1. April 1944: In letzter Sekunde dem Bombenhagel entkommen

Im neuen Buch des Historikers Dr. Matthias Wipf kommen 35 Zeitzeugen zur Bombardierung von Schaffhausen im Zweiten Weltkrieg zu Wort. Einer davon ist Gerhard Wüst aus dem Zürcher Weinland. Er verlor an diesem Tag beinahe sein Leben. Von Hermann-Luc Hardmeier

Fotos: Screenshots: Landbote, Bilder Staatsarchiv Schaffhausen, Privatarchiv Gerhard Wüst und Hermann-Luc Hardmeier.

Rauch steigt über der Munotstadt auf. Es wüten Brände, 40 Menschen sterben und 270 bleiben verletzt zurück. Am 1. April 1944 griffen 15 amerikanische B24-Bomber des Typs Liberator die Grenzstadt an. Sie verwechselten das Ziel mit Ludwigshafen in Deutschland. Die fürchterliche Katastrophe hat sich bei vielen Schweizern eingebrannt wie bei den Amerikanern 9/11. Der Historiker Dr. Matthias Wipf hat zum prägenden Ereignis schon mehrfach publiziert und am Dienstag nun sein Buch «Als wäre es gestern gewesen» vorgelegt. Es schliesst die letzte Forschungslücke zum Thema und gibt 35 bisher meist unbekannten Zeitzeugen eine Stimme. Es sind erschütternde Schicksale, welche neben der Faktenlage nun dem Krieg ein Gesicht geben. Da viele Zeitzeugen hochbetagt sind, war es eine der letzten Gelegenheiten, um sie zu befragen. Darunter befindet sich beispielsweise Ex-Ständerat Bernhard Seiler, dessen Vater zu nahe am Fenster stand und vom Sog einer Explosion auf die Strasse geworfen wurde und verstarb. Hans Bader, dessen Eltern beim Volltreffer am Bahnhof starben, und er somit zum Vollwaisen wurde. Hans Langhart, der sein Bein verlor, weil man im Spital zu lange gewartet hatte, um schlimmere Verwundete zu versorgen. Ursula Oertli-Huber, die als Baby von ihrer Schwester aus den Flammen gerettet wurde. Henri Eberlin, der seine fünf Brüder aus einem brennenden Haus rettete und auch Margaretha Tanner, die einzige Miss Schweiz aus Schaffhausen, welche für Verwundete ihr Spitalbett räumen musste. Auch Bestseller-Autor Erich von Däniken war damals als Bub in Schaffhausen. Er war an jenem Morgen in der Schule und eine Bombe verfehlte nur knapp das Gebäude. «Scheiss Krieg», entfährt es ihm auch heute noch, als er über die Ereignisse spricht.

Weinland in der Anflugschneise

Die Opfer waren jedoch nicht nur in Schaffhausen, sondern auch auf der anderen Seite des Rheins zu beklagen. Das Zürcher Weinland ist über eine Brücke direkt verbunden. Genau in der Anflugschneise der Bomber spielte an jenem 1. April Gerard Wüst mit seinem Holz-Lastauto vor dem Haus. Es befindet sich gleich neben der reformierten Kirche in Feuerthalen. Die amerikanischen Maschinen hatten an jenem Tag eine Tochterfirma der IG-Farben in Ludwigshafen im Visier. Dort wurde unter anderem das Giftgas Zyklon-B hergestellt, welches die Nazis für ihre Verbrechen in den KZs verwendeten. Die Angreifer kamen durch starke Winde, Navigationsfehler und ihre Unerfahrenheit stark vom Kurs ab und suchten ein «Target of Opportunity», also ein Gelegenheitsziel, um nicht mit ihren Bomben zurückkehren zu müssen. Der Nebel an diesem Tag erschwerte die Operation zusätzlich. Just über Schaffhausen war die Wolkendecke aufgerissen und weil die Stadt auf der «falschen Seite» des Rheins lag, glaubte man, eine deutsche Stadt vor sich zu haben. Eine Staffel bemerkte noch rechtzeitig den Irrtum und warf die Bomben über dem Kohlfirstwald ab. Die Mutter von Gerhard Wüst hörte die Einschläge und sprang aus dem Haus. Sie schnappte sich den Fünfjährigen und rannte mit ihm in den Keller. Sekunden später fiel eine Brandbombe in das Nachbarhaus, eine weitere landete im Garten und eine dritte traf das Haus von Gerhard Wüsts Familie. Sie fiel durch das Dach und den Estrichboden und explodierte im oberen Stockwerk. Sofort brach ein Brand aus. Mit Hilfe der Nachbarn konnte das Feuer eingedämmt werden und der Schaden einigermassen in Grenzen gehalten werden. Noch heute zeugen verschiedenfarbige Ziegel am reparierten Dachstock vom Einschlag. Gerhard Wüst lebt heute wieder im Elternhaus und erinnert sich am 1. April daran, dass sein Leben beinahe geendet hätte.
Zwischentitel: Unbürokratische Hilfe
Schaffhausen und das Zürcher Weinland waren damals eng verknüpft. «Man half sich nach der Katastrophe gegenseitig mit Handwerkern aus und unterstützte sich sehr unbürokratisch», erklärt Matthias Wipf. «Die Feuerwehr aus Feuerthalen war beispielsweise eine der ersten, welche beim Schaffhauser Museum Allerheiligen eintraf und mit den Löscharbeiten begann.» Im Buch erfährt man nicht nur spannende und tragische Schicksale, sondern sieht auch viele bisher ungezeigte Fotos. Beispielsweise vom beschädigten Haus der Familie Wüst, Pfadi- und Schulfotos der Zeitzeugen oder von einem Blindgänger unter den Bahngleisen. Matthias Wipf stellt fest, dass das Interesse an Lokalgeschichte stark zugenommen habe. «Mein Buch ist eine Art Generationenporträt und soll dafür sorgen, dass die Erzählungen der Betroffenen nicht vergessen gehen. Am meisten freuen würde es mich deshalb, wenn es auch an Schulen gelesen würde.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Der Landbote“ am Dienstag, 1. März 2022.

