie ein Boxkampf zwischen Präsident Putin und Bundesrat Ueli Maurer. Allerdings ohne Fäuste und ohne diese zwei Politiker. Aber immerhin: Die Länder stimmten. Russland gegen die Schweiz. St. Petersburg gegen Bern und Winterthur. „Teatr 05“ gegen „Theater am Puls (TAP)“ und „Winterthur TS“. Gut 550 Besucher waren gekommen, um den jährlichen Theatersportwettkampf vom Schauwerk in der Kammgarn zu sehen. Am Freitag war sogar ausverkauft. „Wir organisieren den Theatersport nun zum 15. Mal und sind davon genauso begeistert wie das Publikum“, freute sich Katharina Furrer vom Schauwerk. Das Improvisationstheater mit den zwei Mannschaften und dem Schiedsrichter war in den ersten Jahren jeweils ein Duell von Schweizer Teams. Später kamen Künstler aus Berlin dazu. Und nun also aus Russland. Allerdings schon das zweite Jahr in Folge. „Wir suchen die Abwechslung bei unseren Events“, erklärte Katharina Furrer. „Sergey Sobolev und Eugen Gerein sind zwei geniale Schauspieler und können es gut mit den Schweizern aufnehmen.“ Und tatsächlich: Die Russen überzeugten.

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Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Das Publikum als Regisseur

Doch der Reihe nach: Am Samstagabend eröffnete die „Pocketband“ mit einem Trommelwirbel und fetzigem Intro den Event. Schiedsrichtern Martina Schütze erklärte nochmals die Regeln: „Theatersport ist ein Improvisationstheater, bei dem das Publikum als Ideenlieferant gefragt ist.“ Spielorte, Themen der Stücke, Gefühle, Farben und, und, und wurden jeweils von den Zwei Mannschaften gefragt. Danach spielten sie damit kurze Szenen, die dann von der Publikumsjury mittels roter und blauer Karten bewertet werden mussten. Kurzum: Die Interaktion war wichtig und man staunte immer wieder, was die Schauspieler spontan für humorvolle und dramaturgisch geschickte Szenen auf die Beine stellten. Besonders schwierig dabei war, dass einer der Russen nur seine Landessprache beherrschte. Glücklicherweise sprach der zweite Russisch und Deutsch und konnte somit die wichtigsten Begriffe dolmetschen. Meistens war dies jedoch gar nicht notwendig. Im ersten Spiel trugen alle vier Schauspieler zusammen zum Gelingen des Stückes bei. Durch Klatschen konnten sie jeweils die Rolle eines anderen übernehmen und sprangen in eine thematisch andere Szene. So entwickelte sich ein Stück vom Gespräch zwischen Schuhputzer und seinem Kunden zum Ritterkampf, zum Flirt in einer Bar und endete im Streit zwischen einem russischen Ehepaar um die Vaterschaft von ihrem Baby.

Millionäre und Gangster

Danach suchte die Schiedsrichterin im Publikum nach vier schweizerdeutschen Sätzen. Selbstverständlich solche, welche die Russen nicht verstanden. Mit diesen Sätzen mussten die ausländischen Gäste nun ein Theater spielen und die Ausdrücke einbauen. Die Zuschauer kugelten sich dabei vor Lachen, denn die Russen schlugen sich sehr gut. Im nächsten Stück musste das Publikum einen Wunsch für 2018 formulieren: „Bei den Euromillions gewinnen“, rief ein Gast und das Thema wurde aufgegriffen. Nun spielten die Schauspieler also ein Stück rund um zwei frische Lottomillionäre, die plötzlich von zwei Gangstern überfallen wurden. Es folgten weitere Runden mit spontanen Liedern und den Lieblingsspielen der zwei Mannschaften. Während die Berner ein superlustiges Fragetheater beim Hundecoiffeur spielten, bereiteten die Russen ihren Favoriten vor: Ein Tanzsprechtheater. Dabei nahm der erste Schauspieler die Rolle des Tänzers ein, während der anderen den Regisseur spielte und dem Publikum erklärte, was nun aufgeführt werde. Da der russische Tänzer die deutschen Erklärungen natürlich nicht verstand, mussten die zwei gegenseitig vermuten und interpretieren, was der anderer nun tanzte beziehungsweise erklärte. Die Russen spielten sich damit in die Herzen der Schaffhauser.

