Theaterkritik: Tränen bei seinem Tod sieht er als Kompliment

Im Sommertheater „Krabat“ im Kanton St. Gallen ist der Schaffhauser Thomas Strehler gleichzeitig Schauspieler und Regieassistent. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Haltet den Dieb! Soeben hat ein Jogger am Zürichsee einer Gruppe das Fleisch vom Grill gestohlen. Die Barbecue-Freunde sind entsetzt und der Jogger macht sich grinsend aus dem Staub. Die dreiste Aktion ist zum Glück nur gespielt. Es ist ein Werbespot für einen Schweizer Getränkehersteller, bei welchem ein Schaffhauser die Hauptrolle spielt. Der Fleischdieb nennt sich Thomas Strehler und ist nicht nur Werbegesicht, sondern hauptberuflich Schauspieler. Am Samstag konnte man ihn bei der Premiere des Freilichtspiels „Krabat“ von Otfried Preussler sehen. Das Sommertheater in Lichtensteig, Kanton St. Gallen, begeisterte 500 Zuschauer und hält Thomas Strehler mit einer Doppelfunktion auf Trab.

Berufsweg mit vielen Zwischenstopps

„Als ich während dem Casting einem Konkurrenten einen Tipp gab, engagierte mich der Regisseur gleich auch als seinen Assistenten“, erinnert sich Strehler schmunzelnd an sein Vorsprechen. Das ist nicht selbstverständlich, denn der 32-Jährige machte keinen klassischen Karriereweg. Er kommt ursprünglich aus Winterthur und hat eine KV-Ausbildung bei einer Versicherung gemacht. „Mein Traum war es TV-Moderator zu werden“, erzählt er. Vier Jahre arbeitete er beim SRF in der Sportredaktion, doch die Rolle hinter dem Mikrophon als Befrager reichte ihm nicht. Er warf den Job hin. Der Durst nach Abwechslung und der grossen Bühne brachte ihn zuerst nach Australien, dann an die Schauspielschule nach Berlin. 2014 wirkte er beim Sommertheater „Schwarzes Gold“ in Diessenhofen mit und zog nach Schaffhausen. „Der Rhein, die Offenheit der Menschen und die Gemütlichkeit sorgten dafür, dass ich mich in die Stadt verliebt habe und blieb“, schwärmt Strehler.

Teufel und Tränen

Zurück ins Jahr 2018: Regisseur Simon Keller wollte den Wahlschaffhauser für die Rolle des Tonda, der beste Freund der Hauptperson. In der düsteren Geschichte von „Krabat“ kommen zehn junge Burschen in den Kontakt mit einem Meister, der ihnen in seiner Mühle die dunkle Magie näherbringt. Er steht mit dem Teufel im Bunde und opfert jedes Jahr einen Jüngling. Der Protagonist Krabat versucht den Bann zu brechen. „Das Stück ist nur auf den ersten Blick schaurig“, so Strehler. „Die Liebe wird schlussendlich Krabat zum Sieg verhelfen.“ Seine Doppelfunktion war zwar anspruchsvoll, doch er konnte viel lernen und hat es geschätzt, Verantwortung zu übernehmen. „Viel wichtiger als Anweisungen ist die Harmonie unter den Schauspielern“, so eine seiner wichtigsten Erkenntnisse. „Künstler sind oft sehr eitel und emotional. Das muss man ausbalancieren als Regisseur.“ Auch selber trainierte er hart an sich. „Ich will Leute berühren und zum Mitfiebern bringen.“ Jemand sagte ihm nach der Premiere, er habe geweint beim Tod von Tonda. „Das war für mich das grösste Kompliment“, so Strehler. Wo er  als nächstes spielt, weiss er noch nicht. „Die Schauspielerei ist ein Abenteuer. Man weiss selten, wo man in einem halben Jahr steht.“ Er lässt aber durchblicken, dass er ein interessantes TV-Angebot erhalten hat und vielleicht auch wieder einmal als Jogger in einer Werbung auftaucht. Die nächste Vorstellung von „Krabat“ findet am kommenden Samstag statt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. Juli 2018.

 

Ein perfektes Liebeschaos

In einer sanft modernisierten Version von Shakespeares «Sommernachtstraum» begeisterte das Theater Kanton Zürich auf der Freilichtbühne vor der Mehrzweckhalle Marthalen die Zuschauer. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier

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«An diesem Sommerabend passt das Stück herrlich», sagte Silvia Müller, Gastspielorganisatorin vom Theater Kanton Zürich, erfreut. Das Ensemble ist derzeit auf Freilichttournee, welche 45 Vorstellungen umfasst. In Marthalen fand am Samstag vor der Mehrzweckhalle die 32. Aufführung statt.

