Der Schweizer Sheriff des Dancehalls trotzte dem Regenguss

Dancehall am Schaffhauser Festival „Stars in Town“ sorgte für Feuer auf der Tanzfläche. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Der Zürcher Sänger Phenomden hatte eine schwierige Aufgabe zu meistern: Bei anhaltendem Regen sollte er die Besucher am «Stars in Town» am Freitagabend in gute Stimmung versetzen. Zum Glück ist seine Musik dafür bestens geeignet.
Die knalligen Dancehallklänge gepaart mit seiner gemütlichen Stimme
sorgten sofort dafür, dass man das Gefühl hatte, bei prallem Sonnenschein
an einem karibischen Strand zu stehen. Songs wie «Roots», «Stah da» oder «Nume drum» sorgten mächtig für Stimmung unter den Besuchern. Im Gepäck dabei hatte er
aber nicht nur Klassiker, sondern auch sein neues Album namens «Franco Nero», mit welchem er das Publikum nicht nur nach Jamaika, sondern auch in den Wilden Westen der 60er-Jahre entführte. Das Album ist eine Hommage an den
Schauspieler Franco Nero, der als Django mit seinem Revolver für Furore
in den Italo-Western sorgte. Im wilden Galopp steigerte Phenomden
das Tempo und führte mit Hits wie «Dance im Olivenhain» oder dem Titelsong
des neuen Albums musikalisch nicht nur einen Bankraub durch, sondern machte mit dem Publikum auch im Saloon einen ausgiebigen Halt. Die Basler Band The
Scrucialists unterstützte ihn dabei grossartig und powervoll. Phenomden
tanzte begeistert auf der Bühne mit und gab der Munotstadt sogar
einen Kosenamen: «Schaffhi, ich liebe euch. Ich bin immer gerne
hier.» Den Regen hatte er besiegt und die Tanzfläche hatte er gekonnt entzündet.
Unter grossem Applaus ritt der Schweizer Sheriff des Dancehalls nach seinem Auftritt in den Sonnenuntergang von der Bühne.

Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. August 2023.

Berliner Hip-Hop-Partykanone bringt den Herrenacker zum Beben

Rapper Sido liess es am Freitagabend am «Stars in Town» musikalisch deftig krachen, kritisierte jedoch auch die notorischen Handy-Filmer. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Sido in Action am „Stars in Town“ in Schaffhausen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Bild: Melanie Duchene)

«Schaffhausen, habt ihr Bock auf ein bisschen Hip-Hop?», begrüsste Sido mit viel
Energie die Besucher auf dem Herrenacker. Tausende Augenpaare waren auf ihn gerichtet, als er mit einem DJ und zwei Backgroundsängern loslegte. Im stylischen
Outfit mit Sonnenbrille, blauer College-Jacke und seinem grau melierten Rauschebart
animierte er die Besucher von Anfang an bei «Fuffies im Club» die Arme in die
Luft zu strecken und kräftig mitzubouncen. Rote und weisse Lichter zuckten durch
die Nacht, und über den Köpfen der Gäste stieg die eine oder andere süsslich duftende Rauchwolke in den Himmel. Sido kritisierte, dass viele den Auftritt filmten, anstatt selber mit den Augen zu schauen. Damit hatte er die perfekte Überleitung zu
«Bilder im Kopf» gestrickt. Mit diesem Hit war der Damm gebrochen, und der Tanz
auf dem Partyvulkan kannte kein Halten mehr. Sido legte nach und dirigierte bewusst
die Eskalation auf der Tanzfläche. Er teilte die Menge in eine «laute» und eine
«schöne» Seite und liess sie gegeneinander antreten, um den Refrain des nächsten Liedes zu singen. Ruhigere Songs wie «Der Himmel kann warten» sorgten für eine
kurze Verschnaufpause, bis der Berliner wieder kräftig aufs Gaspedal trat. Seine
Texte sind unterhaltsam und gesellschaftskritisch. In Kombination mit dicken Beats
und eingängigen Melodien wirkte sein Zaubertrank elektrisierend auf die Gäste
und brachte den Herrenacker zum Beben.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. August 2023.

