„Ich gab der Bachelorette nur eine Chance von 0.1%“

Mario Osmakcic aus Rafz ist kein Softie. Bei der aktuellen Bachelorette-Staffel auf 3+ sagt er klar seine Meinung und erlebte deshalb in der Berufswelt eine Überraschung. Von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Derzeit noch im Rennen: Mario Osmakcic (Foto: Hermann-Luc Hardmeier)

„Der Typ hat mein Date gecrasht. Das fand ich voll daneben.“ Mario Osmakcic findet auch heute noch klare Worte, als er über seine Erlebnisse bei der aktuellen Bachelorette-Staffel spricht. Der Rafzer mit kroatischen Wurzeln musste seinen Platz am Frühstückstisch mit Bachelorette Adela räumen, weil Konkurrent Giusi eine Joker-Rose eingesetzt hatte. Auch mit markigen Sprüchen wie „Ich hatte Sex auf einem Kinderspielplatz“ und „Du gsesch mega schöns Kleid“ bei der ersten Begegnung mit Adela ist er aufgefallen. Doch im echten Leben ist Mario kein Mensch, der den Duden mit der Kettensäge bearbeitet oder hauptberuflich das weibliche Geschlecht reiheinweise in Ohnmacht fallen lässt. Er studiert Wirtschaftsinformatik an der ZHAW in Winterthur, arbeitet beim Coop an der Kasse und wurde im Alter von 14 Jahren Junior Schweizermeister im Tennis. Die Frage drängt sich auf: Wie kommt ein intelligenter Mensch dazu, bei der Trashsendung Bachelorette mitzuwirken? Sind bei Mario alle Sicherungen auf einmal durchgebrannt? „Nein, natürlich nicht“, lacht der 21-Jährige. Ein Kumpel hat mich aus Jux angemeldet. Als 3+ anrief, war ich total überrumpelt und sagte mir: Warum nicht. Ich bin jemand, der offen ist und sehr gerne auffällt. Das Unbekannte hat mich gereizt.“ In der Sendung polarisiert Mario. Einige finden ihn ultimativ witzig und vergleichen ihn sogar mit Ex-Bachelor Vujo Gavric. Andere empfinden seine Art als arrogant. Ein Beispiel gefällig? Adela: „Mario, hast du in der Schweiz überhaupt Zeit für mich?“. Mario: „Nein, eigentlich nicht.“

Hat Mario gewonnen?

Laut der Eigenwerbung von 3+ ist Adela mit 21 Kandidaten in Thailand, um ihre wahre Liebe zu finden. Wie sieht das bei Mario aus? Hat er sich in Phuket verzaubern lassen? Funktioniert Liebe auf Knopfdruck? „Ich gab der Bachelorette nur eine Chance von 0.1%. Ich war dann total überrascht, dass sie auch aus dem Balkan kommt, sehr hübsch und offen ist sowie eine mega Ausstrahlung besitzt.“ Hoppla, Mario, das klingt aber schon nach Schmetterlingen im Bauch. Hört sich schon fast ein wenig siegessicher an… „Ich darf laut Vertrag nicht verraten, wer gewonnen hat oder ob ich am kommenden Montag rausfliege. Aber ein bisschen verliebt habe ich mich schon.“ In einem Nebensatz fügt der 1.90 Meter grosse Sportler noch an: „Aber sie ist schon ein bisschen klein für mich.“

Selfies auf der Strasse

Was ist eigentlich echt in der Sendung? Was ist inszeniert? Laut Mario geben die Produzenten den Kandidaten vor den Dates Tipps für Gesprächsthemen und machen Vorschläge. „Es ist aber nichts gescripted.“ Man könne frei reden und theoretisch auch „Stopp“ sagen. „Das macht aber niemand.“ Zudem lassen die vielen Cocktails in der Sendung erahnen, was noch mitspielt. „Ich war zu Beginn sehr nervös wegen der Filmerei. 2-3 Schlückli vor dem Dreh lockern uns jeweils die Zunge. So entstehen auch einige der Kultsprüche der Kandidaten“, erinnert sich Mario amüsiert. Kritik fürchtet er dafür keine: Mich kann man gar nicht negativ darstellen. Und wenn, dann ist‘s mir Pipegal. Presse ist Presse.“ Der Student ist nun ein B-Promi. Er wollte auffallen, das hat er geschafft. In Rafz und schweizweit kennt ihn fast jeder. Unbekannte machen Selfies mit ihm auf der Strasse und seine Fangemeinde auf Instagram wächst. Zwischenstand:         20 000 Follower. Während dem Interview kommen 10 neue dazu. Leben kann er vom Ruhm jedoch noch nicht. Aber an seinem letzten Bewerbungsgespräch erlebte er dann doch eine Überraschung: „Ratet mal, was der Personalchef mich als letztes gefragt hat“, schmunzelt Mario. „Sind sie nicht…?“ Die Bewerbung ist noch offen. Ob Mario am Montag rausfliegt oder am Schluss gewinnt, übrigens auch.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 26. Mai 2018.

