Das grosse Duell der Improvisationskünstler

Wenn aus dem staubtrockenen Zivilgesetzbuch urspontan eine spannende Krimikomödie wird – am Freitag und Samstag duellierten sich die kreativen Theaterköpfe beim Improvisationstheater in der Kammgarn Schaffhausen. Eine Theatertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Voller Körpereinsatz: Die vier Theatersportler verblüfften das Publikum
mit ihren kreativen Ideen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Michael Kessler)

„Drei, zwei, eins, los!“ Das Publikum zählte am Freitagabend jede Szene ein, welche die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Doch was im Drehbuch stand, wussten weder Besucher noch Schauspieler. Beim Theatersport stehen sich jeweils zwei Mannschaften gegenüber. Ein Schiedsrichter moderiert den Anlass und fragt beim Publikum nach Orten der Handlung, nach Gefühlen, Sätzen, Berufen und weiteren Zutaten für die Szenen. Kurzum: Das Publikum ist der Regisseur und die Schauspieler sind zu 200% in ihrer Kreativität gefordert. Am Freitagabend trafen Kirsten Sprick (Hamburg) und Birgit Linner (München) auf Reto Bernhard und Randulf Lindt von Improphil Luzern. Am Samstag duellierten sich Martina Schütze und Birgit Linner (beide Improtheater Tsurigo) mit der gegnerischen Seite Kirsten Sprick und Nicole Erichsen (Bremen). Organisiert wurde der Anlass vom Schauwerk in der Kammgarn. Schon die Aufwärmrunde am Freitag war vielversprechend. Die Szene begann auf dem Klo eines Warenhauses, wechselte dann in den Windkanal, mutierte zum Märchen rund um Rumpelstilzchen und schlussendlich wurde geheiratet. Die Zuschauer konnten herzhaft lachen und mitfiebern. Beim nächsten Spiel wollte der Moderator Gefühle aus dem Publikum haben. Leidenschaft und Rache kamen als Vorschläge. Die zwei Damen aus Deutschland entwickelten nun eine Liebesgeschichte rund um einen Flokatiteppich. Doch kaum war die wollige Lovestory vorbei, holte das Schweizer Team zum Gegenschlag aus. Sie wollten nur in Reimen sprechen und suchten dafür eine Epoche. Es kamen als Vorschläge Zukunft, Rokoko, Steinzeit und Mittelalter. Sie entschieden sich für Letzteres und fragten: Was zeichnete denn die damalige Zeit aus? Als Antwort riefen die Gäste Begriffe wie Aberglaube, Läuse und Pest. Lachend wurden die Vorschläge aufgenommen. Eine Geschichte rund um einen dicken Schlossherrn und eine holde Maid wurde im Turbotakt gereimt und aufgeführt. „Wahnsinn, das könnte ich nie“, meinte ein Zuschauer. Sein Sitznachbar bemerkte trocken: „Ich denke, da ist sicher ein Teil vorbereitet. So spontan kann niemand sein.“ Das Geheimrezept liegt aber ganz woanders begraben: Die Schauspieler üben, üben, üben. Kreativität ist zum einen Teil eine Trainingssache, zum anderen Teil gibt es bei den Proben sicherlich immer wieder Szenen, die ähnlich sind und man je nach Stichworten adaptieren und verändern kann. Doch die Realität kann gnadenlos zuschlagen. Als zusammen mit der Pocketband ein Lied gesungen werden musste, verlangte ein Gast, dass man es in einer Pink Floyd – Version spiele. Solche Inputs sind auch beim besten Training nicht vorhersehbar und dies bewies, dass auf der Bühne unheimliche kreative Menschen am Werk waren. Nun waren die Schauspieler erst richtig in Fahrt gekommen. Auf der Bühne war ein Bohrmaschinen-Tanz zu sehen, ein Rentnerpaar, das zu Fuss nach Kuba wollte, und ein Schreiner, der einen Schrank zimmerte, der gleichzeitig ein Sarg war. Nach der Pause änderte sodann der Modus des Abends. Es gab nicht mehr mehrere Spiele, sondern eine einzige lange Szene, bei welcher die Schauspieler das Publikum fragten, ob jemand ein Buch dabei habe. Der erste und der letzte Satz des Werkes bildeten den Rahmen des Mini-Theaters. Lustigerweise wählten die Künstler nicht Hemingway oder den Steppenwolf, sondern das ZGB – Zivilgesetzbuch, welches jemand zum Lernen dabei hatte. Es gab tote Pferde im Moor, eine eklige Aal-Suppe und der Sensenmann, welcher eine Verschwörung plante. So viel gelacht hat wohl noch niemand über das ZGB. Der Abend war grossartig kreativ und zum Schluss siegte keine Mannschaft, sondern das Publikum.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 20. Januar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Auch ohne Pudel konnte Mephisto Faust umgarnen