Theaterkritik: „Der Richter und sein Henker“ – Die schmutzigen Tricks von Kommissär Bärlach

Am Dienstagabend überzeugte im Stadttheater die Aufführung von Friedrich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» mit Witz, Charme und einem Bühnenbild, das nur auf den ersten Blick langweilig erschien. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Gibt es das perfekte Verbrechen? Wenn es nach Gastmann geht, dann ist diese Frage mit «Ja» zu beantworten. Der finstere Bösewicht des Stückes in «Der Richter und sein Henker» wettete einst mit Kommissär Bärlach darum, dass er vor den Augen des Polizisten einen Mord begehen könne, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Er sollte recht behalten, doch Bärlach sann nach Rache. 40 Jahre später geschah ein Mord am Polizisten Ulrich Schmied, der offenbar als verdeckter Ermittler bei Gastmann eingeschleust war. Zusammen mit dem ehrgeizigen Polizisten Tschanz startete Bärlach seine Untersuchungen. Dabei wurde der Protagonist vom Wachhund, einem schwierig zu beschreibenden Ungeheuer, angegriffen. Tschanz rettete ihm das Leben, indem er das Tier tötete. Das Buch von Dürrenmatt ist eine Persiflage auf den Kriminalroman und nahm deshalb immer wieder unerwartete Wendungen. Schmieds Mörder war offenbar Polizist Tschanz selber. Sein Motiv: Eifersucht auf den beruflichen Erfolg von Schmied. Um seine Spuren zu verwischen und jemand anderes den Mord anzuhängen, tötete er sodann Gastmann. Aber: Bärlach hatte insgeheim als vermeintlicher Richter alles so geplant und Tschanz als Henker für seine Pläne benutzt. Kein Wunder freute sich der Kommissär zum Schluss riesig über seinen Sieg in der Wette. Doch diese erinnert stark an den Pakt zwischen Gott und dem Teufel in Goethes Klassiker «Faust», bei welchem auch das Gute gegen das Böse antrat. Nur hatte Dürrenmatt das Ganze umgedreht: Bärlach erschuf keine Gerechtigkeit, sondern übte Rache. Der Ermittler ist eigentlich kein «Guter», sondern hat sich auf die finstere Seite des Gesetzes geschlagen. Passend dafür war auch das Bühnenbild, welches die undefinierbare Bestie darstellte, welche Bärlach angegriffen hatte. Zunächst war man als Zuschauer enttäuscht, weil nach dem Tod des Tieres das Bühnenbild nutzlos und etwas langweilig erschien. Doch bei genauerem Betrachten erkannte man im mehrköpfigen Wuschelknäuel eine literarische Parabel auf das ganze Stück. So unfassbar wie das Äussere des Tieres waren in der Geschichte auch die Begriffe gut, böse, Wahrheit oder Gerechtigkeit. Das Altonaer Theater hatte die Inszenierung mit viel Witz und Charme sowie gutem Tempo umgesetzt. Man durfte gespannt den Ermittlungen folgen oder über Dürrenmatts groteske Ironie lachen. Tschanz als Henker und Bärlach als Chefplaner und Richter blieben zum Schluss ungestraft. Das sorgte für hitzige Diskussionen und einen gelungenen Theaterabend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 16. März 2023.

Jamaikanische Sommerparty mit zwei Überraschungen

Am Sonntagabend trat die 78-jährige Reggaelegende Max Romeo in der Kammgarn auf. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier.

