Mit Paukenschlag die Stadt geweckt

Am Donnerstagabend eröffneten zwei Bluesrock Bands die Street-Music-Saison in der Schaffhauser Safrangasse. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

„Ich freue mich extrem, dass es klappt. Wir wollen die Leute ermutigen, wieder auf die Gasse zu kommen“, sagte Mitorganisator Ronny Bien. Die Safrangasse füllte sich am Donnerstagabend schnell mit Zuschauern. Man sass an 6er-Tischen, fläzte sich auf Liegestühle oder machte es sich lässig an einem Bier nippend an einem Stehtisch bequem. Live-Music, anstossen und den Abend geniessen. Es schien fast so, als wäre man in die Zeitmaschine gesessen und in die Zeit vor Corona geflogen. Es war herrlich, den mief vom Homeoffice gegen den Charme von Livemusik einzutauschen. Zwei Bands unterhielten knapp drei Stunden mit bestem Bluesrock. Das war der Auftakt von insgesamt 18 Konzertabenden mit total 36 Bands. „Jetzt können wir voll durchstarten. Wir haben uns bewusst für einen Paukenschlag zum Beginn entschlossen“, freute sich Bien. „Wir wollen die Corona-Sorgen loswerden und wieder Leben in die Stadt bringen.“ Unter den 36 Bands ist fast jedes musikalische Spektrum abgedeckt. Es werden Lokalmatadoren aber auch gestandene internationale Acts spielen. Eine Newcomer-Band ist dabei und auch einige kleine Perlen finden sich. Beispielsweise ein ehemaliger FCS-Profifussballer, der das runde Leder gegen das Mikrophon eingetauscht hat. 22 der auftretenden Bands gehören zur Schaffhauser Bandunion, welche zusammen mit dem Cuba Club und dem Abaco den Event auf die Beine stellt.

Keine Jubiläumsfeier

Eigentlich wäre 2021 ein Jubiläumsjahr. Die Street-Music-Nights starten in die 5. Saison. «Wegen Corona können wir den 5. Geburtstag nicht richtig feiern, daher verschieben wir das auf das 10-jährige», scherzt Ronny Bien. Doch am Donnerstagabend ging es durchaus feierlich zu und her. Für einen besseren Klang war die Band an der Ecke Safrangasse/Stadthausgasse positioniert. Zu Beginn noch zaghaft, später wurde immer intensiver mitgeklatscht. Einige schwangen sogar das Tanzbein und hauchten dem Bermudadreieck wieder Leben ein.

Songs wie Kanonenkugeln

Den Auftakt machte die Weinländer Combo «Say it Loud!». Die Formation schien den Groove gepachtet zu haben. Ein Feuerwerk von Gitarrenklängen balanciert die Gäste durch das wummernde Meer von Bassriffs. Der Schlagzeuger hämmerte lässig den Takt und der Keyboarder sorgte für eine stürmische See. Jimmy Hendrix hätte vor Freude einen Luftsprung gemacht, wäre er an diesem Abend in der Safrangasse gestanden. Als die Stimmung dem Siedepunkt nahe war, übernahmen die Seebären von «Shaky Ground» das Ruder. Bei ihnen herrschte sehr starker Wellengang. Einige Songs fetzten den Zuhörern wie Kanonenkugeln aus den Rohren eines Piratenschiffs um die Ohren. Andere Lieder hingegen waren sanft wie eine milde Meeresbrise an einem gemütlichen Hochsommertag. Die Gäste forderten Zugabe um Zugabe. Es war schön zu sehen, wie Schaffhausen an diesem Abend kulturell erwachte und aufblühte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 5. Juni 2021.

„Poetryslam hat mir das Leben gerettet“

Am 1. Provinz-Slam in Andelfingen kämpften am Samstag sechs Poeten um den Siegerwhiskey. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der Sieger Jachen Wehrli mit dem Siegerwhiskey. Umringt von allen Teilnehmern und Moderatoren des Provinzslams. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es geht tatsächlich wieder los! Wir haben wieder Kultur in unserem Leben“, freute sich Moderatorin Rahel Fink. Zusammen mit Joël Perrin führte sie humorvoll durch den Abend. Sechs Künstler traten gegeneinander zum Poetryslam an. Beim Dichterwettstreit im Löwensaal in Andelfingen entschied das Publikum jeweils mit Applaus, wer eine Runde weiterkam. Das K.O.-System ähnelt jenem an einer Fussball-WM. Nur dass beim Poetenduell nicht mit Steilpässen, sondern mit gepfefferten Worten und verbalen Dribblings gegeneinander angetreten wurde.

