Ursus und Nadeschkin entlassen 50% ihrer Mitarbeiter

Die zwei Comedy-Urgesteine sorgten am Mittwoch mit absurdem Humor für viele Lacher im Stadttheater. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Ursus und Nadeschkin kurz vor dem Start ihrer Bollywood-Parodie. (Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Schneeflocken im Stadttheater. Während die weisse Pracht von der Decke regnete, tanzten im Ballettoutfit Ursus und Nadeschkin eine Tschaikowsky-Nummer und sangen dabei synchron für die Zuhörer. Das fast ausverkaufte Haus applaudierte begeistert und die zwei Künstler verbeugten sich enthusiastisch. Irgendwann wurde es aber grotesk, denn das Verbeugen nahm kein Ende und man merkte, dass künstlicher Applaus durch die Boxen eingespielt wurde. Kurz darauf ging das Gezänke der zwei Protagonisten los. Wie ein altes Ehepaar stritten sie darüber, wer sich zuerst umziehen soll und was der andere in jener Zeit auf der Bühne zu tun gedenke. «Moment, sind Sie nicht…Madonna?», hielt Ursus plötzlich inne und zeigte auf eine Dame im Publikum. Es entwickelte sich daraus ein Running-Gag, der immer wieder für Lacher sorgte. «Die sieht ja privat ganz anders aus», stellte Nadeschkin fest und sorgte sich im nächsten Moment, ob ihr ein Scheinwerfer auf den Kopf fallen könnte. Ein Knall, ein Blitz und tatsächlich krachte die Deckenbeleuchtung plötzlich darnieder. Nadeschkin amüsierte sich köstlich, denn der Scheinwerfer wurde vom Kabel genau auf der Höhe festgehalten, auf welcher er Ursus treffen könnte, sie jedoch elegant hindurchtänzeln konnte. Ursus wusste noch nichts von seinem beinahe Unfall und sinnierte fröhlich darüber, wie er in ihrem Zwei-Personen-Betrieb einen Stellenabbau machen könnte, um als Solostar dazustehen. «Ich sehe schon die Schlagzeile», mutmasste seine Bühnenpartnerin. «Ursus und Nadeschkin entlassen 50% ihrer Mitarbeiter.» Es folgte eine Zaubernummer, die unterirdisch billig war, was Ursus jedoch partout nicht einsehen wollte. «Das ist nur ein halber Trick», stellte Nadeschkin kritisch fest. «Das ist, wie wenn man bei einem Witz nur die Pointe erzählen würde. «Beide tot.» – «Beide tot?», rätselte der Beschuldigte ahnungslos. «Ja, eigentlich müsste ich vorher sagen: Treffen sich zwei Jäger.» Sie stritten fröhlich weiter, während sich die Zuschauer dabei kugelten vor Lachen. Die Show war in keiner Sekunde langweilig und produzierte immer wieder Missverständnisse und paradoxe Situationen, welche durch die Argumentationsversuche von Ursus und Nadeschkin keineswegs gelöst, sondern immer noch komplexer und komplizierter wurden. Sei es eine unsichtbare Türe, die zu einer unsichtbaren Kaffeemaschine mutierte und schliesslich explodiert. Oder seien es der Einsatz eines Feuerlöschers auf der Bühne oder ein waschechter Bollywood-Partysong, der mit abenteuerlichen Texten für beste Unterhaltung sorgte. Zum Schluss rezitierte Ursus mit Feuerwerk auf dem Helm und mit dem elektrischen Einrad fahrend ein Goethe Gedicht. Ob das dem Faust-Schriftsteller gefallen hätte, sei dahingestellt. Im Stadttheater jedoch sorgte es für tosenden Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 27. Sept. 2019 in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten“.

Der Daniel Düsentrieb des Theaters

Der Erfinder Stefan Heuss sorgte am Freitag in der Kammgarn mit seinen skurrilen Maschinen für Heiterkeit. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Ein automatischer Babywickler, eine Fonduemaschine oder eine Blumensamengranate? Kein Problem ist für den Erfinder Stefan Heuss zu komplex, als dass er sich nicht eine kreative Lösung dafür ausdenken könnte. Der Daniel Düsentrieb des Theaters wurde durch seine Auftritte mit dem St. Galler Mundartkünstler Manuel Stahlberger alias Stahlbergerheuss bekannt. Spätestens seit seinen Auftritten in der Satiresendung Giacobbo/Müller kennt ihn die halbe Schweiz. Am Freitagabend besuchte er nun im Rahmen seiner Tournee „Die grössten Schweizer Patente“ die Kammgarn. Eingeladen hatte ihn das Schauwerk.

Ohne Drohne und Kran

Auf der Bühne war eine kleine Werkstatt mit den skurrilsten Maschinen und einer grossen Leinwand für Präsentation aufgebaut. Der Musiker Dide Marfurt untermalte den Abend mit seinen Instrumenten. Er starte mit einem Drehorgel-Dudelsack, der ebenfalls aus der Konstruktionsküche von Stefan Heuss zu kommen schien. Die grosse Frage war, wie würde Stefan Heuss auf der Bühne erscheinen? Würde er sich auf einer Drohne einschweben lassen, mit einem Knall und viel Rauch wie ein Magier oder hätte er gar für den Kran in der Kammgarn einen Adapter konstruiert, der ihn einschweben liesse? Alles weit gefehlt. Mit breitem Lächeln und ohne grosses Tamtam stolzierte der gelernte Gärtner hinter dem Vorhang hervor und begrüsste die Gäste herzlich.