Verfremdungseffekt wie bei Dürrenmatt

Das Stück orientiert sich am Original, wurde aber sanft modernisiert. Das Bühnenbild umfasste Sofas und Sitzkissen, welche die Baumstrünke imitierten. Eine zweiköpfige Band mit Puck am Mikrofon spielte fetzige Songs, und die Schauspieler lieferten mit
zeitgenössischen Sprüchen und Flüchen immer wieder humorvolle Einlagen. Nicht zuletzt wurde à la Brecht und Dürrenmatt der Verfremdungseffekt zentral eingebettet. Shakesåpeare hatte in seiner Version eine Theatergruppe eingebaut, welche in das Stück
verwickelt wird. In der Darstellung des Theaters Kanton Zürich wurde diese Episode von einer heutigen Regisseurin geleitet, die schimpfte, nörgelte und sogar einen Zuschauer aus Marthalen auf die Bühne holte.

Das verflixte Kraut

Die Handlung von Shakespeares Stück begeistert die Zuschauer seit Jahrhunderten. Es ist eine verzwickte Liebesgeschichte, die durch den Waldgeist Puck zum Liebeschaos wird. Doch der Reihe nach: Hermia ist verliebt in Lysander. Er ist ein Poet, ein Minnesänger und vergöttert seine Angebetete. Eigentlich wäre alles perfekt, doch ihr Vater Theseus, Herzog von Athen, hat andere Pläne. Er hat den selbstverliebten Demetrius für sie vorgesehen. Falls sie ablehnt, droht er ihr mit dem Tod. Hermia flieht mit Lysander in den Wald. Demetrius folgt den beiden heimlich. Im Schlepptau hat er Helena, welche unsterblich in ihn verliebt ist, jedoch von ihm verschmäht wird. Zwei Frauen, zwei Männer, die Gleichung scheint einfach. Der Elfenkönig Oberon will den Streit mit einem Zauberkraut schlichten. Sein Plan: Durch das Kraut verliebt sich Demetrius in Helena, lässt Hermia in Ruhe, und diese kann mit Lysander glücklich werden. Ausführen soll das Ganze der Waldgeist Puck. Als dieser jedoch die beiden Männer verwechselt, verliebt sich Lysander in Helena, und das Tohuwabohu beginnt.

«Die Geschichte gefällt mir so gut, weil sie sehr humorvoll ist und die Vielschichtigkeit der Liebe zeigt», erklärt Silvia Müller. «Es ist zeitlos und öffnet den Zuschauern die Herzen. » Die Marthaler spendeten zum Schluss viel Applaus, doch auch die Schauspieler
waren zufrieden. «Shakespeare ist mit den gereimten Texten anspruchsvoll, mit unserer modernen Adaption kam es bei den Besuchern aber gut an», erklärte Joachim Aeschlimann alias Lysander. «Unter freiem Himmel wirkt das Stück genial», ergänzte Marie Gesien, alias Helena. «Es gab von draussen zwar Störgeräusche, aber seit wir eine Aufführung neben einem hupenden WM-Autokorso überstanden
haben, kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. Juli 2018.

Flöten-Folter, Unterleibsprobleme und Beuteschemen im Skilager

Am Freitagabend trat die Schaffhauser Comedian und Bloggerin Pony M. in der ausverkauften Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Hallo, hoi! Es ist so schön, zuhause zu sein!“ Pony M. begrüsste die Kammgarn herzlich und erhielt gleich zu Beginn begeisterten Applaus vom vollen Haus. Seit sie 2013 ihr Leben über den Haufen geworfen hat und ihren Job als Psychologin an den Nagel hängte, ist viel passiert. Mit über 64 000 Followern auf Facebook und ihrem Blog auf Watson zählt sie heute zu den erfolgreichsten Bloggern der Schweiz. Derzeit ist sie mit ihrem Programm „Dini Muetter“ auf Tournee und zeigte in der Kammgarn einen Querschnitt durch ihr Werk. Pony M. alias Yonni Meyer erzählte aus ihrer Vergangenheit, gab Alltagsbeobachtungen zum Besten, philosophiert und garnierte ihre scharfzüngigen Kommentare mit einer kräftigen Portion Humor. „Was macht einen echten Schweizer aus?“, war einer der ersten Fragen, die sie in den Raum warf. Sie bediente nun nicht etwa Klischees wie Käsefondue und Jodelvereine, sondern sprach über Skilager, Schulausflüge ins Technorama und Blockflötenunterricht. Sie gestand wildromantische Gefühle für einen der damaligen Lagerleiter. „Hmm, er ist wohl heute 60. Er war damals mein Beuteschema. Heute bin ich möglicherweise seins“, resümierte sie lakonisch. Die Zuhörer schwelgten in Erinnerungen und kugelten sich vor Lachen, als sie detailliert über verkochten Riz Casimir, lauwarmen Sirup aus der Thermoflasche und das Blockflötenspiel an Weihnachten im Familienkreis sprach. Die akustische Flöten-Folter beschrieb sie in allen Details. „Ich litt, die Zuhörer litten und auch die Blockflöte. Manchmal frage ich mich, wie es in so einem vollgespuckten Holzkörper wohl aussieht?“