Im Theaterstück „Faust“ fehlten dem Stadttheater Schaffhausen am Dienstagabend einige wichtige Elemente. Dafür gab’s eine Überraschung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Gretchen und der «Kneipenfaust» in einer verkürzten Fassung: «Heinrich! Mir graut’s vor dir.» (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Foto: Selwyn Hoffmann)

Halbnackt sitzt er auf dem Tisch. Er isst Wiener Würstchen und trinkt den Wein direkt aus der Flasche. Am Dienstagabend präsentierte sich im Stadttheater den Besuchern ein Faust, der auf den ersten Blick wenig mit dem Protagonisten von Goethes berühmtem Drama zu tun zu haben schien. Das Publikum sah nicht einen Universalgelehrten, der nach dem Sinn des Lebens suchte, sondern einen „Kneipenfaust“, der abgewetzte Manchesterhosen trug. Das Landestheater Tübingen hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollten den über 200 Jahre alten Klassiker ansprechend umsetzen und die tragische Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen ins Zentrum stellen. Um es vorweg zu nehmen: Das Ziel wurde erreicht. Das Stück hatte Tempo, beeindruckte durch die Schauspieler und war kurzweilig und unterhaltsam gestaltet. Beim zweiten Blick gab es aber auch eine kleine Enttäuschung: Den Kürzungen waren Elemente zum Opfer gefallen, die für die Interpretation der Geschichte sehr wichtig sind. Komplett fehlte beispielsweise der Prolog im Himmel. Der Teufel wettet dort mit Gott, dass er Faust vom rechten Weg abbringen kann.  Zum Schluss des Theaters ist Fausts Schwarm Gretchen im Kerker und schickt ihn mit den Worten fort: „Heinrich! Mir graut‘s vor dir.“ So endete allerdings nur die Vorstellung im Stadttheater. In der Originalversion ergänzt der Teufel „Sie ist gerichtet“, worauf Gott anfügt „Ist gerettet.“ In der Tübinger Version endet somit die Geschichte traurig und weltlich, bei Goethe hingegen ist Raum für Interpretation vorhanden und der Grundstein für „Faust II“ bereits vorbereitet.

Geniale Änderung

Dass eins der drei Vorworte namens „Zueignung“ oder die Kapitel „Auerbachs Keller“ und „Walpurgisnacht“ den Kürzungen zum Opfer gefallen waren, mag verkraftbar sein. Doch nur zu gern hätte man die Verwandlung eines süssen Pudels in Mephisto erlebt. So fehlte am Dienstag auch die Erkenntnis: „Das also war des Pudels Kern“. Trotz dieser Kürzungen hatte das Stück viele Stärken. Genial war die Idee, dass Faust nach dem Teufelspakt nicht mit einer Perücke verjüngt wurde, sondern begleitet von Donner und Blitzlicht mit Mephisto die Rolle tauschte. Diese Erzählart hatte Tiefgang und Klasse. Denn nun lag eine ganz neue Leseart der Story nahe: Wird Faust durch den Teufelspakt selber zu Luzifer? Sein Verhalten spricht dafür: Vier Leichen, eine geschändete Frau und ein hedonistisches, selbstgefälliges Streben nach Glück. Derzeit läuft im Schauspielhaus Zürich eine fast achtstündige „Vollversion“ von Faust 1 und 2. Ein spannendes, aber echt hartes Stück Arbeit. Fürs Theater sollte das Drama gekürzt werden. Die Tübinger Version von Christoph Roos hat dafür einen interessanten Weg gewählt. Gretchens fehlende Erlösung und den Verzicht auf den süssen Pudel schmerzten Goethe-Fans dennoch ein wenig.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Januar 2020.