 

Punk-Tornado auf der Tanzfläche

Die Melodic-Hardcore-Urgesteine «Pennywise» zerlegten am Dienstagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende:
Jim Lindberg von Pennywise dirigierte genussvoll den Hexenkessel vor der Bühne. (Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Zur Hymne von Quentin Tarantinos blutigem Film «Kill Bill» marschierte die Vorband «Bombpops» auf die Bühne. Während aus den Lautsprechern noch «Bang, Bang, my Baby shot me down» erklang, griffen die zwei Musikerinnen und die zwei Musiker bereits in die Saiten. Das martialische Intro machte klar: Dieser Abend würde nichts für zarte Fans von Kuschelrock-CDs werden. Die Band aus San Diego brauste gleich mit Vollgas los und entlockten einem Besucher den lobenden Kommentar: «Endlich ist mal wieder Eskalation angesagt!» Sängerin Jen Razavi liess nichts anbrennen und forderte die Gäste auf, deftig mitzufeiern: «Es ist ein bisschen scary, wenn ihr so steif dasteht. Ich will, dass ihr feiert, als wäre heute das beste Konzert eures Lebens.» Gesagt getan. Die Besucher tauten langsam auf und fuhren auf der Tanzfläche die Ellbogen aus. Nicht zuletzt war der Energieschub auch dem Schlagzeuger zu verdanken, der Dampf machte wie eine Lokomotive auf Ecstasy. Das Sommergewitter verwandelte sich zunächst in einen Sturm. Als sodann «Pennywise» die Bühne betrat, wurde der Sturm zum waschechten Punk-Tornado, der alles und jeden mitriss. Gleich mit dem ersten Song «Fight till you die» erreichte die Stimmung ihren Siedepunkt. Die ganze Halle schien Pogo zu tanzen. Sprechchöre erklangen, Teufelshörner wurden begeistert mit den Fingern gezeigt und das Bier schoss in Fontänen über das Publikum. Als hätten die Besucher seit Jahren nur auf diesen Moment gewartet, wurde mitgefeiert. Der legendären Band aus Hermosa Beach in Kalifornien fiel es auch leicht, sich in die Herzen der Melodic Hardcore-Fans zu spielen. Ihr Sound war hart, aggressiv und trotzdem melodisch. Egal ob sie mit «Fuck Authority» gesellschaftskritisch wurden oder mit «Stand by me» über Emotionen sangen. Die Hauptbotschaft blieb stets dieselbe: Es passiert genug Mist auf der Welt, lass uns die Sorgen wegtanzen und die Machthaber der Welt lautstark von ihrem arroganten Podest stossen. Zwischendurch trieb Sänger Jim Lindberg seine Spässe mit dem Publikum. Er wollte wissen, welche Punkbands sie auf ihren Skatermützen herumtrugen und lobte die NOFX-, Millencolin- oder Bad Religion – Kopfbedeckungen. Danach spielte Pennywise einige Covers und liessen die Halle zu einer Punkversion von AC/DCs «TNT» ausflippen. «Wir machen den Scheiss schon 30 Jahre», lachte Gitarrist Fletcher Dragge und spielte damit auf das Gründungsjahr 1988 an. Im Hexenkessel vor der Bühne gingen unter anderem ein Schuh und eine Brille verloren. Gäste sprangen zum Stagediving auf die Hände der Tanzenden und der Schweiss schien von der Decke zu tropfen. Zum Abschluss des Konzerts erklang die «Bro Hymn», bei welcher wirklich der ganze Saal mitsang. Was für eine Stimmung an einem sonst so harmlosen Dienstagabend.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Freitag, 27. Mai. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wie zwei Freunde, die zusammen abfeierten

