Eine grosse La-Ola-Welle für den Theatersport auf der Kammgarnterrasse

Zwei Schauspieler versetzten die Kammgarnterrasse mit Improvisationstheater am Freitagabend ins Staunen!

Fünf, vier, drei, zwei, eins – Los! Jede Szene auf der Kammgarnterrasse wurde mit diesem Countdown eingezählt. Die zwei Schauspieler Nike Erichsen und Gunter Lösel vom Theatersportteam Winterthur hatten am Freitagabend ein spezielles Konzept für die Gäste im Gepäck. Sie nannten es „Gameshow“. Wie beim Theatersport übernahm das Publikum die Rolle des Regisseurs. Die Schauspieler wollten von ihnen Themen, Orte, Gefühle und Hauptpersonen der Stücke wissen. Es war jedoch kein Wettbewerb zwischen den zwei Schauspielern, sondern es wurde alles gemeinsam aufgeführt. Bei besonders gelungenen Vorführungen hatte Zuschauerin Katharina jeweils die Aufgabe, eine kollektive La-Ola-Welle zu initiieren. „Was hattet ihr als Kinder für einen Berufswunsch?“, wollte Gunter Lösel für eines der ersten Spiele wissen. „Helikopterpilot. Aber schliesslich bin ich Chemielaborant geworden“, sagte ein Zuschauer und prompt wurde aus diesen „Zutaten“ ein Stück gespielt. Es folgte eine „Mord-und-Totschlag“-Geschichte mit zwei Handwerken. Sobald jemand „Das klingt nach einem Lied“ aus dem Publikum rief, mussten beziehungsweise durften die Schauspieler ihre Gefühle in einem spontanen Song ausdrücken. „Bei der Auswahl der Stücke und den „Zutaten“ war sehr viel Humor im Spiel. Die Gäste amüsierten sich prächtig und waren immer wieder auf’s neue verblüfft, wie die zwei Schauspieler aus den wenigen Vorgaben gute interessante und ansprechende Stücke aufführen konnten. Ein Höhepunkt des Abends war, als Gunter Lösel in die Rolle eines Erfinders schlüpfen musste. Das Publikum legte zuvor ohne sein Wissen fest, welche Erfindung er gemacht habe: Ein TV-Sessel, der gleichzeitig ein WC ist. Die Gäste kugelten sich vor Lachen, als der Tüftler nun herausfinden musste, was zum Teufel er denn da überhaupt entwickelt habe. Es folgten viele witzige Episoden wie eine kleine Oper, eine Lovestory inklusive Kinderzeugung auf dem Munot hinten den Kanonen und ein Hund namens Elvis wurde zum Publikumsliebling erkoren. Der Abend endete mit einer grossen und verdienten La-Ola-Welle von Katharina und viel Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 16. August 2021.

Eine Wundertüte mit klarer Botschaft zur Wiedereröffnung des Stadttheaters

Die erste Vorstellung im Stadttheater Schaffhausen nach der Coronapause verwirrte und begeisterte die Zuschauer zugleich. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Zugemüllt und vernebelt. Die Umweltverschmutzung und der einfluss des Menschen dabei wurden am Dienstag im Stadttheater Schaffhausen schonungslos angeprangert. (Fotos: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es ist toll und schön, dass wir wieder spielen können“, freute sich Kulturbeauftragter Jens Lampater auf die erste Vorstellung nach der Coronapause. Damit der Wiedereinstieg fulminant wird, hatte sich das Stadttheater dafür einen besonderen Leckerbissen ausgesucht. Ein Stück des Theaterensembles Ontroerend Goed unter der Leitung von Alexander Devriendt. «Mir gefällt an ihren Aufführungen, dass sie starke, eigenständige Stücke auf die Beine stellen und nicht einfach zum 37. Mal Shakespeares Sommernachtstraum oder Brechts Dreigroschenoper einspielen und vielleicht ein bisschen modernisieren», so Lampater. «Es ist konzeptionell und strukturell eine ganz andere Art von Theater.» Was das bedeutet, konnten die Schaffhauser bei den drei bisherigen Auftritten in der Munotstadt miterleben. Einmal errichtete das Ensemble ein Spielcasino auf der Bühne, bei welchen die Zuschauer an den Schalthebeln der Finanzmärkte mitwirken konnten. Einmal eine Abstimmungsarena, bei welchem Schauspieler in einem Knock-Out-System der Rhetorik zum Opfer fielen und ein anderes Mal erzählte die Theatergruppe die gesamte Weltgeschichte innerhalb von eineinhalb Stunden. Rückwärts wohlgemerkt. Kein Wunder waren bei diesen innovativen und partizipativen Ideen die fünfzig Tickets für die Aufführung schnell ausverkauft. Um was es genau ging, konnte man dem Programmheft nur ansatzweise entnehmen. Eine Wundertüte zur Wiedereröffnung der Theaterbühne. Das klang vielversprechend.