Theaterbesuch in St. Gallen

Am vergangenen Mittwoch (15. Januar 2020) besuchte ich mit zwei Klassen die Aufführung „Der Prozess“ von Franz Kafka im Theater St. Gallen. Dabei ist folgender Schnapschuss mit den Schülern entstanden.

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Ein Gewitter aus Punk und Polka

Am Samstagabend wurde im Taptab der wilde Bär von der Leine gelassen. Nebel, Blitze, E-Gitarre und viel Power standen auf dem Programm. Den Anfang machte die Vorband Šuma Čovjek, was auf Kroatisch soviel wie „Waldmensch“ heisst. Die sieben Musiker viel Polka im Blut und sangen auf Französisch, Algerisch, Bosnisch und in weiteren Sprachen. Frontmann Ivica Petrusic war vom Schaffhauser Publikum begeistert. „Es ist schön hier. Die Gäste gaben von Anfang an alles und liessen uns ihre Energie spüren.“ Die Musik bewegte sich zwischen Balkanpop, orientalischen Klängen und einigen harmonischen Chansons. Würde man eine Portion Cevapcici, einen Zirkus, eine Postauto-Hupe und ein Erdbeben in einen Mixer stecken, so hätte man annähernd das Partygefühl beschrieben, welche die Band im proppenvollen Taptab auslöste. Auch bei der Hauptband Palko!Muski gab es keine Zeit für Langweile. Die Gäste tanzten sich die Seele aus dem Leib. Vor der Bühne beherrschten Pogotänzer das Parkett. Sänger Baptiste Beleffi riss sich schon bei den ersten drei Songs das Hemd vom Leib und stand auf den Klavierstuhl, um die Menge anzufeuern. „Cigano-Musik hat etwas von Freiheit und Rebellion“, vermutete Ivica Petrusic, warum die zwei Bands das Publikum so enthusiastisch in ihren Bann zogen. Auf einer Skala von 1 bis 10 steigen Palko!Muski immer gleich auf Stufe 12 in den Konzertabend. Die Mischung von Schlagzeug, Polkaklängen und Akkordeon klingt auf den ersten Moment schräg, hat aber die Wucht einer Dampfwalze. Ein Gewitter aus Punk und Polka, das für Blitzeinschläge, Überschwemmungen und Stromausfälle sorgt. „I wanna Disco“, fordert der Palko-Sänger und sorgte damit bis in die frühen Morgenstunden für eine weitere Eskalation im Hexenkessel.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 23. Dezember 2019.