Kabelrolle für die Handtasche

„Ich zeige Ihnen heute Prototypen direkt aus meiner Werkstatt“ und zog als erstes einen aufgemotzten Kinderwagen hervor. Ein automatisch steuerbares Verdeck und ein Einschlaf-Rüttler, der auf akustische Signale reagiert, waren nur einige der Tunnings, welche der sonst so harmlose Alltagsgegenstand erfahren hatte. Einzig das Problem der Stromzufuhr schien noch nicht gänzlich gelöst zu sein. „Nehmen sie einfach eine handelsübliche Kabelrolle, die in jede Handtasche passt“, meinte der Tüftler dazu mit einem Augenzwinkern. Als nächstes zeigte Stefan Heuss, wie er eine Baustelle zur Wellnessoase umfunktionieren konnte. Für die Säbelsäge hatte er einen Massagehandschuh aus Silikon entwickelt, der nach jedem Arbeitsgang für Entspannung sorgte. „Dank meinem Wellnessadapter bin ich sofort wieder total locker drauf“, pries Heuss das Produkt an. Als er schliesslich noch eine Peelingscheibe für den Winkelschleifer zeigte, musste aber auch er eingestehen, dass nicht jedes Gerät ideal für den Spa-Bereich wäre. „Ich kämpfe noch mit einer Lösung gegen die hohe Drehzahl“, erklärte er und löste damit im Saal grosses Gelächter aus.

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Bild: Stefan Heuss mit seiner genialen Erfindung «Speed-Brush» für die effiziente Tagesfrisur am Morgen. (Foto: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Humor trifft auf Technik

Obwohl die Geräte des Maschinengenies zuverlässig viele Alltagsprobleme lösten, waren sie oft absichtlich unhandlich, etwas umständlich und für ahnungslose Passanten nicht ganz ohne Verletzungsrisiko. Dies in Kombination mit den technischen Erklärungen sorgte für grosses Amüsement unter den Besuchern. Sei es der pneumatische Schuhabsatz für Higheels, der Bratwurst-Niedergar-Adapter, Wasserwanderschuhe für den Zürichsee oder ein Akkubohrer und ein Industriegebläse, mit dessen Hilfe man in 1.38 Minuten einen Weihnachtsbaum schmücken konnte. Der Höhepunkt des Abends war aber sicherlich, als Stefan Heuss seinen „Speedbrush“ vorstellte. Dies war ein Gerät, das jedem Morgenmuffel viel Zeit spart, da es mit drei grossen Bürsten und Haargel-Einspritzung für die perfekte Morgenfrisur im Turbotempo sorgte. Wahlweise mit Oswald-Grübel- oder Justin-Bieber-Effekt. Ist Stefan Heuss der genialste Erfinder aller Zeiten oder einfach nur ein Wahnsinniger, der Technologien für Unsinniges zweckentfremdete? Der Abend liess diese Frage offen und hatte vor allem eines: Einen extrem hohen Unterhaltungsfaktor.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 25. März 2019.

