Ein Krawallbengel, den sich so mancher wünscht

Am Samstagabend wurde das Theater zum Kultbuch „Tschick“ in der Mehrzweckhalle Trüllikon aufgeführt. Eine Theater- und Buchkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Rattatatam, Rattatatam. Die Bildschirme auf der Bühne zuckten und man hörte ein Maschinengewehr laut knattern. Der 14-Jährige Maik spielte ein Ballergame, während sich seine Eltern im Hintergrund stritten. Maik ist ein ganz normaler Teenager. Er hat die üblichen Probleme. Die Schule interessiert ihn nicht. Er ist verliebt in ein Mädchen seiner Klasse. Aber er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Und plötzlich taucht Tschick auf. Der neue russische Mitschüler ist ein Rebell. Er ist Ausländer, erscheint betrunken im Unterricht und schert sich einen Deut darum, was der Lehrer sagt. In den Sommerferien muss Maiks Mutter in die Entzugsklinik für Alkoholiker. Der Vater nutzt die Zeit für eine Affäre mit seiner Sekretärin. Maik hat sturmfrei und genau da klingelt Tschick an der Tür. Er schlägt vor, mit einem gestohlenen, äh Pardon, geliehenen Lada einen Roadtrip zu unternehmen. Maik ist zunächst skeptisch, doch diese Reise wird sein Leben auf den Kopf stellen.

Hardmeier + Buch + Kritik

Bild: Das Kultbuch von Wolfgang Herrndorf. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Nebenfiguren als Herausforderung
Der Kultroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf ist eines der meistgespielten Stücke in Deutschland. Durch die Coproduktion des Theater Kanton Zürich und dem Theater Winterthur ist das Schauspiel nun auch in der Schweiz angekommen. Am Samstagabend fand die 14. Vorstellung der Bühnenfassung von Robert Koall statt. Diesmal in der Mehrzweckhalle Trüllikon. Es ist eine humorvolle und warmherzige Inszenierung, die von der starken Leistung der Schauspieler lebte. Allen voran stand Andreas Storm, der fünf Rollen gleichzeitig spielte. Vom Lehrer Wagenbach über das Kind Friedemann bis zur Sprachtherapeutin bot er eine breite Palette. Ob das nicht anstrengend sei, wollte die Schaffhauser Nachrichten von ihm nach dem Ende des Theaters wissen. „Die Personen auseinanderzuhalten ist nicht schwer“, so Storm. „Viel schwieriger ist das Management der Kleider, welche zu jedem Charakter gehören. Ich muss mir Backstage immer genau überlegen, was ich wohin hänge und in welcher Reihenfolge.“

Nicht pädagogisch-peinlich
Beeindruckend war auch die schauspielerische Leistung von Tschick und Maik. Sie sprangen, tanzten, schrien und turnten auf der Bühne, sodass man kaum genug davon kriegen konnte. Doch die Frage drängt sich auf: Warum fasziniert das Stück die Menschen? „Es ist eine zeitlose Geschichte über zwei Teenager“, erklärte Nikolaij Janocha alias Maik nach dem Auftritt. „Der Zuschauer wird nicht einfach unterhalten, sondern erinnert sich an die eigene Jugendzeit.“ Auf ihrer Reise beziehungsweise auf ihrer Odyssee treffen Maik und Tschick nicht auf lauter schlechte Leute, wie sie es erwarten. Im Gegenteil: Sie erleben einen Glücksmoment nach dem anderen und entdecken, was das Leben alles zu bieten hat. Sie philosophieren und Maik entwickelt sich zu einer starken Persönlichkeit, der sich selber zu schätzen weiss und die wahre Liebe findet. „Mir gefällt, dass es nicht so pädagogisch-peinlich ist“, unterstreicht Janocha. „Man kann sich in die Jugendlichen hineinversetzen.“ Zum Schluss wird Tschick noch mit einer faustdicken Überraschung aufwarten, die aber an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Doch auch in dieser Situation wird sich zeigen, wie warmherzig und reif Maik mit diesen Breaking News umgehen wird. Wolfang Herrndorf hat mit Tschick eine Figur erfunden, die das Beste in Maik erwecken konnte. Obwohl er auf den ersten Blick wie ein asozialer Krawallbengel wirkt, hätte sich den Lausbub mit dem gestohlenen Auto wahrscheinlich noch so mancher Zuschauer in seiner Teenagerzeit als Freund gewünscht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. Februar 2018.

Martin Suter: «Ich habe mich nicht ein Jahr lang als Elefant verkleidet.»

Der Schweizer Autor Martin Suter trat am 22. Februar 2017 im Kaufleuten Zürich auf. Anlass dafür war die Präsentation seines neuen Romans «Der Elefant». Vor 500 Gästen sprach Martin Suter über sein Buch, ob er die Gentechnik für gefährlich halte und wie er zu seinen Kritikern steht. Das Gespräch führt Katja Früh, die mit ihm zu Beginn seiner Karriere als Regisseurin zusammengearbeitet hat.

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Das Gespräch der zwei wird im Folgenden möglichst wortwörtlich wiedergegeben, ist aber – der Lesbarkeit zuliebe – ein bisschen gekürzt. Verfasst von Hermann-Luc Hardmeier.