Eine gemütliche Berner Tramfahrt mit Freestyle-Einlage

Die Berner Musiker Lo + Leduc besuchten mit der Hype-Tour die Kammgarn und brachten die Gäste zum Mitsingen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Die zwei Zeremonienmeister im Einsatz. (Foto: Flavia Grossenbacher, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Leute, überall Leute. Wohin das Auge reichte. Vor der Bühne, auf der Treppe und im 1. Stock am Geländer. Die Kammgarn platzte am Freitagabend aus allen Nähten, als Lo & Leduc zum Konzert einluden. Grosser Jubel brach aus, als die zwei Berner Zeremonienmeister mit ihrer achtköpfigen Band die Bühne enterten. Der Saal badete in blaue-violettem Licht. Gemütlicher Berner Rap traf auf eine mitreissende Bläserfraktion, knackige Schlagzeugbeats und einen Bass, der in den Körper eindrang und alle Organe zugleich massierte. Lo & Leduc sprangen, tanzten und feierten ab der ersten Sekunde in der Kammgarn. Ihre Texte und Raps waren meist als Dialog aufgebaut, sodass sie zusammen wie ein altes Ehepaar im Wohnzimmer unter der Rheumadecke ein entspanntes Gespräch zu führen schienen. Das Wort „alt“ passte ansonsten aber keineswegs zum Auftritt der Reimkünstler. Voller Energie und Power und mit sichtlichem Spass meisterten sie ihre gut zweistünde Show in der Munotstadt. „Das ist das allerletzte Konzert einer wunderschönen Dekade“, erklärt Leduc. Er spielte damit darauf an, dass der Startschuss und das allererste Konzert der Band ziemlich genau vor zehn Jahren stattfand. Damals wollte Leduc noch Fussballprofi werden, erfuhr man im späteren Verlaufe des Abends. „Nun habe ich ja auch eine Art Fussballmannschaft, allerdings eher für ein Grümpeltournier“, scherzte er in Richtung seiner Band. Songs wie „Bini bi dir“ und „Chileli vo Wasse“ und „Cuba Bar“ folgten. „Mir si kei Confiture, cha üs nid konserviere“, sangen die Besucher eine bekannte Textzeile lautstark mit. Ein Highlight des Abends war die Freestyle-Show von MC Lo. Sein Bühnenpartner sammelte zunächst Begriffe aus dem Publikum, die Lo in seinen spontanen Rap einbauen sollte. Diamant, Kiesweg, Birrewegge, Hosensack und Na, Omi waren die Vorschläge der Besucher. Lo legte los und war innert weniger Sekunden auf einem Level einer Zahnradbahn unter Starkstrom. Es ratterte und zischte von seinen Stimmbändern, sodass Rapikone Eminem seine wahre Freude daran gehabt hätte. Der hohe Wellengang des Flows riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Die Gäste tobten vor Freude und aus dem hinteren Bereich der Halle stimmten einige Fans im Chor „Freestyleking, Freestyleking“ an. Songs wie „Ingwer und Ewig“ folgten. Die zwei Berner Tramchauffeure schalteten für ihre gemütliche musikalische Rundfahrt wieder einen Gang zurück. Nach einer Stunde war es Zeit für den Song, der in der Hitparade sogar „Despacito“ und alle anderen Ultrahits vom Podest gestossen hatte. „079“ erklang und es gab keinen im Saal, der nicht mitsang. Zeitweise war das Backgroundsängertalent der Schaffhauser Besucher so intensiv, dass es eigentlich gar keine Band mehr gebraucht hätte. Die Musiker liessen die Besucher tanzen, kollektiv auf die Knie gehen und hochspringen. Es gab eine La-Ola-Welle durch den Saal und mehrere Zugaben wurden gespielt. Mit neuen Songs, aber auch mit dem Chartstürmer „Jung verdammt“ und einem neuen Reggaehit, der kein Ende zu kennen schien, spielten sich die Berner einmal mehr in die Herzen der Zuhörer. Ein starker Konzertabend, der definitiv Lust auf die kommende Dekade der Band macht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Dezember 2019.