Die Geburt eines Roboterbabys auf der Bühne

Geistreich, amüsant und satirisch nahmen die Schauspieler im Stadttheater Schaffhausen beim «Bundesordner ’18» das vergangene Jahr auf die Schippe. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Wo ist der denn?», erkundigte sich Herr Schön zu Beginn der Vorstellung am Mittwoch im Stadttheater über den Verbleib des Bundesordners. «Digitalisiert!», so die lapidare Antwort von Frau Gut. Die Hauptperson der zweistündigen Vorstellung trat selber nicht
auf, doch über dessen Inhalt wurde nach Herzenslust diskutiert, analysiert und
fabuliert. Schauplatz der Geschehnisse war ein Museum, in welchem die Exponate
im Zentrum des satirischen Jahresrückblickes standen. Es wurde gesungen,
gerappt, gedichtet und auch ein Poetry-Slam-Auftritt durfte nicht fehlen.
Die zehn Schauspieler schlüpften in die unterschiedlichsten Rollen und verblüfften
die Zuschauer immer wieder mit Ereignissen aus dem vergangenen Jahr,
welche sehr nah oder gefühlsmässig bereits unendlich fern waren.
Natürlich durfte der magistrale Spruch «Rire c’est bon pour la santé»
vom ehemaligen Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht fehlen. Es gab
einen Chor aus Gilets-jaunes-Protestierenden, welche Emmanuel Marcon mit
einer Mischung aus Guillotine und Bundesordner einen Kopf kürzer machten,
und der Hitsong «079» von Lo & Leduc wurde zum Knüller «2-0-1-8» uminterpretiert.
«Wofür steht denn diese Kartoffel? », wunderte sich Herr Schön im Museum
und begann zu rätseln. «Etwa für die Fair-Food-Initiative?» Nicht ganz. Gemeint war Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz, der 2018 wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen wurde. Doch nicht nur Promis gerieten ins Visier der Satire. Auch das letzte männliche nördliche Breitmaulnashorn war Thema der Diskussion. Der Tod des Tieres veranlasste
Laurin Buser, einen gesellschaftskritischen Poetry-Slam-Text zum Besten zu
geben. Fazit: Die Menschen fallen wie eine Heuschreckenplage über den Planeten
her und haben immer noch nicht gemerkt, dass sie die Täter und nicht die Opfer sind.
In einer weiteren Episode verwandelte sich die Bühne in eine amüsante Quizshow
mit dem Titel: «Deppen Fragen, Experten antworten.» Es stellte sich jedoch
schnell heraus, dass die einfachen Fragen den kaschierenden Antworten
der Wissenschaftler weit überlegen waren und sie demaskierten.
Doch der eigentliche Höhepunkt des Abends war der Elternabend im Primarschulhaus
Steinacker. Anet Corti schlüpfte dabei in die Rolle der Lehrerin Frau Böhni und erzählte über die konkrete Umsetzung des Lehrplans 21, welcher im Zuge der Digitalisierung
nun als Lehrplan 21.1. tituliert wurde. Es werde nicht nur die «Selfie-Kompetenz
» der Schüler geübt, sondern anstatt «Häckeln» gebe es nun das Fach
«Hacken». Doch nicht nur das Eindringen in fremde Computer werde geübt,
sondern auch der Französischunterricht auf eine neue Stufe angehoben.
Mit dem Actiongame «Fortnite» werde im Rahmen der «French Night» die französische
Sprache beim Rumballern geübt. Als sich Frau Böhni im Anschluss im WhatsApp-Chat der Schüler einschaltete und durch Autokorrekturfehler für Verwirrung sorgte, kugelten sich die Zuschauer vor Lachen. Es folgte ein Auftritt von Pfarrer Sieber, ein Seitenhieb
gegen die Doppeladlerhysterie, und dank Gentechnik kam es auf der Bühne zur Geburt des ersten Roboterkindes. Ob der Mensch etwas aus seiner Geschichte gelernt hat, werden wir wohl erst beim «Bundesordner 2019» erfahren.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 25. Januar 2019.

Kräftemessen der Improvisationsprofis

Am zweitägigen Theatersport-Event fieberten 550 Zuschauer in der Kammgarn mit den improvisierten Stücken mit. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Die Improvisationskünstler in der Kammgarn. (Foto: Selwyn Hoffman, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Achtung, fertig, los! Zwei Mannschaften und ein Schiedsrichter. Was ein bisschen nach Fussballspiel klingt, ist in Wirklichkeit die kreativste Veranstaltung, seit es Theaterbühnen gibt. Beim zweitägigen Theatersport des Schauwerks in der Kammgarn mussten zwei Schauspielerensembles gegeneinander antreten und in verschiedenen Spielen die Gunst der Zuschauer gewinnen. Das Schöne daran war, dass die „Zutaten“ für die improvisierten Theaterstücke aus dem Publikum kamen. „Ich suche einen Ort, ein Gefühl und einen Beruf“, forderte die Moderatorin Bettina Wyler das Publikum jeweils auf. Unterstützt wurden die Bühnenpiraten von der Pocket Band, welche die Szenen dramatisch oder enthusiastisch untermalten. So sahen die Gäste jeweils einzigartige und spontane Premieren von Kurztheatern. Das Interesse der Zuschauer war riesig. Am Freitag wollten 300 Besucher das Kräftemessen zwischen „Hiddenshakespeare“ aus Hamburg gegen Winterthur“ TS“ sehen. Am Samstag forderte das „Improtheater“ Konstanz die Hamburger vor 250 Gästen erneut heraus.

Romantik in der Kläranlage

Gelb, Trauer, Bäcker und Frankreich waren beim 1. Spiel am Samstagabend die Vorgaben des Publikums. Jedes Wort wurde einem der vier Schauspieler zugewiesen und definierte damit seine „Rolle“. Zudem bestimmten die Zuschauer, das Stück müsse in einer Caféteria einer Firma spielen. Bei diesem „In & Out“-Spiel wirkten beide Teams zusammen. Sobald im Gespräch eines der Schlagwörter fiel, musste der entsprechende Schauspieler den imaginären Pausenraum verlassen oder betreten. „Der Kaffee sieht gelb aus“, beförderte demnach den ersten auf die Bühne. „Kennen wir uns nicht aus Frankreich?“ – „Ja, genau aus Frankreich“, sorgte dafür, dass ein anderer Schauspieler kurz hereinkam und sofort wieder hinausmusste. Das Theater um den sauren Kaffee war köstlich komisch und sorgte für viele Lacher im Publikum. „Frankreich“ wurde zudem zum Running-Gag eingebaut. „Nun suche ich einen romantischen Ort für ein erstes Treffen“, erklärte die Moderatorin. „Kläranlage“, schoss es wie aus der Pistole von einem Gast in der Mitte des Saales. Es wurde nun eine Lovestory gespielt, wie man es so wohl noch nie gesehen hat. Mit teilweise überraschenden Wendungen inklusive einem Schluck Wasser aus der Wiederaufbereitungsanlage.