Sie haben eine Geschichte über einen wahnsinnig herzigen, kleinen, rosa leuchtenden Elefanten geschrieben. (…) ich war sofort verliebt, aber andererseits fand ich es total abgefahren. Wie kommt jemand auf einen rosa leuchtenden Elefanten? Haben Sie das im Alkoholrausch geschrieben?
Martin Suter: Ich war vor 10 Jahren an einer Alzheimertagung in Tübingen. Im Rahmen der Veranstaltung wurde ich durch das Institut geführt. Der Professor Jucker sagte mir während der Führung nebenbei, heute könnte man gentechnisch auch einen kleinen roasroten Elefanten herstellen. Dieser Elefant ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Immer wieder dachte ich, das wäre doch Material für eine Geschichte. 10 Jahre später schrieb ich nun mein Buch darüber.

Gibt es wirklich leuchtende Tiere, abgesehen von Glühwürmchen?
Ja, das was Glühwürmchen zum Leuchten bringt, kann man gentechnisch benutzen, um auch andere Tiere zum Leuchten zu bringen. Googeln Sie einmal „Glowing Animals“, dann haben Sie den Bildschirm voller leuchtender Tiere. Auch kleine Tiere sind heute gentechnisch herstellbar. In China wurden Laborschweine aus praktischen Gründen in Miniatur hergestellt. Wenn man will, kann man sich diese nun als Haustiere kaufen. Bei Elefanten hat man es – soweit ich weiss – bisher noch nicht probiert. Mein Elefäntchen leuchtet von selber, es reflektiert nicht bloss. Es ist also gar nicht so völlig utopisch, was ich geschrieben habe.

Martin Suter liest aus dem Buch den Anfang der Geschichte.
Kurz vor dem Lesen hätte er gerne einen Schluck Wasser getrunken, doch die Wasserkaraffe auf dem Tischchen ist leer. Humorvoll bemerkt Martin Suter dazu. Normalerweise bestelle ich immer Wasser ohne Kohlensäure, doch jetzt habe ich nur die Kohlensäure bekommen.

Gentechnologie ist ein schwieriges Thema, bei welchem es viele verschiedene Meinung dazu gibt. In dem kleinen Elefanten sind alle Widersprüche zu diesem Thema drin. Wollten Sie etwas über Gentechnologie schreiben? War Ihnen das ein Anliegen oder wollten Sie einfach über den kleinen Elefanten schreiben?
Ich suche nie ein Thema und schreibe dann ein Buch dazu. Das ist auch okay, wenn man das so macht. Ich mache es anders, ich suche eine Geschichte und diese Geschichte findet dann selber das Thema. Ich gehe nicht mit der Absicht an ein Buch, eine Debatte neu beleben zu wollen.

Nach Ihrem Buch ist es schwierig, die Gentechnologie zu verteufeln. Denn wenn Sie solche Wesen wie das kleine Elefäntchen hervorbringt, dann kann es ja nicht so schlecht sein. Man ist beinahe versucht zu sagen, Gott ist ein Gentechnologe. Dann gibt es im Buch aber auch ganz viele böse Menschen, die Fieses vor haben mit dem Elefanten. Stichwort: Geldgier. Und es gibt auch die Figur der Tierärztin Valerie, welche die Gentechnologie als Eingriff in die Schöpfung sieht. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
Valerie sieht es ein wenig differenziert. Der „Elefantenbesitzer“ Schoch erhält bei ihr Unterschlupf und philosophiert einmal mit ihr. Beim Gespräch taucht die Frage auf, ist es ein Eingriff in die Schöpfung und in die Evolution sei? Valerie sagt, für sie sei es das gleiche. Diese Unterscheidung sei lediglich eine Zeitfrage. Die Schöpfung dauerte sieben Tage und die Evolution einige 100 Millionen Jahre. Sie glaube, hinter all dem stehe ein Plan. Die Gentechnologie greife in diesen Plan ein und sei deshalb unnatürlich. Ich persönlich glaube nicht, dass es ein heikler Eingriff in eins der beiden ist oder extremer ist als eine andere medizinische Entwicklung. Die Medizin machte immer extreme Eingriffe. Die Gentechnologie ist ja ein weiterer Fortschritt der Medizin. Ich wäre auch nicht froh, wenn man im Mittelalter aufgehört hätte, den medizinischen Fortschritt voranzutreiben. Sonst würden wir alle nicht hiersitzen. Ich glaube nicht, dass man die Gentechnologie verhindern oder sogar kontrollieren kann. Man müsste es, aber wir wissen ja alle, dass alles, was gemacht werden kann, gemacht werden wird. Wir können nur zuschauen und hoffen, dass es gut geht. Schoch sagt in diesem Gespräch, die Medizin sei ja auch ein Eingriff in die Natur. Sie erwidert darauf, „Nein, der natürliche Zustand ist gesund und die Heilung durch die Medizin stellt den natürlichen Zustand wieder her.“ Ich habe keine feste Meinung dazu, ob die Gentechnologie schädlich ist oder nicht und möchte auch keine feste Meinung vermitteln. Ich glaube einfach, man kann die Gentechnologie nicht aufhalten.