Pinkelnder Hund

Im ersten Kampf trat der Langenthaler Valerio Moser gegen den Liestaler Dominik Muheim an. Valerio erzählte eine Story über einen Hund, der ihm scheinbar stundenlang ans Bein pinkelte. Während sich seine Hose mit Hunde-Urin füllte, sinnierte er über den besten Freund des Menschen. „Wie gemein es doch ist, dass die Menschen den Hunden Namen geben, welche diese selbst gar nicht aussprechen können.“ So beschloss der Poet kurzerhand, dem Vierbeiner einen eigenen Namen zu  geben. Bello, 500 Gramm Maroni oder Revolution standen zur Auswahl. Bei letztgenanntem Namen könnte man durch das Rufen nach dem Hund einen Staatstreich auslösen. Beim „500 Gramm Maroni“ hingegen gleichzeitig bestellen und das Tier zurückbeordern. Eine definitive Antwort blieb Valerio schuldig.

Dominik hatte ein ganz anderes Problem. Beim spontanen Babysitten wurde er mit der Aufgabe konfrontiert, die Kinder aufklären zu müssen. Er erinnerte sich zurück, dass seine eigene Aufklärung dank einem Schmudelheft während dem Altpapiersammeln passiert war. Das Publikum konnte sich nicht zwischen den zwei entscheiden. Und so schickte man sie als Zweiterteam zusammen ins Finale.

Kindergeschrei und Spaghetti-Sünden

Mia Ackermann aus St.Gallen trat nun gegen Gina Walter aus Basel an. Mia begeisterte mit einer absurden Story über ein Tram, dass sich bei starkem Regen plötzlich und unaufhörlich mit Wasser füllte. Gina hingegen konterte mit einer Liebeserklärung an ihr Leibgericht Spaghetti. Für die Halbitalienerin war klar: Wer Spaghetti schneidet, mit Ketchup isst oder sie als Nudeln bezeichnet, der ist ein „Sündenkevin“ oder ein „ehrenloser Sonnenstuhl-in-Mallorca-Reservierer“. Der Hunger der Gäste war geweckt und sie schickten Gina ins Finale. Die letzte Begegnung fand zwischen Jachen Wehrli aus dem Bündnerland und Martina Hügi aus Winterthur statt. Jachen setzte sich mit einem Text über die täglichen Familienfights mit seinen Kindern gegen das Arzttrauma von Martina durch. Sie gestand, dass sie sich heimlich in Arztpraxen schleiche, um im Warteraum zu schlafen. Neuerdings ist sie „polydoktorös“. Sie geht nun in eine Gemeinschaftspraxis. Jachen hingegen gab einen Tipp, wie man die gesamte Familie endlich wieder einmal zusammenbringt: „Einfach einmal den W-Lan-Stecker ziehen.“ Vor dem grossen Finale kam es sodann zu einer Überraschung: Der Andelfinger Musiker und Texter Urs Späti wurde auf die Bühne gebeten. Mit Badmintonschläger und viel Schwung erklärte er, dass ein Poetryslam ein reizvolles Kräftemessen sei. Allerdings auch ambivalent, denn der Spass und nicht der Wunsch auf einen Sieg solle im Zentrum stehen.

Poetryslam als Ausweg

Die Finaltexte waren allesamt stark. Gina breitete die Gefühlwelt der Riesenschildkröte „Lonesome George“ aus. Das Duo Valerio und Dominik berichteten über ihren Besuch an einer Weinmesse. Der Erlebnisbericht sowie der Slam endeten feuchtfröhlich. Da sie die Zeit überzogen hatten, wurden sie von den Moderatoren von der Bühne „weggekitzelt“. Jachen wählte nicht die humorvolle Schiene. Er berichtete über einen persönlichen Schicksalsschlag. Er hatte drei beruflich bedingte Burnouts. Klinikaufenthalte und dunkelste Gedanken inklusive. Erst seine Familien und das Texteschreiben konnten ihm helfen. „Poetryslam hat mir buchstäblich das Leben gerettet“, erklärte er nach seinem Auftritt. Er hatte damit die Besucher berührt und durfte den Siegerwhiskey zum Schluss in die Höhe stemmen. Der Abend zeigte die gesamte Bandbreite des Poetryslams und war ein grosser Erfolg. „Wir möchten diese Veranstaltung unbedingt wiederholen“, bilanzierte Rahel Fink. „Es wäre schön, wenn wir vielleicht drei Mal jährlich einen Provinzslam veranstalten könnten.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 31.05.2021