Ein Toter, der singt

Der stärkste Moment des ganzen Abends war sicherlich, als der Russe Sergey bei einem Stück auf dem Friedhof plötzlich aus dem Grab hüpfte und von den Toten auferstand. Dabei sang er einen zornigen Punksong, der davon handelt, dass ihn der Friedhofsgärtner Josef mit seinem lauten Rasenmäher beim Schlafen störte. Nach riesigem Applaus durch die Zuschauer wurden die Gäste aus St. Petersburg nach dem Freitag auch am Samstag zu den Siegern gekürt. Der Doppelsieg markierte einen schönen Abschluss des Theatersports dieses Jahres. Die Gäste freuten sich bereits auf dem Nachhauseweg auf die Fortsetzung im nächsten Jahr.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 15. Januar 2018.

Die Tänzerin auf der Wundermaschine

Ania Losinger spielte am Donnerstagabend in der Kammgarn (SH) mit einem Instrument, das alles Bekannte in den Schatten stellte. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Manche Menschen können gut tanzen, manche Menschen gut musizieren. Ania Losinger kann beides, und zwar gleichzeitig. Dies ermöglich ihr ein spezielles Instrument, das man nicht spielt, nein, die Töne werden durch das Tanzen erzeugt. Der elektroakustische Klangkörper namens „Xala III“ ist eine richtige Wundermaschine. Er sieht unscheinbar aus. Wie eine kleine Holzpalette. Doch die Wirkung ist beeindruckend. Am Donnerstagabend machte Ania Losinger mit ihrer Band „NEN“ in der Kammgarn halt. Der Saal war mit Tischchen und Stühlen hergerichtet. Ein interessiertes Publikum hatte sich eingefunden. Auf der kleinen Holzplatte stehend, sorgte Losinger für Kinnladen, die erstaunt nach unter klappten. Mit zwei Klangstöcken und Flamenco-Schuhen bewaffnet, tanzte, stampfte, schlug und streichelte sie den musikalischen Fussboden. Die Musik klang wie in einem Spa-Bereich, in welchen ein iberischer Stier eingebrochen war. Teilweise Richtung Chillout und Jazz. Im nächsten Moment mischten sich Rock und Power in die Mixtur. Drei Klangkünstler am Bass, Schlagzeug und Keyboard begleiteten sie auf ihrem musikalischen Surfbrett. Die Band von Ania Losinger sind allesamt verdiente Virtuosen. Chrigel Bosshard an den Drums entlockte seiner Küche knackige Beats und akzentuierte Kicks. Björn Meyer zupfte den sechsseitigen sonoren Masseur der Seele. Und Seitlich angedockt, zwischen Fender Rhodes und Vibraphon, sorgte Mats Eser für einen melodischen Klangteppich. Der Auftritt war stimmig und mitreissend. Die Klangstöcke wurden manchmal zur Seite gelegt, damit Ania Losinger noch mehr Bewegungsfreiheit hatte. Der Tanz artete zuweilen zu ästhetischen Gymnastikübungen aus. Manchmal schnell, dann plötzlich wieder wie in Zeitlupe. Auch eine kleine Kritik sei angebracht Auf den Gesang wartete man leider vergeblich. Eine Band, die so stark, kreativ und frisch aufspielt, hätte sich mit einer singenden Person im Zentrum vielleicht noch die Krone aufgesetzt. Doch der Auftritt war so einmalig, dass dieser kleine Makel schnell vergessen ging. Die Band „NEN“ passt in keine Schublade, sie bewegen sich auf einem ganz anderen Level. Die Lieder gleichen einem Wellengang im Meer. Sanft und gemütlich tritt gegen stürmisch und wild in die Arena. Elegant, graziös und manchmal sportlich war die Darbietung der Frontfrau. Die Besucher waren begeistert und applaudierten laut. „Wir freuen uns unglaublich, dass wir heute hier spielen und den wunderschönen Raum mit unseren Klängen zu füllen“, richtete Ania Losinger zum Schluss das Wort an das Publikum. Der Applaus war „NEN“ sicher, denn dieser Auftritt ist mit nichts zu vergleichen. Das Konzert war, als hätte jemand musikalisch die Seele eines jeden Gastes persönlich massiert. Begeisterung pur, soviel stand definitiv fest.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Nach 15 Minuten schloss sich der Vorhang gnadenlos