Patrice katapultierte die Zuhörer an die gemütlichen Strände Jamaikas

Reggae in Schaffhausen, das bedeutet nach wie vor: Gute Laune auf Knopfdruck. Schon bei den ersten Klängen des DJ-Teams „Silly Walks Discotheque“ begannen die Gäste in der Kammgarn zu tanzen. Gemütlich kreisten die Hüften und bei den bekannten Refrains wurde bereits kurz nach Türöffnung mitgesungen. Die Zuschauer waren somit perfekt eingestimmt, als kurz vor elf der Star des Abends die Bühne betrat. Im ersten Moment war da eine kleine Enttäuschung. Patrice kam nicht mit Band, sondern die DJs waren weiterhin für das musikalische Fundament zuständig. Im zweiten Moment rückte dies jedoch wieder in den Hintergrund. Patrice zog mit seiner einzigarten Stimme die Zuhörer so in den Bann, dass man sich sofort auf der Reise an die karibischen Strände von Jamaika befand. Patrice sang auf Englisch und Patois, zur Begrüssung fiel er aber kurz aus seiner Rolle: „Schaffhausen, was geht ab?“ , wollte er wissen und ein begeisterter Jubel kam ihm entgegen. Eigentlich kommt der Künstler aus Deutschland, lebte aber auch schon in Paris und New York. Zehn Alben und diverse Hitsingles darf er sein eigen nennen. Spannend ist nicht nur seine Musik, sondern auch sein bürgerlicher Name. In voller Länge heisst der Künstler Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams. Während Gaston der Vorname seines Vaters ist, bedeutet der afrikanische Name Babatunde so viel wie Wiedergeburt. Er kam nämlich exakt am Tag auf die Welt, als sein Grossvater starb. Patrice schliesslich bezieht sich auf den kongolesischen Freiheitsheld Patrice Lumuba. Am Samstagabend kamen die Fans von Livemusik schliesslich doch noch auf ihre Kosten. Nach einigen Liedern griff Patrice zur Gitarre und spielte ohne DJs mehrere Stücke. Dies war eine gute Abwechslung zum Partysound und wirkte dank der sanften und eindringlichen Stimme des Künstlers druckvoll, dynamisch und harmonisch. Als er danach unterstützt von den Plattenlegern einstieg, riss es auch den letzten Gast aus den Socken. Es wurde gefeiert, gesprungen und mitgesungen. Die Dramaturgie des Abends war perfekt gelungen. Vom gemütlichen Reggae steigerte Patrice das Tempo bis hin zum fiebrigen Dancehall. Hie und da mit Jazz oder HipHop-Elementen gewürzt, ergab das eine brodelnde Partysuppe, die vorzüglich schmeckte. Genau ein Jahr nach der ausverkauften Wahnsinnshow von Gentleman hatte die Kammgarn erneut die Hütte zum Schwitzen und Feiern gebracht. Patrice spielte im Juli 2008 im musikalischen Vorprogramm für den Auftritt von Barack Obama an der Berliner Siegessäule vor mehr als 200 000 Menschen. Angesichts der Euphorie, die er auslöst, hätte es nicht verwundert, wenn die Fans von Obama, angestachelt vom Reggaekünstler, anstatt „Yes we can“ gleich auch noch „Yes we dance!“ gerufen hätten. Patrice war damals natürlich nicht zufällig ausgewählt worden. Der Künstler äussert sich in den Songs und in Interviews immer wieder politisch. Nationalismus hat er einmal als „Müll“ bezeichnet. „Man darf stolz sein auf eigene Leistung, ja. Aber nicht darauf, irgendwo geboren zu sein.“ Zudem erschien 2008 sein Song „Dove of Peace“, in welchem er die Politik von George W. Bush kritisierte. In der Kammgarn war die Politik an diesem Abend jedoch nicht auf der Bühne, sondern kuschelte sich fidel am karibischen Strand auf einem Liegestuhl und schlürfte vergnügt einen kühlen Cocktail. Bob Marleys Philosophie „One love, one heart, one destiny“ und „Love the live you live“ waren das Motto des Abends. Patrice hatte die Fähigkeit, das Publikum zu verzaubern und schickte sie nach seinem gelungen Konzert begeistert nach Hause.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 30. April in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Flöten-Folter, Unterleibsprobleme und Beuteschemen im Skilager