Eine Wundertüte mit klarer Botschaft zur Wiedereröffnung des Stadttheaters

Die erste Vorstellung im Stadttheater Schaffhausen nach der Coronapause verwirrte und begeisterte die Zuschauer zugleich. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Zugemüllt und vernebelt. Die Umweltverschmutzung und der einfluss des Menschen dabei wurden am Dienstag im Stadttheater Schaffhausen schonungslos angeprangert. (Fotos: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es ist toll und schön, dass wir wieder spielen können“, freute sich Kulturbeauftragter Jens Lampater auf die erste Vorstellung nach der Coronapause. Damit der Wiedereinstieg fulminant wird, hatte sich das Stadttheater dafür einen besonderen Leckerbissen ausgesucht. Ein Stück des Theaterensembles Ontroerend Goed unter der Leitung von Alexander Devriendt. «Mir gefällt an ihren Aufführungen, dass sie starke, eigenständige Stücke auf die Beine stellen und nicht einfach zum 37. Mal Shakespeares Sommernachtstraum oder Brechts Dreigroschenoper einspielen und vielleicht ein bisschen modernisieren», so Lampater. «Es ist konzeptionell und strukturell eine ganz andere Art von Theater.» Was das bedeutet, konnten die Schaffhauser bei den drei bisherigen Auftritten in der Munotstadt miterleben. Einmal errichtete das Ensemble ein Spielcasino auf der Bühne, bei welchen die Zuschauer an den Schalthebeln der Finanzmärkte mitwirken konnten. Einmal eine Abstimmungsarena, bei welchem Schauspieler in einem Knock-Out-System der Rhetorik zum Opfer fielen und ein anderes Mal erzählte die Theatergruppe die gesamte Weltgeschichte innerhalb von eineinhalb Stunden. Rückwärts wohlgemerkt. Kein Wunder waren bei diesen innovativen und partizipativen Ideen die fünfzig Tickets für die Aufführung schnell ausverkauft. Um was es genau ging, konnte man dem Programmheft nur ansatzweise entnehmen. Eine Wundertüte zur Wiedereröffnung der Theaterbühne. Das klang vielversprechend.

Seltsames Chaos

Zunächst begann das Stück unspektakulär. Einsam und alleine stand ein Baum auf der Bühne. Rot funkelnd und majestätisch baumelnd ein einzelner Apfel an einem Ast. Die Schauspieler bewegten sich seltsam rückwärts, verhielten sich teilweise kurios und sprachen ein seltsames Kauderwelsch. Selbst eingerostete Englischfans bemerkten schnell, dass dies nicht die versprochene Landessprache aus Grossbritannien war, welche man zu hören bekam. Der Baum auf der Bühne wurde misshandelt, Äste zerbrochen, ausgerissen und schliesslich wurde die Pflanze weggeworfen. Als wäre das noch nicht genug, regnete es bunte Abfallsäcke von der Decke und eine seltsame goldene Statue wurde in Einzelteile vor das Publikum geschoben und aufgerichtet. War das Dadaismus? Provokation? Oder einfach ein Chaos, welches hier vorgesetzt wurde? Die Zuschauer waren ratlos, bis es langsam dämmerte. Die Schauspieler sprachen rückwärts.

Plötzlich macht alles Sinn

Nach der Hälfte der Vorstellung trat eine Akteurin vor den Vorhang und sprach plötzlich in „normalem“ Englisch. Eine Leinwand wurde heruntergelassen und das ganze Geschehen auf der Bühne wurde über den Beamer ab Band rückwärts nochmals abgespielt. Jetzt machte auf einmal alles Sinn. Die goldene Menschheitsstatue wurde umgerissen, die bunten Abfallsäcke eingesammelt. Die Menschen verschwanden und übrig blieb nur der Baum. Es war in der Rückwärtsschau faszinierend, welche Details und Verhaltensweisen man übersehen hatte und nun verstand. Das Stück hatte jetzt auch eine klare Botschaft. Eine Parabel, die vor der Klimaerwärmung und die Zerstörung der Umwelt durch die Menschen warnt. Der Baum der Erkenntnis blieb übrig. Die Apokalypse und die Verschmutzung konnten zwar auf der Bühne rückgängig gemacht werden. Doch schaffen wir das auch im echten Leben? Der Auftakt in den Theatersommer ist dem Stadttheater damit nicht nur geglückt, sondern regte auch intensiv zum Nachdenken an.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Donnerstag, 6. Mai.

„Neuhausen hat mehr zu bieten als den Rheinfall“

Neuhausen kann man nun digital erleben. Das Ortsmarketing lanciert eine App, die eine ungewöhnliche Stadtführung ermöglicht. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Die Lokomotive auf dem SIG-Areal ist nur eine von zwölf Station der digitalen Stadtführung von Olivier Alther, Markus Bührer und Levin Germann (v.l.n.r.) (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wissen Sie, was die Neuhauser Bahnhofstrasse mit der Pariser Champs-Élysées gemeinsam hat und warum ein russischer Zar einst in Neuhausen übernachtete? Diese und andere Infos über die Rheinfallgemeinde gibt es mithilfe einer neuen App zu entdecken, die vom Ortsmarketing Neuhausen am Rheinfall initiiert wurde.