Die Musiker Bligg und Marc Sway rockten als «Blay» am Freitagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Geballte Partystimmung im Doppelpack. Bligg und Marc Sway in der ausverkauften Kammgarn am Freitagabend. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«Es fühlt sich gut an, nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder zurück zu sein», freute sich Marc Sway, als er am Freitagabend die Kammgarnbühne betrat. Das ungleiche Duo mit dem Pop-Rocker Sway und dem HipHopper Bligg hat sich unter dem Namen Blay zusammengefunden und letztes Jahr ihr erstes Album «Heimspiel» herausgebracht. Die Scheibe flog direkt auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts und somit war es auch nicht verwunderlich, dass der Konzertabend in der Kammgarn ausverkauft war. Das Publikum war bunt gemischt mit älteren Musikfans, jungen Partygängern, Kindern und Familien. Die Bühne glich einem Laufsteg, auf welchem Blay mitten ins Gästemeer spazieren konnten. Mit Liedern wie «Us Mänsch» oder «Sorry Mama» zeigten die zwei, wie sie ihre Energie zusammen bündeln können und gemeinsam die Baumgartenstrasse rocken. Beide haben ein sehr tiefes und eindringliches Stimmorgan, welches die Fenster es Clubs zum Vibrieren brachten. Der Auftritt wirkte zudem nicht nur wie der Gig von zwei Profis, sondern sie hatten sichtlich Spass aneinander und es schien, wie wenn zwei Freunde zusammen abfeierten. Blay gab es jedoch nicht nur im Doppelpack, sondern Bligg und Marc Sway nutzten den Abend auch, um ihre eigenen Songs zu spielen. Als «Chef», «Manhattan» oder «Rosalie» erklangen, erinnerte man sich, dass Bligg auch ohne Hilfe die Halle zum Schwitzen und Ausflippen bringen kann. Dies war vielleicht die einzige Schwäche des Abends. Nach den Hits der Einzelauftritte wirkten die gemeinsamen Songs zunächst ein wenig dünn und schwach. Man hatte zwischendurch das Gefühl, es fänden drei Konzerte statt. Einmal mit Bligg, einmal mit Marc Sway und zu Beginn und zum Schluss mit Blay. Alle diese Darbietungen waren gut, aber irgendwie nicht ganz harmonisch kompatibel. Man kann das jedoch auch positiv sehen: Einmal Eintritt zahlen, dreimal Konzerte geniessen. Spätestens bei ihrem Hit «Mona Lisa» hatten Blay die Herzen der Fans wieder vereint. Powervoll und mitreissend wurde getanzt und lautstark mitgesungen. Das Lied und die dazugehörige Show beeindruckten die Besucher so sehr, dass danach minutenlanger Applaus erklang. Blay konnte es kaum fassen, als das Klatschen nicht mehr enden wollten. «Liebst du mich auch so hemmungslos?», wollte Bligg scherzhaft von Marc Sway daraufhin wissen. Es folgten weitere Songs, teilweise in sogar in neuen Interpretationen. Eine der Highlights dabei war eine Karibik-Version von «Musigg i de Schwiiz». Marc Sway und Bligg erzählten zwischendurch viele Anekdoten von ihren gemeinsamen Auftritten. Sie hatten als Blay auch Schulklassen besucht und dabei fünf Klassen ausgewählt, welche sie beim grossen Auftritt im Hallenstadion begleiten dürfen. «Ihr seid dann hoffentlich auch dabei?», rief Bligg in die Kammgarn und lauter Jubel schallte ihm entgegen. «Geili Sieche», freute sich der Musiker und genoss mit Marc Sway den Moment. Blay warteten ganz zum Schluss mit einem Special auf. Ein Mashup von Bliggs Hit «Rosalie» und von Marc Sways «Severina». Die eine Publikumshälfte sang dabei «Rosalie», die andere den Severina-Refrain «Love, love, love». Damit gelang Blay der perfekte und harmonische Abschluss des Abends.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 23. Mai 2022.

Die Tastenlöwinnen trafen den Marathonläufer

«Was ist denn hier los?», fragte sich der eine oder andere TapTab-Besucher am Freitagabend. Auf der Bühne stand ein Bügelbrett und darauf thronten zwei Casio-Kinderkeyboards. Was wirkte wie das Setting eines chaotischen Kindergeburtstags, war aber nichts Geringeres als die Arbeitsfläche von Casiofieber. Die zwei Schaffhauser Damen Vree Ritzmann und Nora Vonder Mühll eröffneten den Konzertabend und ernteten immer wieder grossen Applaus. Witzig, harmonisch und fetzig waren ihre Songs, die einmal von depressiven Freunden oder ein andermal von der Vergänglichkeit der Zeit bei «Ich bin die Uhr» handelten. Einmal mussten sie ein Lied erneut starten, aber auch das meisterten sie souverän und sehr sympathisch. Zu «Schüsse im Wald» oder «Land der Zwerge» wurde getanzt oder verträumt mitgeschunkelt. Die zwei Tastenlöwinnen rockten das TapTab und bereiteten den Boden für den Hauptact des Abends. Als der St. Galler Manuel Stahlberger mit seiner fünfköpfigen Band die Bühne betrat, waren die Gäste im rappelvollen TapTab schon ordentlich in Tanzstimmung. Stahlberger bot einen Mix aus elektronischem Discosound und nachdenklichem Hypnose-Pop. Er ist derzeit auf Tour für sein neustes Album «Lüt of Fotene». Zu Liedern wie «Hütte», «Drifte» oder «Gar nöd i» zündete das Stroboskop im Takt und die Bässe wummerten durch den Saal. Dazwischen ergriff Stahlberger immer wieder das Wort und erzählte kleine Anekdoten zu den Songs. Sein trockener, lakonischer Humor zeichnete dabei abwechselnd ein Lächeln oder ein Fragezeichen auf die Gesichter der Besucher. Und genau dieser Mix schien dem Maestro vorzüglich zu gefallen. Ein Beispiel: «Ich habe geträumt, ich treffe meinen Onkel. Er sage mir, es sei Welt-Aufräumtag. Aber ich dürfe nicht mitmachen.» Während man noch über die philosophische Tiefe der Aussage rätselte, startete bereits das nächste Lied. Die Musik von Stahlberger glich einem powervollen Marathonlauf, bei dem zwischendurch in die Steckdose gegriffen wird. Treibend, mitreissend, energetisch, aber auch gemütlich. Einfach der perfekte Soundtrack, um sich für das Wochenende einzustimmen. Der Abend endete mit fetzigen Vinyl-Beats von DJ Fancy Fingers.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 9. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Stage-Diving mit der musikalischen Wundertüte

