Magischer Abend mit der Power-Frau aus St.Gallen

Sängerin Joya Marleen entführte die Kammgarn-Gäste am Freitagabend auf eine emotionale Reise. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende: Joya Marleen genoss den intimen Moment inmitten des Publikums. (Foto: Jeannette Vogel, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Am Freitagabend heizte Zoë Më als Vorband das Publikum in der ausverkauften Kammgarn ein. Sie sang auf Deutsch und Französisch und bewegte sich irgendwo zwischen Soul und Indierock mit einer Prise Pop. Der bilinguale Cocktail der Freiburgerin kam sehr gut an und stimmte die Gäste gefühlvoll auf den Hauptact Joya Marleen ein. Nach einer kurzen Pause trat die St.Gallerin sodann zuerst nur mit Gitarre, ab dem zweiten Lied dann aber mit voller Wucht vor die Gäste. Die Popmusikerin gastierte bereits zum dritten Mal an der Baumgartenstrasse. 2019 noch als Support der Band Carroussel, im Sommer des gleichen Jahres sodann auch am Hoffest der Kammgarn. Danach startete sie richtig durch und holte sich 2022 gleich drei Preise an den Swiss Music Awards. In den Medien wurde sie als «Die Entdeckung des Jahres» oder auch als «Abräumerin» bezeichnet, nachdem sie in den Kategorien «Best Female» und «SRF 3 Best Talent» sowie für ihren Song «Nightmare» auch den «Best Hit» in der Königsdisziplin abstaubte. Am Freitagabend war aber von Starallüren keine Spur zu sehen. Völlig locker und gutgelaunt sprang und tanzte sie auf der Bühne und liess ihre Haare dabei wild wehen. Das Publikum wippte vergnügt mit, im vorderen Drittel wurde getanzt und immer wieder im ganzen Saal der Takt mitgeklatscht.

Gelungene Überraschung

Joya Marleen nahm die Besucher mit auf eine emotionale Reise. Bei ruhigen Momenten konnte man jeden Atemzug der Gäste spüren, in energischen Passagen riss sie die Besucherinnen und Besucher packend mit. Dieses Wechselspiel zwischen Intimität und Dynamik definierte die Magie des Abends, welche Joya Marleen erzeugte. «Holly Shit, ich freue mich mega, mega fest, hier zu sein!», sagte die Musikerin begeistert. Die Überraschung des Abends war sicherlich, als Joya Marleen plötzlich mitten in der Kammgarn beim Lichtpult stand und von dort aus ganz alleine mit ihrer Akustikgitarre gefühlvoll spielte. Sie bat die Gäste mitzusingen und schritt zum Schluss unter lautstarker Hilfe von hunderten von summenden Stimmen zurück auf die Bühne. Der besinnliche Moment hatte eine starke Wirkung. Bei einer anderen Sängerin hätte das vielleicht etwas kitschig gewirkt, bei der Frohnatur aus St. Gallen jedoch passte der stylische «Walk» wie die Faust aufs Auge. Von der Sendung «Sing meinen Song» hatte sie Baschis «Wenn du das Lied ghörsch» mitgebracht und sie liess es sich nicht nehmen, bei der Zugabe ein Stück spontan auf der Bühne zu improvisieren. Zum Schluss hatte sie ihren Riesenhit «Nightmare» dabei, welcher von allen Kehlen begeistert mitgesungen wurde. Der Abend war aber trotz des letzten Songs alles andere als ein Albtraum, sondern ein Ereignis, das noch lange in den Herzen der Zuschauer nachklingen wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 13. November 2023.