Doch der Reihe nach. Im Oktober 2020 trat Markus Bührer vom Ortsmarketing an die zwei Informatiker Levin Germann und Olivier Alther von der Explorial GmbH heran. Die zwei haben eine App mit verschiedenen Trails entwickelt. Jeder Trail entspricht einer Schweizer Stadt, in welcher virtuelle Führungen mit einem Rätselspass verknüpft werden. „Das Ziel des Trails Neuhausen ist es, die Leute zu bewegen, den Ort neu zu entdecken“, erklärt Markus Bührer. Dem Zeitgeist entsprechend sollte die Führung virtuell sein und sich ganz wesentlich von anderen Angeboten unterscheiden. „Es ging uns nicht darum, dass die Touristen mit der App die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten abklappern. Neuhausen ist mehr als nur der Rheinfall.“ Das Ortsmarketing beauftragte den Nachtwächter und Lokalhistoriker Martin Harzenmoser damit, den Inhalt der App auszuarbeiten. Es sollten historische Leckerbissen serviert werden, welche den Touristen und Einheimischen ein ganz anderes Erlebnis der Stadt ermöglichen. „Wir sind schon ziemlich stolz auf das Resultat“, so Markus Bührer. Auf 12 Posten in der Stadt verteilt gilt es, versteckte Schätze und Geschichten zu entdecken. Und Aufgaben zu lösen. Es geht thematisch um die Industrie, die Rebberge, den Fischfang, die Gastarbeiter und, und, und. Das abwechslungsreiche Gesamtpaket lockt mit historischen Informationen, aber unterhält auch mit Funfacts.

Stolperstein Distanz

Natürlich geht so ein Projekt nicht ohne Stolpersteine über die Bühne. Erstens galt es, neutral zu sein und nicht eine Firma oder einen Betrieb zu bevorzugen in der Auswahl der Sehenswürdigkeiten. Und zweitens ist die Grösse der Ortschaft durchaus ein Problem. „Spannend wäre natürlich nicht nur das Rheinfallbecken, sondern auch der Galgenbuck. Aber wir mussten Abstriche machen, damit wir eine kompakte Führung anbieten können“, so Markus Bührer. Die Führung sollte maximal zwei Stunden dauern und musste sich deshalb auf sehenswerte Objekte im Zentrum beschränken.“

Zündender Funke in Prag

Ohne Prag gäbe es die App wohl nicht. Darin sind sich die zwei Programmierer Olivier Alther und Levin Germann einig. 2018 sind die zwei mit einigen Freunden in die tschechische Hauptstadt gefahren. „Da uns eine gewöhnliche Stadtführung zu wenig interaktiv war, besuchten wir einen Escape-Room“, erklärte Olivier Alther. „Wir hatten grossen Spass, sahen aber nichts von der Stadt. Da entstand die Idee, man müsste doch beides kombinieren und in einer App anbieten können.“ Gesagt, getan. Im Sommer 2020 entstand das erste Quiz für die Stadt Schaffhausen und bis Ende 2021 soll ein gutes Dutzend Städte verfügbar sein. „Man muss Bilderrätsel lösen, schätzen, Texte schreiben und einiges mehr“, verrät Levin Germann. Alle Überraschungen will er aber noch nicht preisgeben.

Positiver Start

Die App ist seit wenigen Wochen verfügbar und scheint Touristen sowie Einheimischen gut zu gefallen. Trotz wenig Werbung wurde es bereits oft gespielt. Der Spagat zwischen Spass und Informationsvermittlung scheint gut gelungen. Die App bietet eine erfrischende Abwechslung zu einer herkömmlichen Stadtführung und an dieser Stelle eine Entwarnung: Der Rheinfall kommt natürlich auch vor.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Mittwoch, 28. April 2021. Von Hermann-Luc Hardmeier.

 

Im Maya-Tempel den Weltuntergang verhindern

Am Freitag öffnet in der Unterstadt ein Escape-Room seine Pforten. Dahinter stecken zwei Studenten, welche von den Besuchern Grips und Teamwork verlangen.