Kreative Einstiege

Moderatorin Bettina Wyler hatte am Samstagabend einige unkonventionellen Ideen für Spieleinstiege mitgebracht. Einmal las sie Tageshoroskop von der Boulevardzeitung Blick einer Schauspielerin vor. Dies war nun ihre Vorgabe für ihre Rolle. Bei einem anderen Spiel las sie den ersten und den letzten Satz aus einem Buch eines Gastes vor. Alles, was dazwischen passierte, hatten die Schauspieler nun aufzuführen. Es folgten Szenen mit einem Glatzkopf beim Frisör, einem viel zu fröhlichem Friedhofsgärtner, der Grabsteine vertauschte, Songs über Fische mit Erfrierungen und ein Nachbarschaftsstreit, der mit dem Tod eines Wellensittichs endete. Die Leistung der Schauspieler, aus ganz wenig ganz viel zu machen, war extrem beeindruckend und einmal mehr gingen die Besucher begeistert nach Hause.

Interview mit den Schauspielern Kirsten Sprick und Thorsten Neelmeyer.

„Wir sind tagsüber wie Schwämme“  theatersport2019

Bild: Thorsten Neelmeyer und Kirsten Sprick. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Interview: Hermann-Luc Hardmeier)

Wie kommt man dazu, Theatersport zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir haben 25 Jahre Bühnenerfahrung und spielen normalerweise Stücke mit vorgegebenen Handlungen und Texten. Der Reiz war gross, etwas Neues auszuprobieren, wo wir kreativ sein können.

Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, auf Kommando und mit wenig Vorgaben ein Stück zu spielen?
Kirsten Sprick: „Ja, es ist eine Herausforderung. Am Freitag musste ich beispielsweise singen und hatte die Vorgaben „Tango“ und „Meditationsmusik“. Das ist nicht einfach, doch es macht unglaublichen Spass, wenn es gelingt.“

Wie übt man Improvisationstheater?
Kirsten Sprick: „Wir sind tagsüber wie Schwämme. Wir saugen Geschichten und Erlebnisse auf, die wir schnell mit den Vorgaben verknüpfen können. Zudem muss man wissen, wie eine Story dramatisch aufgebaut ist. In dem Sinn muss man es nicht oft üben, sondern einfach schnell im Kopf sein. Das trainieren wir.“

Ein „Nein“ gibt es in eurem Wortschatz nicht?
Thorsten Neelmeyer: „Eine Vorgabe oder eine Rolle vom Publikum darf man nicht ablehnen. Die Kunst ist es, die Szene so zu erweitern, dass wir ein knackiges Stück spielen können. Unser Talent ist es, dass wir darin blitzschnell sind.“
Schlechtes Publikum?

Wie gefiel es euch, in Schaffhausen zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir sind begeistert. Die Schaffhauser sind lebendig und euphorisch von Anfang bis Ende. Eine La-Ola-Welle von 300 Leuten zugleich haben wir noch nie erlebt. Wir kommen auf jeden Fall sehr gerne wieder.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 14. Januar 2019.

„Deine Stimme ist der Hammer!“

An der Open Stage – Talentshow im Orient wurde gesungen, gezaubert, gewitzelt und gerappt. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Volles Haus und gute Stimmung. Die erste Open Stage des Jahres startete am Freitagabend im Orient unter guten Vorzeichen und sollte die Besucher nicht enttäuschen. Die Schaffhauser Talentshow hatte einiges zu bieten. In der Jury sass zwar nicht Dieter Bohlen, aber immerhin drei versierte lokale Kulturschaffende. Mireille Pochon von der Band Union, Simon Sepan von Fasskultur und Beat Junker, der früher das Booking der Bands für die Kammgarn machte. Den Auftakt der Talente machte Beatboxer Timon. Er liess die Bässe dröhnen, intonierte mehrstimmig „King of my Castle“ oder „Pony“. Johnny Cash und Fatboyslim-Elemente wurden reingemischt und zu guter letzte hüpfte Justin Timberlake aus seinem Mund. „Noch etwas hüftsteif, aber der Gesang in Verbindung mit dem Beatboxen hat mir sehr gut gefallen“, urteilte Beat Junker. Danach betrat Zauberer Dominik Oesch die Bühne. Funken und Flammen tanzten auf seiner Hand. Ein Tisch lernte fliegen und eine Rose manifestierte sich auf mysteriöse Weise vor dem Publikum. „Sagenhaft, ich weiss gar nicht, was ich sagen soll“, lobte Mireille Pochon. „Der Einstieg hätte noch knackiger sein dürfen“, war hingegen Beat Junker der Meinung. Das nächste Talent war mit Gitarre und Loopgerät bewaffnet. Der Singer/Songwriter Sam Blaser verwöhnte die Ohren mit sanften und melodischen Klängen und bedankte sich beim Publikum: „Schön, dass ihr mir diese Chance gebt.“ Die Jury war begeistert und Moderator Lorios bezeichnete ihn sogar als „James Blunt von Schaffhausen.“ Nach der Pause ballerte Künstler Eumel eine deftige Ladung aus seiner Rap-Pistole. Es war sein allererster Auftritt vor Publikum. „Mir gefiel dein Experiment“, sagte Juror Simon Sepan. Mireille Pochon wünschte sich hingegen „noch mehr Elan und Energie“. Es folgten der Comedian Fabian Würth und zum Abschluss das musikalische Duo Jacky und Kaan. Die Ausdrucksstärke und der Soul von Jacky waren wirklich unglaublich. „Deine Stimme ist einfach der Hammer!“, fasste Mireille Pochon die Meinung des Publikums zusammen. Mit dieser musikalischen Bombe ende die Schaffhauser Talentshow und hinterliess eine tief beeindruckte Zuhörerschaft. Nun folgte das ungeduldige Warten auf die nächste Ausgabe.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 14. Januar 2019.