Wenn das Wohnzimmer zum verbalen Boxring wird

Im Theaterstück «Gott des Gemetzels» eskalierte ein Streit unter vermeintlich vernünftigen Erwachsenen. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Eskalation: Gastgeberin Veronique stieg auf das Sofa, als Anwalt Alain sie bis zur Weissglut reizte. (Foto: Selwin Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Die Haupthandlung des Stücks «Gott des Gemetzels» wäre eigentlich schnell erzählt. In der Schule gab es Streit zwischen zwei Kindern. Zwei Elfjährige haben sich geprügelt, dabei schlug der eine dem anderen mit einer Stange zwei Zähne aus. Die beiden Elternpaare treffen sich zu einem klärenden Gespräch. Doch diese Unterhaltung eskalierte ziemlich schnell. Das Stück von Yasmina Reza wurde 2006 uraufgeführt und ist spätestens seit der Kino-Adaption aus dem Jahr 2011 von Roman Polanski weltbekannt. Am Dienstagabend wurde nun die Inszenierung von Tobias Maehler im Stadttheater Schaffhausen aufgeführt. «Der Kunstgriff bei dieser Aufführung ist, dass die Kinder selbst nicht da sind und die Eltern sich immer mehr ihr eigenes Loch schaufeln», sagte Jens Lampert vom Stadttheater Schaffhausen im «Talk im Theater» kurz vor der Aufführung. Zunächst geht im Wohnzimmer der Opfer-Familie alles sehr gesittet zu. Bei Gebäck und Kaffee versuchen die Eltern, sich zu einigen. Auf beiden Seiten herrscht viel Verständnis. Selbstverständlich werde die Versicherung für die Schäden an den Zähnen aufkommen und man fragt, ob es möglich sei, dass der Täter sich beim Opfer entschuldigen könnte. Die zwei Familien tauschen oberflächliche Nettigkeiten aus und scheinen gewillt, das Thema unbürokratisch lösen zu wollen. Während des Gesprächs wird jedoch klar, dass auch die Erwachsenen keine lumpenreine Weste haben. Michel, der Vater des Opfers, hat offenbar den Hamster der Tochter ermordet. Mutter Veronique hat ein Alkoholproblem und bei der Täterfamilie wird Vater Alain nonstop von Handyanrufen unterbrochen. Als Anwalt einer Pharmafirma versucht er, einen Medikamentenskandal zu vertuschen. Als die Mutter von Michel anruft und offenbar Opfer genau dieses Medikamentes geworden ist, eskaliert der Konflikt. Annette, die Mutter des Täters, beschuldigt Michel als Hamster-Mörder und übergibt sich über das Lieblingsbuch von Veronique. Weil Alain seine Handysucht nicht bändigen kann, versenkt sie sein Smartphone kurzerhand in der Blumenvase. Beide Paare beginnen sich gegenseitig und untereinander zu zerstreiten. Das Publikum kugelte sich dabei vor Lachen, weil das schwere Thema in eine so amüsante Komödie verpackt war. Im Visier war vor allem das Selbstbild der Figuren. Gegen aussen sahen sie sich als gebildet und kultiviert, letztendlich waren sie aber infantile und brutale Wesen. Zum Schluss schrien sie sich an, tranken hemmungslos Alkohol, prügelten sich, zerrissen das Blumengesteck leidenschaftlich und beschimpften sich mit wüsten Worten. Eigentlich hält das Stück der Gesellschaft den Spiegel vor Augen: Sind die Erwachsenen wirklich fähig, Konflikte kultiviert zu lösen? Das Wohnzimmer wurde zum verbalen Boxring, der Yasmina Rezas Gesellschaftskritik herrlich humorvoll aufzeigte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. November 2023.