Seltsames Chaos

Zunächst begann das Stück unspektakulär. Einsam und alleine stand ein Baum auf der Bühne. Rot funkelnd und majestätisch baumelnd ein einzelner Apfel an einem Ast. Die Schauspieler bewegten sich seltsam rückwärts, verhielten sich teilweise kurios und sprachen ein seltsames Kauderwelsch. Selbst eingerostete Englischfans bemerkten schnell, dass dies nicht die versprochene Landessprache aus Grossbritannien war, welche man zu hören bekam. Der Baum auf der Bühne wurde misshandelt, Äste zerbrochen, ausgerissen und schliesslich wurde die Pflanze weggeworfen. Als wäre das noch nicht genug, regnete es bunte Abfallsäcke von der Decke und eine seltsame goldene Statue wurde in Einzelteile vor das Publikum geschoben und aufgerichtet. War das Dadaismus? Provokation? Oder einfach ein Chaos, welches hier vorgesetzt wurde? Die Zuschauer waren ratlos, bis es langsam dämmerte. Die Schauspieler sprachen rückwärts.

Plötzlich macht alles Sinn

Nach der Hälfte der Vorstellung trat eine Akteurin vor den Vorhang und sprach plötzlich in „normalem“ Englisch. Eine Leinwand wurde heruntergelassen und das ganze Geschehen auf der Bühne wurde über den Beamer ab Band rückwärts nochmals abgespielt. Jetzt machte auf einmal alles Sinn. Die goldene Menschheitsstatue wurde umgerissen, die bunten Abfallsäcke eingesammelt. Die Menschen verschwanden und übrig blieb nur der Baum. Es war in der Rückwärtsschau faszinierend, welche Details und Verhaltensweisen man übersehen hatte und nun verstand. Das Stück hatte jetzt auch eine klare Botschaft. Eine Parabel, die vor der Klimaerwärmung und die Zerstörung der Umwelt durch die Menschen warnt. Der Baum der Erkenntnis blieb übrig. Die Apokalypse und die Verschmutzung konnten zwar auf der Bühne rückgängig gemacht werden. Doch schaffen wir das auch im echten Leben? Der Auftakt in den Theatersommer ist dem Stadttheater damit nicht nur geglückt, sondern regte auch intensiv zum Nachdenken an.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Donnerstag, 6. Mai.

Die High Heels weit von sich gepfeffert

Slampoetin Lisa Christ ärgerte und amüsierte sich zugleich in der Kammgarn am Freitagabend über die «verknorzten» Erfolge der Gleichstellung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Lisa Christ wollte durchaus, dass dem Publikum das Lachen im Hals stecken blieb. (Bild: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Pfui Teufel. Eigentlich beginnt das Problem der Gleichstellung von Mann und Frau schon in der Bibel. Lisa Christ erklärte dem Publikum, dass es frustrierend sei, dass schon im heiligen Buch die Frau an der Erbsünde schuld sei. Schliesslich habe sie den Apfel von Luzifer – in Form der Schlange – an Adam weitergereicht. Genervt wetterte sie über das vom Patriarchat dominierte Frauenbild und machte schnell klar, dass es so nicht weitergehen könne. Sie rief zwar nicht zur Revolution auf, aber streute mit Hochgenuss Salz, Pfeffer und Tabasco in die offene Wunde der geschlechterspezifischen Rollenverteilung. Die Zuschauer der Schauwerk-Veranstaltung in der Kammgarn merkten schnell: An diesem Abend war nichts mit «Schenkelklopfer-Humor» à la Peach Weber oder belanglosen Witzchen. Lisa Christ hat eine klare Botschaft und vertritt sie mit grosser Vehemenz. Eine Charaktereigenschaft dabei ist, dass sie sich gerne und schnell in Rage redet. Mehrmals musste sie sich selber wieder besänftigen, indem sie über eine Musikbox beruhigende Musik abspielte. Unterstrichen wurde ihre Kritik noch dadurch, dass sie entnervt ihre High Heels von sich pfefferte und meinte «Ich brauche wirklich neue Schuhe». Die Aktion war sinnbildlich, denn viele Kleidungsstücke lösen gewissen Rollenbilder aus. Zugleich war dies der Titel ihrer aktuellen Tour.

Anklage gemischt mit Humor

Lisa Christ seufzte ostentativ. Sie erzählte von einer Kollegin, die sich zwischen Karriere und Familie entscheiden musste. Diese verzichtete ihrem Mann zuliebe auf einen lukrativen Job in New York oder am Bundesgericht. «…obwohl es genau solche taffen Frauen wie sie in solchen Positionen bräuchte», sagte Christ. Nach wie vor sei die Lohnschere zwischen Mann und Frau enorm. Teilweise verdienten die Damen 20% weniger als die Männer für den gleichen Job. «Man stelle sich das vor», so Christ. «Sie arbeiten eigentlich bis Ende März gratis.» Anstatt dagegen anzukämpfen, scharren laut Lisa Christ junge Damen lieber Millionen von Followern um ihren Instagram-Account und geben Schminktipps. «Dort haben alle die gleichen künstlich hohen Wangenknochen, die gleiche Mono-Augenbraue und am Schluss kommt einem in der Bahnhofsunterführung eine Armee von Kylie Jenners entgegen.»