Am“8×15“-Event von SRF Virus zeigten acht Newcomer ihr musikalisches Können. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Am Samstagabend machte die Konzertreihe „8×15“ zum 3. Mal Halt in der Kammgarn. Das Konzept der Veranstaltung ist einfach und faszinierend: „Acht Newcomer Bands, die Aufmerksamkeit verdient haben, können sich während 15 Minuten dem Publikum zeigen“, erklärt Simona Vallicotti, redaktionelle Projektleiterin von SRF Virus. „15 Minuten reichen, um ein Publikum zu fesseln und um abzuschätzen, ob man mehr von ihnen haben möchte. Zudem ist 15 Minuten eine erträgliche Zeit, falls einem eine Band nicht gefällt und man lieber an der Bar ein Bier trinken will.“ Um die Spannung ein bisschen zu erhöhen, war ein Bildschirm mit einem Countdown installiert und ein Vorhang schloss sich exakt nach Ablauf der Frist.

 Von Techno bis HipHop

Die erste Band hiess „Alois“. Die vier Musiker aus Luzern waren wie ein musikalischer Heissluftballon. Sie stiegen in die Höhe und schwebten gemütlich über den Besuchern. Mit Daydream-Indie-Pop eröffneten sie den Abend gekonnt und sympathisch. Die nächste Aufführung riss alle aus den Socken. Die Ein-Frau-Band „Jessiquoi“ aus Bern lieferte einen frischen Auftritt, der an Kreativität gar nicht zu überbieten war. Ein fahrbares „Leiterwägeli“, auf welchem ein DJ-Pult befestigt war, diente ihr als Kulisse. Es war zu einer Mischung aus Marktstand und Hindutempel umgebaut. Es blinkte und blitzte bunt. Laute Technobeats dröhnten aus den Boxen. Jessiquoi sang, tanzte, schwang ihre Haare durch die Luft und spielte verschiedene Instrumente. Knallig, bunte Leggins, auffällige Schminke und freakige Accessoires rundeten das Ganze ab. Das Publikum kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Und schon war es auch wieder vorbei. Die dritte Viertelstunde gehörte einer Band aus der französischen Schweiz. Dicke Hiphopbeats und Rap auf Englisch standen nun auf dem Programm. „Rootwords“ war eine Combo, die innert kürzester Zeit das Publikum zum Tanzen und Mitfeiern brachte. Die Hände schnellten in die Höhe und wippten im Takt. „Der Abend ist extrem abwechslungsreich“, freute sich eine Besucherin. „Man weiss nie, was als nächstes Hinter dem Vorhang herausspringt.“ Kaum gesagt, was es auch schon Zeit für die nächste Wundertüte. „Make Plain“ war ein Tessiner Duo, das fünf Instrumente gleichzeitig spielte, sang und dabei noch lässig Countryhemden und Cowboyhüte trug. Beim Auftritt der Punkrockband „The Hydden“ gab es sodann eine ungeplante Überraschung. Der Vorhang streikte und musste von zwei Helfern während dem halben Konzert zurückgehalten werden. „Das wird in die 8×15-Geschichte eingehen“, lachte Simona Vallicotti. Es folgten zwei weitere Konzerte von „Carvel‘“ und dem Bühnenkönig „Crimer“. Fazit: Es war ein grandioser Abend, der Abwechslung, frische Musik und eine Prise Humor für die Gäste bereithielt.

Von Herman-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 11.Dezember 2017.