Bei Sonnenschein und Reggaeklängen vom DJ-Pult stimmten sich die Gäste am Sonntagabend auf der Kammgarnterrasse auf den Konzertabend in der Aktionshalle ein. Kein Geringerer als Max Romeo hatte zu seiner grossen Abschiedstournee geladen. Unterstützt wurde der Jamaikaner dabei im Vorprogramm von zwei Sängern, welche dem Publikum kräftig einheizten. Droop Lion eröffnete den Abend mit gemütlichem und doch mitreissendem Sound. Der Sänger überzeugte mit einer extrem souligen Stimme und einer unglaublichen Energie auf der Bühne. Abgelöst wurde er von Lutan Fyah, der mit knackigen Beats die gute Stimmung der Gäste weiterführen konnte. Mit einem Countdown von 10 rückwärts gezählt klatschten die Besucherinnen und Besucher sodann den Hauptact des Abends auf die Bühne. Der 78-jährige Max Romeo, der mit seinen Hits wie «Chase The Devil» ein Dauerbrenner an jeder Reggaeparty ist. Der ältere Herr wirkte zunächst etwas verloren auf der Bühne, doch das änderte sich schlagartig, als er das Mikrofon ergriff. Unterstützt von seiner neunköpfigen Band verwandelte er sich in einen Power-Opa mit musikalischem Superman-Kostüm. Die Stimme war satt, stark und sicher. Mit einer grossen Wucht seines gesanglichen Talents riss er die Gäste mit. Die musikalische Reise fühlte sich an wie eine gemütliche Fahrt mit einem Weidling an einem sonnigen Tag auf dem Rhein. Max Romeo hatte die Sonne der Karibik nach Schaffhausen gebracht und liess sie mit Genuss in der Kammgarn scheinen und die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer erwärmen. Die Band supportete Maxie Smith – wie Max Romeo mit bürgerlichem Namen heisst – tatkräftig und der Künstler hatte auch eine Überraschung im Gepäck. Genauer gesagt sogar zwei: Seine Tochter Xana und sein Sohn Azizzi wurden auf die Bühne gebeten und beide gaben nacheinander ein Minikonzert, das begeisterte. Keine Frage, das Talent haben sie von Max Romeo geerbt. Dass der Familienbonus ihnen nun beim Ankurbeln ihrer Solokarriere hilft, würde man ihnen sicherlich gönnen. Max Romeo erhöhte das Tempo mit seinen Hits wie «One Step Forward” und “War Ina Babylon». «Are you ready?», wollte er schliesslich wissen und jeder im Saal merkte, dass nun die Zeit für den Überhit «Chase The Devil» gekommen war. Es wurde getanzt und lautstark mitgesungen. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht und die gemütliche Weidlingsfahrt schien in einen jamaikanischen Tsunami geraten zu sein. Unter grossem Applaus verabschiedeten die Gäste Max Romeo. Er ging ohne Zugabe, doch wer will es der 78-jährigen Legende verdenken, dass er etwas früher Feierabend machte und seinen verdienten Ruhestand genoss.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Dienstag, 23. Mai 2023.

Ein wilder Tanz auf dem Ska-Vulkan

Am Samstagabend spielten am «Rude & Rebel Ska – Fest» vier Bands und brachten die Sommerhitze in die Kammgarn. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier.

«Ich freue mich echt auf den heutigen Abend. Da ist soviel Nostalgie in der Luft, dass ich Gänsehaut bekomme», sagte ein Besucher am Samstagabend in der Kammgarn. Die Ska-Szene in Schaffhausen war früher in den 2000er Jahren sehr lebendig und brachte viele Bands wie «Pete Bamboo» oder «Plenty Enuff» auf die hiesigen Bühnen. Das «Rude & Rebel Ska – Fest» liess am Wochenende nun diese Zeit wiederaufleben und brachte nicht nur die Musik, sondern auch die Partygänger von damals wieder an die Baumgartenstrasse.

Gelungene Überraschung

Den musikalischen Start machte die Schaffhauser Band «The Slobbers». Die sechs Musiker waren stylisch eingekleidet mit weissen Hemden und schwarzen Krawatten oder Kleidung mit dem typischen Ska-Muster aus schwarzen und weissen Vierecken. Sie spielten, fröhlich, unbeschwert und powervoll, wie wenn ein Schmetterling in eine Starkstromleitung geflogen wäre. «Wir sind die beste Ska-Band aus Schaffhausen», rief Sänger Mathias Muggli in die Menge und fügte augenzwinkernd an: «Und mittlerweile wahrscheinlich auch die einzige.» Die Band spielte Offbeat vom Feinsten. Ihr saftiger Mix aus Ska, Punk und Reggae mit knackigen Beats vom Drummer und lauten Gitarrenriffs brachten die Tanzschuhe zum Glühen. Das Tempo wurde gesteigert und gedrosselt. Einige Songs lockten zum Mittanzen und Mitfeiern, andere zum Geniessen. Der Höhepunkt des Auftritts war sicherlich, als die Combo eine Ska-Version von «Bloss e chlini Stadt» spielten und dabei einen berauschenden Musikcocktail präsentierten. Der Schaffhauser Rapper Sherpa hatte dabei einen Gastauftritt und zeigte, dass Rap und Ska sehr gut kombinierbar sind. Die Überraschung war «The Slobbers» gelungen und sie ernteten dafür viel Applaus und Begeisterung.