In der ausverkauften Kammgarn sorgte am Freitag die Band Bukahara für kollektive Kniebeugen und staunende Besucher. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende:
Volles Haus und gute Stimmung beim Aufritt des deutschen Hauptacts Bukahara in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Melanie Duchene)

Am Freitagabend platzte die Kammgarn aus allen Nähten. Die zwei Bands Suma Covjek und Bukahara hatten knapp 800 Gäste angelockt, welche sich auf einen sehr abwechslungsreichen Abend freuten. Suma Covjek heizte als Vorband die Halle ein. Die junge Partyband mit ihren Wurzeln in Bosnien und Algerien zeigte ein sehr breites Spektrum von melancholischen Balladen bis hin zu Balkan-Pop. Wer die Texte verstehen wollte, war intensiv gefordert. Denn die acht Musiker sangen auf Französisch, Serbokroatisch, Spanisch, Englisch und auch auf Arabisch. Mit ihrem Hit «Bouge ton Coeur» brachte die Combo definitiv den Frühling in die Kammgarn. Die dreiköpfige Bläserfraktion sorgte für energievolle Melodien und Druck, während die zwei Sänger feierten und auf der Bühne kräftig mittanzten. Doch die Künstler hatten nicht nur gute Stimmung, sondern auch nachdenkliche Botschaften im Gepäck: «Wir sind verwundbare Wesen, welche eine helfende Hand benötigen», sangen sie im Song «Fata Morgana». Später riefen sie zur Solidarität mit allen Menschen auf, die derzeit auf der Flucht sind. Nach gut einer Stunde verabschiedeten sie sich unter grossem Applaus und überliessen die Bühne dem Hauptact des Abends. Als Bukahara mit der Hymne aus dem Boxer-Film «Rocky» einmarschierten, gab es kein Halten mehr. Eigentlich war die Band kein Partyvulkan, aber sie wurden ab der ersten Minuten gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe. Die Gäste tanzten und sangen voller Power mit, sodass der Posaunist nach dem ersten Stück begeistert fragte: «Leute, wie geil seid ihr denn drauf?» Bukahara spielte in der Kammgarn ihren Tourneeabschluss und bestritten dabei ihr 22. Konzert. Man merkte es daran, dass die Stimmen schon etwas heiser waren, sie aber genau wussten, wie sie die Menge zum Ausflippen bringen konnten. Es wurde kollektiv geschunkelt, auf den Boden gekniet und Tanzschritte eingeübt. Ihre schräge-interessante Musikombination aus Gitarre, Posaune, Kontrabass, Geige und Standschlagzeug machte das Quartett unvergleichlich. Gekrönt wurde das Ganze von den tiefsonoren Stimmen, welche sogar Darth Vader neidisch machen würden. Die Musik war extrem kreativ und eine musikalische Wundertüte, die einen immer wieder aus den Socken haute. Ein Song war komplett auf Arabisch, das Publikum übernahm einmal die Rolle des Schlagzeugs, plötzlich leuchtete eine Lampe aus dem Sousaphon in der stockdunklen Kammgarn und einer der Musiker stürzte sich zum Stagediving in die Menge. Bierdusche inklusive. Eine Überraschung gab der nächsten die Türklinke in die Hand. Die Besucher feierten, tanzten und genossen die gelungene Unterhaltung. Einige der Gäste hatten hatten sich für die Show eine stylische Garderobe ausgesucht. Jemand trug ein rotes Halstuch wie Luky Luke, einige Damen hatten bunte Haarschleifen und Stirnbänder umgebunden. Wieder andere demonstrierten stolz, dass der Schnauzbart seine Rückkehr feierte. Bukahara wollte aber nicht nur die Gäste, sondern auch sich selbst herausfordern. Am Freitag spielten sie gleich vier Songs, die sie noch nie auf einer Bühne gezeigt hatten. Die Reaktion war so positiv, dass der Sänger meinte: «Wir sind überwältigt von eurer Energie. Das ist wie ein schöner Traum heute Abend.» Zum Schluss gaben sie dann noch einmal alles, um die Halle zum Dampfen zu bringen. Mit «No!» und «Eyes wide Shut» legten sie Feuer auf der Tanzfläche und verabschiedeten sich von der begeisterten Kammgarn.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier

Polka-Explosion im TapTab

Die Schaffhauser Band «Palko!Muski» brachte die Baumgartenstrasse am Freitag zum Schwitzen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wenn man einen Toaster in die Badewanne schmeisst, dann ergibt das in etwa das Gefühl, das am Freitagabend im Schaffhauser Club «TapTab» vorherrschend war. Starkstrom, Power, Energie, Exzess und Euphorie. Die fünfköpfige Band Palko!Muski kannte kein Halten und quasi ab dem 1. Song herrschte Partystimmung auf Knopfdruck. Sänger Baptiste Beleffi animierte die Besucher immer wieder mitzusingen und im richtigen Moment die Arme in die Luft schnellen zu lassen. Im blauen Strobokskop-Licht wirkte das sehr ansprechend und mitreissend. Bereits beim 3. Song riss der Frontmann der Combo sich das Hemd vom Oberkörper und fragte: «Is this enough?». Ein lautes «No!» schalte ihm entgegen. Es brodelte und strudelte, als ob das TapTab in einem Whirlpool mit bissigen Piranhas sitzen würde. Die Stimmung im Club an der Baumgartenstrasse war absolut ausgelassen. Die Band nutzte die Gelegenheit, um auch eine klare politische Position zu markieren. «This is for my brothers and sisters in the Ukraine!”, sagte der Sänger und grosser Applaus erklang. Er kämpfte sich in der Folge von der Bühne auf die Hände der Besucher. Nicht nur buchstäblich, sondern in Tat und Wahrheit. Stage-Diving bekam am Freitagabend eine neue Dimension. Singend und fordernd wurde Baptiste Beleffi durch das TapTab getragen. Plötzlich kroch er am Boden, dann sprang er an die Säule inmitten des Raumes und kletterte sie empor. Der Hexenkessel hatte seinen Siedepunkt erreicht und die Menge feierte den Auftritt der wilden Truppe. Vor der Bühne wurde intensiv Pogo getanzt. Mit ausgefahrenen Ellbogen und viel Energie duellierten sich die Zuschauer auf der Tanzfläche, während Palko!Muski den Takt vorgab. «Is this enough?», wollte der Frontmann erneut wissen und laute Chöre mit der Aufforderung «Einer geht noch!» erklangen. Die Temperatur kletterte das Barometer empor. Die Sauna an der Baumgartenstrasse arbeitete auf Hochtouren. Neben allen bekannten Palko!Muski-Songs erklang plötzlich die Partisanen-Hymne «Bella Ciao». Mittlerweile gab es kein Halten mehr. Die Gäste feierten, tanzten, sangen, eskalierten. Es wurde geschwitzt, geröchelt und gekämpft. Kein Tanzbein blieb arbeitslos und keine Kehle trocken. «Absolut fantastisch», freute sich eine Besucherin, die gerade an der Shotbar neben der Tanzfläche eine Runde bestellte. Nach dem Konzert startete das Trubači Soundsistema die Partyrakete und sorgte dafür, dass das ausgelassene Fest bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Erschienen am Montag, 11. April 2022 in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» von Hermann-Luc Harmdier.

Disclaimer: Es handelt sich beim Bericht um einen Stimmungsbericht. Keine Konzertkritik. Ziel des Berichts war es, den Lesern die Stimmung während des Konzertes zu vermitteln.

Humorvoller Rhetorik-Kurs für die Bundesräte

Die Comedyshow «Fake me Happy» von Michael Elsener am Mittwochabend im Stadttheater war sehr humorvoll und verblüffend spontan. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Ich fake gerne», gestand Michael Elsener am Mittwochabend. Zu seiner zweitägigen Comedyshow waren zahlreiche Gäste ins Stadttheater gekommen. «Die Vorstellung wird heute aufgezeichnet, also bitte macht ein bisschen mehr Applaus, als ihr es lustig findet», erklärte der Showstar mit einem Augenzwinkern. Ein riesiger Kamera-Arm war im Stadttheater installiert und an allen Ecken und Enden wurde gefilmt. Die Zuschauer waren in ausgezeichneter Stimmung und kamen dem Wunsch gerne nach. Schnell hatte man die Kameralinsen vergessen, denn Michael Elsener hat ein grosses Talent: Er kann spontan Menschen im Publikum ansprechen, ihnen einige Informationen entlocken und diese dann immer wieder an passender Stelle in seiner Show einbauen. So sorgten eine Physiotherapeutin, ein Fotograf, der keine schwangeren Damen oder verliebte Pärchen fotografieren möchte, oder ein Verschwörungstheoretiker bezüglich der Erdanziehungskraft für grossen Unterhaltungswert und viele Lacher.