Eine Mischung aus Party und Philosophievorlesung

Käptn Peng und die Tentakel von Delphi begeisterten die Kammgarn am Mittwoch mit ihren tiefsinnigen Texten. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Dieser Pirat ist etwas ganz Besonderes. Käptn Peng aus Berlin lud am Mittwochabend eine wilde Meute von 440 Besuchern auf eine stürmische Seefahrt ein. Kanonenschüsse, Blitz, Donner und viele musikalische Abenteuer hatte er in seiner Schatztruhe bereit. Und als wäre das noch nicht genug, waren auch viele Ungeheuer mit von der Partie. Eines war ihm wohlgesinnt: Die Tentakel von Delphi, so der Name seiner Band. Die vier Musiker unterstützten den kreativen Kapitän mit allem, was Omas Keller und Mamas Küche hergab. Töpfe, Bürsten, Fahrradklingen und fies gestimmte Gitarren gehörten zu den Objekten, welche als Instrumente dienten. „Wir sind am Anfang immer ganz schüchtern“, begrüsste Käptn Peng alias Robert Gwisdek die Besucher, „deshalb wollten wir fragen, ob ihr Lust habt, für die nächsten zwei Stunden unsere Freunde zu sein?“ Natürlich freute sich das Publikum und das Eis war gebrochen. Käptn Peng nannte die Gäste liebevoll „Hans-Maria“, weil er sie nicht mit dem unpersönlichen „Kammgarn, wie geht’s?“ oder „Schaffhausen, seid ihr noch da?“ ansprechen wollte. Hans-Maria hatte seine pure Freude daran und es war schnell klar: Dieser Käptn hat einiges im Köpfchen. Überhaupt könnte Robert Gwisdek nicht weiter vom Bild des typischen Rappers entfernt sein. Weder Goldkette, Ghettofaust noch dicke Kapuzenjacke. Ganz im Gegenteil: Unauffällige Kleidung, lange Haare und drahtig vom Körperbau. Er wirkte eher wie der nette Herr im Supermarkt, der Ungeduldige in der Schlange bei der Kasse vorlässt. Mit charmantem Lächeln und ein wenig Schalk im Mundwinkel. Der Käptn sang über griechische Mythologie, Wahnsinn, Erleuchtung, Fabelwesen, Monster, Socken und weitere mehr oder minder surreale Themen. Manchmal klang das nach Hiphop, dann nach Alternativ Rock, zwischendurch ein Drum’n’Bass oder Dancehallstück à la Seeed. Plötzlich ging das Licht an und er lieferte sich mit dem Perkussionisten ein Battle-Rap. Danach legte er einen gekonnten Freestyle hin und im nächsten Moment wurde er besinnlich. Hielt er gerade eine Philosophievorlesung? War das Ganze eine Dada-Vorstellung oder drehte er das Wörterbuch durch den Fleischwolf? An der Grenze dieser Kategorien tänzelte der Käpt’n gekonnt auf dem schmalen Grad. Hans-Maria feierte, als gäbe es kein Morgen mehr. Passend gewählt war übrigens auch die Vorband des Käptns und seinen Tentakeln. Das Trio „Dlé“ hatte sich als griechische Götter verkleidet und inszenierten eine Mixtur aus Theateraufführung und HipHop-Party. Sie sangen von König Tantalos, der die Götter erzürnte und über fünf Generationen hinweg verflucht wurde. Vom Hawaiihemd über den Ganzkörper-Lederanzug bis zur Tarnjacke reichten ihre Kostüme. Dieser Abend hatte einfach alles, was das Herz von Hans-Maria erfreute.

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8. Dezember 2017. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Hiphop, Zauberei und ein abgedrehtes Krippenspiel

Bei der “Open Stage” im Club “Orient” in Schaffhausen gab es viel zu staunen. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Hardmeier+Talentshow