Ironische und kitschige Texte

Nach diesem starken Start war es Zeit für die Band «Frau Doktor» aus Wiesbaden. Ihr satter Sound aus Soul, Rocksteady und Ska lockte die Gäste schnell wieder in die Halle, welche sich kurzzeitig in die Raucherpause nach draussen verabschiedet hatten. Das Highlight bei «Frau Doktor» waren ihre Texte, die sehr ironisch und teilweise auch absichtlich kitschig ausfallen. Die Truppe nahm sich selbst nicht zu ernst und sang etwa bei «Alte Männer» oder «Süsse Ska-Musik» über amüsante Alltagsbeobachtungen, die sie zu humorvoll absurden Geschichten verarbeitet hatten. Nach dem Auftritt ging plötzlich das Saallicht aus und das musikalische Intro machte klar, dass die Zeit für die Berner Band «Open Season» angebrochen war. «Schaffhausen, seid ihr ready für Rocksteady?», wollte Sänger Santosh Aerthott wissen und legte gleich los. «Open Season» beherrschten das Spiel mit der Animation des Publikums perfekt. Die Hände wurden im Takt geschwenkt, der Refrain oder spezielle Textzeilen mitgesungen oder der Saal ging kollektiv in die Hocke, um sodann aufzuspringen. Der Ska der Band war mit Elementen von Popmusik gemischt. Dies war eine gute Abwechslung zu den ersten zwei Bands und sorgte für unglaublich gute Stimmung im Saal.

Schnellzug ohne Bremsen

Wer bis jetzt noch nicht mitgefeiert hatte, wurde nun mitgerissen. Die Kammgarn verwandelte sich in eine karibische Sauna mit sommerlichen Temperaturen. Zum Schluss hatten sich die Organisatoren des Abends einen speziellen Leckerbissen aufgespart: «Nguru» aus Chur sorgte dafür, dass die Stimmung endgültig explodierte und zu einem Tanz auf dem Vulkan wurde. Wie ein Schnellzug mit defekten Bremsen gaben die Bündner Vollgas und rockten mit Skapunk los. Vor der Bühne wurde wilder Pogo getanzt und es schien fast, als wäre die Ska-Szene lebendiger denn je.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten am 24. April 2023.

Der Kuschelbär zeigte zwischendurch seine Krallen

Sänger Seven spielte am Freitagabend in der Kammgarn in Schaffhausen und erwärmte die Herzen der Zuhörer. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

„Schaffhausen, habt ihr Bock?“, wollte der Künstler Seven gleich zu Beginn seiner Show wissen und lauter Jubel von den fast 500 Besuchern schallte ihm entgegen. Die Stimmung in der Kammgarn war bombastisch. Den musikalischen Abend eröffnete Sängerin Chiara Castelli. Nur in Begleitung eines Gitarristen spielte sie ein musikalisches Set, das es in sich hatte. 2014 hatte die Musikerin als 14-Jährige bei „The Voice Kids“ mitgemacht und ist nun erstmals auf Tournee mit Seven. Mit ihren Songs wie „No time to cry“ oder „Road Runner“ überzeugte sie mit ihrer wunderbaren Stimme die Besucher. Nach ihrem Auftritt wurde die Kammgarn ganz dunkel. Vor der Bühne war ein riesiges weisses Tuch gehängt und nur eine Keyboarderin war zu sehen. Seven begann zu singen, doch der Star des Abends war nirgends zu erblicken. Plötzlich verriet ein grelles Scheinwerferlicht seinen Standort auf der Treppe inmitten des Publikums. Gemütlich spazierte er unter grossem Beifall Richtung Bühne. Die Überraschung war mehr als gelungen. Nun fiel auch der Vorhang und die siebenköpfige Band kam zum Vorschein. Die Stimmung unter den Besucherinnen und Besuchern war ausgesprochen ausgelassen. Schon beim 1. Song wurde mitgeklatscht und mitgesungen. Es fiel Seven leicht, die Gäste zu animieren. Auf seine Initiative hin schwenkten sie die Hände über dem Kopf im Takt, lernten Salsa-Schritte und groovten zu seinen Klängen mit Hüftschwung. Die Musik war eine Mischung aus Funk und Rock. Sehr gemütlich, aber auch powervoll. Der Kuschelbär zeigte zwischendurch immer wieder seine Krallen. Seven hatte einen sehr sympathischen Auftritt und erzählte zwischen seinen Liedern immer wieder Anekdoten, die zum Schmunzeln verleiteten. Einmal übertrieb er es jedoch, als er vorrechnete, dass er das letzte Mal vor 11 Jahren in Schaffhausen war. Einzelne nicht ganz ernst gemeinte Buhrufe waren zu hören. Der Schlagzeuger intervenierte schnell und versprach: „Von jetzt an kommen wir wöchentlich.“ Die Harmonie war wieder hergestellt. Musikalisch war bei Seven auffällig, dass fast alle seine Songs auf Deutsch gesungen wurden. „Wenn man auf Deutsch singt, steht man splitterfasernackt da“, sagte Seven. „Es fiel mir lange nicht einfach, doch jetzt habe ich diesen zweiten Stift im Etui und geniesse es, ihn einzusetzen.“ Seinen Song „Seele“ spielte er sodann inmitten des Kammgarnpublikums. Dafür hatte er eine kleine Bühne auf der Tanzfläche eingerichtet und liess sich nur von der Keyboarderin begleiten. So nahe am Künstler zu sein, begeisterte die Gäste. Es folgte eine Reihe von ruhigeren Songs, bei welchen er unter anderem von seinem Bruder auf dem Cello begleitet wurde. Zum Schluss des Abends drehte Seven aber nochmals kräftige auf und bat auch Chiara Castelli nochmals zum Duett auf die Bühne. Seven schickte das Publikum sodann beschwingt und glücklich nach Hause.