Ein Hauch von Dürrenmatt

Die Anklage von Lisa Christ wurde immer wieder mit Humor gemischt. Doch dieser wurde dosiert eingesetzt, um das Gesagte nicht zu verwässern. Ein wenig erinnert dies an das Konzept von Dürrenmatts Tragikomödie. Der Humor wird eingesetzt, um die schwere Kost verdaulich zu machen und an den Zuschauer heranzulassen. Doch ist es durchaus gewollt, dass dem Publikum zwischendurch das Lachen im Halse stecken bleibt. Dies geschah beispielsweise so: Im einen Moment mokierte sich Lisa Christ über Leute, die Fitness- und Ernährungstipps geben. «Wer hat sich schon einmal beim Fläzen auf dem Sofa eine Verletzung geholt? Richtig. Niemand. Aber beim Joggen, Yoga oder Crossfit? Bänderriss, Zerrung, Leistenbruch.» Sie forderte zu mehr Müssiggang auf und rief im Stile des Revolutionärs Che Quevara: «Lang lebe Cola und Zuckerwatte!» Im nächsten Moment jedoch sprach Lisa Christ über die «MeToo»-Bewegung. Über alltägliche und gesellschaftlich akzeptierte sexuelle Belästigungen von Freunden und Familienmitgliedern. «Stell dich nicht so an!» oder «Du übertreibst», seien die akzeptieren Ausreden. «Wenn eine Frau nicht geküsst oder begrabscht werden will, dann lass es gefälligst!», schrie sie in die Kammgarn. Lisa Christ hatte humorvoll verpackt auf viele Schwächen und Fehlverhalten in der Gesellschaft hingewiesen. Dies war ein anklagender, aber auch ein sehr wichtiger Aufritt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 16. November 2020.

Happy End dank Gaddafis Goldbarren

Die Komödie «Bank-Räuber» von Beat Schlatter amüsierte die Zuschauer im Trottentheater Neuhausen am Samstag und überraschte mit einem Promi. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

An der Olma 2009 hatte er fast einen Bundesrat in die Luft gesprengt. Der schräge Erfinder Eberhard ist zu Besuch in der Traditionsbank «Lamm» und braucht 100 000 Franken. Doch die Investitionsanfrage ist nicht das einzige Problem, welches Bankdirektor Kaspar Lamm am Hals hat. Frau Suter vom Pestalozzi Kinderdorf verlangt 900 000.- für eine neue Heizung und Vater Lamm Senior will ein Familienfoto vor dem offenen Geldtresor mit den Goldbarren machen. Eigentlich alle kein Problem, wenn Direktor Lamm Junior nicht alles Geld der Bank verpulvert hätte. Als Sponsor vom «Live at Sunset» brachte ihn die hohe Gage von Rod Stewart arg in Bedrängnis. Die Bank ist pleite und Kaspar Lamm kommt auf die wahnwitzige Idee, seine eigene Bank mithilfe des Erfinders zu überfallen. Es startete ein herrliches und temporeiches Verwirrspiel mit einem bösartigen UBS-Banker Alain Küng und einem Presslufthammer im Kleiderschrank.

Witzig und spannend

Der Komiker Beat Schlatter hat zusammen mit Stephan Pörtner ein Stück geschrieben, das viele wichtige Zutaten einer gelungenen Vorstellung vereint. Spannung, Humor und Überraschungen. Die Dialoge sind witzig und es wird nie langweilig. Schlatter ist ein überzeugender Schauspieler und hat sich ein Ensemble ausgesucht, das ihn perfekt unterstützt. Besonders Pascal Ulli sticht hervor, dem man den fiesen Grossbanker sofort abkauft.

Etwas zu brav

Bei allem Lob sei eine kleine Kritik dennoch angebracht. Beat Schlatter ist ein intelligenter Beobachter des Alltagslebens und war im Jahr 2009 das Aushängeschild der BAG-Kampagne gegen die Schweinegrippe. Seine Aufforderung, Hände zu waschen, ist uns allen noch gut im Gedächtnis. Mit diesem Hintergrund hätten sich ein paar kleine satirische oder selbstironische Seitenhiebe auf die Coronakrise durchaus angeboten. Der Humor des Stückes war gut, aber blieb verhältnismässig sehr brav. Auf der Leiter der Boshaftigkeit hätte Schlatter durchaus noch ein paar Sprossen höher klettern können. Zur Verteidigung kann man aber anfügen, dass es wieder einmal eine Wohltat war, zwei Stunden bestens unterhalten zu werden, ohne dass nur einmal das Wort «Corona» fiel.