Am Freitagabend trat die Schaffhauser Comedian und Bloggerin Pony M. in der ausverkauften Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Hallo, hoi! Es ist so schön, zuhause zu sein!“ Pony M. begrüsste die Kammgarn herzlich und erhielt gleich zu Beginn begeisterten Applaus vom vollen Haus. Seit sie 2013 ihr Leben über den Haufen geworfen hat und ihren Job als Psychologin an den Nagel hängte, ist viel passiert. Mit über 64 000 Followern auf Facebook und ihrem Blog auf Watson zählt sie heute zu den erfolgreichsten Bloggern der Schweiz. Derzeit ist sie mit ihrem Programm „Dini Muetter“ auf Tournee und zeigte in der Kammgarn einen Querschnitt durch ihr Werk. Pony M. alias Yonni Meyer erzählte aus ihrer Vergangenheit, gab Alltagsbeobachtungen zum Besten, philosophiert und garnierte ihre scharfzüngigen Kommentare mit einer kräftigen Portion Humor. „Was macht einen echten Schweizer aus?“, war einer der ersten Fragen, die sie in den Raum warf. Sie bediente nun nicht etwa Klischees wie Käsefondue und Jodelvereine, sondern sprach über Skilager, Schulausflüge ins Technorama und Blockflötenunterricht. Sie gestand wildromantische Gefühle für einen der damaligen Lagerleiter. „Hmm, er ist wohl heute 60. Er war damals mein Beuteschema. Heute bin ich möglicherweise seins“, resümierte sie lakonisch. Die Zuhörer schwelgten in Erinnerungen und kugelten sich vor Lachen, als sie detailliert über verkochten Riz Casimir, lauwarmen Sirup aus der Thermoflasche und das Blockflötenspiel an Weihnachten im Familienkreis sprach. Die akustische Flöten-Folter beschrieb sie in allen Details. „Ich litt, die Zuhörer litten und auch die Blockflöte. Manchmal frage ich mich, wie es in so einem vollgespuckten Holzkörper wohl aussieht?“

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Bild: Evelyn Kutschera

Herr Kunz und sein Koffer

Die Lesung des Abends fand auf zwei Ebenen statt. Einerseits wurden viele Geschichten aus ihrem Zyklus präsentiert, andererseits bestimmte die Story des Geschäftsmannes Herr Kunz die Show. Dieser hatte seinen Koffer beim Flug verloren und mutierte ohne Handy sowie Laptop gezwungenermassen zum Offline-Abenteurer. Häppchenweise erfuhr das Publikum über die ganze Vorstellung verstreut, wie es Herrn Kunz ergangen war. Eins der Highlights des Abends waren sicherlich auch ihre Beobachtungen im Mikrokosmos Krankenzimmer. Welche typischen Menschen trifft man im ärztlichen Warteraum? Heiteres Gelächter brach aus, als Pony M. über den „Plauderi“, den „Google-Hypochonder“ und die „Telefoniererin“ sprach. Letztgenannte spricht mit leiser Stimme und geheimen Codes über Beziehungskrach und Unterleibsprobleme. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen erahnen die Zuhörer vieles. Leider zu viel. Pony M. sorgte nicht nur für amüsante Unterhaltung, sondern forderte auch zum Perspektivenwechsel auf. „Vielleicht sind Fünflieber perverse Münzen, die von dir am Selecta-Automaten gerieben werden wollen. Vielleicht wollen die Ramseiers mal etwas anderes, als grasen gehen. Beispielsweise ins Alpamare. Und vielleicht spricht Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht unheimlich langsam, sondern wir alle einfach unheimlich schnell.“ Man hätte gerne noch lange zugehört, doch Herr Kunz hatte sich mittlerweile mit seinem Offline-Leben angefreundet. Er genoss sein analoges Dasein und verzichtete zukünftig auf die geschäftliche Erreichbarkeit in seiner Freizeit. Vielleicht war dies eine der Hauptbotschaften von Pony M. für die Besucher. Wir haben ein schönes Leben. Aber es würde nicht schaden, die Augen zu öffnen und uns mehr mit anderen Menschen, anstatt mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8.Mai 2018.

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Und so fand Pony M. meinen Bericht. Besten Dank, ich fands auch einen superstarken Abend!

Wohl die amüsanteste Pause in der Geschichte des Stadttheaters

Die Satirekünstler Mike Müller und Viktor Giacobbo legten sich am Donnerstag im Stadttheater auf die Therapiecouch. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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(Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ihr seid kein Publikum, ihr seid bloss Gaffer!“ Mit markigen Worten ging Mike Müller in der zweiten Halbzeit auf die Gäste im Stadttheater los. Und Viktor Giacobbo ergänzte: „Ihr seid schuld daran, dass wir uns nicht mehr vertragen.“ Die Köpfe waren rot, die Stimmen laut und die Therapie der zwei Schauspieler schien kurz vor dem Scheitern. Doch was hatte zu diesem Eklat geführt? Am besten gehen wir der Reihe nach. Von 2008 bis 2016 flimmerte acht Jahre lang am Sonntagabend die Satiresendung Giacobbo/Müller auf SRF in die Wohnzimmer. Plötzlich war Schluss. Die zwei Künstler waren befreit und hatten nun Zeit für neue Projekte. Doch auf ihrer „Therapy Tour“ erzählen die zwei eine ganz andere Geschichte. Mit Dominique Müller von der fiktiven „Darsteller und Mimengesellschaft“ arbeiten die Satire-Rentner an ihrem Comeback auf der Theaterbühne. Damit ihnen der Verband diese Neuorientierung gestattet, sind sie zu Therapiesitzungen mit Dominque Müller verpflichtet. „Mike hat derzeit nur eine provisorische Betriebsbewilligung, und Viktor mussten wir mit der Spitex herbringen lassen“, scherzte der Therapeut über seine Patienten. Völlig ratlos standen die zwei vor dem Publikum, weil ihnen ihre Bürostühle von ihrer alten Sendung nach dem Betreten der Bühne nicht zur Verfügung standen. Als Mike sodann auch seine geliebte Kaffeemaschine nirgends finden konnte, verlor er die Fassung. Müller und Giacobbo nörgelten solange herum, bis ihnen der Therapeut nicht nur die Originalstühle aus der Sendung, sondern auch die Kaffeemaschine vor die Nase stellte. 1:0 für die Schauspieler. Doch es sollte nicht der letzte Streich des selbsternannten Mediziners gewesen sein. Dani Ziegler, der musikalische Sidekick aus der Sendung, brachte seine zwei ehemaligen Chefs aus der Ruhe. „Nur wegen deiner ewigen negativen Einstellung habe ich zugenommen“, warf ihm Mike Müller vor. Doch der Bassist war in Höchstform. Ziegler schwärmte von seinem Soloprogramm und liess sich ausgiebig über die Marotten seiner Ex-Bosse aus. In kleinen Portionen schlüpften Giacobbo und Müller in ihre Kultrollen Fredy Hinz, Toni Brunner und Hanspeter Burri. Sie stritten, debattierten und sorgten für viele Lacher im Verlaufe des Abends. Die zwei stärksten Momente der Show waren sicherlich, als sich die zwei Schauspieler schlagfertig den Fragen der Zuschauer stellten und als sie die ganze Pause durchspielten. Kaum einer im Publikum wagte aufzustehen. Denn jeder, der ein Getränk holen oder aus WC gehen wollte, wurde gnadenlos und scharfzüngig ins Visier genommen. Das war wahrscheinlich die amüsanteste Pause, die es jemals im Stadttheater Schaffhausen gegeben hat. Ob die zwei ihre Bühnenlizenz schlussendlich erhalten haben und ob die Therapie geglückt ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. April 2018.