Am 8. Mai 2023 erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ von Hermann-Luc Hardmeier.

 

Max Frisch komplett auf den Kopf gestellt

Das Theater Kanton Zürich veränderte am Dienstagabend in Oberstammheim das Stück Andorra von Max Frisch auf eine sehr kreative Art. Die brutalste Szene jedoch fehlte. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Der Schweizer Erfolgsautor Max Frisch hat mit Andorra 1961 ein Theaterstück geschrieben, das eine Messerscharfe Botschaft hat. Der Protagonist Andri gerät völlig unverschuldet in einen Tornado voller antisemitischer Vorwürfe und wird von der Gesellschaft als Jude abgestempelt und diffamiert. Die Geschichte endet schlussendlich mit seinem Tod. Andris Halbschwester versuchte seine Ermordung gegen den Widerstand der Andorraner zu verhindern und wird zum Schluss wahnsinnig. Mit Andorra ist nicht der echte Kleinstaat gemeint, sondern der Ort diente Frisch als literarische Parabel, um vor den Folgen von Antisemitismus, Mitläufertum und einer Unkultur des Wegschauens zu warnen. Vermutlich kritisierte Max Frisch mit Andorra das Verhalten der Schweiz im 2. Weltkrieg angesichts des Holocausts im Nachbarland. Auch Deutschland selbst könnte gemeint sein. Am Dienstagabend nun hatte das Theater Kanton Zürich im Schwertsaal in Oberstammheim eine neue Inszenierung von Andorra aufgeführt. Um es vorwegzunehmen: Max Frisch wurde dabei auf eine erfrischende Art und Weise komplett auseinandergenommen. Die Aufführung begann in einer Klinik oder in einem Krankenhaus, in welchem die verrückt gewordene Barblin als Patientin eingeliefert wurde. Um ihr Trauma zu verarbeiten, hat sie einen sonderbaren Plan: Mit dem Pflegepersonal spielt sie die Geschichte nach. Die Erzählung geschah also in einer Rückblende, in einem Theater innerhalb eines Theaters. Die Angestellten der Klinik übernahmen nun die Rollen der Andorraner und behandelten Andri genau so mies wie in der Ursprungsfassung von Max Frisch. Technisch wurde das vom Theater Kanton Zürich sehr spannend gelöst: Via Beamer wurde jeweils ein Bild mit Berufsbezeichnung und «normaler Kleidung» eingeblendet, welche Figur aus der echten Geschichte gerade dargestellt wurde vom Pflegepersonal. Zudem wurde eine weitere Metaebene eingebaut: Immer wieder wurden während der Aufführungen Filmausschnitte eingeblendet, welche die echte Story von Andrins Schicksal erzählen sollten. Diese Filmausschnitte waren im Stile von Medical Detectives abgedreht: Mit Zeugenaussagen, Statements von Polizisten und halbgaren investigativen journalistischen Ermittlungen. Der Zuschauer hatte daher eigentlich zwei Handlungsstränge und zwei Theaterstücke zu bewältigen: Die Filmausschnitte und das «Rückblende-Spiel» von Barblin in der Klinik. Diese Aufgabe war anspruchsvoll, hatte jedoch grossen Unterhaltungswert und forderte die Gäste kognitiv heraus. Die Medical-Detectives-Version hatte zudem den Vorteil, dass es die Zeitlosigkeit des Stückes unterstrich. Insgesamt war der Spagat zwischen Werktreue, Film und Schauspiel eine sehr kreative und innovative Umsetzung von Max Frischs Klassiker. Besonders gut gelungen daran war, dass man dabei auch die Männerbastion von Frisch geknackt hatte. Beim Original spielen Frauen keine wichtige Rolle. Das Theater Kanton Zürich hat jedoch Barblin ins Zentrum gerückt und liess sie die Geschichte erzählen. Einziger Kritikpunkt: Das psychisch brutalste Element von Andorra, die Judenschau, wurde weggelassen. Angesichts der Brutalität des Holocaust ist es fraglich, ob dieses zentrale und perfide Element fehlen darf. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Inszenierung von Andorra am Dienstagabend als kreativ, innovativ und absolut gelungen bezeichnet werden darf.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 30. März 2023 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Rock’n’Roll-Tornado wirbelt die Kammgarn auf