Die Alkoholiker sind in Ihren Büchern ein wenig die letzten Poeten. Die letzten grundguten Menschen. Das gefällt mir. Wie haben Sie diesbezüglich recherchiert? Sind sie mit diesen Herren zu einem Bier zusammengesessen oder wie haben sie bei diesen «Outcast» bzw. in der «Pennerszene» für Ihr Buch geforscht?
Das sind sehr tolerante Leute. Die sind wahrscheinlich uns gegenüber toleranter als wir ihnen gegenüber. In Zürich ist das sehr einfach. Die Obdachlosen oder Randständigen – im Schweizerdeutsch gibt es diesen sehr passenden Ausdruck – haben ein wunderbar gemachtes Strassenmagazin «Surprise». Das wird auf der Strasse verkauft, die Organisation unterstützt die Obdachlosen damit zur Selbsthilfe. Die Verkäufer dürfen die Hälfte des Erlöses behalten und können damit einen «Zustupf» zu dem verdienen, was sie zum Leben brauchen. Die Verkäufer machen auch Führungen durch «ihre» Unterwelt. Das sind mehrere Routen, zu welchen man sich anmelden kann. Das ist sehr interessant. Ich habe dies gemacht. Zwei praktizierende und ehemalige Obdachlose haben mir ihre Welt gezeigt. Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie haben mir Details erklärt und mich herumgeführt.

Dieser Schoch….
Ach ja, ich wollte noch sagen. Man hat mich gebeten, nicht im Anzug an die Führung zu kommen. (Anmerkung: Martin Suter trägt in der Öffentlichkeit immer einen Anzug)

Und das haben Sie gemacht?
Ich habe die Krawatte dann weggelassen…

Also dieser Schoch, das ist ja ein Banker?
Jetzt haben Sie schon einen Teil des Clous verraten. Das kommt doch erst gegen den Schluss.

Entschuldigung. Also dann versuche ich es anders. Diese Liebesgeschichte ist schon sehr interessant. Hätte sich diese Valerie auch in jemanden verliebt, der nicht Randständig ist. Hat sie ein Helfersyndrom?
Es gibt eine Szene, in welcher er sich den Bart abrasiert und im Anzug ihres Vaters auftritt. Da stellt sie sich die Frage, ob sie so eine oberflächliche Person sei, dass er ihr nun ganz anders vorkommt. Ähm, warum habe ich jetzt das gesagt?

Weil ich wissen wollte, warum diese Liebesbeziehung funktioniert.
Ähm. Ich kann jetzt nicht sagen, kaufen Sie das Buch und die Antwort steht drin.

Ja, die steht nämlich nicht drin. Aber mich hat es beschäftigt, was sie in ihm sieht. Aber offenbar kann man dies rauslesen aus dem Buch.
Martin Suter nickt dezent lächelnd.

Der kleine Elefant Sabu. Der wird von verschiedenen Menschen anders gesehen. Der Tierpfleger Kaung aus dem Zirkus sieht in als heiliges Tier. Die andere Sicht: Es ist ein schützenswertes Wesen. Dann gibt es Menschen, die mit diesem Gentechnik-Produkt Geld verdienen wollen. Vielleicht kann man damit steinreich werden. Z.B. für Kinder, die schon alles haben als Spielzeug oder Haustier. Ich neige am ehesten zur ersten Sichtweise. Und Sie?
Mir gefällt die Sicht von Kaung am besten. Aber ich neige eben leider zur Sicht, dass es ein durchaus machbares gentechnisches Experiment ist.

Es lebt ja.
Ja. Es wird ja auch aus lebendigem Zellmaterial hergestellt.

Sie haben ja extrem viel recherchiert zum Thema Elefanten und deren Schwangerschaft. Das ist ja schon fast wissenschaftlich. Haben Sie eine spezielle Neigung dazu oder haben Sie ein Jahr lang dafür Bücher gewälzt?
Ich habe ein Zooabonnement. Ich gehe regelmässig mit der Familie in den Zoo. Ich habe keine besondere Beziehung zu diesen Tieren. Das ist alles recherchiert. Ich habe schon intensiv nachgeforscht, aber es ist nicht so, dass man sich da ein Jahr lang als ein Elefant verkleiden muss.

Aber es ist so sinnlich und genau!
Das ist die Fantasie des Schriftstellers.

Nun möchte ich noch auf die Kritik zu sprechen kommen. Wie gehen Sie damit um, dass die Kritiker immer von spannenden Büchern, raffiniert gebauten Plots, interessante Gesellschaftsthematiken und interessanten Figuren sprechen? Andere fragen sich, ob das noch Literatur ist. Weil es so spannend und so unterhaltend ist, darf man das noch zur hohen Literatur zählen? Stört Sie dies, dass man Sie in dieses Spannungsfeld wirft und sich fragt, ob das ernste Literatur oder Trivialliteratur sei?
Also ich habe dieses Problem ja nicht.

Nein, andere haben dieses Problem.
Es ist jetzt nicht mehr so schlimm wie auch schon. Ich wollte ja schon lange Schriftsteller werden und schon lange zum Diogenes Verlag, weil dies der einzige Verlag ist, der dieses Problem im deutschsprachigen Raum nicht hat. Deshalb war ich so froh, dass ich dort landen konnte. Ähm. Literaturkritiker ist halt ein Beruf…

Das stimmt.
Ich schreibe Bücher und Kritiker kritisieren sie. Ich möchte auf keinen Fall tauschen.