 

Keine braven Fischstäbli, sondern bissige Piranhas

Am Samstag fuhr die Band Hecht mit ihrer Kawasaki durch die Ohren der Besucher in der ausverkauften Kammgarn. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Voll, voller, ausverkauft! Auf ihrer aktuellen Tour spielt die Mundartpop Band in elf Städten und bei jedem Konzert gehen die Tickets weg wie frisch gebackene Schoggigipfeli. Es gab fast kein Durchkommen mehr im Saal, als die Vorband „Landro“ am Samstagabend die Bühne betrat. Der 20-jährige Frontmann und sein DJ rappten sich in die Herzen der Zuschauer und krönten den Auftritt mit dem Song „Holunderblüetesirup“, der derzeit die Charts rauf und runtergespielt wird. Dann wurde es sehr, sehr dunkel. Mit Blitzlicht, unter lautem Gekreische und Applaus stürmten die fünf Hecht-Musiker auf die Bühne. „Alles, was ich mir wünsche, ist auf der Bühne der Kammgarn zu sterben. Wir sind sehr glücklich hier!“, sang Stefan Buck und heizte damit gleich von Beginn an ein. Es war unglaublich, welche Energie und Power die Formation verströmte. Wie auf Knopfdruck herrschte eine begeisterte Stimmung im Saal. Schon beim 2. Song „Oh Boy“ fragte Stefan Buck rhetorisch: „Wie lange braucht es, bis man in Schaffhausen Stagediving machen kann?“ Die Antwort wartete er gar nicht erst ab. Er sprang in die Menge und wurde auf den Händen von der Bühne bis in die Mitte des Saales und wieder zurück getragen. Während seiner Surfaktion auf den Partytatzen sang er indes unvermindert weiter. Die Band hat eine harmonische Kombination von sanfter Stimme, eingängigem Keyboard, knackigem Schlagzeug und fetzenden Gitarrenriffs, kombiniert mit sonoren Bassschwingungen, die in die Hüfte gehen. In Schaffhausen sind die Musiker zudem keine Unbekannten. 2013 spielten sie noch in familiärer Vertrautheit am Openair Grüschfang in Hallau. Dann kam 2015 ihr Riesenhit „Adam + Eva“ und sie wurden nach ihrem nationalen Durchbruch 2016 ans „Stars in Town“ gebucht. 2018 werden sie erneut am Openair auf dem Herrenacker auftreten. Der Mundartpop von Hecht trifft offenbar den Nerv der Zeit. Er ist weder patriotisch noch ländlich angehaucht, sondern erzählt in einer frischen Art und blumigen Sprache über Liebe, Beziehungen, das Reisen und den Alltag. Die Texte sind eingängig und reissen jeden locker vom Hocker. Hecht sind keine braven Fischstäbli, sondern eher bissige Piranhas. Auf der Bühne in der Kammgarn gaben sie nonstop Vollgas. Sie animierten die Gäste zum Mitklatschen, zum Tanzen im Takt von links nach rechts, zum Kauern auf dem Boden und zum energetischen Aufspringen und Ausflippen. Mehrfach verliessen die Musiker die Bühne und spielten inmitten des Publikums. Ihre Hits Seespringen, Radio Beromünster und Gymnastique erklangen. Nach einem Sololauf von Keyboarder Daniel Gisler näherte sich der Abend dem Siedepunkt. Bei der Zugabe brodelte der Saal, als der Hit Kawasaki erklang und die Band tauchte für einen Song auf einer Minibühne beim Lichtpult auf. „Kammgarn, den letzten Refrain singen wir alle zusammen, bis die Hütte vibriert“, forderte Stefan Buck von der begeisterten Menge. Es regnete Konfetti von der Decke und unter euphorischem Applaus bedankten sich die Besucher für den bombastischen Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. April 2018.