Ein Scherzkeks voller Energie

Komiker Massimo Rocchi massierte am Donnerstag im Stadttheater mit seinem Programm „6zig“ die Lachmuskeln der Gäste.

„Ich bin schon seit eineinhalb Jahren 60“, begrüsste Massimo Rocchi die Gäste im Stadttheater. Gefolgt von einer dramatischen Pause. Zu Beginn ärgerte er sich über die Post, welche er an seinem Jubiläumstag bekommen hatte. Die Rheumaliga und diverse Altersheime meldeten sich. Und nicht zuletzt bekam er seine AHV-Einschätzung, welcher ein Flyer für einen thailändischen Sprachkurs beigelegt war. Er witzelte über sein Aussehen und dachte laut über eine Schönheitsoperation nach. Als er die Erfolgsaussichten aber mit jener von einem südeuropäischen, ehemaligen Politiker verglich, lehnte er dankend ab. Er brauchte den Namen Berlusconi nicht zu erwähnen, denn die Gäste hatten verstanden und kugelten sich vor Lachen. Rocchi erzählte von seinem Werdegang und seiner Jugend. Ein dramatischer Schauspieler habe er werden wollen, doch sei er leider gescheitert. „Wie will man traurige Stücke spielen, wenn die Zuschauer ständig lachen?“ Der Schweizer Komiker mit italienischen Wurzeln bediente auch gerne die Klischees, welche wir über Italien haben. Bei seinem biographischen Streifzug erklärte er, wie er zwischen Nonna und Nonno im Bett übernachtete und beinahe einen Hitzeschlag bekam, obwohl die Heizung kaputt war. Er schilderte, wie ihn ein Familienausflug in einem Fiat mit acht Insassen die letzten Nerven kostete und einer beweglichen Biosauna glich. Nicht zuletzt sprach er auch über die perfekte Zubereitung von Spaghetti. Eine Prise Erotik durfte dabei nicht fehlen. „Man darf sie nicht zu lange im Wasser lassen. Sie haben danach ein Date mit einer scharfen Tomatensauce“, erklärte der Komiker. Neben seinen humorvollen Geschichten überzeugte der Künstler durch seine szenischen Pantomimeneinlagen. Perfekt imitierte er eine Yoga-Lehrerin, ein Kamel oder einen Dirigenten, der Streit mit seinem Starsänger hatte. Man merkte sofort, dass Massimo Rocchi ein Comedy-Veteran ist. Ein Blick in seine Biographie verrät, dass er ausgebildeter Pantomime ist und seit Jahrzehnten im Auftrag des Humors durch die Welt tingelt. Der Scherzkeks hat eine unglaubliche Energie und schafft es, Emotionen an die Zuschauer weiterzugeben. Nach seiner Biographie gerieten die SBB ins Visier: Mit seinen spitzzüngigen Bemerkungen zu den Infotafeln im Zug massierte er die Lachmuskeln der Zuschauer mit der Intensität einer Amok gelaufenen Brotknetmaschine. Er war nun bei den Sprachen angelangt und zog über die dazugehörigen Nationen her. „Die Italiener sind klug, ausser wenn sie wählen gehen“, so Rocchi. „Wenn die Queen spazieren geht, sieht es so aus, als ob sie im Tiefschnee Skifahren will, und ihre Stöcke vergessen hat.“ Im Stadttheater durfte zwei Stunden herzhaft gelacht werden. Geht es nach den Zuschauern, so darf und muss Massimo Rocchi gerne weitere 60 Jahre für Lacher am Laufmeter sorgen.

Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 17. November 2018.

Vom Dorfpfarrer mit der Teufelsaustreibung bedroht

Die Komikerin Chrissi Sokoll unterhielt das Haberhaus am Freitagabend mit viel Humor und gekonnten Gesangseinlagen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Frau. Mutter. Rampensau. Wenn Chrissi Sokoll die Bühne betritt, dann werden alle Klischees in den Mixer geworfen und kräftig durchgeschüttelt. Das ist Comedy mit dem Bügeleisen und frisch geföhnter Humor mit Tiefgang. Der Abend startete mit einer dreiköpfigen Band, die aber nach nur wenigen Akkorden abgewürgt wurde. „Ich muss euch leider ein Geständnis machen“, erzählte Crhissi Sokoll kreidebleich vor Scham: „Ich bin eine Deutsche!“ Empört und entrüstet erhoben sich die Bandmitglieder und verliessen die Bühne.