„Wir haben heute fantastische Künstler für Sie bereit“, begrüsst Moderator Loris Brütsch am Donnerstagabend das Publikum im Orient. Wie jedes Mal leitete der Gastgeber mit Charme und flotten Sprüchen durch die zweistündige „Open Stage“. Diesmal standen sechs Talenten von Nah und Fern im Rampenlicht. Den Beginn machte Magier Dominic Oesch. Der 19-Jährige verblüffte mit geschickter Zauberkunst, magischen Ringen und einem fliegenden Tisch. Danach sang Roger Stüssi für die Gäste. Seine voluminöse Stimme war voller Energie und stand in überraschendem Gegensatz zu seiner eher zurückhaltenden Begrüssung. Eine Wundertüte, genau wie die Veranstaltung selber. Denn als nächstes kam das schrägste Krippenspiel, welches die Weihnachtszeit je gesehen hat. Komiker Gregor Schaller zeigte den Anwesenden, wie man aus Haushaltsmüll die Weihnachtsgeschichte nachbauen kann. Um das Ganze zimmerte er eine ausgeflippte Geschichte, die sich anhörte, als hätte man einen Duden unter Drogen gesetzt. Für die Maria-Figur benutzte er eine leere Milchpackung, die er mit dem Borer und dem Winkelschleifer bearbeitet, bis die Funken flogen. Aus einer Bierflasche und einem angebissenen Apfel gab es den Josef. Im Mittelalter hätte die katholische Kirche Gregor Schaller wohl auf den Scheiterhaufen geführt, hätten sie gesehen, wie er einen Emmy-Energiedrink mit Stichsäge und Beil zum Jesuskind umarbeitete. Das Ganze war zum Brüllen komisch, doch noch lange nicht der Höhepunkt des Abends. Neben Loris Brütsch, der in die Rolle des Zauberers „Lorios“ schlüpfte und die Gäste einmal mehr mit seinen Kartentricks begeisterte, warteten noch zwei musikalische Leckerbissen auf ihren Auftritt. Gefühlvoll und ausdrucksstark war Fabio Brellos aus Schaffhausen. Der Schaffhauser KV-Lehrling zeigte mit Gitarre und Klavier, dass der nächste Ed Sheeran durchaus auch aus der Munotstadt kommen könnte. Doch der Auftritt, der sich den Anwesenden am stärksten ins Gedächtnis brannte, war jener des Rapperduos „SAR – Neon & Santa“. Mit Wortwitz, dickem Flow und eine Mixtur aus Partysongs und tiefgründigen Gedanken enterten die Wortkünstler aus Stein am Rhein die Bühne. Sie wechselten zwischen ruhigen Balladen und fetzigen Tanznummern. Ein Teil des Publikums stand auf, tanzte und feierte. Sowas gabs bislang noch an keiner der „Open Stage“-Veranstaltungen. Insgesamt bot die Talentshow in ihrer letzten Ausgabe vor der Winterpause viel Abwechslung und Unterhaltung. Von dicken Punchlines der Rapper, über Magier mit telepathischen Fähigkeiten, einem wortgewaltigen Sänger bis hin zum freakigsten Krippenspiel des Jahres war für jeden etwas dabei. Loris Brütsch verabschiedete die Besucher mit den Worten „Wenns euch gefallen hat, dann kommt wieder!“. Viele Besucher werden 2018 dieser Aufforderung mit viel Vorfreude folgen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 18.11.17.

 

Die gemütlichen Soulkönige von Schaffhausen

Nach dreijähriger Pause begeisterte die Band „Min King“ hunderte von Besuchern in der Kammgarn.

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 “Min King” brachten gute Stimmung in die Kammgarn. (Foto: Phillip Schmanau, Bericht Hermann-Luc Hardmeier)

 „Der Typ hat so eine geile Stimme“, schwärmte Musiker James Gruntz über die Band „Min King“. Der Schweizer Hitparadenstürme war vor einer Woche auf der Kammgarnbühne und lobte neben dem Rheinfall die musikalische Vielfalt unserer Stadt. Mit seiner Einschätzung lag er goldrichtig, denn „Min King“ ist wirklich etwas Aussergewöhnliches. Am Samstagabend war die Kammgarn mit 800 Besuchern ausverkauft. Dicht gedrängt standen Jung und Alt, von Partygängern über Familien bis hin zu Lokalpolitiker vor der Bühne und wartete auf die sympathischen Soulkönige der Munotstadt. Gegen 22 Uhr enterten Sänger Philipp Albrecht und seine sechsköpfige Band sodann das Podium.

Leckerer Musikcocktail

Das Keyboard groovte, die Bläserfraktion fetzte, Gitarre und Bass legten das Tanzfundament und der Drummer pfefferte knackige Beats durch die Boxen. Garniert wurde das Ganze mit der rauchig-sanften Stimme von Philipp Albrecht. Und fertig war die Mixtur für den wohl leckersten musikalischen Cocktail, der den Besuchern in der Kammgarn seit langem serviert wurde. Zwischen Soul, Funk, Blues und manchmal einer Prise Reggae und Offbeat balancierten die sieben Musiker perfekt. „Die Band macht mit viel Sorgfalt Musik von der grossen Welt, bringt sie in unsere Stadt und verankert sie so gekonnt in unseren Ohren, das wir sie als heimisch empfinden“, lobte Besucher Gregor Szöllösy die Band. Ihn erinnerte „Min King“ ein wenig an eine Schaffhauser Version der Blues Brothers. Und tatsächlich erklangen während dem Konzert viele bewusste oder vermeintliche Referenzen an bekannte Musiker. Gewisse Songs erinnerten an Soulgrössen wie Otis Redding, Stevie Wonder oder Al Green. Kurz wurde sogar der Song „I Shot The Sheriff“ von Bob Marley angespielt. Doch natürlich spielte „Min King“ keine Covers, sondern liess sich von Soulklassiker inspirieren, wandelte es in ihre ganz eigene Musik um und unterlegte es mit Texten, die auf Schaffhauser Mundart gesungen wurden.