„Ich war schon immer ein Chipsfan“

Der gebürtige Schaffhauser Alan Bachmann entwickelt bei Zweifel neue Geschmäcker für Pommes Chips. Bei einem Rundgang in der Fabrik erzählte er von seinem Traumjob. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Drei Tische voller Zweifel-Chips. Die Mitarbeiter probieren nach Herzenslust und der Produktionsleiter informiert über die Wochenziele. Der Montagmorgen in Spreitenbach startet in der Zweifelfabrik genauso, wie man sich das in der Fantasie ausmalen würde. Es fehlt nur noch, dass die Mitarbeiter anschliessend wie Dagobert Duck in den Tresor voller Chips springen und ein Bad in den knackigen Papriksnacks nehmen. Mittendrin steht Alan Bachmann, Leiter Entwicklung, und lacht zufrieden, als er die Zahl von 181 Tonnen produzierter Chips in der vergangenen Woche hört. „Momentan ist Hochsaison. Im Sommer und während der Weihnachtszeit essen die Schweizer am meisten Chips“, erklärt der 37-Jährige. Alan Bachmann ist in Schaffhausen in Buchthalen aufgewachsen und lebt mit seiner Familie nun in Flaach. Er hat seine Lehre bei Knorr (heute Unilever) zum Lebensmitteltechnologen gemacht, die Berufsmaturität absolviert und schliesslich Lebensmittelingenieur studiert. Bei Zweifel ist er seit 12 Jahren, hat dort seine Frau kennengelernt und tatsächlich gehört das Chips essen zu seinem Beruf. Allerdgins anders, als man denkt. Was beim Meeting am Montag so locker aussieht, ist eigentlich eine Degustation, welche der Qualitätssicherung dient. Später zieht sich das Entwicklungs- und Produktionsteam in einen Konferenzraum zurück und beurteilt ausgewählte Test-Chips nach Geschmack, Backfarbe, Salzigkeit und weiteren Kriterien.

Fussball-Chips schon fertig

Bei einer Führung durch den Betrieb erklärt Bachmann, dass jährlich 20 000 Tonnen Kartoffeln verarbeitet werden und zeigt, wie sie gewaschen, geschnitten, frittiert und schliesslich gewürzt werden. Zwischendurch probiert er immer wieder von den frischen Chips und sagt: „Davon kann man einfach nicht genug kriegen.“ Sein Job ist allerdings nicht nur Vergnügen, sondern sehr anspruchsvoll. Sein Team sucht neue Geschmäcker für die Chips. Dafür muss er Trends aufspüren und weit vorausplanen. Die Chips für die nächste Fussball-EM 2020 sind schon fertig und derzeit läuft die Planung für 2021. Die Frage drängt sich auf, ob eigentlich jeder Geschmack machbar wäre. Kann Alan Bachmann beispielsweise Pommes Chips mit Toblerone- oder Lasagne-Geschmack auf den Markt bringen? „Crazy darf es sein, aber natürlich muss das in Zusammenarbeit mit der Marketingabteilung und unseren Kunden passieren“, so Bachmann. „Wir haben beispielsweise Graneo- oder die Vaya-Linie entwickelt.“ Letztgenannte sind Chips, die nicht frittiert sind und dem Wunsch nach gesünderen Snacks entsprechen. Verworfen wurden Ideen für Chips der Geschmacksrichtung Ahornsirup mit Speck oder Cordon-Bleu, um zwei ausgefallene Geschmacksrichtungen zu nennen.“ Als er zurück ins Büro kommt, liegen auf seinem Tisch bereits neue Chips, die er testen soll. „Es ist ein Traumjob, denn ich war schon immer ein Chipsfan“, sagt er stolz. Er räumt aber auch ein, dass man nicht nonstop Pommes-Chips essen könne. „Chips sind kein Grundnahrungs-, sondern ein Genussmittel. Ein Snack. Bei einer ausgewogenen Ernährung liegt auch ab und zu ein Sack Chips drin. Keine Frage, Alan Bachmann ist glücklich mit seinem Job. „I love Paprika“ werde er sich zwar nicht auf den Arm tätowieren, er möchte aber noch lange bei Zweifel bleiben und ist selber gespannt, welche Geschmacksrichtungen für die Schweizer Chipsfans er noch heraustüfteln wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 20.12.19.

Bundeshaus-Besuch 2019

50 Lernende der BM2-Abteilung besuchten am Dienstag das Bundeshaus in Bern.

Am frühen Morgen ging’s los Richtung Bundeshauptstadt. Die 50 Lernenden der BM-Abteilung reisten zusammen mit Geschichtslehrer Luc Hardmeier ins politische Zentrum der Schweiz.