Federer am Telefon

Ein Highlight des Stückes war sicherlich, als Roger Federer in der Bank anrief und von Kaspar Lamm Tickets für das Rod Stewart – Konzert verlangte. Die Stimme war natürlich nicht echt, aber trotzdem freute sich das Publikum enorm über die Überraschung. Das Verwirrspiel im Trottentheater nahm seinen Höhepunkt, als der UBS-Banker die illegalen Goldbarren des ehemaligen Diktators Muammar al Gaddafi in der Bank Lamm versteckte und damit unfreiwillig das Verwirrspiel auflöste. Ein Happy End dank Gaddafi? Ein solch pointierter Schlusspunkt kann nur Beat Schlatter einfallen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 28. Oktober 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

 

 

 

Der zornige Appenzeller mit den humorvollen Flüchen

Wutanfälle können auch lustig sein. Das zeigte Comedian Simon Enzler am Donnerstag dem Publikum im Schaffhauser Stadttheater ausgiebig.

Bild: Simon Enzler redete sich genussvoll in Rage. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Urchig, knorzig, fluchend. Simon Enzler ist kein feingeschliffener Poet, kein verbaler Edelstein und kein Picasso der Rhetorik. Nein. Er spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und liebt es innig, dabei wie eine rostige Dampflokomotive zu fluchen. Am Donnerstagabend besuchte der Appenzeller mit seinem Programm «wahrhalsig» das Stadttheater und sorgte für volle Ränge. Ein Campingstuhl und eine Lampe im Karton an einer Schnur bildeten das Bühnenbild. Spartanisch und praktisch. Der Humor des Comedian funktioniert ebenso auf eine ganz einfache Art. Er erzählt von Erlebnissen und Beobachtungen aus dem Alltag, die ihr mit Appenzeller Ausdrücken schmückt und dabei dem Teufel ein Ohr ab fluchte. «Himmelherrgott – Sakrament», war dabei noch eins der harmlosen. Er schimpfte über die kantonalen Angestellten, welche in Ruhe Däumchen drehen. Er ereiferte sich über Campingplätze in Kroatien, auf welchen er auch Thurgauer antrifft. Und ganz besonders regten ihn die mutigen und risikofreudigen Menschen auf. Er zitierte den Biologen Charles Darwin und meinte: «Survival of the Fittest» sei obsolet. Den Angsthasen gehöre die Welt. «Survival of the Hoselotteri» laute das Motto der Evolution. Freihändig übersetzte er das ins Französische «Caceur de Pantalon». Abenteuersport wie Bungee-Jumping oder Wingsuit-Fliegern konnte er ebenfalls keine Freude abgewinnen. «Das sind doch einfach Nachthemden mit Redbull-Logo drauf», wetterte er. Er lobte die Angsthasengesellschaft über alles. «Wir haben ihnen viel zu verdanken.» Er überlegte etwas länger. «Beispielsweise das Verbandsbeschwerderecht oder Thermounterhosen.» Besonders grosse Freude hatte er nach der Pause, als er über die Bühne mit einem Bier in der Hand schlurfte. «Schaffhausen ist wohl der einzige Ort in der Welt, an welchem man für’s Biertrinken Applaus erhält.» Doch seine Miene verdunkelte sich sogleich wieder. Er erzählte vom Jasskartenspiel, bei welchem sich die Gegner die Schiefertafel über dem Kopf zertrümmerten. Er kommentiert das mit dem Ausdruck: «Bisch en sture Saubock!» Danach gab er eine kulinarische Empfehlung ab. Das Fondue schmeckt bekanntlich am besten, wenn man es «Moitié-Moitié» zubereitet. Für ihn bedeute das, die Hälfte Käse und die andere Hälfte Aromat. In cholerische Rage redete er sich danach, als er über die Smileys und andere Gesichter bei Smartphone-Kommunikation sprach. «Ich hasse Emojis», sagte er grimmig. Er empfinde es als unnötig. «Dem Appenzeller reichen drei Emojis: Bier. Ein Stück Fleisch und ein Zaun, über welchen mach sich zum Nachbar beugen und schimpfen kann.» Zum Schluss erklärte er, wie er sich ein gelungenes Ende von einem erfüllten Leben vorstellt: «Wenn neben der Todesanzeige gleichzeitig die Konkursanzeige steht, dann hat man richtig gelebt.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» am 19. September 2020.