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Band und Sänger ergänzten sich perfekt. (Fotos: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Gelungene Plattentaufe

Die zwei bekanntesten Lieder, die auch national im Radio gespielt werden, sind „Bluemeweg“ und Philipp Albrechts Solostück „Fründin“. Als sie erklangen, war die Stimmung auf dem Siedepunkt und in der Halle herrschten nicht nur Tanzstimmung, sondern auch Saunatemperaturen. Doch die Band zeigte nicht nur Bewährtes, sondern auch ihre neusten Songs und taufte in der Kammgarn ihr zweites Album namens „Immer wieder“. Während die ersten Stücke von 2012 ein bisschen den Partytornado-Kurs eingeschlagen hatten, sind die neuen Lieder von 2017 eher auf der Stufe einer gemütlichen Sommerbrise anzusiedeln. Den ganzen Abend herrschte eine behagliche Stimmung. Man hätte gerne ewig weitergehört, doch plötzlich war die Bühne leer und erst mit enthusiastischen Zugabe-Rufen konnte man die schönen Klänge noch einmal zurückholen. Im letzten Teil des Abends gab es neben einer zusätzlichen Ladung „Min King“-Songs auch Gastauftritte des Rappers E.K.R. und des Musikers der Vorband Mory Samb. Die dreijährige Pause von „Min King“ von 2014 bis 2017 schien der königlichen Klangwelt nicht geschadet zu haben; im Gegenteil. Die Musik ist gereift, hat sich weiterentwickelt und entfaltete am Samstagabend ihre ganze Power in der Kammgarn. Es ist schön zu sehen, dass eine kleine Herblinger Quartierstrasse wie der „Bluemeweg“ am Samstagabend so vielen Menschen in der proppenvollen Kammgarn einen so tollen Abend beschert konnte.

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Am Schluss gab es noch Verstärkung auf der Bühne E.K.R. und Mory Samb. (Fotos: Phillip Schmanau. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Text von Hermann-Luc Hardmeier, erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 13.11.17.

Der Goldfisch, der auch ein Hai sein kann

Am Freitag verzauberte der Berner Musiker die Kammgarn mit seiner hypnotischen Stimme. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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James Gruntz in Schaffhausen. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was für ein Ambiente. Mysteriöses blaues Licht, ein riesiges Bild von Felsen im Meer thront über den Instrumenten. Durch die Lichteffekte von LED-Säulen auf der Bühne wirkte es, als sprudle Sauerstoff und blaues Wasser in die Luft. Als wäre die Bühne ein riesiges Aquarium, in welchem der Goldfisch James Gruntz aus dem Fenster der versunkenen Burg hinausschaue und friedlich seine Runden drehe. Kurzum: Die zauberhafte Umgebung für die Charakterstimme von James Gruntz war perfekt hergerichtet. Mit seiner vierköpfigen Band spielte sich der Singer-Songwriter bereits mit den ersten Klängen in die Herzen der Zuhörer. Er hat seine ganz eigene Mischung aus Pop, Jazz, Rock und anderen Mixturen. Eine wichtige Rolle spielt der Synthesizer, der eine Prise Funk dazu streute. James Gruntz traf die Töne gekonnt und überraschte zwischendurch, als er ganze Passagen oder einzelne Einwürfe mit der hohen Kopfstimme sang. Den Wechsel zwischen hoch und tief lösten die Illusion aus, als würden gleich mehrere Sänger auf der Bühne stehen.