The Subways sorgten am Donnerstagabend im Schaffhauser Club „Kammgarn“ für ausgelassene Partystimmung.

Das Osterfest verbindet man normalerweise mit gemütlichem Zusammensitzen in der Familie bei Kaffee und Kuchen. Zusammen mit den Kindern sucht man die Osternester und viel mehr Bewegung als ein entspannter Osterspaziergang liegt oft nicht drin. Dieses idyllische Bild wurde am Donnerstagabend zum Osterauftakt jäh gestört. Laute E-Gitarren, ekstatische Schlagzeugparaden und wilde Songzeilen heizten durch die Kammgarn. Eskalation statt Chillout stand auf dem Programm. Den Auftakt machte die Combo „Velvet Two Stripes“ aus St. Gallen. Die vier Damen an den Saiteninstrumenten und der Herr am Schlagzeug fuhren schon beim 1. Song mit Vollgas durch die Kulturhalle. Die Gäste genossen das „einrocken“ für die Hauptband und liessen sich von der Energie der Band sehr gerne anstecken. Die Musik war eine Mischung aus Hypnose und Dampfhammer. Blues-Garage-Rock traf auf Riot Punk. Auf das Schweizer Blitzgewitter folgte sodann ein noch heftiger Rock’n’Roll-Tornado aus England. Mit der Begrüssung „Hoi Zämä“ überraschte der englischsprachige Frontmann Billy Lunn das Publikum und erntete gleich zu Beginn Applaus. Die Band startende krachend und steigerte sich im Verlauf des Abends immer mehr. Die Besucherinnen und Besucher kannten viele der Songs und sangen lautstark mit. Es wurde getanzt, getwistet und ausgeflippt. Animiert wurden die Gäste dafür vom Trio auf der Bühne, das selbst durch Headbanging, tanzen und mitfeiern die Power in den Saal schoss. Beim Song „California“ starteten die ersten Pogotänze und der Sänger rief glücklich in die Menge: „Schaffhausen, let’s go crazy!“. Die Band spielte einen Mix aus Indierock, Punkrock und Alternative Rock mit leichter Schlagseite auf Garage und anderen verwandten Stilen. Schlussendlich rissen sie die Kammgarn mit der Abrissbirne ein und feierten auf den Trümmern ein wildes Fest mit den Besucherinnen und Besuchern. Beim Lied „Kiss, Kiss, Bang, Bang“ wurde die Musiker eine kurze Zeit etwas besinnlich. Inhaltlich geht es um eine Person, zu der man eine starke Bindung verspürt und nicht aus dem Kopf wegzubringen ist. Und dies, obwohl man genau weiss, dass dieser Mensch keinen guten Einfluss auf einen hat. Zu den Lyrics dieser toxischen Beziehung hatte die Band einen fetzigen Song gezimmert, der für Partystimmung sorgte. Eigentlich ein Widerspruch, aber vielleicht genau darum ein gelungenes Lied. Zum Abschluss spielte die Band ihren Hit „Rock & Roll Queen“, der ihnen 2005 zum Durchbruch verholfen hatte und auch in der TV-Serie „The O.C.“ zu hören ist. Ein Gast stürmte dabei die Bühne und der Abend endete mit einer Stage-Diving-Einlage der Extraklasse.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 8.4.2023.