„Yes, ich habe einen Hinweis gefunden!“ Am Montagnachmittag testete eine kleine Gruppe den neuen Escape-Room namens „smartescape“ mitten in der Unterstadt. In einem alten Maya-Tempel galt es herauszutüfteln, wie man die Türe zum Hauptraum findet und danach den Weltuntergang von 2012 rückgängig macht. Doch Vorsicht war geboten, denn angeblich hat es bislang nicht jeder Forscher lebendig aus dem Bauwerk herausgeschafft. Den Rätselspass haben sich die zwei Studenten Florian Walz und Leon Marti überlegt, die gut eineinhalb Jahre lang an den Räumen gearbeitet haben. Plötzlich schnellt ein Lucke auf, in welcher sich eine mysteriöse Statue befindet. Doch wie bringt man diese nun in einen Zusammenhang mit einem Zahlencode, einer Goldmünze und weiteren rätselhaften Hinweisen? „Wir haben grossen Spass daran, Mechanismen zu entwerfen, zu programmieren und zu tüfteln“, erklärt Florian. Per Zufall haben er und Leon einen Nebenjob in einem anderen Escape-Room angenommen und sind dem Sherlock-Holmes-Feeling erlegen. „Wir wollten ein eigenes, grosses Projekt umsetzen und haben im ehemaligen Verkaufsraum von Fust einen idealen Standort gefunden.“ Perfekt waren die Räumlichkeiten, weil das Gebäude wahrscheinlich 2023 abgerissen wird und man nach Herzenslust hämmern, schrauben und mauern konnte, ohne Rücksicht auf die Bausubstanz nehmen zu müssen. Florian und Leon haben einen wichtigen Background: Sie studieren beide Maschinenbau an der ETH Zürich und bringen damit auch Know-How mit, welches ihnen bei der Umsetzung ihrer Ideen hilft. Es ist eine fantasievolle und kreative Landschaft entstanden, welche knifflige Aufgaben beinhaltet und ein wachsames Auge erfordert.

Nicht nur Zahlencodes

„Das Zielpublikum sind alle Menschen, die einmal eine andere Unterhaltung als Bowling und Biertrinken suchen“, lacht Leon. „Es ist ein cooles Gruppenerlebnis, eingebettet in einer Gesamtstory.“ Zudem eigne sich das Ganze auch für die Teambildung in einer Firma. Im Gegensatz zu anderen Escape-Rooms gibt es zum Schluss noch eine statistische Auswertung der Leistung der Gruppe. „Wir können damit Hinweise geben, ob vielleicht in der Kommunikation oder Kombinationsfähigkeit eines Teams Verbesserungsbedarf bestehen“, so Florian. Mittlerweile hat die Mannschaft am Montagnachmittag Zutritt zum Hauptraum bekommen und erschreckt ein Skelett eines toten Forschers entdeckt. Zudem muss eine mysteriöse Kiste untersucht werden. Eine spannende aber auch schwierige Aufgabe. „Die Stärke unseres Escape-Rooms ist sicherlich, dass nicht nur Kopfrechnen und Zahlencodes im Zentrum stehen“, betont Leon. „Wir haben sehr darauf geachtet, dass man Aufgaben zusammen lösen soll, dass es vielseitig ist und dass man keine fixe Reihenfolge einhalten muss.“ Bei anderen Escape-Rooms sei vor allem der letzte Punkt manchmal sehr ärgerlich. Wenn man bei einem Rätsel feststecke, gebe es keine Möglichkeit mehr, den Raum weiterzuspielen.

Länger als geplant

Bei „smartescape“ gibt es theoretisch 288 Möglichkeiten, den Raum zu lösen. Die Vielfalt ist grossartig, hatte aber auch ihren Preis. Der Umbau ging doppelt so lange, wie geplant. „Wir haben die Arbeit total unterschätzt und vielleicht waren wir auch ein bisschen zu perfektionistisch“, so Leon. „Jetzt sind wir sehr froh, dass wir öffnen und von der schweisstreibenden Baustelle zum entspannten Rätselparadies switchen können“, ergänzt Florian. Übrigens: Auch die Montagsgruppe ist schlussendlich lebendig dem Mayatempel entronnen und hat die Welt gerettet.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 22. April 2021 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Die nachhaltige Schnäppchenjagd

Beliebter denn je: Das Brocki der Heilsarmee in Schaffhausen ist seit einer Woche wieder offen und erlebte am Samstagnachmittag einen Grossandrang. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Phillip Schmanau.

«Es läuft bombastisch», freute sich Filialleiterin Marianne Schaffner. «Die Kunden sind absolut happy, dass sie wieder kommen können.» Das Brocki der Heilsarmee kam am Samstag kaum zur Ruhe. Simon Baumann, der sein 25-jähriges Dienstjubiläum feierte, nahm geduldig die Warenspenden entgegen. Darunter am Samstag auch eine Nachttischlampe, die Steve Jobs – Biographie und sogar ein Zelt. «Nicht verschwenden – wiederverwenden», lachte Vanessa Götze, die nach dem Umzug Geschirr und andere Haushaltsgegenstände vorbeibrachte. Auf der Jagd waren auch Mirjam und Sheila Schrag. «Hier gibt es Dinge, die nicht jeder hat», erklärte Mirjam. «Ich habe ein Bild gemalt und brauche nun einen Rahmen», so Carmen Barabas. Während Renate Klingler nach Krimis Ausschau hielt. «Ich finde hier oft einzigartige Retro-Stücke», lobte Menusha Neuberth die grosse Auswahl. «Wir sind gerne hier wegen den Secondhand-Kleidern und uns gefällt der Nachhaltigkeitsgedanke», ergänzte ihre Mutter Beatrice. Severin Asaf und Corinne Haid hatten kein spezielles Ziel. «Oft kaufen wir Gesellschaftsspiele. Mal schauen, was uns heute ins Auge springt». Dunja Mehr wollte eigentlich eine neue Hose erwerben, war aber plötzlich bei der Osterdekoration auf einen Bären mit Hasenohren gestossen. «Ich komme so oft wie möglich hierher», erzählte Severina Sviben. «Es ist günstig und immer wieder überraschend. Was will man mehr?»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 8. März 2021.