Der Durst von Dr. Ginger ist immer noch gross

Vor genau einem Jahr starteten zwei Schaffhauser in Benken mit der Produktion ihres eigenen Likörs. Der Absatz ist mittlerweile reissend. Das Wachstum verursachte aber auch Probleme. Von Hermann-Luc Hardmeier.

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Prost! Patrick Stauffacher und Blerton Gashi haben genau vor einem Jahr damit begonnen, ihren eigenen Ingwer-Likör namens Dr. Ginger herzustellen. Damals noch in der WG in Benken und unter enormen Zeit- und Materialaufwand. Am ersten Produktionstag stellten sie lediglich zwei Flaschen her und haben sie im Verlaufe des Abends mit Kollegen gleich selber getrunken. Das süsse Getränk mit scharfem Abgang begeisterte. Eine Geschäftsidee war geboren. Patrick Stauffacher hat früher Partys in der Munotstadt sowie im Raum Zürich organisiert und konnte seine alten Kontakte nutzen, um das Getränk in der hiesigen Gastronomie zu verankern. (Die SN berichtete darüber am 22. Juli 2017). Pro Woche wurden bald zwanzig Flaschen hergestellt.

Explosion im Dezember

„Wir hatten das Weihnachtsgeschäft total unterschätzt“, erzählt Sanitär Blerton Gaschi, der immer ein bisschen zur Zurückhaltung bei der Produktion mahnte. Doch er sollte sich irren. Durch Medienberichte und der Präsenz auf Social Media wurde der Volg, die Landi und die Falkenbrauerei auf die zwei Braumeister aufmerksam. Zudem bereisten sie verschiedene Weihnachtsmärkte. Nun ging es Schlag auf Schlag. Falken hatte die bestellten 60 Flaschen in rund 24 Stunden verkauft und verlangte Nachschub. Auch im Volg und in den Schaffhauser Baren stieg der Durst. Die Eltern von Stauffacher und Gashi schnippelten im Akkord Ingwer und der halbe Kollegenkreis der zwei half bei der Produktion mit. Mittlerweile verarbeitete Dr. Ginger 140 kg Ingwer pro Monat. Und als wäre das nicht genug, meldete sich auch noch der Lebensmittelinspektor. Der Dezembersturm machte klar, dass Dr. Ginger expandieren und professionalisieren musste. Doch wie sollten sie das anstellen?

Von der Milchzentrale zum Grosshandel

„Da kam ich ins Spiel“, freut sich Robin Schmanau, der bei Unilever und Biotta gearbeitet hat und Lebensmitteltechnologe ist. Er beriet seine langjährigen Freunde Stauffacher und Gashi mit seinem Fachwissen. Nun mieteten die drei zur Herstellung des Zauberwässerchens die alte Milchzentrale in Benken. Grossvater Stauffacher legte den Boden für das neue Hauptquartier und wieder halfen viele Freunde mit, damit die Ostschweiz von Dr. Ginger beliefert werden konnte. Der Lebensmittelinspektor segnete die Produktionsstätte ab, reglementierte jedoch auch eine Obergrenze für die Produktion. Von Dezember bis März wuchs die Herstellung um das Fünffache an. „Manchmal war das nicht mehr lustig“, erklärte Stauffacher. „Ohne die tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden wäre das Projekt gescheitert.“ Es gab auch Rückschläge wie ein Tank, der 60 Liter des Likörs auf den Boden anstatt in die Flaschen abfüllte. Doch dann sorgte ein neuer Deal für Herzkammerflimmern: Rio, die grösste Getränkemarkt-Kette der Schweiz, meldete sich. „Der Chef schickte uns ein euphorisches Mail, nachdem wir ihm eine Degustationsflasche hatten zukommen lassen“, freut sich Stauffacher. „Ihr habt mit Dr. Ginger den Vogel abgeschossen“, stand da zu lesen und der Handel war perfekt. Genau ein Jahr nach Produktionsstart beginnt am 28. März der Verkauf in allen 34 Filialen von Rio Getränke. Ein wichtiger Schritt, den die drei Freunde ganz wie in alten Zeiten mit einer eigenen Party names Bartek im Cuba Club einen Tag später feiern. Mit diesem Auftrag ist die Milchzentrale nun definitiv zu klein und Dr.Ginger muss sich nach einem grösseren Produktionsraum umsehen. Um die Schnapsidee mit dem scharfen Abgang wird es auch in Zukunft nicht leiser werden. Denn an Ideen mangelt es nicht.

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Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 29. März 2018.