Ich frage mich dennoch, warum dieser Unterschied in der Schweiz und in Deutschland so stark gemacht wird, zwischen «Unterhaltung» und «richtiger» Kultur. In England und in den USA wird das nicht unterschieden. Sie wären doch genau so jemand, der sehr gute Bücher schreibt. Man spürt, vielleicht sind sie zu erfolgreich. Vielleicht stört die Kritiker das. Sie erfinden dann Ausdrücke wie «Es sei eine philosophische Schöpfungsreflexion» und solche Dinge.
Hmm, können Sie mir diese Kritik mailen?

Ja, kann ich. Aber die Frage stellt sich. Darf man das? Oder ist das überladen?
Ich glaube, ich wäre schlecht beraten, wenn ich mich über die Kritiker beklagen würde. Im Grossen und Ganzen haben sie es in den letzten 20 Jahren sehr gut mit mir gemeint.

Aber das mit der Unterhaltung…
Ja, bei mir ist es so, dass ich versuche so zu schreiben, wie ich gerne lesen würde. Wenn dann die Formulierungen und Stimmungen, die Gerüche und die Bilder nicht abendfüllend sind, dann brauche ich etwas, was mich zum Weiterblättern treibt. Darum versuche ich immer spannende Bücher zu schreiben. Ich bin auch einer, der sehr schnell ein Buch weglegt, wenn er nicht in die Geschichte «hineinkommt». Und das versuche ich zu vermeiden. Und vielleicht bin ich auch einer von den Lesern, der dies erwartet von der Literatur. Es gibt auch ganz grosse Schriftsteller – Ich darf jetzt keine Namen sagen, ansonsten heisst es wieder, ich vergleiche mich mit denjenigen – ….

Georges Simenon?
Ja…

Shakespeare?
Ähm, selbstverständlich. (lacht). Nein, vielleicht Joseph Roth. Das darf ich sagen, weil ich ja einmal den Joseph-Roth-Preis gewonnen habe. Ich finde es toll, wenn man kleinste Details beschrieben bekommt wie beispielsweise die Uniformen beim Radetzkymarsch bis auf das letzte Kautschukstäbchen am Kragen oder wenn man im Detail erfährt, wie jemand rasiert wird. Ich habe den Realismus gerne. Aber da gibt es wirklich grössere als mich.

Ja, mich interessiert einfach das Phänomen, warum man Unterhaltung und Literatur trennt.
Man muss eigentlich leiden, um ein Künstler zu sein. (lacht)

Sie haben in Ihren Büchern eine Vorliebe für Dinge, die es nicht gibt. Demenz, Amnesien, Rauschzustände, zwei identische Banknoten, Menschen, welche die Zeit leugnen, rosa Elfentanten. Das hat etwas Magisches und zieht sich durch Ihre Erzählungen. Man würde fast denken, Sie glauben an Wunder. Welches ist Ihrer Meinung nach ein Thema, welches sich durch alle Ihre Bücher zieht?
Ja, es gibt eines. Ich wusste es lange nicht. Jemand hat mich mal bei einer Lesung genau dies gefragt. Ich hatte keine Antwort. Ein Besucher hat dann beim Signieren gesagt: Ich weiss, was Ihr Thema ist. «Schein und Sein». Und damit hatte er gar nicht so unrecht. Es geht eigentlich in allen Geschichten ein wenig um das Thema «Identität». Das hat man im Kopf, im Gedächtnis und verliert es z.B. durch Demenz. Das ist eine Art roter Faden durch meine Bücher. Den habe ich aber nicht geplant. Aber offenbar fasziniert mich das. Es hat natürlich auch einen dramaturgischen Grund: Eine Geschichte ist dann interessant, wenn der Protagonist am Schluss des Buches ein anderer ist als am Anfang. Die Veränderung der Identität ist, seit es Geschichten gibt, am spannendsten.

Das gilt eigentlich auch für den Film und fürs Theater?
Da muss man unterscheiden. In einer Serie darf sich ein Protagonist nicht entwickeln, er muss die Erwartungen bestätigen. Wenn sich ein Seriendetektiv entwickelt, dann raubt er dem Zuschauer den Bestätigungsmoment. Der Moment, wenn man sagen kann: Typisch Sherlock. Aber in einer abgeschlossenen Geschichte ist es schon spannend, wenn sich eine Figur entwickelt.

Die Fragen zur Biographie zu Martin Suter wurden weggekürzt, da er sich dazu schon in vielen anderen Interviews geäussert hat. Die Lesung dauerte eineinhalb Stunden und wurde mit grossem Applaus und einer langen Signierstunde vom Autor beendet.

Von Hermann-Luc Hardmeier.

Buchkritik: Martin Suter- Der Elefant

Martin Suter ist mittlerweile einer der erfolgreichsten Autoren der Schweiz. Was sein neuestes Werk „Der Elefant“ mit Kultregisseur Quentin Tarantino (Pulp Fiction, The Hatefull Eight) gemeinsam hat und ob es gelungen ist, zeigt folgende Buchkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Martin Suter kann sich mittlerweile, ohne bescheiden zu sein, in die Reihe erfolgreicher Schweizer Autoren wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt einreihen. Er schreibt qualitativ hochwertige Bücher am Laufmeter und die Verkaufszahlen geben ihm recht. Seine Literatur ist gefragt.