Rhetorikkurs für Politiker

Anschliessend inszenierte der Komiker einen Rhetorikkurs mit Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger. Er hatte die Aufgabe, die aktuelle Landesregierung in punkto Neujahrsrede zu schulen. Das Figurenensemble beherrschte Michael Elsener grossartig. Egal ob breiter Walliser Dialekt von Viola Amherd, tiefsinnige Gedanken zum Vorsorgemodell von Alain Berset oder amüsante sprachliche Missverständnisse mit Guy Parmelin, jede Partei bekam einen saftigen Seitenhieb. Aber es gab natürlich auch andere Themen: Er erklärte, warum sein Opa wegen terroristischem Verhalten angeklagt war, wie Roger Federer in der Sauna auf Kliby und Caroline traf und schlug vor, den Genderstern in der Sprache mit einem akustischen Signal sichtbar zu machen. Ein Highlight des Abends war sicherlich, als er erzählte, wie viel besser es wäre, wenn das Leben rückwärts abliefe. «Man wacht auf und bekommt ein riesiges Erbe, wird aus dem Altersheim entlassen, muss immer weniger arbeiten, an der Uni bekommt man am ersten Tag das Abschlussdiplom, qualifiziert sich in der Primarschule für den Kindergarten und kann neun Monate im warmen Mutterbauch verbringen, bis man immer kleiner wird und schlussendlich als Funkeln in den Augen zweier Verliebten verglimmt.»

Zu langes Bewerbungsvideo

Am Schluss des Abends gab es sodann eine Zusatzrunde: Für einen Comedywettbewerb in London diente das Publikum als Kulisse. Michael Elsener drehte ein Bewerbungsvideo und trat mit einer englischen Standup-Nummer auf. Er wiederholte dabei auch einige der bereits gezeigten Nummern auf Englisch. Zeitlich dauerte das eindeutig zu lange. Dennoch gab es begeisterten Applaus am Schluss und Elsener freute sich: «Ihr seid Goldschätze, bitte kommt mit auf meine Tournee.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 18. März 2022.

Vortrag: Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944

Am 1. April fand an der Berufsmaturiät ein Vortrag von Dr. Matthias Wipf zur Bombardierung von Schaffhausen im 2. Weltkrieg statt. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Luc Hardmeier und Matthias Wipf inmitten der 70 Lernenden. (Foto: Marco Eugster, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Genau 78 Jahre ist es her, dass die Alliierten einen Bombenregen auf die Ostschweiz niederliessen. Der tragische Vorfall ereignete sich am 1. April 1944. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts an der Berufsmaturität fand unter der Leitung von Geschichtslehrer Luc Hardmeier ein Vortrag mit dem Historiker Dr. Matthias Wipf am Freitag in der Aula des Hauptgebäudes statt. Matthias Wipf erklärte, wie die Piloten ursprünglich Ludwigshafen bombardieren wollten und anschliessend Schaffhausen wegen Navigationsfehlern, dem Ausstieg des Radars und der Lage von Schaffhausen auf der „falschen“ Seite am Rhein verwechselten. Sie dachten, sie hätten eine deutsche Stadt unter sich. Als sogenanntes Gelegenheitsziel (Target of opportunity) wollten sie ihre Bombenlast loswerden und begingen den fatalen Irrtum. In Ludwigshafen hätten sie die IG Farben zerstören wollen. Dort wurde unter anderem das Gas Zyklon B hergestellt, mit welchem die Nazis ihre fürchterlichen Verbrechen im Holocaust begingen. Schaffhausen hatte das Pech, dass an diesem nebligen Tag genau über der Munotstadt die Wolkendecke aufgerissen war und daher den Flugzeugen ein ideales Ziel bot: Innerhalb von 40 Sekunden fielen 400 Bomben. 40 Menschen starben und die ganze Schweiz blieb geschockt zurück. Der Bahnhof erlitt einen Volltreffer, dort starben 18 Menschen. Auch getroffen wurden ca. 50 weitere Gebäude wie das Industrie-Quartier Mühlenen, das Regierungsviertel und der Fronwagplatz. Die US-Regierung entschuldigte sich umgehend und bezahlte eine Wiedergutmachung von 40 Millionen US-Dollar. Insgesamt gab es in Schaffhausen 544 Luftalarme. Die Bevölkerung nahm die Überflüge des US-Militärs zunehmend als Schauspiel wahr und schützte sich nur noch teilweise mit dem Gang in die Luftschutzbunker. Wahrscheinlich hätte es etwa 1/3 weniger Opfer geben können, hätte man sich ordnungsgemäss verhalten. An diesem 1. April war Schaffhausen und die Schweiz plötzlich mitten im 2. Weltkrieg. „Ein Schreckenstag“ wie die Zeitung Schaffhauser Nachrichten damals titelte. Die 70 Lernenden in der Aula des Hauptgebäudes der Berufsmaturität nutzten den Anlass, um viele Fragen an den Experten zu stellen und es entbrannte eine spannende Diskussion. Auch Vergleiche mit dem Ukrainekrieg wurden gezogen. Das Ereignis ist absolut tragisch. Der Anlass war an diesem Jahrestag dennoch sehr wichtig und hat den Geschichtsunterricht anschaulich, einprägsam und höchst interessant bereichert.