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Bild: Evelyn Kutschera

Herr Kunz und sein Koffer

Die Lesung des Abends fand auf zwei Ebenen statt. Einerseits wurden viele Geschichten aus ihrem Zyklus präsentiert, andererseits bestimmte die Story des Geschäftsmannes Herr Kunz die Show. Dieser hatte seinen Koffer beim Flug verloren und mutierte ohne Handy sowie Laptop gezwungenermassen zum Offline-Abenteurer. Häppchenweise erfuhr das Publikum über die ganze Vorstellung verstreut, wie es Herrn Kunz ergangen war. Eins der Highlights des Abends waren sicherlich auch ihre Beobachtungen im Mikrokosmos Krankenzimmer. Welche typischen Menschen trifft man im ärztlichen Warteraum? Heiteres Gelächter brach aus, als Pony M. über den „Plauderi“, den „Google-Hypochonder“ und die „Telefoniererin“ sprach. Letztgenannte spricht mit leiser Stimme und geheimen Codes über Beziehungskrach und Unterleibsprobleme. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen erahnen die Zuhörer vieles. Leider zu viel. Pony M. sorgte nicht nur für amüsante Unterhaltung, sondern forderte auch zum Perspektivenwechsel auf. „Vielleicht sind Fünflieber perverse Münzen, die von dir am Selecta-Automaten gerieben werden wollen. Vielleicht wollen die Ramseiers mal etwas anderes, als grasen gehen. Beispielsweise ins Alpamare. Und vielleicht spricht Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht unheimlich langsam, sondern wir alle einfach unheimlich schnell.“ Man hätte gerne noch lange zugehört, doch Herr Kunz hatte sich mittlerweile mit seinem Offline-Leben angefreundet. Er genoss sein analoges Dasein und verzichtete zukünftig auf die geschäftliche Erreichbarkeit in seiner Freizeit. Vielleicht war dies eine der Hauptbotschaften von Pony M. für die Besucher. Wir haben ein schönes Leben. Aber es würde nicht schaden, die Augen zu öffnen und uns mehr mit anderen Menschen, anstatt mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8.Mai 2018.

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Und so fand Pony M. meinen Bericht. Besten Dank, ich fands auch einen superstarken Abend!

Wohl die amüsanteste Pause in der Geschichte des Stadttheaters

Die Satirekünstler Mike Müller und Viktor Giacobbo legten sich am Donnerstag im Stadttheater auf die Therapiecouch. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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(Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ihr seid kein Publikum, ihr seid bloss Gaffer!“ Mit markigen Worten ging Mike Müller in der zweiten Halbzeit auf die Gäste im Stadttheater los. Und Viktor Giacobbo ergänzte: „Ihr seid schuld daran, dass wir uns nicht mehr vertragen.“ Die Köpfe waren rot, die Stimmen laut und die Therapie der zwei Schauspieler schien kurz vor dem Scheitern. Doch was hatte zu diesem Eklat geführt? Am besten gehen wir der Reihe nach. Von 2008 bis 2016 flimmerte acht Jahre lang am Sonntagabend die Satiresendung Giacobbo/Müller auf SRF in die Wohnzimmer. Plötzlich war Schluss. Die zwei Künstler waren befreit und hatten nun Zeit für neue Projekte. Doch auf ihrer „Therapy Tour“ erzählen die zwei eine ganz andere Geschichte. Mit Dominique Müller von der fiktiven „Darsteller und Mimengesellschaft“ arbeiten die Satire-Rentner an ihrem Comeback auf der Theaterbühne. Damit ihnen der Verband diese Neuorientierung gestattet, sind sie zu Therapiesitzungen mit Dominque Müller verpflichtet. „Mike hat derzeit nur eine provisorische Betriebsbewilligung, und Viktor mussten wir mit der Spitex herbringen lassen“, scherzte der Therapeut über seine Patienten. Völlig ratlos standen die zwei vor dem Publikum, weil ihnen ihre Bürostühle von ihrer alten Sendung nach dem Betreten der Bühne nicht zur Verfügung standen. Als Mike sodann auch seine geliebte Kaffeemaschine nirgends finden konnte, verlor er die Fassung. Müller und Giacobbo nörgelten solange herum, bis ihnen der Therapeut nicht nur die Originalstühle aus der Sendung, sondern auch die Kaffeemaschine vor die Nase stellte. 1:0 für die Schauspieler. Doch es sollte nicht der letzte Streich des selbsternannten Mediziners gewesen sein. Dani Ziegler, der musikalische Sidekick aus der Sendung, brachte seine zwei ehemaligen Chefs aus der Ruhe. „Nur wegen deiner ewigen negativen Einstellung habe ich zugenommen“, warf ihm Mike Müller vor. Doch der Bassist war in Höchstform. Ziegler schwärmte von seinem Soloprogramm und liess sich ausgiebig über die Marotten seiner Ex-Bosse aus. In kleinen Portionen schlüpften Giacobbo und Müller in ihre Kultrollen Fredy Hinz, Toni Brunner und Hanspeter Burri. Sie stritten, debattierten und sorgten für viele Lacher im Verlaufe des Abends. Die zwei stärksten Momente der Show waren sicherlich, als sich die zwei Schauspieler schlagfertig den Fragen der Zuschauer stellten und als sie die ganze Pause durchspielten. Kaum einer im Publikum wagte aufzustehen. Denn jeder, der ein Getränk holen oder aus WC gehen wollte, wurde gnadenlos und scharfzüngig ins Visier genommen. Das war wahrscheinlich die amüsanteste Pause, die es jemals im Stadttheater Schaffhausen gegeben hat. Ob die zwei ihre Bühnenlizenz schlussendlich erhalten haben und ob die Therapie geglückt ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. April 2018.