Kein Rotsignal konnte den Ska-Schnellzug stoppen

Zwei Powerbands aus der Schweiz und Italien sorgten für Partystimmung am Donnerstagabend in der Kammgarn. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Am Donnerstagabend war es kalt und regnerisch draussen. Doch innerhalb der Kammgarn brannte die Tanzfläche schon in den ersten Minuten. Die Band «Rude Tins» machte als Vorband den Auftakt. Die acht Musiker aus Brugg hatten selbst einen unglaublichen Spass auf der Bühne und schafften es schnell, dass der Funke auch auf das Publikum übersprang. Schweizer Ska-Punkt gewürzt mit Rock, Reggae und jeder Menge Tempo bretterte durch die Boxen. Besonders eindrücklich war die Bläserfraktion, welche nicht nur ein sattes Fundament lieferte, sondern auch immer wieder ihre Posaune, Saxophon und Trompete so kämpferisch in die Luft streckten, als wäre es der Säbel eines Offiziers bei einem Kavallerieangriff im Wilden Westen. Neben saftigen Eigenkreationen überzeugten sie auch mit einem Coversong von «Forever Young», der noch nie so viel Power wie in der Rude-Tins-Version hatte. Nach kurzer Umbaupause war sodann die Zeit für die Ska-Punk-Combo «Talco» aus Marghera (Venedig) angebrochen. Mit einem witzigen Intro mit dem Sound aus einem Arcade-Videogame enterte die italienische Band die Bühne. Die sechs Musiker glichen einem Schnellzug, der von keinem Rotsignal zu stoppen war. Mit einem riesigen Tempo und einer imposanten Energie setzten sie den Saal unter Starkstrom. Eine wilde Besuchermeute tanzte Pogo vor der Bühne. Die satten Beats des Drummers, die kräftigen Riffs von der E-Gitarre, die mitreissende Bläserfraktion und die leidenschaftlichen Italienischen Texte sorgen für einen Mix, der den inneren Tanzbär in den Gästen nicht nur steppen, sondern auch ausflippen liess. Immer wieder kletterten Besucherinnen und Besucher auf die Bühne, um auf die Hände des Publikums zum Stagediving zu springen. Einige Songs wurde lautstark mitgesungen. Der Auftritt erinnerte ein bisschen an Ska-P, welche von Talco auch als Inspirationsquelle bezeichnet werden. Die Band umschreibt ihre Musik jedoch nicht in erster Linie als Ska-Punk, sondern als «Patchanka» mit Einflüssen von Bands wie Mano Negra oder Gogol.

Warnung vor Populismus

Ähnlich wie bei Ska-P geht es der Band nicht nur um Unterhaltung, sondern sie haben auch politische Botschaften in den Songs platziert. Besonders eindrücklich war, als sie musikalisch vor der Gefahr des Populismus warnten und aufforderten, Politiker an ihren Leistungen und nicht an ihren Worten zu messen. Die Band kannte am Donnerstagabend keine Müdigkeit und spielte Zugabe um Zugabe. «Sie sollen auf keinen Fall aufhören», freute sich Besucherin Mariella Müller und Samuel Brupbacher meinte: «Dieser Italo-Ska macht einfach gute Laune.» Erschöpft und glücklich endete die Schnellzugfahrt am späten Abend. «Schaffhausen war einfach wundervoll», freute sich Trompeter Andrea Barin nach dem Konzert. «Wir haben Feuer gelegt und die Flammen ausgiebig genossen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 21. Oktober 2023 in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten.

 

«Meine Songs sind wie eine Oase»

Am Hoffest der Kammgarn spielt Andrea Bignasca als Headliner. Für ihn sollen Songs nicht nur kreativ sein, sondern dürfen durchaus auch einmal wütend klingen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Natürlich!», antwortet Andrea Bignasca überraschend auf die Frage, ob er einen Bezug zu Schaffhausen habe. «Meine Mutter ist in Schaffhausen geboren und aufgewachsen. Im Sommer kamen wir früher oft zu Besuch und zelteten am Rhein.» Wenn man Andrea Bignasca auf der Bühne stehen sieht, würde man nicht denken, dass für ihn eine Musikerkarriere nicht von Anfang an vorprogrammiert war. Er hat zunächst englische und italienische Literatur an der Universität Zürich studiert und ist bis zum Bachelor eingeschrieben gewesen. «Bevor ich mit meinem Studium jedoch fertig war, wurde mir klar, dass ich mir nicht vorstellen konnte, auf diesem Weg glücklich zu sein. Ich war ehrlich zu mir selbst und habe anfangs mit etwas Herzklopfen beschlossen, es mit einer Musikkarriere zu versuchen.» Musik begleitete ihn schon immer in seinem Leben und war sehr präsent in seinem Elternhaus. «Mein Vater hört viel Musik, und meine Mutter hat ständig mit uns gesungen. Ich spielte zunächst Flöte- und Schlagzeug, bis ich nach etwa zehn Jahren zur Gitarre und zum Gesang wechselte.» Für Andrea Bignasca war schnell klar, dass er sich in der Rockmusik und im Bluesrock zuhause fühlte. «Das berührt mich am meisten. Ich mag es, dass Rock sanft, wütend, gefährlich, tröstlich, beruhigend und energiegeladen sein kann.» Mittlerweile füllt der Künstler mit seinem Sound grosse Konzertsäle und begeistert seine Zuschauer. Aber was ist eigentlich das Spezielle an seiner Musik? «Ich bin nicht politisch in meinen Liedern. Zumindest nicht bewusst. Ich denke nicht, dass ich die eine Botschaft habe. Ich hoffe einfach, dass meine Songs eine kleine Oase sein können, wo man findet, wonach man sucht. Sei es auch nur für eine tanzende Minute am Abend.» Und wahrscheinlich gelingt dies besonders gut, da Andrea Bignasca mit seiner lockeren Tessiner Art dem Publikum ein harmonisches Gefühl vermitteln kann. Seine Hits wie «Lump in Your Throat», «Moonshining», «Most Times», «Where Things Grow Mean» oder «Roll out Mama» wird er die Schaffhauser Herzen sicherlich im Sturm erobern. Andrea Bignasca singt auf Englisch und ganz neu bei einem Song auch auf Italienisch. Der Sänger holt die Inspirationen für seine Lieder aus Alltagserlebnissen und sowohl aus schönen wie auch aus enttäuschenden Momenten. Als Vorbilder sieht er Bruce Springsteen, Tom Pretty, War on Drugs, Wolf Alice und Rival Sons. Mit Springsteen würde er übrigens sehr gerne einmal ein Duett singen. «Es wäre schön und sicher lustig, mit ihm Zeit zu verbringen, aber eigentlich fühle ich mit wohl mit meiner Band und würde sie mit niemandem tauschen.» Auf den Auftritt in der Kammgarn freut er sich sehr: «Es wird ein ganz besonderer Abend sein. Am Tag danach feiert meine Tochter ihren ersten Geburtstag und ich meinen 34. drei Tage später. Ich hoffe, dass viele Leute kommen werden, dass das Wetter schön ist. Und ich hoffe, dass ich einige neue Ohren gewinnen kann.»

Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 21. August 2023.

Der Schweizer Sheriff des Dancehalls trotzte dem Regenguss

Dancehall am Schaffhauser Festival „Stars in Town“ sorgte für Feuer auf der Tanzfläche. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Der Zürcher Sänger Phenomden hatte eine schwierige Aufgabe zu meistern: Bei anhaltendem Regen sollte er die Besucher am «Stars in Town» am Freitagabend in gute Stimmung versetzen. Zum Glück ist seine Musik dafür bestens geeignet.
Die knalligen Dancehallklänge gepaart mit seiner gemütlichen Stimme
sorgten sofort dafür, dass man das Gefühl hatte, bei prallem Sonnenschein
an einem karibischen Strand zu stehen. Songs wie «Roots», «Stah da» oder «Nume drum» sorgten mächtig für Stimmung unter den Besuchern. Im Gepäck dabei hatte er
aber nicht nur Klassiker, sondern auch sein neues Album namens «Franco Nero», mit welchem er das Publikum nicht nur nach Jamaika, sondern auch in den Wilden Westen der 60er-Jahre entführte. Das Album ist eine Hommage an den
Schauspieler Franco Nero, der als Django mit seinem Revolver für Furore
in den Italo-Western sorgte. Im wilden Galopp steigerte Phenomden
das Tempo und führte mit Hits wie «Dance im Olivenhain» oder dem Titelsong
des neuen Albums musikalisch nicht nur einen Bankraub durch, sondern machte mit dem Publikum auch im Saloon einen ausgiebigen Halt. Die Basler Band The
Scrucialists unterstützte ihn dabei grossartig und powervoll. Phenomden
tanzte begeistert auf der Bühne mit und gab der Munotstadt sogar
einen Kosenamen: «Schaffhi, ich liebe euch. Ich bin immer gerne
hier.» Den Regen hatte er besiegt und die Tanzfläche hatte er gekonnt entzündet.
Unter grossem Applaus ritt der Schweizer Sheriff des Dancehalls nach seinem Auftritt in den Sonnenuntergang von der Bühne.

Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. August 2023.