Sobald die ersten Funken sprühten, herrschte Explosinsgefahr

Mit einer deftigen Portion Punk’n’Roll versetzten die Bands Peacocks und Monsters am Samstag das Konzertlokal Kammgarn in Tanzstimmung. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Am Samstagabend wurde die Hitparade am Galgen aufgeknüpft. Nichts mit Mainstream, nichts mit Rock und Pop, der aus dem Radio dudelt. Die Peacocks und die Monsters hatten ihre Rock’n’Roll-Stiefel dabei und marschierten auf dem Trommelfell der Zuhörer, bis auch der letzte ein lässiges „Oh yeah!“ schrie und auf die Tanzfläche stürmte. Es knallte so deftig in den Ohren, dass Elvis und Little Richard am liebsten euphorisch aus dem Grab gesprungen wären. Den Anfang machte die Berner Combo „The Monsters“. Die vier Musiker hatten mit weissem Hemd, schwarzer Krawatte und rotem Sakko ein stylisches Outfit dabei, das an die Auftritte von Bill Haley in den 1950er erinnerte. Doch bei den Monsters hiess es nicht „Rock around the clock“, sondern sie starteten gleich von Beginn an die musikalische Motorsäge. Laut, heftig, powervoll, mitreissend. Der One-Riff Trash Rock, wie sie ihre Musik nennen, riss dem Publikum mit Schwung den Teppich unter den Füssen weg. Hauptverantwortlich dafür war die Energie der zwei Schlagzeuge, die im Zentrum der Bühne standen. Sie teilten sich zwar eine Bassdrum, aber das Inferno der Drumsticks prasselte und knallte im Doppelpack aus den Boxen. Nachdem das Ungeheuer die Gäste aufgeweckt hatte, war es Zeit für den Hauptact des Abends: Die Peacocks! Die Band mit Wurzeln in Winterthur und Schaffhausen hat seit ihrer Gründung 1990 mit ihrem Mix aus Rockabilly und Punk den Erdball gleich mehrfach umrundet. Sowohl in Japan als auch in den USA waren sie auf Tour und kehren immer wieder gerne in die Munotstadt zurück, wo ihre ersten Konzerte stattfanden. Ohne zu übertreiben lässt sich sagen: Das Trio hat Feuer unter den Füssen und Kerosin in den Instrumenten. Sobald die ersten Funken sprühen, lauert die Explosionsgefahr auf der Bühne. Lässig mit schwarzen Hemden und Elvis-Frisuren traten die Gentleman-Punker auf die Bretter vor das Publikum. Man merkte, dass es brodelte. Mit Knall und Schmackes donnerten die Drums und fetzten die Riffs. Die Leute, tanzten und feierten. Ein Eyecatcher war Simon Langhart, der mit seinem riesigen Kontrabass den Herzschlag der Band befehligte. Als er richtig in Fahrt kam, tanzte er mit seinem Instrument wie mit einer Lady. Normalerweise ist ein Kontrabass ja so manövrierfreudig wie ein Kreuzfahrtschiff, aber bei den Peacocks ging das schwungvoll und elegant übers Parkett. „Mögt ihr noch?“, wollte Sänger Hasu Langhart immer wieder wissen. Das Publikum liess keine Müdigkeit erkennen und twistete sich die Seele aus dem Leib. Es wurde Zugabe um Zugabe gefordert. „Wir hatten sehr viel Spass. Das war ein tolles Heimspiel“, bilanzierte Peacocks-Drummer Jürg Luder nach dem Konzert im Interview. Und Monsters-Frontmann Beat-Man Zeller ergänzte: „Auch wir fanden es geil, aber wir hätten gerne noch viel lauter gespielt.“

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 6. März 2018.

Sturm und Drang in Schaffhausen

Am Konzert von “Palko!Musik” im Konzertlokal “TapTab” in Schaffhausen brannte die Luft. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Ach, hurra und ojemine. Hätte Baptiste Beleffi, der Sänger von Palko!Muski, in der Zeit von 1767 bis 1785 gelebt, wären vielleicht diese Worte aus seinem Mikrophon gekommen. Damals beherrschten die jungen Genies wie Schiller und Goethe die Kulturszene der Sturm und Drang-Epoche. Es war eine Zeit, in welcher man seinen Gefühlen freien Lauf liess. Man lebte im Moment, kostete ihn aus und genoss ihn mit jedem Atemzug. Genau diese Einstellung legten auch die Musiker von Palko!Muski am Freitagabend im TapTab auf das Parket. Der Saal war ausverkauft, die Stimmung aufgeheizt und die Musiker verloren keine Zeit mit Begrüssung oder einer Vorstellungsrunde. Die Schaffhauser Band existiert seit zehn Jahren und ist bekannt für ihren einzigartigen Powersound namens Gypsy-Disco-Polka-Rock. Eine Mischung, die jedes noch so müde Tanzbein zu Höchstleistungen animiert. Die Refrains sind so konzipiert, dass man meint, ein russischer Matrose hätte sie geschrieben. Und zwar erst, nachdem er zwei Flaschen Vodka auf ex getrunken hatte. Es durfte mitgegrölt und mitgejohlt werden. Die Schlagzeugrhythmen peitschten durch den Raum, das Akkordeon liess die Seele hüpfen und der Sänger sprang von einer Ekstase in die nächste. Goethes Werther schrieb seiner Lotte die feurigsten Liebesbriefe. Schillers Räuberhauptmann Karl Moor genoss das Banditenleben in vollen Zügen. Mit einem ähnlichen Tatendrang, stets den Moment zelebrierend, agierte auch Baptiste Beleffi auf der Bühne. Er riss sich das T-Shirt vom Leib und präsentierte sich dem Publikum mit nacktem Oberkörper sowie einer unmöglichen Kombination von Turnhose, Stiefeln und langen Strumpfhosen aus rotem Samt. Er sprang auf seinen Keyboardstuhl, rannte durch das Publikum auf die Treppe und im nächsten Augenblick surfte er auf den Händen der Gäste als Stagediver durch den Saal. Der Höhepunkt des Abends war erreicht, als er auf die Säule mitten auf der Tanzfläche geklettert war und von dort oben mit seinen Songs die Besucher zum Feiern antrieb. Palko!Muski sorgten im proppenvollen TapTab einmal mehr für eine euphorische Partystimmung und Schweiss, der von der Decke tropfte. Wären Goethe und Schiller unter den Gästen gewesen, hätten auch sie kompromisslos bis in die frühen Morgenstunden mitgefeiert.