Die verflixte Ex und der gewiefte Agent

Das Sommertheater „Nichts als lauter Liebe“ brachte am Mittwoch Humor, Intrigen und Coronamasken nach Unterstammheim. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

„Das ist indiskutabel!“, schimpfte der Protagonist auf der Bühne und liess eine Reihe von vulgären Flüchen folgen. Beim Sommertheater in Unterstammheim hatten am Mittwochabend die Emotionen einen wichtigen Stellenwert. Und das hatte einen guten Grund: Der Agent und der Theaterregisseur hatten ein riesiges Problem: Die weibliche Hauptrolle war wegen ihrer Schwangerschaft ausgefallen. In der Note suchten sie sich die 2. beste Besetzung, welche die Region zu bieten hatten: Gigi. Doch besagte Dame trug eine Altlast mit sich: Die frühere Liebesbeziehung zu Hugo, dem Protagonisten. Da die zwei in Streit und Zorn auseinandergegangen war, glich ein gemeinsames Theater der Quadratur des Kreises. Doch der fiese Agent spannte so ein gerissenes Lügengeflecht, dass selbst eine Spinne mit Judo-Kenntnissen nicht ohne weiteres daraus hätte entkommen können. Die Ausgangslage war verzwickt, und sorgte damit für viele Lacher.

Proben via Videokonferenz

Der Abend im Schwertsaal hatte ein bisschen schwerfällig begonnen, weil die Hitze auf die Besucher drückte. Ursprünglich wäre das Sommertheater des Theater Kanton Zürich auf dem Dorfplatz in Unterstammheim geplant gewesen. Trotz schönsten Sonnenstrahlen wurde aber nach drinnen verschoben. „Meteo Schweiz sprach von einer Gewitterlage und einen Blitzeinschlag wollten wir nicht riskieren“, erklärte Silvia Müller vom Theater Kanton Zürich. Sie war trotzdem überglücklich mit dem Abend, denn endlich konnte wieder gespielt werden. Eigentlich wäre ja das Stück „Der Geizhals“ von Molière geplant gewesen, doch die Corona-Krise verunmöglichte das Inszenieren eines neuen Theaters. „Somit fiel die Wahl auf ein bewährtes Sommerstück, welches mit Social Distancing und vier Schauspielern realisierbar war“, erklärte Sara Schneider vom OK. „Geprobt wurde während dem Lockdown teilweise via Videokonferenz.“

180-Grad-Wende

Auf der Bühne hatten sich mittlerweile die Ereignisse überstürzt. Das Ex-Paar Hugo und Gigi stritten sich so intensiv, dass an „normales“ Proben nicht zu denken war. Der Theateragent hatte dazu beigetragen, indem er behauptet hatte, Hugo hätte Lungenkrebs. Zudem sei es sein letzter Wunsch gewesen, mit Gigi zu proben. Es setzte für ihn eine gepflegte Ohrfeige, sein Jackett wurde zerrissen und Hugo zerkratzte den Porsche des Intriganten. Doch dann passierte das Unglaubliche. Plötzlich tauchten die Gefühle des streitlustigen Paares wieder auf und sie machten eine 180-Grad – Wende. Nun wurde geknutscht anstatt gestritten.

Besser als Netflix

„Wir haben uns unglaublich aufs Spielen gefreut“, erklärte vor Beginn der Vorstellung Andreas Storm, der in die Rolle des bösen Agenten geschlüpft war. „Es herrschte eine Lagerfeuer-Atmosphäre. Die Leute freuen sich, endlich wieder einmal etwas anderes als Netflix zu sehen.“ Für ihn sei das eine der schönsten Erfahrungen, nach der Corona-Pause wieder spielen zu können. Auch die Schutzmasken im Publikum störten ihn nicht. Etwa ein Drittel der Besucher trugen den Atemwegsschutz. Mittlerweile hat man sich an das Bild gewöhnt und war eher erstaunt, dass nicht ein Grossteil des Saales wie ein Operationssaal im Spital aussah.

Das humorvolle Theaterstück unterhielt die Gäste vortrefflich. Wie die Geschichte ausging, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch eins ist klar: Harmonisch konnte das Ganze nicht enden, solange der Agent noch ein Wörtchen mitzureden hatte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 4. Juli 2020.

Ein gewaltloser Kämpfer gegen Rassismus

Im Stadttheater stand am Mittwoch nicht nur Nelson Mandela, sondern auch seine Frau im Fokus. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Nelson Mandela und seine Frau Winnie kämpften auf unterschiedliche Weise gegen die Apartheid. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