Berliner Hip-Hop-Partykanone bringt den Herrenacker zum Beben

Rapper Sido liess es am Freitagabend am «Stars in Town» musikalisch deftig krachen, kritisierte jedoch auch die notorischen Handy-Filmer. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Sido in Action am „Stars in Town“ in Schaffhausen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Bild: Melanie Duchene)

«Schaffhausen, habt ihr Bock auf ein bisschen Hip-Hop?», begrüsste Sido mit viel
Energie die Besucher auf dem Herrenacker. Tausende Augenpaare waren auf ihn gerichtet, als er mit einem DJ und zwei Backgroundsängern loslegte. Im stylischen
Outfit mit Sonnenbrille, blauer College-Jacke und seinem grau melierten Rauschebart
animierte er die Besucher von Anfang an bei «Fuffies im Club» die Arme in die
Luft zu strecken und kräftig mitzubouncen. Rote und weisse Lichter zuckten durch
die Nacht, und über den Köpfen der Gäste stieg die eine oder andere süsslich duftende Rauchwolke in den Himmel. Sido kritisierte, dass viele den Auftritt filmten, anstatt selber mit den Augen zu schauen. Damit hatte er die perfekte Überleitung zu
«Bilder im Kopf» gestrickt. Mit diesem Hit war der Damm gebrochen, und der Tanz
auf dem Partyvulkan kannte kein Halten mehr. Sido legte nach und dirigierte bewusst
die Eskalation auf der Tanzfläche. Er teilte die Menge in eine «laute» und eine
«schöne» Seite und liess sie gegeneinander antreten, um den Refrain des nächsten Liedes zu singen. Ruhigere Songs wie «Der Himmel kann warten» sorgten für eine
kurze Verschnaufpause, bis der Berliner wieder kräftig aufs Gaspedal trat. Seine
Texte sind unterhaltsam und gesellschaftskritisch. In Kombination mit dicken Beats
und eingängigen Melodien wirkte sein Zaubertrank elektrisierend auf die Gäste
und brachte den Herrenacker zum Beben.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. August 2023.

Theaterkritik: „Der Richter und sein Henker“ – Die schmutzigen Tricks von Kommissär Bärlach

Am Dienstagabend überzeugte im Stadttheater die Aufführung von Friedrich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» mit Witz, Charme und einem Bühnenbild, das nur auf den ersten Blick langweilig erschien. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Gibt es das perfekte Verbrechen? Wenn es nach Gastmann geht, dann ist diese Frage mit «Ja» zu beantworten. Der finstere Bösewicht des Stückes in «Der Richter und sein Henker» wettete einst mit Kommissär Bärlach darum, dass er vor den Augen des Polizisten einen Mord begehen könne, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Er sollte recht behalten, doch Bärlach sann nach Rache. 40 Jahre später geschah ein Mord am Polizisten Ulrich Schmied, der offenbar als verdeckter Ermittler bei Gastmann eingeschleust war. Zusammen mit dem ehrgeizigen Polizisten Tschanz startete Bärlach seine Untersuchungen. Dabei wurde der Protagonist vom Wachhund, einem schwierig zu beschreibenden Ungeheuer, angegriffen. Tschanz rettete ihm das Leben, indem er das Tier tötete. Das Buch von Dürrenmatt ist eine Persiflage auf den Kriminalroman und nahm deshalb immer wieder unerwartete Wendungen. Schmieds Mörder war offenbar Polizist Tschanz selber. Sein Motiv: Eifersucht auf den beruflichen Erfolg von Schmied. Um seine Spuren zu verwischen und jemand anderes den Mord anzuhängen, tötete er sodann Gastmann. Aber: Bärlach hatte insgeheim als vermeintlicher Richter alles so geplant und Tschanz als Henker für seine Pläne benutzt. Kein Wunder freute sich der Kommissär zum Schluss riesig über seinen Sieg in der Wette. Doch diese erinnert stark an den Pakt zwischen Gott und dem Teufel in Goethes Klassiker «Faust», bei welchem auch das Gute gegen das Böse antrat. Nur hatte Dürrenmatt das Ganze umgedreht: Bärlach erschuf keine Gerechtigkeit, sondern übte Rache. Der Ermittler ist eigentlich kein «Guter», sondern hat sich auf die finstere Seite des Gesetzes geschlagen. Passend dafür war auch das Bühnenbild, welches die undefinierbare Bestie darstellte, welche Bärlach angegriffen hatte. Zunächst war man als Zuschauer enttäuscht, weil nach dem Tod des Tieres das Bühnenbild nutzlos und etwas langweilig erschien. Doch bei genauerem Betrachten erkannte man im mehrköpfigen Wuschelknäuel eine literarische Parabel auf das ganze Stück. So unfassbar wie das Äussere des Tieres waren in der Geschichte auch die Begriffe gut, böse, Wahrheit oder Gerechtigkeit. Das Altonaer Theater hatte die Inszenierung mit viel Witz und Charme sowie gutem Tempo umgesetzt. Man durfte gespannt den Ermittlungen folgen oder über Dürrenmatts groteske Ironie lachen. Tschanz als Henker und Bärlach als Chefplaner und Richter blieben zum Schluss ungestraft. Das sorgte für hitzige Diskussionen und einen gelungenen Theaterabend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 16. März 2023.