 

Ein Krawallbengel, den sich so mancher wünscht

Am Samstagabend wurde das Theater zum Kultbuch „Tschick“ in der Mehrzweckhalle Trüllikon aufgeführt. Eine Theater- und Buchkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Rattatatam, Rattatatam. Die Bildschirme auf der Bühne zuckten und man hörte ein Maschinengewehr laut knattern. Der 14-Jährige Maik spielte ein Ballergame, während sich seine Eltern im Hintergrund stritten. Maik ist ein ganz normaler Teenager. Er hat die üblichen Probleme. Die Schule interessiert ihn nicht. Er ist verliebt in ein Mädchen seiner Klasse. Aber er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Und plötzlich taucht Tschick auf. Der neue russische Mitschüler ist ein Rebell. Er ist Ausländer, erscheint betrunken im Unterricht und schert sich einen Deut darum, was der Lehrer sagt. In den Sommerferien muss Maiks Mutter in die Entzugsklinik für Alkoholiker. Der Vater nutzt die Zeit für eine Affäre mit seiner Sekretärin. Maik hat sturmfrei und genau da klingelt Tschick an der Tür. Er schlägt vor, mit einem gestohlenen, äh Pardon, geliehenen Lada einen Roadtrip zu unternehmen. Maik ist zunächst skeptisch, doch diese Reise wird sein Leben auf den Kopf stellen.

Hardmeier + Buch + Kritik

Bild: Das Kultbuch von Wolfgang Herrndorf. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Nebenfiguren als Herausforderung
Der Kultroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf ist eines der meistgespielten Stücke in Deutschland. Durch die Coproduktion des Theater Kanton Zürich und dem Theater Winterthur ist das Schauspiel nun auch in der Schweiz angekommen. Am Samstagabend fand die 14. Vorstellung der Bühnenfassung von Robert Koall statt. Diesmal in der Mehrzweckhalle Trüllikon. Es ist eine humorvolle und warmherzige Inszenierung, die von der starken Leistung der Schauspieler lebte. Allen voran stand Andreas Storm, der fünf Rollen gleichzeitig spielte. Vom Lehrer Wagenbach über das Kind Friedemann bis zur Sprachtherapeutin bot er eine breite Palette. Ob das nicht anstrengend sei, wollte die Schaffhauser Nachrichten von ihm nach dem Ende des Theaters wissen. „Die Personen auseinanderzuhalten ist nicht schwer“, so Storm. „Viel schwieriger ist das Management der Kleider, welche zu jedem Charakter gehören. Ich muss mir Backstage immer genau überlegen, was ich wohin hänge und in welcher Reihenfolge.“

Nicht pädagogisch-peinlich
Beeindruckend war auch die schauspielerische Leistung von Tschick und Maik. Sie sprangen, tanzten, schrien und turnten auf der Bühne, sodass man kaum genug davon kriegen konnte. Doch die Frage drängt sich auf: Warum fasziniert das Stück die Menschen? „Es ist eine zeitlose Geschichte über zwei Teenager“, erklärte Nikolaij Janocha alias Maik nach dem Auftritt. „Der Zuschauer wird nicht einfach unterhalten, sondern erinnert sich an die eigene Jugendzeit.“ Auf ihrer Reise beziehungsweise auf ihrer Odyssee treffen Maik und Tschick nicht auf lauter schlechte Leute, wie sie es erwarten. Im Gegenteil: Sie erleben einen Glücksmoment nach dem anderen und entdecken, was das Leben alles zu bieten hat. Sie philosophieren und Maik entwickelt sich zu einer starken Persönlichkeit, der sich selber zu schätzen weiss und die wahre Liebe findet. „Mir gefällt, dass es nicht so pädagogisch-peinlich ist“, unterstreicht Janocha. „Man kann sich in die Jugendlichen hineinversetzen.“ Zum Schluss wird Tschick noch mit einer faustdicken Überraschung aufwarten, die aber an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Doch auch in dieser Situation wird sich zeigen, wie warmherzig und reif Maik mit diesen Breaking News umgehen wird. Wolfang Herrndorf hat mit Tschick eine Figur erfunden, die das Beste in Maik erwecken konnte. Obwohl er auf den ersten Blick wie ein asozialer Krawallbengel wirkt, hätte sich den Lausbub mit dem gestohlenen Auto wahrscheinlich noch so mancher Zuschauer in seiner Teenagerzeit als Freund gewünscht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. Februar 2018.