Kaum zu glauben. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg herrschten in Südafrika immer noch Gesetze und Regeln, die böse Erinnerungen wachriefen. Politische Gegner der Regierung wurden geschlagen und gefoltert. Mischehen zwischen Weissen und Schwarzen waren verboten. Die farbige Bevölkerung musste in getrennten Wohngebieten leben und höhere Bildung war nur den Weissen zugänglich. Die Apartheid und damit die Diskriminierung des Grossteils der Bevölkerung dauerte bis 1994. Das Ende dieses schlimmen Kapitels ist mit einem Namen zwingend verknüpft: Nelson Mandela. Fast auf den Tag genau vor dreissig Jahren wurde er aus seiner südafrikanischen Haft entlassen. Das Stadttheater nahm das Ereignis als Anlass, das Ensemble „TNT Theatre Britain“ mit ihrem Stück „Free Mandela“ einzuladen. Erfrischend an der Inszenierung von Paul Stebbings war vor allem, dass nicht etwas die 27-jährige Haft von Mandela im Zentrum stand, sondern ein anderer Fokus gelegt wurde. Erzählt wurde die Geschichte von Mandelas Ehefrau Winnie. Parallel zum Werdegang ihres Mannes erfuhren die Zuschauer, was ihr wiederfahren war. Während Nelson Mandela darauf bestand, einen gewaltlosen Protest wie Gandhi zu führen, erlebte Winnie Mandela Folter im Gefängnis und entfremdete sich von ihrem Ehemann. Der gewaltlose Weg hatte für sie und einige Anhänger der Apartheid-Gegenpartei ANC bald keine Priorität mehr. Der Dualismus zwischen Erduldung der Demütigungen und Rachegefühlen war ein roter Faden durch das Stück.

Foto: Selwyn Hoffmann

Aktualitätsbezug fehlte

Keine Frage: Nelson Mandela war ein moralisches und politisches Vorbild. Er war der Wegbereiter des versöhnlichen Übergangs von der Apartheid zu einem demokratischen Afrika, das er als erster schwarzer Präsident von 1994 bis 1999 leitete. Ein bisschen schade war, dass die Inszenierung im Stadttheater bei diesem Rückblick verharrte. Dabei wäre es doch extrem spannend gewesen, wenn man die Chance genutzt hätte, und einen Bezug zur Aktualität gezogen hätte. Könnte gewaltloser Protest eine aktuelle Krise lösen? Sollten sich Politiker wie Boris Johnson oder Donald Trump ein Vorbild an Mandela nehmen? Ist in Südafrika mittlerweile eine soziale Gerechtigkeit erreicht? Wo stehen wir 30 Jahre nach Nelson Mandela? Solche Diskussionen führten die Zuschauer in der Pause und anschliessend an die Vorstellung. Das Theaterstück lieferte dazu leider keine neuen Interpretationsansätze. Doch die angeregten Gespräche bewiesen, dass indirekt das Ziel des englischsprachigen Theaters erreicht worden war: Mandela bewegt – auch dreissig Jahre nach seinem Erfolg in Südafrika. Insofern war „Free Mandela“ eine sehr gelungene Vorstellung, welche darüber hinaus durch die starke Leistung der Schauspieler für einen bleibenden Eindruck sorgte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Freitag, 14. Februar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Das grosse Duell der Improvisationskünstler

Wenn aus dem staubtrockenen Zivilgesetzbuch urspontan eine spannende Krimikomödie wird – am Freitag und Samstag duellierten sich die kreativen Theaterköpfe beim Improvisationstheater in der Kammgarn Schaffhausen. Eine Theatertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Voller Körpereinsatz: Die vier Theatersportler verblüfften das Publikum
mit ihren kreativen Ideen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Michael Kessler)