Es stimmt zwar, dass seine Bücher auch an den Bahnhofskiosken und nicht nur in Bücherläden verkauft werden. Kritiker werfen ihm deshalb vor, Trivialliteratur zu schreiben. Doch dieser Vorwurf trifft nicht zu. Es ist gerade ein Zeichen seines geschliffenen Schreibstils, dass ihn nicht nur studierte Menschen, sondern auch Otto Normalverbraucher am Bahnhofskiosk gerne liest. Und dies hat seinen Grund. Martin Suter hat eine sehr spezielle Schreibtechnik entwickelt. Er beschreibt einerseits eine spannende Krimigeschichte oder einen psychologische Schatzsuche in familiären oder persönlichen Abgründen, andererseits ist er ein Fachmann. Ein Fachmann? Ja, ein Fachmann. Er informiert sich intensiv bei jedem seiner Bücher im Detail zu einem Thema, welches das Leitmotiv seines Buches ist. Und somit lässt Martin Suter den Leser an der Seite der Hauptpersonen selber zu einem Fachmann in diesem Gebiet werden. In „Der Koch“ weiss der Leser nach dem Buch alles über den Sri-Lanka-Konflikt. In „Small World“ wird der Lesende zum Experten zum Thema Alzheimer und im neuesten Buch von Martin Suter erfährt man sehr viel über die Obdachlosen in Zürich und über genmanipulierte Lebewesen. Martin Suter hat dafür übrigens mehrere Obdachlose in Zürich über einen längeren Zeitraum begleitet. Den genauen Ablauf seiner Recherche kann man im aktuellen „Surprise“ (Zürcher Strassenmagazin) nachlesen.

Ein kurzer Überblick über die Story des neusten Buches „Der Elefant“:

Der Obdachlose Fritz Schoch findet in seiner Schlafhöhle an der Limmat eines Tages einen pinken Elefanten. Dieser hat zwar nur Spielzeuggrösse, ist aber ansonsten lebendig, gefrässig und alles andere als eine Marionette in Kinderhänden. Er birgt ein dunkles Geheimnis. Im Laufe des Buches erfährt der Leser die Geschichte, wie der Elefant in die Höhle des Obdachlosen kam, was ein chinesischer Geheimagent, eine liebenswerte Tierärztin, ein verzweifelter Zirkusdirektor und ein ruhmsüchtiger Genforscher mit dem Ganzen zu tun haben.

Doch mehr sei an dieser Stelle nicht verraten…

Vergleich zu Quentin Tarantino

Die Geschichte ist auf 348 Seiten nicht nur spannend, sondern auch intelligent. Wie bei Kultregisseur Quentin Tarantino (Pulp Fiction, The Hatefull Eight) wird die Geschichte anachronistisch erzählt. Bei „Pulp Fiction“ etwa gibt es Sprünge in der Erzählung, in welcher die zwei Auftragskiller anstatt mit ihren schicken Anzügen plötzlich in T-Shirt und Badehosen vor der Türe ihres Bosses auftauchen. In „The Hatefull Eight“ ist eine mysteriöse Tür im Zentrum des Geschehens, die nicht geschlossen, sondern nur zugenagelt und aufgebrochen werden kann. Während des Filmes wird stückweise der Zeitstrahl zusammengesetzt und der Kinobesucher erfährt, welche witzigen und schrägen Ereignisse dazu geführt haben, dass es zum vermeintlichen Zeitsprung kam.

Und genau die gleiche Ausgangslage bietet sich bei Martin Suter an. Zu Beginn hat der Leser keine Ahnung, warum sich die Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, woher der sonderbare Elefant kommt, warum er Pink ist und im Dunkeln leuchtet. Und vor allem: Warum ist er eine Miniaturausgabe eines richtigen Elefanten? Immer wieder beleuchtet Martin Suter neue Figuren im Buch, erzählt Details aus deren Biographie, springt dann aber zur nächsten, um die Spannung aufrecht zu halten. Langsam setzen sich die Puzzleteile zusammen und führen schlussendlich zu einem fulminanten Ende mit Verfolgungsjagden auf verschiedenen Kontinenten und natürlich wird der Weg auch mit der einen oder anderen Leiche gepflastert.

Martin Suter hat mit seinem neuesten Buch ein weiteres Werk geliefert, das den Qualitätsansprüchen der Leser gerecht wird, das eine kleine – wenn auch nicht absichtliche – Hommage an Quentin Tarantino darstellt und das unglaublich spannend zu lesen ist.

Ich wünsche viele Spass beim Lesen und warte schon ungeduldig auf das nächste Buch von Martin Suter.

Von Hermann-Luc Hardmeier, 19. Februar 2017.

Der Max Frisch von Schaffhausen ist tot

Im Alter von 71 Jahren ist am Sonntag der Schriftsteller Markus Werner gestorben. Er galt als einer der grossen der Schweiz und hat mit seinen sieben Romanen die Schweizer Literarturlandschaft geprägt. Sein letzter Roman „Am Hang“ erschien 2004. Markus Werner war Kantonsschullehrer und fand eher spät zu seiner Berufung als Schriftsteller. Sein absoluter Bestseller „Zündels Abgang“ machte ihn schweizweit bekannt. Er selber schätzte den Rummel um seine Person nicht und lebte sehr zurückgezogen. Interviews gab er kaum, öffentlich feiern lassen wollte er sich nicht. Nicht einmal Schüleranfragen für kleine Interviews im Rahmen von ihren Abschlussarbeiten nahm er entgegen. Kein Wunder, gesundheitlich ging es ihm leider sehr schlecht. Lange litt er an einer Lungenkrankheit.

Max Frisch oder nicht?