Theaterkritik: Russischer Angriff auf die Lachmuskulatur

Die russische Nationalmannschaft „Teatr 05“ errang einen Doppelsieg beim Theatersport am Freitag und Samstag in der “Kammgarn” in Schaffhausen. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Es war wie ein Boxkampf zwischen Präsident Putin und Bundesrat Ueli Maurer. Allerdings ohne Fäuste und ohne diese zwei Politiker. Aber immerhin: Die Länder stimmten. Russland gegen die Schweiz. St. Petersburg gegen Bern und Winterthur. „Teatr 05“ gegen „Theater am Puls (TAP)“ und „Winterthur TS“. Gut 550 Besucher waren gekommen, um den jährlichen Theatersportwettkampf vom Schauwerk in der Kammgarn zu sehen. Am Freitag war sogar ausverkauft. „Wir organisieren den Theatersport nun zum 15. Mal und sind davon genauso begeistert wie das Publikum“, freute sich Katharina Furrer vom Schauwerk. Das Improvisationstheater mit den zwei Mannschaften und dem Schiedsrichter war in den ersten Jahren jeweils ein Duell von Schweizer Teams. Später kamen Künstler aus Berlin dazu. Und nun also aus Russland. Allerdings schon das zweite Jahr in Folge. „Wir suchen die Abwechslung bei unseren Events“, erklärte Katharina Furrer. „Sergey Sobolev und Eugen Gerein sind zwei geniale Schauspieler und können es gut mit den Schweizern aufnehmen.“ Und tatsächlich: Die Russen überzeugten.

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Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Das Publikum als Regisseur

Doch der Reihe nach: Am Samstagabend eröffnete die „Pocketband“ mit einem Trommelwirbel und fetzigem Intro den Event. Schiedsrichtern Martina Schütze erklärte nochmals die Regeln: „Theatersport ist ein Improvisationstheater, bei dem das Publikum als Ideenlieferant gefragt ist.“ Spielorte, Themen der Stücke, Gefühle, Farben und, und, und wurden jeweils von den Zwei Mannschaften gefragt. Danach spielten sie damit kurze Szenen, die dann von der Publikumsjury mittels roter und blauer Karten bewertet werden mussten. Kurzum: Die Interaktion war wichtig und man staunte immer wieder, was die Schauspieler spontan für humorvolle und dramaturgisch geschickte Szenen auf die Beine stellten. Besonders schwierig dabei war, dass einer der Russen nur seine Landessprache beherrschte. Glücklicherweise sprach der zweite Russisch und Deutsch und konnte somit die wichtigsten Begriffe dolmetschen. Meistens war dies jedoch gar nicht notwendig. Im ersten Spiel trugen alle vier Schauspieler zusammen zum Gelingen des Stückes bei. Durch Klatschen konnten sie jeweils die Rolle eines anderen übernehmen und sprangen in eine thematisch andere Szene. So entwickelte sich ein Stück vom Gespräch zwischen Schuhputzer und seinem Kunden zum Ritterkampf, zum Flirt in einer Bar und endete im Streit zwischen einem russischen Ehepaar um die Vaterschaft von ihrem Baby.

Millionäre und Gangster

Danach suchte die Schiedsrichterin im Publikum nach vier schweizerdeutschen Sätzen. Selbstverständlich solche, welche die Russen nicht verstanden. Mit diesen Sätzen mussten die ausländischen Gäste nun ein Theater spielen und die Ausdrücke einbauen. Die Zuschauer kugelten sich dabei vor Lachen, denn die Russen schlugen sich sehr gut. Im nächsten Stück musste das Publikum einen Wunsch für 2018 formulieren: „Bei den Euromillions gewinnen“, rief ein Gast und das Thema wurde aufgegriffen. Nun spielten die Schauspieler also ein Stück rund um zwei frische Lottomillionäre, die plötzlich von zwei Gangstern überfallen wurden. Es folgten weitere Runden mit spontanen Liedern und den Lieblingsspielen der zwei Mannschaften. Während die Berner ein superlustiges Fragetheater beim Hundecoiffeur spielten, bereiteten die Russen ihren Favoriten vor: Ein Tanzsprechtheater. Dabei nahm der erste Schauspieler die Rolle des Tänzers ein, während der anderen den Regisseur spielte und dem Publikum erklärte, was nun aufgeführt werde. Da der russische Tänzer die deutschen Erklärungen natürlich nicht verstand, mussten die zwei gegenseitig vermuten und interpretieren, was der anderer nun tanzte beziehungsweise erklärte. Die Russen spielten sich damit in die Herzen der Schaffhauser.