Pointen-Karussell

Wenig später kehrten sie jedoch zurück, denn ihnen wurde bewusst, dass keiner von ihnen ein makelloser Kuhschweizer aus dem Appenzeller Land war. Sie waren nicht diejenigen, die seit geraumer Zeit Uwe Ochsenknecht das Rezept der geheimen Würzmischung vorenthielten. Und schon befand man sich mitten im Pointen-Karussell von Chrissi Sokoll. Sie erzählte zunächst von ihrem Mann. Einem gemütlichen Italiener, genauer gesagt einem Sizilianer. Noch genauer gesagt einem südländischen Alfa Romeo auf zwei Beinen. „Wenn ich jeweils bei seinen Verwandten zu Besuch bin, dann wird nach Herzenslust gegessen. Und wehe man weigert sich, dann holen sie den Dorfpfarrer für eine Teufelsaustreibung“, erklärte sie blumig und wortreich. Sie lüftete auch das Geheimnis, warum Italiener von dem vielen Essen nicht dick werden: „Sie brauchen vermutlich extrem viele Kalorien beim Sprechen.“ Die Pointen und Gags wurden immer wieder durchbrochen von Songs und Liedern der Protagonistin. Der Gesang begannen meist schön, kippten dann aber ins Dramatische, Skurrile und ironisch Boshafte. Ein Beispiel gefällig? Chrissi Sokoll starte ein Liebeslied, bei welchem sie einen Zuschauer anhimmelte und seine Vorzüge pries. Mit neckischem Wimpernaufschlag und süss säuselnder Stimme flirtete sie mit ihm. Plötzlich kippte die Stimmung. Sie vermutete böse Absichten, steigerte sich in einen cholerischen Zorn und machte schliesslich Schluss mit dem armen Herrn in der ersten Reihe.

Nacktwandern aus Frust

Schlussmachen, ein passendes Thema. Die Komikerin erzählte von ihrer Single-Zeit kurz nach ihrer Scheidung, noch bevor sie den sympathischen Sizilianer kennen lernte. Als Single in den frühen Dreissigern musste sie ihre Ansprüche tiefstapeln. „Treu? Sportlich? Fehlanzeige! Hauptsache er hat noch Haare.“ Doch die Männer ticken ganz ähnlich: Sexy? Klug? Fehlanzeige! Hauptsache sie nervt nicht.“ Aus Frust ging sie ins Tirol zum Nacktwandern, ins Tessin zum Töpfern und schliesslich in die Ferien nach Sri Lanka. Dumm nur, dass sie eine ganze Woche vor Ferienbeginn im Hotel weilte und der einzige Gast war – abgesehen von einer streitsüchtigen Blockflötenlehrerin . Aus Kummer betrank sie sich mit Abführmittel-Tee. Keine gute Idee. Sie sang, erzählte, unterhielt. Die Künstlerin wurde nicht müde und hatte die Lacher im Haberhaus auf ihrer Seite. Jeder wollte wissen, wie ihre Lebensgeschichte weiterging und alle Anwesenden freuten sich über jedes noch so skurrile Detail, welches aufs Köstlichste ausgeschlachtet wurde. Als Chrissi Sokol schliesslich über die Begegnung mit der Familie ihres späteren sizilianischen Ehemanns berichtete, war einer der Höhepunkte des Abends erreicht. Leider war sie nach zwei Wochen Beziehung schwanger geworden. „Die Familie schaute mich an, als hätte Eros Ramazzotti die Kanzlerin Angela Merkel geschwängert.“ Der Saal kugelte sich vor Lachen. Chrissi Sokoll hatte die Herzen der Haberhaus-Besucher für sich gewonnen. Ohne Frage, sie ist eine Rampensau. Aber eine mit Charme und einer Lastwagenladung voll Humor.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. November 2018.

Theaterkritik: Tränen bei seinem Tod sieht er als Kompliment

Im Sommertheater „Krabat“ im Kanton St. Gallen ist der Schaffhauser Thomas Strehler gleichzeitig Schauspieler und Regieassistent. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Haltet den Dieb! Soeben hat ein Jogger am Zürichsee einer Gruppe das Fleisch vom Grill gestohlen. Die Barbecue-Freunde sind entsetzt und der Jogger macht sich grinsend aus dem Staub. Die dreiste Aktion ist zum Glück nur gespielt. Es ist ein Werbespot für einen Schweizer Getränkehersteller, bei welchem ein Schaffhauser die Hauptrolle spielt. Der Fleischdieb nennt sich Thomas Strehler und ist nicht nur Werbegesicht, sondern hauptberuflich Schauspieler. Am Samstag konnte man ihn bei der Premiere des Freilichtspiels „Krabat“ von Otfried Preussler sehen. Das Sommertheater in Lichtensteig, Kanton St. Gallen, begeisterte 500 Zuschauer und hält Thomas Strehler mit einer Doppelfunktion auf Trab.