Die Frage nach der Bedeutung von Markus Werners Schaffen steht im Raume. Ist er ein kleiner Schriftsteller aus der Provinz Schaffhausen oder kann er sich auf einen Sockel mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt stellen? Experten sind sich in den Nachrufen nach seinem Tod einig. Die Schweiz suchte lange nach einem Nachfolger von Max Frisch, dabei war er schon lange da. In der Person von Markus Werner. Natürlich ist sein Werk nicht das gleiche, natürlich ging er anders mit seiner Bekanntheit um und natürlich kann niemand in die Fussstapfen des grossen Schriftstellers Frisch steigen. ABER: Markus Werner hat mit seinen Büchern, die er übrigens liebevoll „meine sieben Zwerge“ nannte, tiefgründige Literatur erschaffen. Sogar Literaturkritiker wie Reich-Ranicki lobten seine Lektüren. Ein Beispiel? „Am Hang“ ist so vielschichtig, dass man es eigentlich zwei Mal lesen muss, um es zu verstehen und im ganzen Umfang zu erfassen. Es ist faszinierend, dass man beim zweiten Mal des Buchgenusses eine komplett andere Lesererfahrung macht. So macht Literatur Spass.

Ehrungen verpasst

Wenn sich die Kritiker über die Bedeutung von Markus Werner so einig sind, dann bleibt doch die Frage: Wo waren sie zu seinen Lebzeiten? Erst kurz vor seinem Tod im Jahre 2016 erhielt er den “ProLitteris”-Bücherpreis. Ansonsten hat man sein Schaffen nicht speziell geehrt. Schade, schade. Das ist eine verpasste Chance.

Der Tod von Markus Werner ist ein grosser menschlicher Verlust, aber auch ein grosser Verlust für die Welt der Literatur. Möge er in Frieden ruhen.

Von Hermann-Luc Hardmeier

Mord und Totschlag im kleinen Paradies

Walter Millns lud am Freitagabend zur Lesung seines neuen Krimis „Tödlicher Sog“ ins Lokal Bücher Schoch. Eine Buchbesprechung von Hermann-Luc Hardmeier.

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Foto: Walter Millns bei der Präsentation seines Buches. (Bild: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Heute wird’s mörderisch“, begrüsste Beatrice Rölli vom Bücher Schoch die Gäste. Im Untergeschoss des Buchgeschäftes in Schaffhausen hatte sich eine stattliche Anzahl von Zuhörern versammelt. Gespannt warteten sie darauf, dass Walter Millns aus seinem neusten Buch vorlesen würde. Doch bevor es soweit war, begrüsste er am Eingang vergnügt die Gäste. „Nein, die Ideen kommen mir nicht beim Wandern oder während ich Tatort schaue“, lacht er über die Frage, was ihn inspiriert. Walter Millns hat bereits drei Bücher geschrieben und mit „Tödlicher Sog“ seinen zweiten Kriminalroman erfunden. Seine Ideen entstehen nicht nach Konzept und Vorlage, sondern wachsen nach und nach während dem Schreibprozess. Einzige Konstante: Der Handlungsort ist stets die Munotstadt. Der Autor las dem Publikum mehrere Kapitel aus seinem Buch vor. In der Eröffnungsszene gab es sogleich zwei Leichen zu betrauern. Mord in Schaffhausen? Ein Kapitalverbrechen im kleinen Paradies? Geht das überhaupt? „Die Leute sind oft erstaunt, dass ich meine Krimis in Schaffhausen ansiedle“, erzählte Walter Millns zwischen den Kapiteln. „Erstens sind auch in Schaffhausen die Möglichkeiten und Voraussetzungen für solche Taten vorhanden, und zweitens kenne ich mich hier sehr gut aus. Ich muss somit nicht teure Reisen für Recherchen machen“, scherzte er. Ihm gefalle es sehr, über die Möglichkeiten eines Verbrechens in unserer Region zu spekulieren. Und zudem lasse er die Leser gerne darüber rätseln, wo genau in unserer Stadt schlussendlich die Handlung stattfinde.

Das Pulver nicht verschossen

In seinem Krimi geht es um den Polizisten Bärtschi, der die blutigen Taten in seinem Revier aufklären will. Da er seinen Mitarbeitern nicht trauen kann, nimmt er die Hilfe des Journalisten Cobb und Anna Galanti in Anspruch. Moment einmal: Anna Galanti ist doch schon einmal in Walter Millns letztem Buch aufgetaucht? „Das ist richtig“, erklärt der Autor. „Andere Schriftsteller haben mich immer davor gewarnt, dass einem gewisse Figuren ans Herz wachsen. Das ist mir auch passiert. Ich konnte mich in meinem neuen Buch nicht von ihr trennen.“ Walter Millns achtete bei seiner Lesung darauf, dass er die Zuhörer neugierig machte, aber noch nicht zu viel von der Handlung verriet. Seine Erzählungen waren detailreich und sehr spannend. Man hätte ihm noch lange zuhören können. Zum Schluss blieb jedoch zu hoffen, dass die Phantasien von Walter Millns nicht plötzlich ausbrechen und Schaffhausen weiterhin von den blutigen Verbrechen à la „Tödlicher Sog“ verschont bleibt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 23.11.2015.