Von Hermann-Luc Hardmeier

Die Beute von Stereo Luchs flippte aus

Stereo Luchs brachte mit Dancehall-Vibes am Samstagabend die proppenvolle Kammgarn zum Kochen. Er sprach aber auch über den Ukrainekrieg. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Christoph Merki, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Luchse sind dafür bekannt, dass sie sich erst in der Abenddämmerung aus dem Wald herauswagen. Sie lauern ihrer Beute auf und pirschen sich langsam an sie heran. Ganz anders war am Samstagabend der Auftritt von Stereo Luchs in der Kammgarn. Mit Stroboskop-Blitzen und lauten Beats vom DJ-Pult stürmte der Protagonist des Abends auf die Bühne. In der freien Wildbahn wären die Beutetiere wohl vor Schreck erstarrt. Im Kulturtempel am Rhein jedoch wurde er gefeiert, als hätte man seit der Coronapause sehnsüchtig nur auf ihn gewartet. Proppenvoll war der Saal mit jungen Menschen. Die Songs wurden lautstark mitgesungen. Die Besucher tanzten und prosteten sich begeistert zu.

Vom Architekten zum Solokünstler

Wie kam es dazu, dass Silvio Brunner, wie Stereo Luchs im bürgerlichen Leben heisst, so durchstarten konnte? 2007 brachte er zusammen mit dem Dancehallkünstler Phenomden sein erstes Album heraus. Sie lebten damals zusammen in einer WG in Zürich und nahmen die Erfolgsscheibe in ihrem Studiokeller auf. Eher unscheinbar und ein bisschen als Sidekick von Phenomden fiel Stereo Luchs noch nicht so auf, dass er die Kammgarn hätte füllen können. Das war ihm auch sehr recht, denn er hatte ein anderes Ziel: Er studierte Architektur. Später arbeitete er bei der Zürcher Baudirektion und merkte erst dann, dass für ihn Musik mehr als nur ein kleines Hobby sein soll. Er entschied sich für eine Solokarriere und brachte 2013 sein erstes eigenes Album «Stepp usem Reservat» heraus. Danach sollte es nochmals vier Jahre gehen, bis er endlich die Rakete mit Vollgas zünden konnte. Bei den Alben «Lince» von 2017 und «Off Season» von 2019 schnellten die Verkäufe in die Höhe. Stereo Luchs wurde nicht nur in den Clubs, sondern auch im Radio gespielt. Am Samstagabend war er nun mit seiner neusten Scheibe «Stereo Luchs» auf Tourstopp in der Munotstadt. Nachdem die Musikerin Soukey als Vorband eingeheizt hatte, gab es bei seinem Betreten der Bühne kein Halten mehr.

Wie eine Haifischattacke

Die Musik von Stereo Luchs bewegt sich zwischen Dancehall, R&B und HipHop. Leicht gewürzt mit Afrobeats und etwas Pop. Als Besucher fühlte man sich an eine gemütliche Gummibootfahrt auf dem Rhein erinnert. Die Sonne brennt und man geniesst in vollen Zügen den Sommer. Doch für’s Faulenzen bleibt keine Zeit, denn die Gummibootfahrt wird regelmässig von Attacken gefrässiger Haifische oder von einem blitzartig aufgetauchten Wassertornado gestört. Kurz gesagt: Gemütlichkeit trifft auf Eskalation. Die Gäste tanzten nicht nur, sie sprangen in die Luft, wirbelten ihre Pullover wie Helikopterproppeller über ihren Köpfen oder zückten die Feuerzeuge. «Vielen Dank für den warmen Empfang und für die Vibes», freute sich Stereo Luchs und liess sich auch selbst ein paar Tanzschritte entlocken. Der Künstler war aber nicht nonstop eine Partykanone. Immer wieder nahm er sich auch Zeit für ruhigere Lieder und wurde an einer Stelle der Veranstaltung auch politisch. Er kritisierte den Krieg in der Ukraine und legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. Es war sehr beeindruckend, wie über 700 Gäste schweigend im Saal standen und ihre Feuerzeuge oder Smartphones kämpferisch und mitfühlend in die Höhe hielten. Danach spielte Stereo Luchs nochmals einige seiner grössten Hits und liess die Kammgarn begeistert zurück. Der Abend ging danach mit einer deftigen Afterparty bis in die frühen Morgenstunden weiter. Stereo Luchs verabschiedete sich unter grossem Applaus von der Bühne und bilanzierte passend: «Schaffhausen, ihr wart unglaublich nice!»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten am Montag, 21. März 2022.

«Wir hatten keine Wohnung mehr und nur noch die Kleider am Leib»

Am Dienstag stellte Historiker Dr. Matthias Wipf sein neues Buch «Als wäre es gestern gewesen» über die Bombardierung von Schaffhausen im Zweiten Weltkrieg vor. Es schliesst die letzte Forschungslücke. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Fotos: Hermann-Luc Hardmeier