Mit Kampfstiefeln vor dem PC

Am Montag begann für rund 5000 Rekruten der Schweizer Armee wegen der Corona-Schutzmassnahmen die Rekrutenschule (RS) im Homeoffice. Der Schaffhauser Tim Gaus erzählt, wie er den Start erlebt hat. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Komm wann du willst, ich habe ja viel Zeit», lacht Tim Gaus, als man mit ihm einen Interviewtermin vereinbaren möchte.» Der 20-Jährige startete am Montag mit der RS im Homeoffice. Doch wie muss man sich diese spezielle Form des Militärdienstes eigentlich vorstellen? Pyjama statt Kampfanzug, stundenlanges Salutieren vor dem Spiegel und Schiessübungen auf die Gartenzwerge des Nachbarn? Viele Klischees und kreative Ideen schwirren durch den Kopf. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Tim Gaus öffnet die Tür seiner Wohnung auf dem Emmersberg in Zivilkleidern. Er zeigt sein Schlafzimmer, in welchem sein PC steht, vor dem er in der dreiwöchigen Homeoffice-RS viel Zeit verbringen sollte. Das Programm der Armee sieht vor, dass man sechs Stunden pro Tag am PC lernt, Sport macht und beim Einrücken einen Leistungstest absolvieren muss. «Das Schöne ist, dass ich mir die Zeit selber einteilen kann», erklärt er. «Ich stelle am Morgen keinen Wecker, schlafe aus und mache dann mit der App das vorgesehene Militär-Workout oder gehe joggen.» Danach setzt er sich an den PC und arbeitet sich durch die Aufgaben des Militärprogramms durch. Zumindest war dies der Plan. Doch pünktlich zum RS-Start hatte die Armee enorme Computerprobleme. «Am Montag konnte ich mich vier Stunden gar nicht einloggen, erst am Abend klappte es. Wenn ich eine Aufgabe lösen will, warte ich teilweise 20 Minuten, bis ich weiterklicken kann.» Tim Gaus ärgert sich ein wenig: «Laut Ueli Maurer haben wir die beste Armee der Welt. Dann sollte man doch auch so modern sein, dass man ein Online-Learning-Programm zum Laufen bringt.»

Sorgen wegen Leistungstest

Tim Gaus ist gelernter Landwirt. Er ist bei den Genietruppen als Bauführer eingeteilt und freut sich auf seine Aufgabe. «Ich bin nicht ein riesiger Armee-Fan, aber ich möchte diese Herausforderung bewältigen. Ich habe immer gehört, dass man im Militär zum Mann wird. Das hat mich neugierig gemacht.» Er erfuhr erst eine Woche vor RS-Start, dass er diese im Homeoffice machen müssen. «Das hat mir schon Sorgen bereitet, vor allem der Leistungstest.» Er sagt von sich selbst, dass er ein Praktiker sei. Er lerne lieber vor Ort und nicht stundenlang am PC. «Eigentlich wäre ich lieber in der Kaserne als im Homeoffice», gibt er unumwunden zu. Tim Gaus hält sich an das RS-Sportprogramm. «Ich habe mir vorgenommen, das seriös durchzuziehen.»

Games und Netflix als Ablenkung

Doch ist bei der Arbeit am PC die Verlockung nicht riesig, dauernd auf Netflix zu gehen? «Eigentlich hätten wir mit den Onlinemodulen der Armee ja viel zu tun», sagt Tim Gaus. «Aber wenn natürlich nichts geht und ich ewig warten muss, game ich auch zwischendurch oder schaue einen Film.» Und er gibt zu: «Einige meiner Kollegen machen das schon ziemlich exzessiv. Zuhause ist es halt mit der Selbstdisziplin schwierig.» Tim Gaus macht sich etwas Sorgen, dass er den Leistungstest nicht besteht. Die Konsequenz wäre, dass man übers Wochenende in der Kaserne bleiben muss und nachbüffeln soll. «Meine Kumpels sagen, sie lernen nichts, weil man aus Corona-Schutzgründen ja wahrscheinlich sowieso übers Wochenende nicht nach Hause dürfe. Aber ich sehe das anders.» Er hofft, dass die Armee die Prüfung angesichts der technischen Probleme vereinfache. Vorerst geniesst er aber die angenehmen Seiten der Homeoffice-RS. Er ist ausgeschlafen und geht nachher joggen. Der PC ist bereits eingeschaltet. Das Einloggen ging den ganzen Tag noch nicht. Nach dem Workout wird er es erneut versuchen.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 22. Januar 2021. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Ohne Finanzkrise wäre Hitler nicht Reichskanzler geworden