Bild oben: Gruppenfoto mit Aline Trede in der Mitte.

Bild unten: Die Lernenden im Ständeratssaal.

Zunächst genossen die Besucher eine Stadtführung durch Bern, das erfreulicherweise sonnengeflutet die Gäste empfing. Nach Nationalbank, Zytglogge und Co war es sodann Zeit für das Bundeshaus. Zunächst empfing Nationalrätin Aline Trede unsere Schüler und Schülerinnen. Sie war fünf Jahre als Nationalrätin tätig und angesichts des grünen Wahlerfolgs vom 20. Oktober eine spannende Diskussionspartnerin. Mit Frische, Bestimmtheit aber auch Humor erklärte Aline Trede den Zuhörern ihre Positionen. Danach ging es auf eine Führung durchs Bundeshaus, bei welcher die Gäste auf den Plätzen des National- und Ständerates Platz nehmen durften. Selbstverständlich wurden dabei nicht nur Fragen beantwortet, sondern auch das eine oder andere Selfie für Social Media geschossen.  Beim Besuch im Bundeshaus konnten die Lernenden Politik nicht nur verstehen, sondern auch erleben. Fazit: Ein spannender Tag für alle Beteiligten. Was will man mehr?

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Mit der Blechtrommel gegen die Nazis

Beim Stück «Die Blechtrommel» überzeugte Schauspieler Michael von Burg die Zuschauer im Schaffhauser Stadttheater, kritisierte jedoch den Autor des Werks, Günter Grass. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Mit der Blechtrommel gegen Faschismus. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

SCHAFFHAUSEN. «Das war eine Monsterleistung », befand eine Zuschauerin am Mittwochabend im Schaffhauser Stadttheater. Soeben war das 140-minütige Stück zum Roman «Die Blechtrommel» von Günter Grass zu Ende gegangen. Autor Oliver Reese und Regisseur Markus Keller hatten es geschafft, das 800-seitige Buch dem Schauspieler Michael von Burg auf den Leib zu schneidern. Dieser bestritt als One-Man-Show den Abend und verblüffte das Publikum. Seine Rolle des Oskar Matzerath,
der mit seiner Familie die Machtergreifung der Nazis und den Krieg erlebt, kam mit wenig Requisiten, aber mit viel Pathos aus. Als Dreijähriger erhält der kleine Oskar eine Blechtrommel,mit welcher er beispielsweise einen Marschrhythmus der Nazis mit einem Walzertakt durcheinanderbringt. Aus seiner naiven, kindlichen Sicht erzählt er, wie in der kleinbürgerlichen elterlichen Welt der Vater zu Hitlers Parteigänger wird. Oskar weigert sich, während der Hitlerzeit zu wachsen. Das könnte man als Verweigerung der deutschen Bevölkerung deuten, die Verantwortung oder moralische Schuld für die Verbrechen der Nazis zu übernehmen. Das ganze Stück zielt kritisch auf die Nazizeit und trommelt gegen das Vergessen und das Leugnen der Schuld. Das Buch ist nicht zuletzt deshalb als Jahrhundertwerk und Klassiker bezeichnet worden.