„Drei, zwei, eins, los!“ Das Publikum zählte am Freitagabend jede Szene ein, welche die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Doch was im Drehbuch stand, wussten weder Besucher noch Schauspieler. Beim Theatersport stehen sich jeweils zwei Mannschaften gegenüber. Ein Schiedsrichter moderiert den Anlass und fragt beim Publikum nach Orten der Handlung, nach Gefühlen, Sätzen, Berufen und weiteren Zutaten für die Szenen. Kurzum: Das Publikum ist der Regisseur und die Schauspieler sind zu 200% in ihrer Kreativität gefordert. Am Freitagabend trafen Kirsten Sprick (Hamburg) und Birgit Linner (München) auf Reto Bernhard und Randulf Lindt von Improphil Luzern. Am Samstag duellierten sich Martina Schütze und Birgit Linner (beide Improtheater Tsurigo) mit der gegnerischen Seite Kirsten Sprick und Nicole Erichsen (Bremen). Organisiert wurde der Anlass vom Schauwerk in der Kammgarn. Schon die Aufwärmrunde am Freitag war vielversprechend. Die Szene begann auf dem Klo eines Warenhauses, wechselte dann in den Windkanal, mutierte zum Märchen rund um Rumpelstilzchen und schlussendlich wurde geheiratet. Die Zuschauer konnten herzhaft lachen und mitfiebern. Beim nächsten Spiel wollte der Moderator Gefühle aus dem Publikum haben. Leidenschaft und Rache kamen als Vorschläge. Die zwei Damen aus Deutschland entwickelten nun eine Liebesgeschichte rund um einen Flokatiteppich. Doch kaum war die wollige Lovestory vorbei, holte das Schweizer Team zum Gegenschlag aus. Sie wollten nur in Reimen sprechen und suchten dafür eine Epoche. Es kamen als Vorschläge Zukunft, Rokoko, Steinzeit und Mittelalter. Sie entschieden sich für Letzteres und fragten: Was zeichnete denn die damalige Zeit aus? Als Antwort riefen die Gäste Begriffe wie Aberglaube, Läuse und Pest. Lachend wurden die Vorschläge aufgenommen. Eine Geschichte rund um einen dicken Schlossherrn und eine holde Maid wurde im Turbotakt gereimt und aufgeführt. „Wahnsinn, das könnte ich nie“, meinte ein Zuschauer. Sein Sitznachbar bemerkte trocken: „Ich denke, da ist sicher ein Teil vorbereitet. So spontan kann niemand sein.“ Das Geheimrezept liegt aber ganz woanders begraben: Die Schauspieler üben, üben, üben. Kreativität ist zum einen Teil eine Trainingssache, zum anderen Teil gibt es bei den Proben sicherlich immer wieder Szenen, die ähnlich sind und man je nach Stichworten adaptieren und verändern kann. Doch die Realität kann gnadenlos zuschlagen. Als zusammen mit der Pocketband ein Lied gesungen werden musste, verlangte ein Gast, dass man es in einer Pink Floyd – Version spiele. Solche Inputs sind auch beim besten Training nicht vorhersehbar und dies bewies, dass auf der Bühne unheimliche kreative Menschen am Werk waren. Nun waren die Schauspieler erst richtig in Fahrt gekommen. Auf der Bühne war ein Bohrmaschinen-Tanz zu sehen, ein Rentnerpaar, das zu Fuss nach Kuba wollte, und ein Schreiner, der einen Schrank zimmerte, der gleichzeitig ein Sarg war. Nach der Pause änderte sodann der Modus des Abends. Es gab nicht mehr mehrere Spiele, sondern eine einzige lange Szene, bei welcher die Schauspieler das Publikum fragten, ob jemand ein Buch dabei habe. Der erste und der letzte Satz des Werkes bildeten den Rahmen des Mini-Theaters. Lustigerweise wählten die Künstler nicht Hemingway oder den Steppenwolf, sondern das ZGB – Zivilgesetzbuch, welches jemand zum Lernen dabei hatte. Es gab tote Pferde im Moor, eine eklige Aal-Suppe und der Sensenmann, welcher eine Verschwörung plante. So viel gelacht hat wohl noch niemand über das ZGB. Der Abend war grossartig kreativ und zum Schluss siegte keine Mannschaft, sondern das Publikum.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 20. Januar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Auch ohne Pudel konnte Mephisto Faust umgarnen

Im Theaterstück „Faust“ fehlten dem Stadttheater Schaffhausen am Dienstagabend einige wichtige Elemente. Dafür gab’s eine Überraschung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Gretchen und der «Kneipenfaust» in einer verkürzten Fassung: «Heinrich! Mir graut’s vor dir.» (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Foto: Selwyn Hoffmann)

Halbnackt sitzt er auf dem Tisch. Er isst Wiener Würstchen und trinkt den Wein direkt aus der Flasche. Am Dienstagabend präsentierte sich im Stadttheater den Besuchern ein Faust, der auf den ersten Blick wenig mit dem Protagonisten von Goethes berühmtem Drama zu tun zu haben schien. Das Publikum sah nicht einen Universalgelehrten, der nach dem Sinn des Lebens suchte, sondern einen „Kneipenfaust“, der abgewetzte Manchesterhosen trug. Das Landestheater Tübingen hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollten den über 200 Jahre alten Klassiker ansprechend umsetzen und die tragische Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen ins Zentrum stellen. Um es vorweg zu nehmen: Das Ziel wurde erreicht. Das Stück hatte Tempo, beeindruckte durch die Schauspieler und war kurzweilig und unterhaltsam gestaltet. Beim zweiten Blick gab es aber auch eine kleine Enttäuschung: Den Kürzungen waren Elemente zum Opfer gefallen, die für die Interpretation der Geschichte sehr wichtig sind. Komplett fehlte beispielsweise der Prolog im Himmel. Der Teufel wettet dort mit Gott, dass er Faust vom rechten Weg abbringen kann.  Zum Schluss des Theaters ist Fausts Schwarm Gretchen im Kerker und schickt ihn mit den Worten fort: „Heinrich! Mir graut‘s vor dir.“ So endete allerdings nur die Vorstellung im Stadttheater. In der Originalversion ergänzt der Teufel „Sie ist gerichtet“, worauf Gott anfügt „Ist gerettet.“ In der Tübinger Version endet somit die Geschichte traurig und weltlich, bei Goethe hingegen ist Raum für Interpretation vorhanden und der Grundstein für „Faust II“ bereits vorbereitet.