Historiker Tobias Straumann erklärte beim Zoom-Vortrag des Historischen Vereins Schaffhausen, warum er mit den Schulbüchern über Hitler nicht einverstanden ist. Von Hermann-Luc Hardmeier.

(Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Bilder: shn.ch, Key)

«Ich sehe es anders, als es in den meisten Schulbüchern steht», erklärte Historiker Tobias Straumann den 80 Zuhörern beim Zoom-Vortrag des Historischen Vereins am Dienstagabend. Der Börsencrash von 1929 führte zum Untergang der ohnehin totgeweihten Weimarer Republik, das ist für ihn eine zu einfache und verzerrte Darstellung. Straumann erklärte, dass die erste Demokratie in Deutschland durchaus Überlebenschancen gehabt hätte. Und dass nicht 1929, sondern 1931 das entscheidende Jahr aus seiner Sicht gewesen sei.

Nicht tragbare Reparationszahlungen

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Alliierten den Deutschen mit dem Versailler Vertrag nicht nur die alleinige Kriegsschuld, Gebietsabtretungen, Warenlieferungen und mehr auferlegt, sondern auch für damalige Verhältnisse unrealistisch hohe Wiedergutmachungszahlungen. «Man versäumte es, diese Reparationszahlungen in der Rezession zu Beginn 1930er deutlich zu senken, um sie tragbar zu machen», erklärte Straumann.» So war die deutsche Regierung unter Kanzler Heinrich Brüning gezwungen, mitten in der Wirtschaftskrise einen Sparkurs einzuschlagen, der verheerende Auswirkungen hatte.

Im Sommer 1931 war Deutschland nicht mehr zahlungsfähig, die Banken brachen zusammen, und die darauf folgende Einstellung der deutschen Zahlungen schob die Weltwirtschaft in eine tiefe Depression. «Wir befinden uns in einer selbstmörderischen Umarmung, bei welcher wir alle ertrinken werden», bedauerte der spätere britische Premierminister Neville Chamberlain den Zustand.

Young-Plan als Feindbild

«Der Teufelskreis von Schuldendienst und Rezession verstärkte sich », so Straumann. «Dies führte zu einer politischen Polarisierung.» Die Nazis hatten nach Hitlers gescheitertem Putsch 1923 und den Golden Twenties kaum noch eine Bedeutung gehabt. Nun konzentrierten sie ihren Wahlkampf aber gezielt auf die Ablehnung des Young-Planes. Eines neuen Reparationsplans, der ab 1930 galt – mit einem riesigen Erfolg. Von einer unbedeutenden Partei wurden sie mit 18% in den Septemberwahlen 1930 zur zweitstärksten Kraft im deutschen Reichstag. Im Juli 1932 holten sie sogar 37.4%. Auf Plakaten warben Hitlers Leute damit, dass man gemäss Young-Plan noch während drei Generationen für Schulden zahlen müsse. Das traf exakt den Volksnerv und die Rechnung ging auf. «Die Nazis waren vor 1930 bedeutungslos, der Fokus auf die Reparationsfrage in Kombination mit der Schuldenkrise erklärt den Dammbruch», so Straumann. «Nicht nur Hitlers antisemitische und antikommunistische Rhetorik, sondern auch die Finanzkrise war entscheidend für das Ende der Weimarer Republik.»

Kritik an den Schulbüchern

In der Diskussion nach dem Vortrag kritisierte eine Zuhörerin diese Deutungsweise. Sie strich die Bedeutung des Militarismus, des Nationalismus und des Frustes der deutschen Bevölkerung hervor. Straumann entgegnete, dass er diese Punkte durchaus für sehr wichtig halte. «Ich würde aber die Gewichtung anders setzen, als sie in den Geschichtsbüchern vorgenommen wird», erklärte er. «Die Finanzkrise von 1931 wird meiner Meinung nach völlig unterschätzt.» 1932 beendeten die Alliierten übrigens die Reparationszahlungen, was zu einer wirtschaftlichen Erholung führte. Dazu bilanzierte Straumann: «Ich bin überzeugt, wären die Wahlen wie ursprünglich vorgesehen erst 1934 gewesen, hätten die Nazis prozentual viel schlechter abgeschnitten. Vielleicht hätte die Weimarer Republik überlebt, und wir würden ganz anders über jene Zeit sprechen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 21. Januar 2021.