Berufsweg mit vielen Zwischenstopps

„Als ich während dem Casting einem Konkurrenten einen Tipp gab, engagierte mich der Regisseur gleich auch als seinen Assistenten“, erinnert sich Strehler schmunzelnd an sein Vorsprechen. Das ist nicht selbstverständlich, denn der 32-Jährige machte keinen klassischen Karriereweg. Er kommt ursprünglich aus Winterthur und hat eine KV-Ausbildung bei einer Versicherung gemacht. „Mein Traum war es TV-Moderator zu werden“, erzählt er. Vier Jahre arbeitete er beim SRF in der Sportredaktion, doch die Rolle hinter dem Mikrophon als Befrager reichte ihm nicht. Er warf den Job hin. Der Durst nach Abwechslung und der grossen Bühne brachte ihn zuerst nach Australien, dann an die Schauspielschule nach Berlin. 2014 wirkte er beim Sommertheater „Schwarzes Gold“ in Diessenhofen mit und zog nach Schaffhausen. „Der Rhein, die Offenheit der Menschen und die Gemütlichkeit sorgten dafür, dass ich mich in die Stadt verliebt habe und blieb“, schwärmt Strehler.

Teufel und Tränen

Zurück ins Jahr 2018: Regisseur Simon Keller wollte den Wahlschaffhauser für die Rolle des Tonda, der beste Freund der Hauptperson. In der düsteren Geschichte von „Krabat“ kommen zehn junge Burschen in den Kontakt mit einem Meister, der ihnen in seiner Mühle die dunkle Magie näherbringt. Er steht mit dem Teufel im Bunde und opfert jedes Jahr einen Jüngling. Der Protagonist Krabat versucht den Bann zu brechen. „Das Stück ist nur auf den ersten Blick schaurig“, so Strehler. „Die Liebe wird schlussendlich Krabat zum Sieg verhelfen.“ Seine Doppelfunktion war zwar anspruchsvoll, doch er konnte viel lernen und hat es geschätzt, Verantwortung zu übernehmen. „Viel wichtiger als Anweisungen ist die Harmonie unter den Schauspielern“, so eine seiner wichtigsten Erkenntnisse. „Künstler sind oft sehr eitel und emotional. Das muss man ausbalancieren als Regisseur.“ Auch selber trainierte er hart an sich. „Ich will Leute berühren und zum Mitfiebern bringen.“ Jemand sagte ihm nach der Premiere, er habe geweint beim Tod von Tonda. „Das war für mich das grösste Kompliment“, so Strehler. Wo er  als nächstes spielt, weiss er noch nicht. „Die Schauspielerei ist ein Abenteuer. Man weiss selten, wo man in einem halben Jahr steht.“ Er lässt aber durchblicken, dass er ein interessantes TV-Angebot erhalten hat und vielleicht auch wieder einmal als Jogger in einer Werbung auftaucht. Die nächste Vorstellung von „Krabat“ findet am kommenden Samstag statt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. Juli 2018.

 

Ein perfektes Liebeschaos

In einer sanft modernisierten Version von Shakespeares «Sommernachtstraum» begeisterte das Theater Kanton Zürich auf der Freilichtbühne vor der Mehrzweckhalle Marthalen die Zuschauer. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier

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«An diesem Sommerabend passt das Stück herrlich», sagte Silvia Müller, Gastspielorganisatorin vom Theater Kanton Zürich, erfreut. Das Ensemble ist derzeit auf Freilichttournee, welche 45 Vorstellungen umfasst. In Marthalen fand am Samstag vor der Mehrzweckhalle die 32. Aufführung statt.

Verfremdungseffekt wie bei Dürrenmatt

Das Stück orientiert sich am Original, wurde aber sanft modernisiert. Das Bühnenbild umfasste Sofas und Sitzkissen, welche die Baumstrünke imitierten. Eine zweiköpfige Band mit Puck am Mikrofon spielte fetzige Songs, und die Schauspieler lieferten mit
zeitgenössischen Sprüchen und Flüchen immer wieder humorvolle Einlagen. Nicht zuletzt wurde à la Brecht und Dürrenmatt der Verfremdungseffekt zentral eingebettet. Shakesåpeare hatte in seiner Version eine Theatergruppe eingebaut, welche in das Stück
verwickelt wird. In der Darstellung des Theaters Kanton Zürich wurde diese Episode von einer heutigen Regisseurin geleitet, die schimpfte, nörgelte und sogar einen Zuschauer aus Marthalen auf die Bühne holte.

Das verflixte Kraut

Die Handlung von Shakespeares Stück begeistert die Zuschauer seit Jahrhunderten. Es ist eine verzwickte Liebesgeschichte, die durch den Waldgeist Puck zum Liebeschaos wird. Doch der Reihe nach: Hermia ist verliebt in Lysander. Er ist ein Poet, ein Minnesänger und vergöttert seine Angebetete. Eigentlich wäre alles perfekt, doch ihr Vater Theseus, Herzog von Athen, hat andere Pläne. Er hat den selbstverliebten Demetrius für sie vorgesehen. Falls sie ablehnt, droht er ihr mit dem Tod. Hermia flieht mit Lysander in den Wald. Demetrius folgt den beiden heimlich. Im Schlepptau hat er Helena, welche unsterblich in ihn verliebt ist, jedoch von ihm verschmäht wird. Zwei Frauen, zwei Männer, die Gleichung scheint einfach. Der Elfenkönig Oberon will den Streit mit einem Zauberkraut schlichten. Sein Plan: Durch das Kraut verliebt sich Demetrius in Helena, lässt Hermia in Ruhe, und diese kann mit Lysander glücklich werden. Ausführen soll das Ganze der Waldgeist Puck. Als dieser jedoch die beiden Männer verwechselt, verliebt sich Lysander in Helena, und das Tohuwabohu beginnt.