Grass und die Waffen-SS

Doch darf man sich in der heutigen Zeit noch über ein Werk von Günter Grass freuen? Der Autor gestand 2006, in der Waffen-SS gewesen zu sein und warf damit einen dunklen Schatten auf seine Rolle als moralische Instanz der Nachkriegszeit. Er wurde unter anderem aufgefordert, seinen Nobelpreis zurückzugeben. «Das hat mich extrem beschäftigt », sagte Schauspieler Michael von Burg im Publikumsgespräch nach der Vorstellung. «Ich bin politisch mit Günter Grass nicht einverstanden, aber der Roman gefällt mir dennoch enorm», sagte er. «Ich finde, die Biografie von Grass und die Frage, ob er ehrlich war, muss an einer anderen Stelle als auf der Bühne diskutiert werden.» Im Verlauf des Gesprächs verriet von Burg auch, dass er fast drei Monate brauchte, um den Text auswendig zu lernen und vor der Vorstellung in Schaffhausen ein bisschen Angst hatte: «Es ist zwar für mich ein Heimspiel, aber ich hatte das Stück einen Monat nicht mehr gespielt.» Die Angst, einen Satz zu vergessen und aus dem Text zu fallen, sei wie ein Ritt auf einem wilden Pferd. Man müsse höllisch aufpassen, damit man die Zügel nicht verliere. Kein Problem, denn Michael von Burg beherrschte den störrischen «Blechtrommel»-Gaul vorzüglich. Mord, Sex und Brausepulver sorgten für einige Ausrufezeichen, doch schlussendlich war weder die Vergangenheit von Grass noch die Zerstörung mehrerer Blechtrommeln auf der Bühne entscheidend: Am beeindruckendsten war die Leistung des Schauspielers.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 8. November 2019.

«Gönnjamin» wird nicht Jugendwort 2019

Die „offizielle“ Wahl wurde durch den Verlag abgesagt.

Einmal im Jahr gehört die deutsche Sprache den Jugendlichen. Der Duden wird ordentlich aufgepimpt. Swag und Kreativität statt verstaubte Begriffe dominieren die Diskussion. «Yolo», «Babo» und «Ehrenmann/Ehrenfrau» waren nur einige der sprachlichen Mixturen, welche die Wahl des Jugendwortes in der Vergangenheit hervorgebracht haben.

Organisiert wurde die Wahl jeweils vom Langenscheidt-Verlag, der dazu gleich das passende Jugendslang-Lexikon namens «100 Prozent Jugendsprache» herausbrachte. Eine Mischung aus Wettbewerb, Spass, Pausenhof und Marketinggag, die sehr bekömmlich schmeckte.

Spannend war auch immer wieder, welche Wortkreationen es nicht aufs Podest schafften. Da war beispielsweise «Lauch», für einen Menschen, der nicht sonderlich muskulös ist, «Alpha-Kevin» für den König der Deppen oder der Ausdruck «Niveaulimbo», wenn die Messlatte für ein vernünftiges Gespräch ständig tief und tiefer gesetzt werden muss.

2019 jedoch wird den Sprachfans ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die Wahl zum Jugendwort findet nicht statt. Schuld ist schlussendlich aber nicht nur Langenscheidt, sondern eine Umwälzung in der Verlagslandschaft. Und das kam so: Im Frühling hat der Pons-Verlag (gehört zur Klett-Gruppe) das Haus Langenscheidt aufgekauft bzw. übernommen. Der Zeitpunkt war für die Jugendwort-Abteilung unglücklich, denn das neue Lexikon war natürlich noch nicht fertig. Pons hat sich noch nicht entschieden, ob sie das Jugendslang-Nachschlagewerk weiterführen will und deshalb derzeit die Pausentaste gedrückt.

Online gibt es einige Seiten, die trotzdem zu einer Wahl aufrufen und Vorschläge entgegennehmen. Dabei ist beispielsweise das Wort „Gönnjamin» aufgetaucht. Ein Ausdruck für jemanden, der es sich gut gehen lässt und das Leben geniesst. Er «gönnt» sich des Öfteren auch den Besuch in einschlägigen Fastfood-Etablissements, feierte die Nacht durch und auch seine Brieftasche sitzt ziemlich locker. «Verchillt» und glücklich geht er durch den Tag. Ein «Gönnjamin» eben. Eins der Online-Votingportale wurde allerdings gehackt und die Organisatoren beendeten danach ihre Wahl.

Scheint fast so, als ob 2019 die Wahl unter einem schlechten Stern steht. So wirklich fehlen werden Begriffe wie «Gammelfleischparty» als Bezeichnung für eine Ü-30-Party oder «Speckbarbie» für eine dicke Frau in zu engen Kleidern zwar niemandem, aber trotzdem war es eine herrliche Gelegenheit, um über die Sprache nachdenken zu können. Man darf gespannt sein, ob 2020 der Pons-Verlag wieder grünes Licht gibt und Gönnjamin oder ein anderer Ehrenmann sodann vom Podest lächeln darf.