 

Die High Heels weit von sich gepfeffert

Slampoetin Lisa Christ ärgerte und amüsierte sich zugleich in der Kammgarn am Freitagabend über die «verknorzten» Erfolge der Gleichstellung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Lisa Christ wollte durchaus, dass dem Publikum das Lachen im Hals stecken blieb. (Bild: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Pfui Teufel. Eigentlich beginnt das Problem der Gleichstellung von Mann und Frau schon in der Bibel. Lisa Christ erklärte dem Publikum, dass es frustrierend sei, dass schon im heiligen Buch die Frau an der Erbsünde schuld sei. Schliesslich habe sie den Apfel von Luzifer – in Form der Schlange – an Adam weitergereicht. Genervt wetterte sie über das vom Patriarchat dominierte Frauenbild und machte schnell klar, dass es so nicht weitergehen könne. Sie rief zwar nicht zur Revolution auf, aber streute mit Hochgenuss Salz, Pfeffer und Tabasco in die offene Wunde der geschlechterspezifischen Rollenverteilung. Die Zuschauer der Schauwerk-Veranstaltung in der Kammgarn merkten schnell: An diesem Abend war nichts mit «Schenkelklopfer-Humor» à la Peach Weber oder belanglosen Witzchen. Lisa Christ hat eine klare Botschaft und vertritt sie mit grosser Vehemenz. Eine Charaktereigenschaft dabei ist, dass sie sich gerne und schnell in Rage redet. Mehrmals musste sie sich selber wieder besänftigen, indem sie über eine Musikbox beruhigende Musik abspielte. Unterstrichen wurde ihre Kritik noch dadurch, dass sie entnervt ihre High Heels von sich pfefferte und meinte «Ich brauche wirklich neue Schuhe». Die Aktion war sinnbildlich, denn viele Kleidungsstücke lösen gewissen Rollenbilder aus. Zugleich war dies der Titel ihrer aktuellen Tour.

Anklage gemischt mit Humor

Lisa Christ seufzte ostentativ. Sie erzählte von einer Kollegin, die sich zwischen Karriere und Familie entscheiden musste. Diese verzichtete ihrem Mann zuliebe auf einen lukrativen Job in New York oder am Bundesgericht. «…obwohl es genau solche taffen Frauen wie sie in solchen Positionen bräuchte», sagte Christ. Nach wie vor sei die Lohnschere zwischen Mann und Frau enorm. Teilweise verdienten die Damen 20% weniger als die Männer für den gleichen Job. «Man stelle sich das vor», so Christ. «Sie arbeiten eigentlich bis Ende März gratis.» Anstatt dagegen anzukämpfen, scharren laut Lisa Christ junge Damen lieber Millionen von Followern um ihren Instagram-Account und geben Schminktipps. «Dort haben alle die gleichen künstlich hohen Wangenknochen, die gleiche Mono-Augenbraue und am Schluss kommt einem in der Bahnhofsunterführung eine Armee von Kylie Jenners entgegen.»

Ein Hauch von Dürrenmatt

Die Anklage von Lisa Christ wurde immer wieder mit Humor gemischt. Doch dieser wurde dosiert eingesetzt, um das Gesagte nicht zu verwässern. Ein wenig erinnert dies an das Konzept von Dürrenmatts Tragikomödie. Der Humor wird eingesetzt, um die schwere Kost verdaulich zu machen und an den Zuschauer heranzulassen. Doch ist es durchaus gewollt, dass dem Publikum zwischendurch das Lachen im Halse stecken bleibt. Dies geschah beispielsweise so: Im einen Moment mokierte sich Lisa Christ über Leute, die Fitness- und Ernährungstipps geben. «Wer hat sich schon einmal beim Fläzen auf dem Sofa eine Verletzung geholt? Richtig. Niemand. Aber beim Joggen, Yoga oder Crossfit? Bänderriss, Zerrung, Leistenbruch.» Sie forderte zu mehr Müssiggang auf und rief im Stile des Revolutionärs Che Quevara: «Lang lebe Cola und Zuckerwatte!» Im nächsten Moment jedoch sprach Lisa Christ über die «MeToo»-Bewegung. Über alltägliche und gesellschaftlich akzeptierte sexuelle Belästigungen von Freunden und Familienmitgliedern. «Stell dich nicht so an!» oder «Du übertreibst», seien die akzeptieren Ausreden. «Wenn eine Frau nicht geküsst oder begrabscht werden will, dann lass es gefälligst!», schrie sie in die Kammgarn. Lisa Christ hatte humorvoll verpackt auf viele Schwächen und Fehlverhalten in der Gesellschaft hingewiesen. Dies war ein anklagender, aber auch ein sehr wichtiger Aufritt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 16. November 2020.