Geniale Änderung

Dass eins der drei Vorworte namens „Zueignung“ oder die Kapitel „Auerbachs Keller“ und „Walpurgisnacht“ den Kürzungen zum Opfer gefallen waren, mag verkraftbar sein. Doch nur zu gern hätte man die Verwandlung eines süssen Pudels in Mephisto erlebt. So fehlte am Dienstag auch die Erkenntnis: „Das also war des Pudels Kern“. Trotz dieser Kürzungen hatte das Stück viele Stärken. Genial war die Idee, dass Faust nach dem Teufelspakt nicht mit einer Perücke verjüngt wurde, sondern begleitet von Donner und Blitzlicht mit Mephisto die Rolle tauschte. Diese Erzählart hatte Tiefgang und Klasse. Denn nun lag eine ganz neue Leseart der Story nahe: Wird Faust durch den Teufelspakt selber zu Luzifer? Sein Verhalten spricht dafür: Vier Leichen, eine geschändete Frau und ein hedonistisches, selbstgefälliges Streben nach Glück. Derzeit läuft im Schauspielhaus Zürich eine fast achtstündige „Vollversion“ von Faust 1 und 2. Ein spannendes, aber echt hartes Stück Arbeit. Fürs Theater sollte das Drama gekürzt werden. Die Tübinger Version von Christoph Roos hat dafür einen interessanten Weg gewählt. Gretchens fehlende Erlösung und den Verzicht auf den süssen Pudel schmerzten Goethe-Fans dennoch ein wenig.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Januar 2020.

Mit der Blechtrommel gegen die Nazis

Beim Stück «Die Blechtrommel» überzeugte Schauspieler Michael von Burg die Zuschauer im Schaffhauser Stadttheater, kritisierte jedoch den Autor des Werks, Günter Grass. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Mit der Blechtrommel gegen Faschismus. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

SCHAFFHAUSEN. «Das war eine Monsterleistung », befand eine Zuschauerin am Mittwochabend im Schaffhauser Stadttheater. Soeben war das 140-minütige Stück zum Roman «Die Blechtrommel» von Günter Grass zu Ende gegangen. Autor Oliver Reese und Regisseur Markus Keller hatten es geschafft, das 800-seitige Buch dem Schauspieler Michael von Burg auf den Leib zu schneidern. Dieser bestritt als One-Man-Show den Abend und verblüffte das Publikum. Seine Rolle des Oskar Matzerath,
der mit seiner Familie die Machtergreifung der Nazis und den Krieg erlebt, kam mit wenig Requisiten, aber mit viel Pathos aus. Als Dreijähriger erhält der kleine Oskar eine Blechtrommel,mit welcher er beispielsweise einen Marschrhythmus der Nazis mit einem Walzertakt durcheinanderbringt. Aus seiner naiven, kindlichen Sicht erzählt er, wie in der kleinbürgerlichen elterlichen Welt der Vater zu Hitlers Parteigänger wird. Oskar weigert sich, während der Hitlerzeit zu wachsen. Das könnte man als Verweigerung der deutschen Bevölkerung deuten, die Verantwortung oder moralische Schuld für die Verbrechen der Nazis zu übernehmen. Das ganze Stück zielt kritisch auf die Nazizeit und trommelt gegen das Vergessen und das Leugnen der Schuld. Das Buch ist nicht zuletzt deshalb als Jahrhundertwerk und Klassiker bezeichnet worden.

Grass und die Waffen-SS

Doch darf man sich in der heutigen Zeit noch über ein Werk von Günter Grass freuen? Der Autor gestand 2006, in der Waffen-SS gewesen zu sein und warf damit einen dunklen Schatten auf seine Rolle als moralische Instanz der Nachkriegszeit. Er wurde unter anderem aufgefordert, seinen Nobelpreis zurückzugeben. «Das hat mich extrem beschäftigt », sagte Schauspieler Michael von Burg im Publikumsgespräch nach der Vorstellung. «Ich bin politisch mit Günter Grass nicht einverstanden, aber der Roman gefällt mir dennoch enorm», sagte er. «Ich finde, die Biografie von Grass und die Frage, ob er ehrlich war, muss an einer anderen Stelle als auf der Bühne diskutiert werden.» Im Verlauf des Gesprächs verriet von Burg auch, dass er fast drei Monate brauchte, um den Text auswendig zu lernen und vor der Vorstellung in Schaffhausen ein bisschen Angst hatte: «Es ist zwar für mich ein Heimspiel, aber ich hatte das Stück einen Monat nicht mehr gespielt.» Die Angst, einen Satz zu vergessen und aus dem Text zu fallen, sei wie ein Ritt auf einem wilden Pferd. Man müsse höllisch aufpassen, damit man die Zügel nicht verliere. Kein Problem, denn Michael von Burg beherrschte den störrischen «Blechtrommel»-Gaul vorzüglich. Mord, Sex und Brausepulver sorgten für einige Ausrufezeichen, doch schlussendlich war weder die Vergangenheit von Grass noch die Zerstörung mehrerer Blechtrommeln auf der Bühne entscheidend: Am beeindruckendsten war die Leistung des Schauspielers.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 8. November 2019.