Jamaikanische Sommerparty mit zwei Überraschungen

Am Sonntagabend trat die 78-jährige Reggaelegende Max Romeo in der Kammgarn auf. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier.

Bei Sonnenschein und Reggaeklängen vom DJ-Pult stimmten sich die Gäste am Sonntagabend auf der Kammgarnterrasse auf den Konzertabend in der Aktionshalle ein. Kein Geringerer als Max Romeo hatte zu seiner grossen Abschiedstournee geladen. Unterstützt wurde der Jamaikaner dabei im Vorprogramm von zwei Sängern, welche dem Publikum kräftig einheizten. Droop Lion eröffnete den Abend mit gemütlichem und doch mitreissendem Sound. Der Sänger überzeugte mit einer extrem souligen Stimme und einer unglaublichen Energie auf der Bühne. Abgelöst wurde er von Lutan Fyah, der mit knackigen Beats die gute Stimmung der Gäste weiterführen konnte. Mit einem Countdown von 10 rückwärts gezählt klatschten die Besucherinnen und Besucher sodann den Hauptact des Abends auf die Bühne. Der 78-jährige Max Romeo, der mit seinen Hits wie «Chase The Devil» ein Dauerbrenner an jeder Reggaeparty ist. Der ältere Herr wirkte zunächst etwas verloren auf der Bühne, doch das änderte sich schlagartig, als er das Mikrofon ergriff. Unterstützt von seiner neunköpfigen Band verwandelte er sich in einen Power-Opa mit musikalischem Superman-Kostüm. Die Stimme war satt, stark und sicher. Mit einer grossen Wucht seines gesanglichen Talents riss er die Gäste mit. Die musikalische Reise fühlte sich an wie eine gemütliche Fahrt mit einem Weidling an einem sonnigen Tag auf dem Rhein. Max Romeo hatte die Sonne der Karibik nach Schaffhausen gebracht und liess sie mit Genuss in der Kammgarn scheinen und die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer erwärmen. Die Band supportete Maxie Smith – wie Max Romeo mit bürgerlichem Namen heisst – tatkräftig und der Künstler hatte auch eine Überraschung im Gepäck. Genauer gesagt sogar zwei: Seine Tochter Xana und sein Sohn Azizzi wurden auf die Bühne gebeten und beide gaben nacheinander ein Minikonzert, das begeisterte. Keine Frage, das Talent haben sie von Max Romeo geerbt. Dass der Familienbonus ihnen nun beim Ankurbeln ihrer Solokarriere hilft, würde man ihnen sicherlich gönnen. Max Romeo erhöhte das Tempo mit seinen Hits wie «One Step Forward” und “War Ina Babylon». «Are you ready?», wollte er schliesslich wissen und jeder im Saal merkte, dass nun die Zeit für den Überhit «Chase The Devil» gekommen war. Es wurde getanzt und lautstark mitgesungen. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht und die gemütliche Weidlingsfahrt schien in einen jamaikanischen Tsunami geraten zu sein. Unter grossem Applaus verabschiedeten die Gäste Max Romeo. Er ging ohne Zugabe, doch wer will es der 78-jährigen Legende verdenken, dass er etwas früher Feierabend machte und seinen verdienten Ruhestand genoss.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Dienstag, 23. Mai 2023.

Ein wilder Tanz auf dem Ska-Vulkan

Am Samstagabend spielten am «Rude & Rebel Ska – Fest» vier Bands und brachten die Sommerhitze in die Kammgarn. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier.