Plötzlich regnete es Zimtsterne von der Kammgarn-Decke

Am Samstagabend nahm die Sängerin Sina die Gäste mit auf eine gemütliche Reise durch ihr Chanson-Universum. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

«Sina ist einfach phantastisch», schwärmte eine Besucherin kurz vor Konzertbeginn am Samstagabend in der Kammgarn. «Niemand sonst singt so gefühlvoll wie sie.» Die Dame aus dem Publikum sollte recht behalten. Sina war ab dem ersten Song an der Baumgartenstrasse in ihrem Element. Sie brauchte keinen Starkstrom von der E-Gitarre oder ein Gewitter vom Schlagzeuger. Die ehemalige Rocklady mit der Löwenmähne ist mittlerweile 56 Jahre alt und scheint ständig auf einer gemütlichen Wolke zu wandeln. Mit ihrer siebenköpfigen Band nahm die Gäste mit auf eine Reise ins Weltall. Hätten die Astronauten bei der Mondlandung 1969 und beim anschliessenden Spaziergang schon Radio gehört, dann wäre Sinas Musik der perfekte Soundtrack für die Reise im Weltraum gewesen. Ihre Lieder luden zum Träumen ein. Planeten, Kometen, Sonnensysteme und ein ganzes Universum fanden in ihrem Rucksack Platz. Kein Wunder, denn die Walliserin macht seit 1983 Musik und hat bereits 15 Alben herausgebracht. Dabei waren viele Hits, Top-10-Platzierungen und sie gewann renommierte Preise wie beispielsweise den «Prix Walo». Begleitet wurde Sina am Samstagabend von bekannten Namen wie Adrian Stern oder Jean-Pierre von Dach an der Gitarre. Aber auch Gitarrist Martin Buess, Bassist Michael Chylewski, Schlagzeuger Arno Troxler und die Bläserfraktion mit René Mosele an der Posaune und Trompeter Dave Blaser unterstützten die Sängerin tatkräftig. Der Auftritt und die Klänge hatten am Samstagabend etwas Magisches. Obwohl bald der Frühling naht, hatte Sina eine Weihnachtsbäckerei eröffnet, in welcher es plötzlich musikalische Zimtsterne von der Kammgarndecke regnete.

Ihr aktuelles Album «Ziitsammläri» spielte am Samstagabend die Hauptrolle. Sie hatte es während der Corona-Pandemie geschrieben, weil sie aktiv gegen den drohenden kulturellen Stillstand ankämpfen wollte. Einer der schönsten und passendsten neuen Songs ist dabei «Fär wer soll i singu». Ursula Bellwald, wie Sina mit bürgerlichem Namen heisst, erzählt dabei von einem ganz besonderen Freund. Er war mit 40 Jahren an Demenz erkrankt und seine Erinnerungen waren immer mehr Zerfallen. Im Lied schafft es Sina, bei ihm einen Funken Erinnerung aufflackern zu lassen. Ein schönes Statement und eine noch schönere Reminiszenz. Ein guter Kontrast zu diesen besinnlichen Inhalten waren etwa Songs wie «T-Shirt», bei welchem sie ein besonders liebgewonnenes Kleidungsstück besang und es trotz Alterserscheinungen nicht hergeben wollte.  Sina hatte bei «Ziitsammläri» mit verschiedenen bekannten Autoren und Schriftstellern zusammengearbeitet. Beispielsweise mit Franz Hohler oder Sibylle Berg. Sie schrieben ihr die Texte und Sina wandelte sie sodann in ihre einzigartige Musik um. In der Kammgarn flogen Sina am Samstagabend die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer zu. Für einmal war Walliserdeutsch im Kulturclub am Rhein Amtssprache. Der Abend endete genauso harmonisch, wie er begonnen hatte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 6. März 2023.