Ein Toter, der singt

Der stärkste Moment des ganzen Abends war sicherlich, als der Russe Sergey bei einem Stück auf dem Friedhof plötzlich aus dem Grab hüpfte und von den Toten auferstand. Dabei sang er einen zornigen Punksong, der davon handelt, dass ihn der Friedhofsgärtner Josef mit seinem lauten Rasenmäher beim Schlafen störte. Nach riesigem Applaus durch die Zuschauer wurden die Gäste aus St. Petersburg nach dem Freitag auch am Samstag zu den Siegern gekürt. Der Doppelsieg markierte einen schönen Abschluss des Theatersports dieses Jahres. Die Gäste freuten sich bereits auf dem Nachhauseweg auf die Fortsetzung im nächsten Jahr.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 15. Januar 2018.

Hiphop, Zauberei und ein abgedrehtes Krippenspiel

Bei der “Open Stage” im Club “Orient” in Schaffhausen gab es viel zu staunen. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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„Wir haben heute fantastische Künstler für Sie bereit“, begrüsst Moderator Loris Brütsch am Donnerstagabend das Publikum im Orient. Wie jedes Mal leitete der Gastgeber mit Charme und flotten Sprüchen durch die zweistündige „Open Stage“. Diesmal standen sechs Talenten von Nah und Fern im Rampenlicht. Den Beginn machte Magier Dominic Oesch. Der 19-Jährige verblüffte mit geschickter Zauberkunst, magischen Ringen und einem fliegenden Tisch. Danach sang Roger Stüssi für die Gäste. Seine voluminöse Stimme war voller Energie und stand in überraschendem Gegensatz zu seiner eher zurückhaltenden Begrüssung. Eine Wundertüte, genau wie die Veranstaltung selber. Denn als nächstes kam das schrägste Krippenspiel, welches die Weihnachtszeit je gesehen hat. Komiker Gregor Schaller zeigte den Anwesenden, wie man aus Haushaltsmüll die Weihnachtsgeschichte nachbauen kann. Um das Ganze zimmerte er eine ausgeflippte Geschichte, die sich anhörte, als hätte man einen Duden unter Drogen gesetzt. Für die Maria-Figur benutzte er eine leere Milchpackung, die er mit dem Borer und dem Winkelschleifer bearbeitet, bis die Funken flogen. Aus einer Bierflasche und einem angebissenen Apfel gab es den Josef. Im Mittelalter hätte die katholische Kirche Gregor Schaller wohl auf den Scheiterhaufen geführt, hätten sie gesehen, wie er einen Emmy-Energiedrink mit Stichsäge und Beil zum Jesuskind umarbeitete. Das Ganze war zum Brüllen komisch, doch noch lange nicht der Höhepunkt des Abends. Neben Loris Brütsch, der in die Rolle des Zauberers „Lorios“ schlüpfte und die Gäste einmal mehr mit seinen Kartentricks begeisterte, warteten noch zwei musikalische Leckerbissen auf ihren Auftritt. Gefühlvoll und ausdrucksstark war Fabio Brellos aus Schaffhausen. Der Schaffhauser KV-Lehrling zeigte mit Gitarre und Klavier, dass der nächste Ed Sheeran durchaus auch aus der Munotstadt kommen könnte. Doch der Auftritt, der sich den Anwesenden am stärksten ins Gedächtnis brannte, war jener des Rapperduos „SAR – Neon & Santa“. Mit Wortwitz, dickem Flow und eine Mixtur aus Partysongs und tiefgründigen Gedanken enterten die Wortkünstler aus Stein am Rhein die Bühne. Sie wechselten zwischen ruhigen Balladen und fetzigen Tanznummern. Ein Teil des Publikums stand auf, tanzte und feierte. Sowas gabs bislang noch an keiner der „Open Stage“-Veranstaltungen. Insgesamt bot die Talentshow in ihrer letzten Ausgabe vor der Winterpause viel Abwechslung und Unterhaltung. Von dicken Punchlines der Rapper, über Magier mit telepathischen Fähigkeiten, einem wortgewaltigen Sänger bis hin zum freakigsten Krippenspiel des Jahres war für jeden etwas dabei. Loris Brütsch verabschiedete die Besucher mit den Worten „Wenns euch gefallen hat, dann kommt wieder!“. Viele Besucher werden 2018 dieser Aufforderung mit viel Vorfreude folgen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 18.11.17.

 

Talentshow: Plötzlich flog die Perücke durch die Luft

An der sechsten Ausgabe der „Open-Stage“-Show im Orient begeisterten am Freitagabend einmal mehr die Künstler das Publikum.