Musikalische Trickkiste

«Ich freue mich, heute für euch zu spielen», begrüsste er nach dem 2. Song die Gäste und wurde mit grossem Applaus empfangen. Die Klänge waren kreativ und harmonisch. Doch der Goldfisch verwandelte sich zwischendurch auch zum bissigen Hai. Als beim Song «Homework» der Gitarrist zu einem Solo ansetzte, begleitete James Gruntz ihn enthusiastisch mit dem Schellenring. Er tanzte, sang und fuhr sich immer wieder durch das krause Haar, damit er nicht zu brav aussah. Vor ihm auf der Bühne stand ein Keyboard, mit welchem er bei längeren musikalischen Passagen mitspielte oder in die Trickkiste der Effekte griff. In der Kammgarn spielte er vor allem die Songs seines neusten Albums «Waves». Mit dem gleichnamigen Titelsong seines sechsten Albums stieg er ein und ein erster Höhepunkt des Abends war erreicht, als er mit «Speechless» den Saal zum Kochen brachte.

Mit dem Velo am Rheinfall

Typisch für James Gruntz war auch, dass er immer wieder kleinere Geschichten vor einigen Songs erzählte. So berichtete er beispielsweise, dass er vor zwei Jahren im Rahmen seines Auftritts am «Stars in Town» mit seinem Klappvelo den Rheinfall besuchte. Dies leitete das Lied «Song to the Sea» ein, welchen er mit der Ukulele begleitete. Die LED-Leuchten schwangen nun im Takt, als wäre die Bühne auf einer leicht stürmischen Schifffahrt. In den vorderen Reihen schienen die weiblichen Besucherinnen jede Textzeile zu kennen und sangen begeistert mit.

Drei Schritte zum Song

«Für mich gibt es drei Stufen, bis ein Song fertig ist», erklärte James Gruntz dem Publikum. In der ersten Phase sei es so, dass sich eine zündende Idee im Kopf verankere und ihn tagelang beschäftige. In der zweiten Phase schreibe er das Lied und feile an den Details. Am meisten freue er sich aber dann auf den dritten Schritt, wenn das Lied zum ersten Mal auf einer Bühne gespielt werde und er zusammen mit dem Publikum dem Track endgültig das Leben einhauchen dürfe. «Das ist wie eine Befreiung», schwärmte Gruntz. «Und genau so ein Lied spiele ich jetzt für euch. Ein Song aus meiner Playlist, der raus musste, damit er mich nachher wieder in Ruhe lässt.» Damit war das Stück «You» gemeint, das derzeit in der Hitparade rauf und runter gespielt wird. Viele Besucher staunten nicht schlecht, dass «live» die Melodie noch viel wuchtiger und eingängiger war als aus dem Radio. Mit einem Drumsolo wurde es aufgepeppt und zum Schluss gab es noch eine Soulversion des Stückes; ganz ohne Synthesizer. Die harmonischen Klänge und die hypnotische Stimme von James Gruntz hatten mittlerweile die ganze Kammgarn in die Fantasy-Welt des musikalischen Aquariums gezogen. Die Herzen der Gäste schmolzen wie Butter in der Sonne dahin und für alle war klar: Das war ein wirklich gelungener Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 6.11.17.

Fussgänger mit viel Reggae im Gebäck

Wäre Reggaemusik ein Coupe Dänemark, so wäre die Band „The Pedestrians“ die Schlagsahne und die Schokostreusel darauf. Die fünf Musiker spielte am Samstagabend im TapTab gemütlichen Reggae, der direkt aus Jamaika stammen könnte. Er kommt aber tief aus dem Aargau. Genauer gesagt aus Baden. Die fünf Studenten kennen sich aus der Zeit in der Kantonsschule und wandern seit über vier Jahren zielsicher auf den Spuren von Bob Marley. Ihr Reggae lässt im Frühling den letzten Schnee schmelzen und bringt den Sonnenschein des Sommers von der Karibik direkt aufs Matterhorn, den Bundesplatz in Bern und natürlich ins TapTab in Schaffhausen. Gemütlich, knackig, frisch und verspielt wirkte ihre Musik. Die Gäste im gut besuchten Lokal tanzten von Beginn weg und genossen die warmen und mitreissenden Klänge. Als Basis diente Reggae, es fanden sich aber auch Pop, Ska, Latin und elektronische Einflüsse. Nicht zu vergessen wäre natürlich auch die wichtigste Zutat: Ganz viel Liebe.