Von Hermann-Luc Hardmeier.

Politiksatire kombiniert mit dem Hüftschwung von Elvis

Der Schweizer Komiker und Kabarettist Bänz Friedli fühlte am Samstag im Stadttheater den Politikern auf den Zahn. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Bänz Friedli war der Star des Abends, trotz Pappaufsteller von Elvis. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Bild: Michael Kessler).

Ein riesiger Pappaufsteller von Elvis Presley thronte auf der Bühne. Auf einem Beistelltischchen waren die Brille des King of Rock’n’Roll bereitgelegt, aber auch das Lieblingsgetränk Pepsi des Musikers und eine Flasche Bier. Der Star des Abends kam jedoch nicht aus Memphis, Tennessee, sondern war gebürtiger Berner, nun aber wohnhaft in Zürich. Mit Elan und Energie schritt Bänz Friedli auf die Bühne das Publikum. Wenn er von Elvis sprach, dann nannte er ihn immer „Den King“. Geschickt setzte er Pointe um Pointe, die er jeweils thematisch mit einer kurzen Liedzeile von Elvis abschloss. „Was würde Elvis sagen?“, war das Motto von Friedlis Programm. Und dies wurde den Besuchern des Stadttheaters immer wieder vor Augen geführt. Trump war für ihn „Nothing but a Hounddog“ und SVP-Nationalrat Andreas Glarner ein „Devil in Disguise“. Wenn er davon sprach, wie die Menschheit mit den Ressourcen der Welt umgehen, dann war man nicht nur im „Jailhouse“, sondern bereits mit einem Bein im „Irrenhaus“. Wer nun erwartete, dass der Kabarettist den ganzen Abend über die Bühnenshows von Elvis und die neusten Erkenntnisse zu seinem mysteriösen Todesfall spekulieren würde, hatte sich jedoch getäuscht. Bänz Friedli ist ein sehr politischer Mensch, der mit offenen Augen und einer giftig-satirischen Zunge durch die Welt geht. Elvis ist für ihn ein Idol. Ein Dalai-Lama oder Nelson Mandela der Rockmusik. Doch auch der Vergleich hinkt. Eigentlich sieht er ihn eher als griechischen Philosophen wie Aristoteles, dessen Songzeilen man auf die heutige Weltpolitik anwenden konnte. Friedlis Kritik traf die Frisur vom englischen Premierminister Boris Johnson genauso wie Donald Trumps Haltung zur Weltpolitik oder die Elektrobus-Pannenserie in Schaffhausen. Auch Thomas Minder oder Christian Amsler gerieten ins Visier des 54-jährigen. „Warum reisst Bundespräsident Ueli Maurer nach Saudiarabien?“, beschäftigte den Künstler genauso wie sein Besuch an der Schaffhauser Herbstmesse. Gekonnt imitierte er Werbedurchsagen von Herbstmesse und im Lipopark. Schliesslich kam er auf den Besuch von Ex-Fifaboss Sepp Blatt beim FCS zu sprechen. „Ihr wisst schon, dass der überall auf der Welt Stadionverbot hat? Aber bei euch ist er Ehrengast?“ Die Besucher konnten herzhaft darüber lachen, dass man ihnen den satirischen Zerrspiegel vorhielt. Eine erfrischend kritische Sicht auf die Geschehnisse in der Munotstadt und in der Weltpolitik, kombiniert mit dem Hüftschwung von Elvis. Zwischendurch gab es auch Seitenhiebe gegen die Digitalisierung, „erlebnisorientierte Fans“ (Hooligans) und Rentner im Zug. Als Bänz Friedli zum Schluss „Love me tender“ anstimmte. Sangen viele Gäste im Stadttheater mit. Das hätte Elvis sicherlich gefallen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.