«Da steckt schon viel Herzblut drin», sagte Verleger Thomas Stamm, als er die Vernissage über das neue Buch über die Bombardierung von Schaffhausen am 1. Aprill 1944 eröffnete. Der Anlass fand am Dienstagvormittag im Haberhaus statt. Ein symbolträchtiger Ort, da das Nebenhaus «Restaurant Landkutsche» einen Volltreffer während dem Angriff erlitt. Dr. Matthias Wipf ist der ausgewiesene Experte für das Thema und hat alle relevanten Quellen gesehen, aufgearbeitet und in mehreren Büchern präsentiert. «Die Faktenlage ist klar», sagte er den Anwesenden. «Was noch fehlte, war eine Sammlung von persönlichen Schilderungen von Zeitzeugen. Das schliesst die letzte Forschungslücke.» Matthias Wipf kennt viele der Betroffenen Opfer persönlich. Als drei von ihnen kürzlich verstorben sind, beschloss er, das Buchprojekt zu starten. «Ich empfand es als Verpflichtung, dass die Erzählungen nicht verloren gehen für die Nachwelt.» Zudem sei es quasi die letzte Gelegenheit gewesen, solange noch Menschen aus der damaligen Zeit am Leben sind und erzählen können. Zunächst waren es acht Geschichten, schlussendlich dann 35. Mit aufwändigen Recherchen in Archiven, Zeitungen und Gesprächen konnte eine Sammlung von spannenden Geschichten aufgearbeitet werden, welche es so noch nirgends zu lesen gab (siehe Buchbesprechung unten). Er hat ausgerechnet, dass er fast 1000 Stunden Arbeit investiert hat. Durch sein hartnäckiges Nachfragen hat er nicht nur bisher unbekannte Schicksale beleuchtet, sondern auch herausgefunden, dass etwa Bestsellerautor Erich von Däniken im Steigschulhaus war, als nebenan eine Bombe niederging, oder Margaretha Tanner, die einzige Miss Schweiz mit Schaffhauser Wurzeln, am 1. April in der Munotstadt im Spital lag und ihr Bett für eine Verwundete räumen musste dass etwa Bestsellerautor Erich von Däniken oder die einzige Miss Schweiz mit Schaffhauser Wurzeln am 1. April in der Munotstadt betroffen waren.

Hitler ist schuld

Foto: Melanie Duchene

An der Vernissage anwesend waren Ursula Oertli-Huber, welche als Baby aus den Flammen gerettet wurde. Zudem Hans Baader, der durch die Bombardierung als 14-Jähriger beide Eltern verlor. Sie standen stellvertretend für die 40 Toten und 270 Verletzten des tragischen Ereignisses. Ihre Geschichten standen sodann im Zentrum des Anlasses. Ursula Oertli-Huber war damals 19 Monate alt und hat deshalb keine Erinnerungen an den 1. April. Sie erzählte jedoch eindrücklich, wie die Familie alles verloren hatte. «Wir waren ausgebombt, hatten keine Wohnung mehr und nur noch die Kleider am Leib». Zudem zeigte sie die Ehrenmedaille, welche ihre Schwester für die Rettung von der Stadt erhalten hatte. Hans Baader schilderte, wie sein Vater am Bahnhof im Zug sass und seine Mutter ihm den Koffer bringen wollte. Der Volltreffer des Bahnhofs und des Zuges beendete nicht nur ihr Leben, sondern machte Hans Baader auch zum Vollwaisen. Er schilderte, wie er verzweifelt auf die Rückkehr der Mutter wartete, sie in er Abdankungshalle identifizieren musste und wie ihm ein Soldat die Gelegenheit nahm, sich richtig zu verabschieden. Die Frage drängte sich auf: Verspürte er keinen Hass auf die Amerikaner? «Für mich ist klar, dass es ein Versehen war. Die blutjungen Amerikaner hatten nur eine Kurzbleiche als Ausbildung und kaum geographische Kenntnisse.» Er sagte, man habe damals viel mehr sehnsüchtig darauf gewartet, dass eine 2. Front gegen die Nazis eröffnet wurde. Wie es dann am 6. Juni mit dem D-Day auch geschah. «Schlussendlich ist Hitler mit seinem Krieg schuld am Angriff auf Schaffhausen» unterstreicht er. «Vor ihm hatten wir Angst und waren bereit, die Lasten zu tragen, bis er besiegt war.» Nicht nur die Geschichten von Hans Baader und Ursula Oertli-Huber beeindruckten, sondern auch jene von Verleger Thomas Stamm, welche er zur Eröffnung erzählte. Seine Grossmutter stieg während dem Angriff aufs Dach des Metropols in der Unterstadt (heute Meier’s Pool). Mitsamt Baby im Arm. «Sie musste sich danach in der Familie immer wieder Sprüche zum Thema Verantwortungslosigkeit anhören», scherzte Stamm. Matthias Wipf unterstrich, dass auch dies eine verbreitete Haltung war: «Durch die vielen Fliegeralarme nahmen es die Leute zunehmend als Attraktion wahr. Man hätte wohl ein Drittel weniger Opfer am 1. April gehabt, wenn die Bevölkerung korrekt in die Luftschutzkeller gegangen wäre.» Der Autor gibt mit seinem Buch 35 Zeitzeugen die Gelegenheit, die Ereignisse von damals fernab von verstaubten Geschichtsbüchern lebendig zu erzählen und zu erleben. «Ich habe oft kritisiert, dass für die Bombardierungsopfer kein richtiges Denkmal gebaut wurde», so Wipf. «Ich bin deshalb stolz, dass ich das mit diesem Buch vielleicht ein bisschen korrigieren konnte.»

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Februar 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.