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Bild: Die Pedestrians im TapTab. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Mit dem Preisgeld nach England

„Es ist sehr nice, dass ihr mit uns feiert!“, rief Sänger Mike Bill ins Mikrophon und stimmte unter Applaus das nächste Lied an. Die Musiker überzeugten nicht nur im TapTab, sondern haben schon reihenweise Preise geholt. Beim „M4Music- Demotape Clinic“ und „MyCokeMusic-Soundcheck“ gewannen sie 2015 und erfüllten sich mit dem Preisgeld einen grossen Traum. Sie reisten nach England und produzierten dort mit der Hilfe von der englischen Band „Will And The People“ ihr Album «Stoney Vere». 2016 folgte das neue Album «What’s The Difference» und stieg direkt auf Platz 15 der Schweizer Albumcharts ein. Bei Radio SRF3 wurden sie daraufhin im Dezember mit dem „Best Talent“-Preis gekrönt. Im Interview nach dem Konzert erklärten die Musiker, sie hätten immer bodenständigen und authentischen Sound machen wollen. Fussgänger stehen mit beiden Beinen auf dem Boden und so passt die englische Übersetzung des Bandnamens perfekt zur Combo. „Reggae hat eine sehr starke Energie“, schwärmte Gitarrist Davis Knecht. „Es freut und deshalb sehr, dass wir heute die Schaffhauser damit mitreissen konnten.“

Von Hermann-Luc Hardmeier, erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 23.10.17.

Talentshow: Plötzlich flog die Perücke durch die Luft

An der sechsten Ausgabe der „Open-Stage“-Show im Orient begeisterten am Freitagabend einmal mehr die Künstler das Publikum.

„Ich bin total nervös“, scherzt ein Gast, als Moderator und Zauberkünstler Lorios ihn fragte, ob er sich auf den Abend freue. Der Besucher namens „Gigi“ wusste noch nicht, dass er später selber auf der Bühne stehen würde. Doch der Reihe nach. Als erster betrat Yves Keller alias „Chäller“ das Podest. Der Comedian und ehemalige Radio Munot – Chefredaktor witzelte über die seitenlangen «WhatsApp»-Nachrichten seiner Mutter, über seine Zivildiensterlebnisse mit dem Rentner und Flirtkönig Herr Moser und vieles mehr. Danach war es Zeit für den Singer/Songwriter Marco Clerc. Dieser hatte eine Handfeste Überraschung im Gepäck. Nach seinem Evergreen „Just another Folk Song“ verriet er dem Publikum, dass er sich sein ganzes Leben schon verstelle: Nun sei es Zeit, sein wahres Ich zu zeigen und den Rockstar herauszulassen. Er griff in den Gitarrenkoffer und setzt sich eine blonde Kurt Cobain – Perücke auf. Im Truckerfahrer-T-Shirt und voller Haarpracht sorgte er sodann mit dem Cover von «Wicked Game» von Chris Isaak für Schmunzeln und viele Lacher. Marco Clerc gab alles und rockte auf der Bühne so enthusiastisch, bis ihm die Perücke vom Kopf flog. Das nennt man dann wohl, vollen Körpereinsatz zeigen. Nach diesem fulminanten Auftritt kündigte sich der Moderator Lorios gleich selber an und präsentierte einen verblüffenden Zaubertrick mit einem imaginären Kartenspiel und drei mysteriösen Briefumschlägen. Nach der Pause kam sodann der Knüller: Kabarettist Jan Rutishauser begann harmlos mit ein paar Scherzchen, bis am Schluss zu seinen Songs aus der Reihe „defekte Liebeslieder“ alle mitklatschten und applaudierten. Das war schon fast das Ende. Doch da war doch noch was…Ach ja: Der Gast vom Anfang: Der Moderator erklärte, dass er im Publikum zwei Talente für die Show suche und fand diese in «Rock-Ruth» und «Gigi». Sie durften ihm bei einem Zaubertrick assistieren, einen Witz erzählen und zu guter Letzt war eine Playbackshow angesagt. Gigi, der bei einer Rockband singt, liess sich das nicht zweimal sagen und machte aus der Playback-Show gleich eine Karaoke-Nummer. Den Schluss des Abends gestaltete Alex Nauva, der eine Indietronic-Musikshow zeigte, die sich gewaschen hatte. Dies bot einen schönen Kontrast zum bisher eher wortlastigen Abendprogramm. «Das war einmal mehr ein genialer Abend», freute sich Moderator Lorios nach dem Ende der gelungenen Veranstaltung.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 25.11.2017.