„Ich bin total nervös“, scherzt ein Gast, als Moderator und Zauberkünstler Lorios ihn fragte, ob er sich auf den Abend freue. Der Besucher namens „Gigi“ wusste noch nicht, dass er später selber auf der Bühne stehen würde. Doch der Reihe nach. Als erster betrat Yves Keller alias „Chäller“ das Podest. Der Comedian und ehemalige Radio Munot – Chefredaktor witzelte über die seitenlangen «WhatsApp»-Nachrichten seiner Mutter, über seine Zivildiensterlebnisse mit dem Rentner und Flirtkönig Herr Moser und vieles mehr. Danach war es Zeit für den Singer/Songwriter Marco Clerc. Dieser hatte eine Handfeste Überraschung im Gepäck. Nach seinem Evergreen „Just another Folk Song“ verriet er dem Publikum, dass er sich sein ganzes Leben schon verstelle: Nun sei es Zeit, sein wahres Ich zu zeigen und den Rockstar herauszulassen. Er griff in den Gitarrenkoffer und setzt sich eine blonde Kurt Cobain – Perücke auf. Im Truckerfahrer-T-Shirt und voller Haarpracht sorgte er sodann mit dem Cover von «Wicked Game» von Chris Isaak für Schmunzeln und viele Lacher. Marco Clerc gab alles und rockte auf der Bühne so enthusiastisch, bis ihm die Perücke vom Kopf flog. Das nennt man dann wohl, vollen Körpereinsatz zeigen. Nach diesem fulminanten Auftritt kündigte sich der Moderator Lorios gleich selber an und präsentierte einen verblüffenden Zaubertrick mit einem imaginären Kartenspiel und drei mysteriösen Briefumschlägen. Nach der Pause kam sodann der Knüller: Kabarettist Jan Rutishauser begann harmlos mit ein paar Scherzchen, bis am Schluss zu seinen Songs aus der Reihe „defekte Liebeslieder“ alle mitklatschten und applaudierten. Das war schon fast das Ende. Doch da war doch noch was…Ach ja: Der Gast vom Anfang: Der Moderator erklärte, dass er im Publikum zwei Talente für die Show suche und fand diese in «Rock-Ruth» und «Gigi». Sie durften ihm bei einem Zaubertrick assistieren, einen Witz erzählen und zu guter Letzt war eine Playbackshow angesagt. Gigi, der bei einer Rockband singt, liess sich das nicht zweimal sagen und machte aus der Playback-Show gleich eine Karaoke-Nummer. Den Schluss des Abends gestaltete Alex Nauva, der eine Indietronic-Musikshow zeigte, die sich gewaschen hatte. Dies bot einen schönen Kontrast zum bisher eher wortlastigen Abendprogramm. «Das war einmal mehr ein genialer Abend», freute sich Moderator Lorios nach dem Ende der gelungenen Veranstaltung.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 25.11.2017.

Theaterkritik: Rasante Jagd nach dem Piratenschatz

Das 2. Stück des Szenario-Ensembles namens „Die Schatzinsel“ sorgte im Fasskeller für Begeisterung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Die Crew auf dem Schiff der Schatzsucher gerät durch Piraten in Bedrängnis (Foto: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Wow, das haut mich einfach um“, freute sich ein Gast nach der Vorstellung von „Die Schatzinsel“ am Samstagabend im Fasskeller. „Das Bühnenbild, die Requisiten und der viele Text, den sich die Schauspieler merken müssen – da bin ich baff.“ In der heutigen Zeit, in welcher viele Menschen gerade einmal ihren Handy-Pin-Code“ auswendig können, beeindruckt ein Theaterbesuch aus verschiedenen Gründen. Doch das wichtigste ist nach wie vor, dass die Gäste von einer spannenden Geschichte, einer packenden Dramaturgie und einem mitreissenden Spiel der Protagonisten gefesselt werden. Sie sollen die Emotionen des Stücks mitfühlen können. Ganz anders als im Kino springt der Funke im Theater viel leichter von der Bühne auf die Zuschauerränge. Und genau das ist den fünf Schauspielern unter der Regie von Manuela De Ventura und Xenia Ritzmann vorzüglich gelungen. Die Jagd nach dem Schatz des verstorbenen Piraten Käpt’n Flint sorgte für gute Unterhaltung. Als in einer Gaststätte ein Matrose starb, tauchte plötzlich die legendäre Schatzkarte auf. Der Sohn der Restaurantbesitzerin, der Arzt und der Friedensrichter kauften ein Schiff, heuerten eine Crew an und machten sich auf die Reise. Dumm nur, dass ihr Plan aufgeflogen war und ihre Mannschaft aus ehemaligen Piraten von Käpt’n Flint bestand, die ihnen bei der erstbesten Gelegenheit an die Gurgel wollten. Die Ausgangslage war spannend und das Abenteuer konnte beginnen. Der Roman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson wurde von Josha Schraff ins Schweizerdeutsche übersetzt und dem Team der Theatergruppe Szenario auf den Leib geschrieben. Vielleicht war man damit dem Original noch näher als mit anderen englischen Theaterversionen, denn schliesslich war Stevenson die Idee für die Story bei einem Kuraufenthalt in Davos 1880/1881 gekommen. Bei der Umsetzung des Stücks für Schaffhausen war spannend, dass in der Geschichte selber fast nur Männerrollen vorgesehen sind, bis auf Josha Schraff aber nur Frauen im Szenario-Ensemble mitmachen. Zudem mussten jeder mehrere Rollen spielen, was der Aufführung eine zusätzliche Dynamik gab. „Das war schon eine Herausforderung“, erklärte Fanny Nussbaumer, die in die Rolle des grimmigen Piraten Long John Silver und der Restaurantbesitzerin geschlüpft war. „Was mich zusätzlich forderte, waren die vielen Requisiten. Man musste im richtigen Moment ein Fass über die Bühne ziehen, ein Brett aufhängen oder den Revolver an der richtigen Stelle deponieren. Da musste man immer zu 200% bei der Sache sein.“ Intensiv war nicht nur, was auf der Bühne passierte, sondern auch, was im Vorfeld gelaufen war. „Wir haben ein halbes Jahr lang geprobt, in den letzten zwei Wochen vor der Hauptprobe täglich“, erklärte Regisseurin Manuela De Ventura. „Zwischendurch hatten wir vom Fasskeller schon ein wenig den Kellerkoller, aber wir sind sehr glücklich und zufrieden mit der Première und den bisherigen Aufführungen.“ Die Anzahl der Vorstellungen ist übrigens streng limitiert, damit nicht nur das Publikum, sondern auch die Schauspieler hungrig gehalten werden können. Eine frischgebackene, knusprige Pizza bleibt schliesslich auch viel besser in Erinnerung, wenn man sie nach zwei Stücken dem Tischnachbarn weitergeben muss. Die interessante und humorvolle Aufführung der Schatzinsel bereitete den Besuchern einen tollen Abend und man wartet bereits ungeduldig auf den nächsten Streich des Szenario-Ensembles.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 18.11.207.