«Ich freue mich echt auf den heutigen Abend. Da ist soviel Nostalgie in der Luft, dass ich Gänsehaut bekomme», sagte ein Besucher am Samstagabend in der Kammgarn. Die Ska-Szene in Schaffhausen war früher in den 2000er Jahren sehr lebendig und brachte viele Bands wie «Pete Bamboo» oder «Plenty Enuff» auf die hiesigen Bühnen. Das «Rude & Rebel Ska – Fest» liess am Wochenende nun diese Zeit wiederaufleben und brachte nicht nur die Musik, sondern auch die Partygänger von damals wieder an die Baumgartenstrasse.

Gelungene Überraschung

Den musikalischen Start machte die Schaffhauser Band «The Slobbers». Die sechs Musiker waren stylisch eingekleidet mit weissen Hemden und schwarzen Krawatten oder Kleidung mit dem typischen Ska-Muster aus schwarzen und weissen Vierecken. Sie spielten, fröhlich, unbeschwert und powervoll, wie wenn ein Schmetterling in eine Starkstromleitung geflogen wäre. «Wir sind die beste Ska-Band aus Schaffhausen», rief Sänger Mathias Muggli in die Menge und fügte augenzwinkernd an: «Und mittlerweile wahrscheinlich auch die einzige.» Die Band spielte Offbeat vom Feinsten. Ihr saftiger Mix aus Ska, Punk und Reggae mit knackigen Beats vom Drummer und lauten Gitarrenriffs brachten die Tanzschuhe zum Glühen. Das Tempo wurde gesteigert und gedrosselt. Einige Songs lockten zum Mittanzen und Mitfeiern, andere zum Geniessen. Der Höhepunkt des Auftritts war sicherlich, als die Combo eine Ska-Version von «Bloss e chlini Stadt» spielten und dabei einen berauschenden Musikcocktail präsentierten. Der Schaffhauser Rapper Sherpa hatte dabei einen Gastauftritt und zeigte, dass Rap und Ska sehr gut kombinierbar sind. Die Überraschung war «The Slobbers» gelungen und sie ernteten dafür viel Applaus und Begeisterung.

Ironische und kitschige Texte

Nach diesem starken Start war es Zeit für die Band «Frau Doktor» aus Wiesbaden. Ihr satter Sound aus Soul, Rocksteady und Ska lockte die Gäste schnell wieder in die Halle, welche sich kurzzeitig in die Raucherpause nach draussen verabschiedet hatten. Das Highlight bei «Frau Doktor» waren ihre Texte, die sehr ironisch und teilweise auch absichtlich kitschig ausfallen. Die Truppe nahm sich selbst nicht zu ernst und sang etwa bei «Alte Männer» oder «Süsse Ska-Musik» über amüsante Alltagsbeobachtungen, die sie zu humorvoll absurden Geschichten verarbeitet hatten. Nach dem Auftritt ging plötzlich das Saallicht aus und das musikalische Intro machte klar, dass die Zeit für die Berner Band «Open Season» angebrochen war. «Schaffhausen, seid ihr ready für Rocksteady?», wollte Sänger Santosh Aerthott wissen und legte gleich los. «Open Season» beherrschten das Spiel mit der Animation des Publikums perfekt. Die Hände wurden im Takt geschwenkt, der Refrain oder spezielle Textzeilen mitgesungen oder der Saal ging kollektiv in die Hocke, um sodann aufzuspringen. Der Ska der Band war mit Elementen von Popmusik gemischt. Dies war eine gute Abwechslung zu den ersten zwei Bands und sorgte für unglaublich gute Stimmung im Saal.

Schnellzug ohne Bremsen

Wer bis jetzt noch nicht mitgefeiert hatte, wurde nun mitgerissen. Die Kammgarn verwandelte sich in eine karibische Sauna mit sommerlichen Temperaturen. Zum Schluss hatten sich die Organisatoren des Abends einen speziellen Leckerbissen aufgespart: «Nguru» aus Chur sorgte dafür, dass die Stimmung endgültig explodierte und zu einem Tanz auf dem Vulkan wurde. Wie ein Schnellzug mit defekten Bremsen gaben die Bündner Vollgas und rockten mit Skapunk los. Vor der Bühne wurde wilder Pogo getanzt und es schien fast, als wäre die Ska-Szene lebendiger denn je.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten am 24. April 2023.