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 19. Februar 2018.

Ein Krawallbengel, den sich so mancher wünscht

Am Samstagabend wurde das Theater zum Kultbuch „Tschick“ in der Mehrzweckhalle Trüllikon aufgeführt. Eine Theater- und Buchkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Rattatatam, Rattatatam. Die Bildschirme auf der Bühne zuckten und man hörte ein Maschinengewehr laut knattern. Der 14-Jährige Maik spielte ein Ballergame, während sich seine Eltern im Hintergrund stritten. Maik ist ein ganz normaler Teenager. Er hat die üblichen Probleme. Die Schule interessiert ihn nicht. Er ist verliebt in ein Mädchen seiner Klasse. Aber er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Und plötzlich taucht Tschick auf. Der neue russische Mitschüler ist ein Rebell. Er ist Ausländer, erscheint betrunken im Unterricht und schert sich einen Deut darum, was der Lehrer sagt. In den Sommerferien muss Maiks Mutter in die Entzugsklinik für Alkoholiker. Der Vater nutzt die Zeit für eine Affäre mit seiner Sekretärin. Maik hat sturmfrei und genau da klingelt Tschick an der Tür. Er schlägt vor, mit einem gestohlenen, äh Pardon, geliehenen Lada einen Roadtrip zu unternehmen. Maik ist zunächst skeptisch, doch diese Reise wird sein Leben auf den Kopf stellen.

Hardmeier + Buch + Kritik

Bild: Das Kultbuch von Wolfgang Herrndorf. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Nebenfiguren als Herausforderung
Der Kultroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf ist eines der meistgespielten Stücke in Deutschland. Durch die Coproduktion des Theater Kanton Zürich und dem Theater Winterthur ist das Schauspiel nun auch in der Schweiz angekommen. Am Samstagabend fand die 14. Vorstellung der Bühnenfassung von Robert Koall statt. Diesmal in der Mehrzweckhalle Trüllikon. Es ist eine humorvolle und warmherzige Inszenierung, die von der starken Leistung der Schauspieler lebte. Allen voran stand Andreas Storm, der fünf Rollen gleichzeitig spielte. Vom Lehrer Wagenbach über das Kind Friedemann bis zur Sprachtherapeutin bot er eine breite Palette. Ob das nicht anstrengend sei, wollte die Schaffhauser Nachrichten von ihm nach dem Ende des Theaters wissen. „Die Personen auseinanderzuhalten ist nicht schwer“, so Storm. „Viel schwieriger ist das Management der Kleider, welche zu jedem Charakter gehören. Ich muss mir Backstage immer genau überlegen, was ich wohin hänge und in welcher Reihenfolge.“

Nicht pädagogisch-peinlich
Beeindruckend war auch die schauspielerische Leistung von Tschick und Maik. Sie sprangen, tanzten, schrien und turnten auf der Bühne, sodass man kaum genug davon kriegen konnte. Doch die Frage drängt sich auf: Warum fasziniert das Stück die Menschen? „Es ist eine zeitlose Geschichte über zwei Teenager“, erklärte Nikolaij Janocha alias Maik nach dem Auftritt. „Der Zuschauer wird nicht einfach unterhalten, sondern erinnert sich an die eigene Jugendzeit.“ Auf ihrer Reise beziehungsweise auf ihrer Odyssee treffen Maik und Tschick nicht auf lauter schlechte Leute, wie sie es erwarten. Im Gegenteil: Sie erleben einen Glücksmoment nach dem anderen und entdecken, was das Leben alles zu bieten hat. Sie philosophieren und Maik entwickelt sich zu einer starken Persönlichkeit, der sich selber zu schätzen weiss und die wahre Liebe findet. „Mir gefällt, dass es nicht so pädagogisch-peinlich ist“, unterstreicht Janocha. „Man kann sich in die Jugendlichen hineinversetzen.“ Zum Schluss wird Tschick noch mit einer faustdicken Überraschung aufwarten, die aber an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Doch auch in dieser Situation wird sich zeigen, wie warmherzig und reif Maik mit diesen Breaking News umgehen wird. Wolfang Herrndorf hat mit Tschick eine Figur erfunden, die das Beste in Maik erwecken konnte. Obwohl er auf den ersten Blick wie ein asozialer Krawallbengel wirkt, hätte sich den Lausbub mit dem gestohlenen Auto wahrscheinlich noch so mancher Zuschauer in seiner Teenagerzeit als Freund gewünscht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. Februar 2018.