Ein spannender Krimi aus der „Theaterchuchi“

„Sie werden in zwei Wochen sterben!“ Mit dieser niederschmetternden Diagnose verlässt Herr Strotz die Sprechstunde seines Arztes. Der Inhaber einer bedeutenden Pharmafirma befindet sich am Abgrund seines Lebens und weder Geld noch Einfluss kann ihm zu diesem Zeitpunkt helfen. Der Versuch, seinem Sohn die Diagnose mitzuteilen, scheitert kläglich. Das Gespräch endet im Streit, denn der Sohn verprasst das Firmenvermögen lieber für teure Luxusschlitten und Partys, anstatt mit seinem Vater das Unternehmen auf Kurs zu halten. Zudem plant er die Pharmafirma nach China zu verkaufen, damit er noch mehr Bargeld für sein vergnügliches Leben zur Verfügung hat. Die Ausgangslage für den Krimi namens „Matt“ war interessant und fesselte die Zuschauer in die Theatersessel.

Im „Kino Theater Central“ in Neuhausen startete an diesem Abend die Spielsaison der „Theaterchuchi“. Ziel dieser Institution ist es, Jugendlichen das Theaterspielen zu ermöglichen. Sie sollen damit nicht nur eine unbeschwerte Zeit erleben, sondern auch ihr Selbstvertrauen durch das Arbeiten im Team und durch Auftritte vor Publikum stärken. Geleitet wird die „Theaterchuchi“ von Ruedi Widtmann. Er freute sich sehr, dass alles geklappt hat: „Heute Abend spielt die ältere „Theaterklasse“ ihren Krimi. Sie haben das Stück selber geschrieben und entwickelt. Ich habe lediglich einige Leitplanken gesetzt, damit es gut spielbar wird.“ Die fünf Schauspieler hatten den Krimi nicht nur mit Spannung und Humor umgesetzt, sondern auch dramaturgisch einen interessanten Kniff vorgenommen. Die drei goldenen Theaterregeln von Aristoteles von Raum, Zeit und Ort wurden bewusst aufgebrochen. In 22 Szenen bzw. Bildern spielten die Jugendlichen im Büro, im Elternhaus, im Sprechstundenzimmer, in einer Bar und sogar kurz im Publikum. Sie machten Zeitsprünge, setzten stellenweise auf Gleichzeitigkeit und vollführten dynamische Personenwechsel. Das alles gab dem Stück Tempo und Energie. Der Pressesprecher der Firma war zugleich auch Erzähler des Theaters. Zwischendurch wandte er sich ans Publikum, in anderen Szenen spielte er mit einem Mitarbeiter der Firma Schach. Genauso wie auf dem Brett Figur um Figur fiel, so eskalierten die Ereignisse mit Erpressung, einem Selbstmordversuch und einem Autounfall auch im Theaterstück. Das Schachspiel war quasi eine Parabel für die Geschehnisse auf der Bühne. Und wie im Spiel mit Turm, Reiter und Bauer der Gegner irgendwann Schachmatt geht, so wurden auch der Firmenboss und sein flegelhafter Sohn „Matt“ gesetzt. Als kleine Kritik sei gesagt, dass das Ende der Handlung vielleicht ein wenig zu geradlinig verlief. Insgesamt war das Theater mit dem philosophischen Abschluss durch den Erzähler aber sehr stimmig und eine wirklich beeindruckende Leistung der jungen Schauspieltalente.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. September 2017.