 

Martin Suter “korrigiert” seinen Roman

Von Hermann-Luc Hardmeier: Die Interpretation des Schlusses seines Buches missfiel dem Schweizer Erfolgsautor. Jetzt ist der Schluss umgeschrieben, irgendwie unlogisch, aber dafür eindeutig. Eine Buchbesprechung von Hermann-Luc Hardmeier.

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Das ist eher eine Seltenheit in der Literaturszene. Ein Autor und Schriftsteller ist im Nachhinein unzufrieden mit seinem Buch bzw. mit dem, was die Leser aus seinem Buch machen und greift zum Rotstift. Die Rede ist vom Buch “Die Zeit, die Zeit” von 2012.

Natürlich gibt es viele Beispiele von Schriftstellern, die bereits das Gleiche gemacht hatten. Am konsequentesten dabei war sicherlich Johann Wolfgang von Goethe mit seine “Werther”. Als er das Buch damals in der “Sturm und Drang”-Zeit schrieb, war es voll von revolutionärem Geist und angriffigem Material. Als Goethe später in den Staatsdienst trat und sich in der Epoche “Weimarer Klassik” wiederfand, mochte er nicht mehr der Autor sein, der Vaterfigur eines revolutionären Romanes war. Er strich und veränderte das halbe Buch. In seiner Schlussversion war Werther nicht mehr der Stürmer und Dränger, sondern eine von Selbstzweifeln zerfressene Person. Das Buch war – man verzeihe die direkte Sprache – billig langweilig geworden. Kein Wunder, wird auch heute noch die Originalversion verkauft. Die zensierte Version gibt es nur im Paralleldruck mit der ursprünglichen Fassung. So kann der Leser genau mitverfolgen, was verändert wurde.

Ob das Buch “Die Zeit, die Zeit” mit “Werther” verglichen werden kann, dies kann man schnell verneinen. Der Vorgang der Korrektur durch den Autor persönlich, ist hingegen durchaus vergleichbar.

Im Buch von Martin Suter geht es darum, dass die Hauptfigur Peter Taler durch einen Mord vor der eigenen Haustür die geliebte Frau Laura verliert. Der Grund war seiner Meinung nach, dass er die Haustür zu spät geöffnet hatte. Er schottet sich ab und tröstet sich mit Bier und einem eintönigen Alltag. Sein Nachbar, der alte Knupp, wird bald zu einer wichtigen Bezugsfigur. Dieser hat seine Frau vor 20 Jahren verloren und lebt in sehr bizarren Vorstellungen. Knupp ist der festen Überzeugung, dass es keine Zeit, sondern nur Veränderungen gäbe. Diese Veränderungen kann man rückgängig machen und somit auch den Lauf der Dinge für ungültig erklären. Konkret: Der alte Knupp will seine Frau zurück. Damit ihm das gelingt, will er sein Haus und das ganze Quartier in den Zustand vor 20 Jahren zurückversetzen. Er rekonstruiert den Todestag seiner Frau bis ins kleinste Detail. Nicht inhaltlich, sondern baulich. Ja baulich! Alles soll so aussehen wie damals. Vom Teppich in der Wohnung bis zur Baumhöhe im Garten. Er ist sich sicher: Wenn alles so aussieht wie damals, kehrt seine Frau zurück und man könnte einen anderen Weg einschlagen, bei welchem er weiterhin eine glückliche Ehe führt. Taler lässt sich durch Neugierde und Erpressung von Knupp für das Experiment einspannen. Es werden Büsche zurückgeschnitten, alte Autos organisiert und Fassaden neu gestrichen. Alles wird penibel und akribisch rekonstruiert. Dies macht den Roman zwar stückweise etwas mühsam zum Lesen, doch man gibt nicht auf. Denn jeder will wissen: Klappt das Experiment? Kehrt die verstorbene am Ende zurück?

Das Buch ist seit drei Jahren auf dem Markt. Da Martin Suters Veränderung nicht verständlich erklärbar ist, wenn man den Schluss nicht kennt, muss er an dieser Stelle verraten werden:

Das Experiment glückt und die Verstorbene erlebt eine Wiederauferstehung. Es passiert jedoch etwas Schockierendes: Taler entlarvt Knupp. Der alte Nachbar hat Laura erschossen, damit Taler depressiv genug wird, um ihm beim Experiment zu helfen. Taler ist ausser sich. Er betrinkt sich, tötet Knupp und schläft ein.

Mit diesem Ende könnte die Geschichte auch als Traum von Taler gelesen werden. Manche Leser fanden dies gut, andere bezeichneten dieses Ende als “billigen Trick”. Diese Interpretation hat Martin Suter sehr geärgert, denn er wollte mehrere Interpretationsmöglichkeiten anbieten, und nicht als Taschenspieler bezeichnet werden. Deshalb hat er den Schluss umgeschrieben. Es sind nur wenige Sätze, doch diese haben es in sich. Taler trinkt nur ein einziges Glas Wein. Er bleibt wach und schreibt ein Geständnis nieder, warum er Knupp getötet hat. Er trifft danach auf die quicklebendige Laura und umarmt sie heftig. Da Laura zu diesem Zeitpunkt nichts von ihrem Tode weiss, reagiert sie nicht fröhlich, sondern sogar etwas genervt über die plötzlichen Zärtlichkeiten.

Nun ist das Ende eindeutig. Es gibt keine Interpretationsmöglichkeiten mehr und auch keine Zweifel mehr. Ob das Buch dadurch besser geworden ist, sei dahingestellt. Die ganze Geschichte mit dem Experiment war ja ohnehin nicht sonderlich logisch. Warum braucht diese Traumreise ein so präzises Ende?