«Die Geschichte gefällt mir so gut, weil sie sehr humorvoll ist und die Vielschichtigkeit der Liebe zeigt», erklärt Silvia Müller. «Es ist zeitlos und öffnet den Zuschauern die Herzen. » Die Marthaler spendeten zum Schluss viel Applaus, doch auch die Schauspieler
waren zufrieden. «Shakespeare ist mit den gereimten Texten anspruchsvoll, mit unserer modernen Adaption kam es bei den Besuchern aber gut an», erklärte Joachim Aeschlimann alias Lysander. «Unter freiem Himmel wirkt das Stück genial», ergänzte Marie Gesien, alias Helena. «Es gab von draussen zwar Störgeräusche, aber seit wir eine Aufführung neben einem hupenden WM-Autokorso überstanden
haben, kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. Juli 2018.

Flöten-Folter, Unterleibsprobleme und Beuteschemen im Skilager

Am Freitagabend trat die Schaffhauser Comedian und Bloggerin Pony M. in der ausverkauften Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Hallo, hoi! Es ist so schön, zuhause zu sein!“ Pony M. begrüsste die Kammgarn herzlich und erhielt gleich zu Beginn begeisterten Applaus vom vollen Haus. Seit sie 2013 ihr Leben über den Haufen geworfen hat und ihren Job als Psychologin an den Nagel hängte, ist viel passiert. Mit über 64 000 Followern auf Facebook und ihrem Blog auf Watson zählt sie heute zu den erfolgreichsten Bloggern der Schweiz. Derzeit ist sie mit ihrem Programm „Dini Muetter“ auf Tournee und zeigte in der Kammgarn einen Querschnitt durch ihr Werk. Pony M. alias Yonni Meyer erzählte aus ihrer Vergangenheit, gab Alltagsbeobachtungen zum Besten, philosophiert und garnierte ihre scharfzüngigen Kommentare mit einer kräftigen Portion Humor. „Was macht einen echten Schweizer aus?“, war einer der ersten Fragen, die sie in den Raum warf. Sie bediente nun nicht etwa Klischees wie Käsefondue und Jodelvereine, sondern sprach über Skilager, Schulausflüge ins Technorama und Blockflötenunterricht. Sie gestand wildromantische Gefühle für einen der damaligen Lagerleiter. „Hmm, er ist wohl heute 60. Er war damals mein Beuteschema. Heute bin ich möglicherweise seins“, resümierte sie lakonisch. Die Zuhörer schwelgten in Erinnerungen und kugelten sich vor Lachen, als sie detailliert über verkochten Riz Casimir, lauwarmen Sirup aus der Thermoflasche und das Blockflötenspiel an Weihnachten im Familienkreis sprach. Die akustische Flöten-Folter beschrieb sie in allen Details. „Ich litt, die Zuhörer litten und auch die Blockflöte. Manchmal frage ich mich, wie es in so einem vollgespuckten Holzkörper wohl aussieht?“

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Bild: Evelyn Kutschera

Herr Kunz und sein Koffer

Die Lesung des Abends fand auf zwei Ebenen statt. Einerseits wurden viele Geschichten aus ihrem Zyklus präsentiert, andererseits bestimmte die Story des Geschäftsmannes Herr Kunz die Show. Dieser hatte seinen Koffer beim Flug verloren und mutierte ohne Handy sowie Laptop gezwungenermassen zum Offline-Abenteurer. Häppchenweise erfuhr das Publikum über die ganze Vorstellung verstreut, wie es Herrn Kunz ergangen war. Eins der Highlights des Abends waren sicherlich auch ihre Beobachtungen im Mikrokosmos Krankenzimmer. Welche typischen Menschen trifft man im ärztlichen Warteraum? Heiteres Gelächter brach aus, als Pony M. über den „Plauderi“, den „Google-Hypochonder“ und die „Telefoniererin“ sprach. Letztgenannte spricht mit leiser Stimme und geheimen Codes über Beziehungskrach und Unterleibsprobleme. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen erahnen die Zuhörer vieles. Leider zu viel. Pony M. sorgte nicht nur für amüsante Unterhaltung, sondern forderte auch zum Perspektivenwechsel auf. „Vielleicht sind Fünflieber perverse Münzen, die von dir am Selecta-Automaten gerieben werden wollen. Vielleicht wollen die Ramseiers mal etwas anderes, als grasen gehen. Beispielsweise ins Alpamare. Und vielleicht spricht Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht unheimlich langsam, sondern wir alle einfach unheimlich schnell.“ Man hätte gerne noch lange zugehört, doch Herr Kunz hatte sich mittlerweile mit seinem Offline-Leben angefreundet. Er genoss sein analoges Dasein und verzichtete zukünftig auf die geschäftliche Erreichbarkeit in seiner Freizeit. Vielleicht war dies eine der Hauptbotschaften von Pony M. für die Besucher. Wir haben ein schönes Leben. Aber es würde nicht schaden, die Augen zu öffnen und uns mehr mit anderen Menschen, anstatt mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8.Mai 2018.

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Und so fand Pony M. meinen Bericht. Besten Dank, ich fands auch einen superstarken Abend!