Erfolg trotz Stolpersteinen

2014 hat der Schaffhauser Onlinehändler PCP.ch den drei Mal grösseren Steg Electronics gekauft. Das Abenteuer hätte auch schiefgehen können. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Der Goldfisch hat den Hai geschluckt“, titelte die Schaffhauser Nachrichten am 29. Oktober 2014. PCP.ch, neben Migros, Coop und Brack der mittlerweile 4. grösste Schweizer Onlinehändler für Elektronik, hatte einen Coup gelandet. Die Schaffhauser Firma kaufte den drei Mal grösseren Konkurrenten Steg Electronics. Damals war der PCP-Geschäftsführer Lorenz Weber guter Dinge und prophezeite, dass die bevorstehenden Stolpersteine in absehbarer Zeit aus dem Weg geräumt werden können. Auch Entlassungen waren keine geplant.

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Foto: Ein Teil des PCP.ch-Team (Leiter Kundendienst Marco Winzeler, Geschäftsführer Lorenz Weber und Peter Keller, Leiter Finanzen (v. l.).

 Eine Gefahr für PCP?

„Innerhalb von zwei Jahren wollten wir in die schwarzen Zahlen kommen“, so Lorenz Weber Doch es lief ein wenig anders, als vorgesehen. Steg Electronics schrieb bei der Übernahme dicke Minuszahlen und sollte mit den laufenden Kosten für Mitarbeiter, Filialen, einem zu grossen Lager mit veralteter Software, teuren IT-Kosten und teureren Extras wie etwa eine Standleitung für jede Filiale (Kosten pro Filiale pro Monat: 1000.-) für Kopfzerbrechen sorgen. Der Bankkredit konnte nicht so schnell zurückbezahlt werden wie geplant. Es gab Parallelstrukturen und, und, und. Kein Wunder waren auch viele Kunden unzufrieden. „Ich erhielt zeitenweise jede Woche eingeschriebene Briefe von zornigen Kunden“, so Lorenz Weber. Ein Kenner der Szene äusserte sogar die Befürchtung, die Übernahme von Steg könnte PCP.ch in der Existenz gefährden. Um bei der Metapher vom Aquarium zu bleiben: Hatte sich der Goldfisch am Hai verschluckt?

Faktor Zeit und Eurokurs

„Das ist stark übertrieben“, relativiert Lorenz Weber. „Wir haben uns nicht übernommen. Wir sind sehr genaue Rechner und wussten, wo wir finanziell stehen. Die Existenz von PCP.ch war zu keinem Zeitpunkt bedroht.“ Er gesteht aber doch auch einige Rückschritte ein: „Anstatt zwei brauchten wir drei Jahre. Und ja: Wir mussten auch Mitarbeiter entlassen.“ Der Hauptgrund, warum es nicht so rund lief, waren nicht nur die Altlasten der Firma, sondern auch der 2015 gestürzte Eurokurs (PCP verlor 20% des Gewinns) und der Zeitdruck (Stichwort: Parallelstrukturen).

Innovative Lösungen

Doch der Reihe nach: Lorenz Weber hatte mit seinem Team die Schwachstellen von Steg erkannt: Die IT-Software für die Onlinebestellungen wurde extern betreut und kostete 600 000.- im Jahr. Zudem waren das Lager und die Filialen nicht modern gemanagt und hatte zu Höhe Bestände. PCP.ch verfügt über eine selber programmierte Shop-Lager-Software, welche flink, agil und modern ist. Da sie aus dem eigenen Haus stammt, konnte man die externen Kosten einsparen. Das Lager von PCP und Steg wurden zusammengelegt und am Standort Schaffhausen ausgebaut. Neun Monate lang hiess es arbeiten und sanieren, sanieren und nochmals sanieren. „Ich bin dieser Zeit zum Sparweltmeister geworden“, erklärt Lorenz Weber. Er entdeckte auch immer wieder Leichen im Keller. Der Geschäftsführer von PCP und Steg ist kein Unmensch, aber er musste handeln, wollte er nicht mit dem Projekt eine Bruchlandung hinlegen. „Es macht keinen Spass, Mitarbeitern lieb gewonnene Privilegien wegzunehmen oder jemanden zu entlassen, weil wir Überkapazitäten in den Filialen und dem Lager hatten. Aber es ging nicht anders.“ Seit Sommer 2017 schreibt Steg wieder schwarze Zahlen. Und das macht Lorenz Weber sehr stolz. PCP.ch verzeichnet 100 Mio Umsatz pro Jahr. Der Goldfisch hat den Haifisch verdaut, wenn auch mit Bauchschmerzen. Nun fletscht er wieder die Zähne und hat mittlerweile einen weiten Onlineshop namens Techmania eingekauft. Die Erfolgsgeschichte von PCP.ch geht weiter.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 24. Januar 2018.