Die Veränderungen von Goethes “Werther” waren enttäuschend und auch das Vorgehen von Martin Suter enttäuscht ein wenig. Zwei schöne Bücher sind mit einer groben Schere zensiert worden. Was gibt es Schöneres, als dass jeder ein Buch so interpretieren kann, wie es für sein Verständnis stimmt. Man kann nur hoffen, dass die Zeit, die Zeit auch über die neue Version von Martin Suters Buch hinweggeht und wie bei Goethe die Originalversion des Buches von den Lesern bevorzugt wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier. 11. September 2015.

(Quellen: Tages Anzeiger und FAZ)

Wenn Atombomben auf Relativsätze treffen

Buchkritik und Buchtipp von Hermann-Luc Hardmeier: “Die Analphabetin, die rechnen konnte.”

Nein. Nicht gut. Nein. Früher hätte man Bücher mit solch schwerfälligen Titeln von Anfang an bei jedem Verlag abgelehnt. „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.“ Oder: „Die Analphabetin, die rechnen konnte.“ Was sind denn das für seltsame Konstruktionen im Grammatik-Folterzirkus der Relativsätze?

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Bild: Das Buch des Erfolgsautors Jonas Jonasson. (Foto: Amazon.ch, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Nun, sie gehören zu den Eigenheiten des Erfolgsautors Jonas Jonasson. Allein im deutschen Sprachraum gingen seine Bücher millionenfach über den Ladentisch, und das zu Recht.

Der Schwede hat eine aberwitzige Fantasie, liebt absurde und komplexe Situationen und verbindet dies mit liebenswerten Figuren, die völlig naiv, jedoch erfolgreich durch die Weltgeschichte stampfen. Nachdem der hundertjährige Allan Karlson im ersten Erfolgsbuch, der so ganz nebenbei den Amerikanern und Russen dabei half, die Atombombe zu erfinden, ist beim zweiten Buch mit der Analphabetin alles neu.
Die junge Afrikanerin Nombeko kann nicht lesen, dafür aber rechnen, und das verdammt gut. Zuerst revolutioniert sie im südafrikanischen Slum den Latrinenreinigungsbetrieb. Dann steigt sie in die Regierung auf und hilft mit ihren genialen grauen Zellen bei der Konstruktion von nuklearen Sprengköpfen. Ach ja: Nebenbei lernt sie natürlich perfekt Chinesisch und das mit dem Analphabeten-Dasein ist auch schnell erledigt. Moment mal…: Nukleare Sprengköpfe? Atombomben? Schon wieder?

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Bild: Das wäre bestimmt auch noch ein flotter Titel für Jonassons nächstes Buch. Relativsatz-Monster der BVG-Berlin. (Foto: bvg.de, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Leider ja: Der grosse Clou des ersten Buches wird auch für das zweite Buch verwendet und kommt auf den ersten Blick ziemlich billig und kopiert daher. Offenbar scheint die Todeswaffe, mit welcher man die Welt – je nach Zählung vierzehn oder eben nur zwei Mal – völlig vernichten kann, eine grosse Faszination für Jonas Jonasson auszuüben. Doch was auf den ersten Blick abgehalftert und abgeschrieben klingt, ist schon beim zweiten Blick ziemlich egal.

Einmal mehr gelingt es dem Autor herrlich schöne verwirrende, dreiste und geniale Situationen und Charaktere zu komponieren, die immer wieder aufs Neue für Spannung und Abenteuer garantieren. Sobald man denkt, ok, jetzt haben wir die Spitze des Spassberges und der Politparodien erreicht, legt Jonasson erst richtig los. Da ist ein trotteliger Ingenieur, der lieber Cognac trinkt, anstatt die Übersicht über das südafrikanische Atombombenprogramm behält. Da sind zwei eiskalte israelische Agenten, die aus einer Mischung aus Überlistung und Versehen eine der Nuklearwaffen in die Hände von Nombeko spielen. Da ist ein Amerikanischer Töpfermeister mit Verfolgungswahn, eine Gräfin, die keine ist. Zwei Zwillingsbrüder, die eigentlich gar nicht existieren dürften, und, und, und.

Es macht einen unglaublichen Spass, das Buch zu lesen und wird nie langweilig. Wer wissen will, warum der schwedische Premierminister plötzlich mit einem Lastwagen voller Kartoffeln inklusive einer Atombombe durch die Strassen kurvt, warum man Diamanten niemals im Gebiss eines Toten verstecken sollte und welche Abenteuer die sympathische Nombeko erlebt, der hat mit dem Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte.“ garantiert ins Schwarze getroffen.

Hier wird die Weltpolitik kräftig durcheinander gewirbelt. Fiktive Handlungen mit echten politischen Ereignissen verknüpft und wie gesagt aufs Beste mit Charme, Satire und absurden Erzählungen der Leser unterhalten. Angesichts dieser Qualität des Buches sei dem Autor verziehen, dass er es sich etwas gar einfach machte, erneut mit der nuklearen Gefahr zu spielen und erneut einen unmöglich sperrigen Relativsatz zum Titel machte. Wir sind gespannt, ob Jonas Jonasson beim nächsten Buch diese zwei Schönheitsfehler beseitigen wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier