Kräftemessen der Improvisationsprofis

Am zweitägigen Theatersport-Event fieberten 550 Zuschauer in der Kammgarn mit den improvisierten Stücken mit. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Die Improvisationskünstler in der Kammgarn. (Foto: Selwyn Hoffman, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Achtung, fertig, los! Zwei Mannschaften und ein Schiedsrichter. Was ein bisschen nach Fussballspiel klingt, ist in Wirklichkeit die kreativste Veranstaltung, seit es Theaterbühnen gibt. Beim zweitägigen Theatersport des Schauwerks in der Kammgarn mussten zwei Schauspielerensembles gegeneinander antreten und in verschiedenen Spielen die Gunst der Zuschauer gewinnen. Das Schöne daran war, dass die „Zutaten“ für die improvisierten Theaterstücke aus dem Publikum kamen. „Ich suche einen Ort, ein Gefühl und einen Beruf“, forderte die Moderatorin Bettina Wyler das Publikum jeweils auf. Unterstützt wurden die Bühnenpiraten von der Pocket Band, welche die Szenen dramatisch oder enthusiastisch untermalten. So sahen die Gäste jeweils einzigartige und spontane Premieren von Kurztheatern. Das Interesse der Zuschauer war riesig. Am Freitag wollten 300 Besucher das Kräftemessen zwischen „Hiddenshakespeare“ aus Hamburg gegen Winterthur“ TS“ sehen. Am Samstag forderte das „Improtheater“ Konstanz die Hamburger vor 250 Gästen erneut heraus.

Romantik in der Kläranlage

Gelb, Trauer, Bäcker und Frankreich waren beim 1. Spiel am Samstagabend die Vorgaben des Publikums. Jedes Wort wurde einem der vier Schauspieler zugewiesen und definierte damit seine „Rolle“. Zudem bestimmten die Zuschauer, das Stück müsse in einer Caféteria einer Firma spielen. Bei diesem „In & Out“-Spiel wirkten beide Teams zusammen. Sobald im Gespräch eines der Schlagwörter fiel, musste der entsprechende Schauspieler den imaginären Pausenraum verlassen oder betreten. „Der Kaffee sieht gelb aus“, beförderte demnach den ersten auf die Bühne. „Kennen wir uns nicht aus Frankreich?“ – „Ja, genau aus Frankreich“, sorgte dafür, dass ein anderer Schauspieler kurz hereinkam und sofort wieder hinausmusste. Das Theater um den sauren Kaffee war köstlich komisch und sorgte für viele Lacher im Publikum. „Frankreich“ wurde zudem zum Running-Gag eingebaut. „Nun suche ich einen romantischen Ort für ein erstes Treffen“, erklärte die Moderatorin. „Kläranlage“, schoss es wie aus der Pistole von einem Gast in der Mitte des Saales. Es wurde nun eine Lovestory gespielt, wie man es so wohl noch nie gesehen hat. Mit teilweise überraschenden Wendungen inklusive einem Schluck Wasser aus der Wiederaufbereitungsanlage.

Kreative Einstiege

Moderatorin Bettina Wyler hatte am Samstagabend einige unkonventionellen Ideen für Spieleinstiege mitgebracht. Einmal las sie Tageshoroskop von der Boulevardzeitung Blick einer Schauspielerin vor. Dies war nun ihre Vorgabe für ihre Rolle. Bei einem anderen Spiel las sie den ersten und den letzten Satz aus einem Buch eines Gastes vor. Alles, was dazwischen passierte, hatten die Schauspieler nun aufzuführen. Es folgten Szenen mit einem Glatzkopf beim Frisör, einem viel zu fröhlichem Friedhofsgärtner, der Grabsteine vertauschte, Songs über Fische mit Erfrierungen und ein Nachbarschaftsstreit, der mit dem Tod eines Wellensittichs endete. Die Leistung der Schauspieler, aus ganz wenig ganz viel zu machen, war extrem beeindruckend und einmal mehr gingen die Besucher begeistert nach Hause.

Interview mit den Schauspielern Kirsten Sprick und Thorsten Neelmeyer.

„Wir sind tagsüber wie Schwämme“  theatersport2019

Bild: Thorsten Neelmeyer und Kirsten Sprick. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Interview: Hermann-Luc Hardmeier)

Wie kommt man dazu, Theatersport zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir haben 25 Jahre Bühnenerfahrung und spielen normalerweise Stücke mit vorgegebenen Handlungen und Texten. Der Reiz war gross, etwas Neues auszuprobieren, wo wir kreativ sein können.

Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, auf Kommando und mit wenig Vorgaben ein Stück zu spielen?
Kirsten Sprick: „Ja, es ist eine Herausforderung. Am Freitag musste ich beispielsweise singen und hatte die Vorgaben „Tango“ und „Meditationsmusik“. Das ist nicht einfach, doch es macht unglaublichen Spass, wenn es gelingt.“

Wie übt man Improvisationstheater?
Kirsten Sprick: „Wir sind tagsüber wie Schwämme. Wir saugen Geschichten und Erlebnisse auf, die wir schnell mit den Vorgaben verknüpfen können. Zudem muss man wissen, wie eine Story dramatisch aufgebaut ist. In dem Sinn muss man es nicht oft üben, sondern einfach schnell im Kopf sein. Das trainieren wir.“

Ein „Nein“ gibt es in eurem Wortschatz nicht?
Thorsten Neelmeyer: „Eine Vorgabe oder eine Rolle vom Publikum darf man nicht ablehnen. Die Kunst ist es, die Szene so zu erweitern, dass wir ein knackiges Stück spielen können. Unser Talent ist es, dass wir darin blitzschnell sind.“
Schlechtes Publikum?

Wie gefiel es euch, in Schaffhausen zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir sind begeistert. Die Schaffhauser sind lebendig und euphorisch von Anfang bis Ende. Eine La-Ola-Welle von 300 Leuten zugleich haben wir noch nie erlebt. Wir kommen auf jeden Fall sehr gerne wieder.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 14. Januar 2019.

„Deine Stimme ist der Hammer!“

An der Open Stage – Talentshow im Orient wurde gesungen, gezaubert, gewitzelt und gerappt. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Volles Haus und gute Stimmung. Die erste Open Stage des Jahres startete am Freitagabend im Orient unter guten Vorzeichen und sollte die Besucher nicht enttäuschen. Die Schaffhauser Talentshow hatte einiges zu bieten. In der Jury sass zwar nicht Dieter Bohlen, aber immerhin drei versierte lokale Kulturschaffende. Mireille Pochon von der Band Union, Simon Sepan von Fasskultur und Beat Junker, der früher das Booking der Bands für die Kammgarn machte. Den Auftakt der Talente machte Beatboxer Timon. Er liess die Bässe dröhnen, intonierte mehrstimmig „King of my Castle“ oder „Pony“. Johnny Cash und Fatboyslim-Elemente wurden reingemischt und zu guter letzte hüpfte Justin Timberlake aus seinem Mund. „Noch etwas hüftsteif, aber der Gesang in Verbindung mit dem Beatboxen hat mir sehr gut gefallen“, urteilte Beat Junker. Danach betrat Zauberer Dominik Oesch die Bühne. Funken und Flammen tanzten auf seiner Hand. Ein Tisch lernte fliegen und eine Rose manifestierte sich auf mysteriöse Weise vor dem Publikum. „Sagenhaft, ich weiss gar nicht, was ich sagen soll“, lobte Mireille Pochon. „Der Einstieg hätte noch knackiger sein dürfen“, war hingegen Beat Junker der Meinung. Das nächste Talent war mit Gitarre und Loopgerät bewaffnet. Der Singer/Songwriter Sam Blaser verwöhnte die Ohren mit sanften und melodischen Klängen und bedankte sich beim Publikum: „Schön, dass ihr mir diese Chance gebt.“ Die Jury war begeistert und Moderator Lorios bezeichnete ihn sogar als „James Blunt von Schaffhausen.“ Nach der Pause ballerte Künstler Eumel eine deftige Ladung aus seiner Rap-Pistole. Es war sein allererster Auftritt vor Publikum. „Mir gefiel dein Experiment“, sagte Juror Simon Sepan. Mireille Pochon wünschte sich hingegen „noch mehr Elan und Energie“. Es folgten der Comedian Fabian Würth und zum Abschluss das musikalische Duo Jacky und Kaan. Die Ausdrucksstärke und der Soul von Jacky waren wirklich unglaublich. „Deine Stimme ist einfach der Hammer!“, fasste Mireille Pochon die Meinung des Publikums zusammen. Mit dieser musikalischen Bombe ende die Schaffhauser Talentshow und hinterliess eine tief beeindruckte Zuhörerschaft. Nun folgte das ungeduldige Warten auf die nächste Ausgabe.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 14. Januar 2019.

Ein Scherzkeks voller Energie

Komiker Massimo Rocchi massierte am Donnerstag im Stadttheater mit seinem Programm „6zig“ die Lachmuskeln der Gäste.

„Ich bin schon seit eineinhalb Jahren 60“, begrüsste Massimo Rocchi die Gäste im Stadttheater. Gefolgt von einer dramatischen Pause. Zu Beginn ärgerte er sich über die Post, welche er an seinem Jubiläumstag bekommen hatte. Die Rheumaliga und diverse Altersheime meldeten sich. Und nicht zuletzt bekam er seine AHV-Einschätzung, welcher ein Flyer für einen thailändischen Sprachkurs beigelegt war. Er witzelte über sein Aussehen und dachte laut über eine Schönheitsoperation nach. Als er die Erfolgsaussichten aber mit jener von einem südeuropäischen, ehemaligen Politiker verglich, lehnte er dankend ab. Er brauchte den Namen Berlusconi nicht zu erwähnen, denn die Gäste hatten verstanden und kugelten sich vor Lachen. Rocchi erzählte von seinem Werdegang und seiner Jugend. Ein dramatischer Schauspieler habe er werden wollen, doch sei er leider gescheitert. „Wie will man traurige Stücke spielen, wenn die Zuschauer ständig lachen?“ Der Schweizer Komiker mit italienischen Wurzeln bediente auch gerne die Klischees, welche wir über Italien haben. Bei seinem biographischen Streifzug erklärte er, wie er zwischen Nonna und Nonno im Bett übernachtete und beinahe einen Hitzeschlag bekam, obwohl die Heizung kaputt war. Er schilderte, wie ihn ein Familienausflug in einem Fiat mit acht Insassen die letzten Nerven kostete und einer beweglichen Biosauna glich. Nicht zuletzt sprach er auch über die perfekte Zubereitung von Spaghetti. Eine Prise Erotik durfte dabei nicht fehlen. „Man darf sie nicht zu lange im Wasser lassen. Sie haben danach ein Date mit einer scharfen Tomatensauce“, erklärte der Komiker. Neben seinen humorvollen Geschichten überzeugte der Künstler durch seine szenischen Pantomimeneinlagen. Perfekt imitierte er eine Yoga-Lehrerin, ein Kamel oder einen Dirigenten, der Streit mit seinem Starsänger hatte. Man merkte sofort, dass Massimo Rocchi ein Comedy-Veteran ist. Ein Blick in seine Biographie verrät, dass er ausgebildeter Pantomime ist und seit Jahrzehnten im Auftrag des Humors durch die Welt tingelt. Der Scherzkeks hat eine unglaubliche Energie und schafft es, Emotionen an die Zuschauer weiterzugeben. Nach seiner Biographie gerieten die SBB ins Visier: Mit seinen spitzzüngigen Bemerkungen zu den Infotafeln im Zug massierte er die Lachmuskeln der Zuschauer mit der Intensität einer Amok gelaufenen Brotknetmaschine. Er war nun bei den Sprachen angelangt und zog über die dazugehörigen Nationen her. „Die Italiener sind klug, ausser wenn sie wählen gehen“, so Rocchi. „Wenn die Queen spazieren geht, sieht es so aus, als ob sie im Tiefschnee Skifahren will, und ihre Stöcke vergessen hat.“ Im Stadttheater durfte zwei Stunden herzhaft gelacht werden. Geht es nach den Zuschauern, so darf und muss Massimo Rocchi gerne weitere 60 Jahre für Lacher am Laufmeter sorgen.

Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 17. November 2018.

Vom Dorfpfarrer mit der Teufelsaustreibung bedroht

Die Komikerin Chrissi Sokoll unterhielt das Haberhaus am Freitagabend mit viel Humor und gekonnten Gesangseinlagen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Frau. Mutter. Rampensau. Wenn Chrissi Sokoll die Bühne betritt, dann werden alle Klischees in den Mixer geworfen und kräftig durchgeschüttelt. Das ist Comedy mit dem Bügeleisen und frisch geföhnter Humor mit Tiefgang. Der Abend startete mit einer dreiköpfigen Band, die aber nach nur wenigen Akkorden abgewürgt wurde. „Ich muss euch leider ein Geständnis machen“, erzählte Crhissi Sokoll kreidebleich vor Scham: „Ich bin eine Deutsche!“ Empört und entrüstet erhoben sich die Bandmitglieder und verliessen die Bühne.

Pointen-Karussell

Wenig später kehrten sie jedoch zurück, denn ihnen wurde bewusst, dass keiner von ihnen ein makelloser Kuhschweizer aus dem Appenzeller Land war. Sie waren nicht diejenigen, die seit geraumer Zeit Uwe Ochsenknecht das Rezept der geheimen Würzmischung vorenthielten. Und schon befand man sich mitten im Pointen-Karussell von Chrissi Sokoll. Sie erzählte zunächst von ihrem Mann. Einem gemütlichen Italiener, genauer gesagt einem Sizilianer. Noch genauer gesagt einem südländischen Alfa Romeo auf zwei Beinen. „Wenn ich jeweils bei seinen Verwandten zu Besuch bin, dann wird nach Herzenslust gegessen. Und wehe man weigert sich, dann holen sie den Dorfpfarrer für eine Teufelsaustreibung“, erklärte sie blumig und wortreich. Sie lüftete auch das Geheimnis, warum Italiener von dem vielen Essen nicht dick werden: „Sie brauchen vermutlich extrem viele Kalorien beim Sprechen.“ Die Pointen und Gags wurden immer wieder durchbrochen von Songs und Liedern der Protagonistin. Der Gesang begannen meist schön, kippten dann aber ins Dramatische, Skurrile und ironisch Boshafte. Ein Beispiel gefällig? Chrissi Sokoll starte ein Liebeslied, bei welchem sie einen Zuschauer anhimmelte und seine Vorzüge pries. Mit neckischem Wimpernaufschlag und süss säuselnder Stimme flirtete sie mit ihm. Plötzlich kippte die Stimmung. Sie vermutete böse Absichten, steigerte sich in einen cholerischen Zorn und machte schliesslich Schluss mit dem armen Herrn in der ersten Reihe.

Nacktwandern aus Frust

Schlussmachen, ein passendes Thema. Die Komikerin erzählte von ihrer Single-Zeit kurz nach ihrer Scheidung, noch bevor sie den sympathischen Sizilianer kennen lernte. Als Single in den frühen Dreissigern musste sie ihre Ansprüche tiefstapeln. „Treu? Sportlich? Fehlanzeige! Hauptsache er hat noch Haare.“ Doch die Männer ticken ganz ähnlich: Sexy? Klug? Fehlanzeige! Hauptsache sie nervt nicht.“ Aus Frust ging sie ins Tirol zum Nacktwandern, ins Tessin zum Töpfern und schliesslich in die Ferien nach Sri Lanka. Dumm nur, dass sie eine ganze Woche vor Ferienbeginn im Hotel weilte und der einzige Gast war – abgesehen von einer streitsüchtigen Blockflötenlehrerin . Aus Kummer betrank sie sich mit Abführmittel-Tee. Keine gute Idee. Sie sang, erzählte, unterhielt. Die Künstlerin wurde nicht müde und hatte die Lacher im Haberhaus auf ihrer Seite. Jeder wollte wissen, wie ihre Lebensgeschichte weiterging und alle Anwesenden freuten sich über jedes noch so skurrile Detail, welches aufs Köstlichste ausgeschlachtet wurde. Als Chrissi Sokol schliesslich über die Begegnung mit der Familie ihres späteren sizilianischen Ehemanns berichtete, war einer der Höhepunkte des Abends erreicht. Leider war sie nach zwei Wochen Beziehung schwanger geworden. „Die Familie schaute mich an, als hätte Eros Ramazzotti die Kanzlerin Angela Merkel geschwängert.“ Der Saal kugelte sich vor Lachen. Chrissi Sokoll hatte die Herzen der Haberhaus-Besucher für sich gewonnen. Ohne Frage, sie ist eine Rampensau. Aber eine mit Charme und einer Lastwagenladung voll Humor.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. November 2018.

Theaterkritik: Tränen bei seinem Tod sieht er als Kompliment

Im Sommertheater „Krabat“ im Kanton St. Gallen ist der Schaffhauser Thomas Strehler gleichzeitig Schauspieler und Regieassistent. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Haltet den Dieb! Soeben hat ein Jogger am Zürichsee einer Gruppe das Fleisch vom Grill gestohlen. Die Barbecue-Freunde sind entsetzt und der Jogger macht sich grinsend aus dem Staub. Die dreiste Aktion ist zum Glück nur gespielt. Es ist ein Werbespot für einen Schweizer Getränkehersteller, bei welchem ein Schaffhauser die Hauptrolle spielt. Der Fleischdieb nennt sich Thomas Strehler und ist nicht nur Werbegesicht, sondern hauptberuflich Schauspieler. Am Samstag konnte man ihn bei der Premiere des Freilichtspiels „Krabat“ von Otfried Preussler sehen. Das Sommertheater in Lichtensteig, Kanton St. Gallen, begeisterte 500 Zuschauer und hält Thomas Strehler mit einer Doppelfunktion auf Trab.

Berufsweg mit vielen Zwischenstopps

„Als ich während dem Casting einem Konkurrenten einen Tipp gab, engagierte mich der Regisseur gleich auch als seinen Assistenten“, erinnert sich Strehler schmunzelnd an sein Vorsprechen. Das ist nicht selbstverständlich, denn der 32-Jährige machte keinen klassischen Karriereweg. Er kommt ursprünglich aus Winterthur und hat eine KV-Ausbildung bei einer Versicherung gemacht. „Mein Traum war es TV-Moderator zu werden“, erzählt er. Vier Jahre arbeitete er beim SRF in der Sportredaktion, doch die Rolle hinter dem Mikrophon als Befrager reichte ihm nicht. Er warf den Job hin. Der Durst nach Abwechslung und der grossen Bühne brachte ihn zuerst nach Australien, dann an die Schauspielschule nach Berlin. 2014 wirkte er beim Sommertheater „Schwarzes Gold“ in Diessenhofen mit und zog nach Schaffhausen. „Der Rhein, die Offenheit der Menschen und die Gemütlichkeit sorgten dafür, dass ich mich in die Stadt verliebt habe und blieb“, schwärmt Strehler.

Teufel und Tränen

Zurück ins Jahr 2018: Regisseur Simon Keller wollte den Wahlschaffhauser für die Rolle des Tonda, der beste Freund der Hauptperson. In der düsteren Geschichte von „Krabat“ kommen zehn junge Burschen in den Kontakt mit einem Meister, der ihnen in seiner Mühle die dunkle Magie näherbringt. Er steht mit dem Teufel im Bunde und opfert jedes Jahr einen Jüngling. Der Protagonist Krabat versucht den Bann zu brechen. „Das Stück ist nur auf den ersten Blick schaurig“, so Strehler. „Die Liebe wird schlussendlich Krabat zum Sieg verhelfen.“ Seine Doppelfunktion war zwar anspruchsvoll, doch er konnte viel lernen und hat es geschätzt, Verantwortung zu übernehmen. „Viel wichtiger als Anweisungen ist die Harmonie unter den Schauspielern“, so eine seiner wichtigsten Erkenntnisse. „Künstler sind oft sehr eitel und emotional. Das muss man ausbalancieren als Regisseur.“ Auch selber trainierte er hart an sich. „Ich will Leute berühren und zum Mitfiebern bringen.“ Jemand sagte ihm nach der Premiere, er habe geweint beim Tod von Tonda. „Das war für mich das grösste Kompliment“, so Strehler. Wo er  als nächstes spielt, weiss er noch nicht. „Die Schauspielerei ist ein Abenteuer. Man weiss selten, wo man in einem halben Jahr steht.“ Er lässt aber durchblicken, dass er ein interessantes TV-Angebot erhalten hat und vielleicht auch wieder einmal als Jogger in einer Werbung auftaucht. Die nächste Vorstellung von „Krabat“ findet am kommenden Samstag statt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. Juli 2018.

 

Ein perfektes Liebeschaos

In einer sanft modernisierten Version von Shakespeares «Sommernachtstraum» begeisterte das Theater Kanton Zürich auf der Freilichtbühne vor der Mehrzweckhalle Marthalen die Zuschauer. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier

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«An diesem Sommerabend passt das Stück herrlich», sagte Silvia Müller, Gastspielorganisatorin vom Theater Kanton Zürich, erfreut. Das Ensemble ist derzeit auf Freilichttournee, welche 45 Vorstellungen umfasst. In Marthalen fand am Samstag vor der Mehrzweckhalle die 32. Aufführung statt.

Verfremdungseffekt wie bei Dürrenmatt

Das Stück orientiert sich am Original, wurde aber sanft modernisiert. Das Bühnenbild umfasste Sofas und Sitzkissen, welche die Baumstrünke imitierten. Eine zweiköpfige Band mit Puck am Mikrofon spielte fetzige Songs, und die Schauspieler lieferten mit
zeitgenössischen Sprüchen und Flüchen immer wieder humorvolle Einlagen. Nicht zuletzt wurde à la Brecht und Dürrenmatt der Verfremdungseffekt zentral eingebettet. Shakesåpeare hatte in seiner Version eine Theatergruppe eingebaut, welche in das Stück
verwickelt wird. In der Darstellung des Theaters Kanton Zürich wurde diese Episode von einer heutigen Regisseurin geleitet, die schimpfte, nörgelte und sogar einen Zuschauer aus Marthalen auf die Bühne holte.

Das verflixte Kraut

Die Handlung von Shakespeares Stück begeistert die Zuschauer seit Jahrhunderten. Es ist eine verzwickte Liebesgeschichte, die durch den Waldgeist Puck zum Liebeschaos wird. Doch der Reihe nach: Hermia ist verliebt in Lysander. Er ist ein Poet, ein Minnesänger und vergöttert seine Angebetete. Eigentlich wäre alles perfekt, doch ihr Vater Theseus, Herzog von Athen, hat andere Pläne. Er hat den selbstverliebten Demetrius für sie vorgesehen. Falls sie ablehnt, droht er ihr mit dem Tod. Hermia flieht mit Lysander in den Wald. Demetrius folgt den beiden heimlich. Im Schlepptau hat er Helena, welche unsterblich in ihn verliebt ist, jedoch von ihm verschmäht wird. Zwei Frauen, zwei Männer, die Gleichung scheint einfach. Der Elfenkönig Oberon will den Streit mit einem Zauberkraut schlichten. Sein Plan: Durch das Kraut verliebt sich Demetrius in Helena, lässt Hermia in Ruhe, und diese kann mit Lysander glücklich werden. Ausführen soll das Ganze der Waldgeist Puck. Als dieser jedoch die beiden Männer verwechselt, verliebt sich Lysander in Helena, und das Tohuwabohu beginnt.

«Die Geschichte gefällt mir so gut, weil sie sehr humorvoll ist und die Vielschichtigkeit der Liebe zeigt», erklärt Silvia Müller. «Es ist zeitlos und öffnet den Zuschauern die Herzen. » Die Marthaler spendeten zum Schluss viel Applaus, doch auch die Schauspieler
waren zufrieden. «Shakespeare ist mit den gereimten Texten anspruchsvoll, mit unserer modernen Adaption kam es bei den Besuchern aber gut an», erklärte Joachim Aeschlimann alias Lysander. «Unter freiem Himmel wirkt das Stück genial», ergänzte Marie Gesien, alias Helena. «Es gab von draussen zwar Störgeräusche, aber seit wir eine Aufführung neben einem hupenden WM-Autokorso überstanden
haben, kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. Juli 2018.

Flöten-Folter, Unterleibsprobleme und Beuteschemen im Skilager

Am Freitagabend trat die Schaffhauser Comedian und Bloggerin Pony M. in der ausverkauften Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Hallo, hoi! Es ist so schön, zuhause zu sein!“ Pony M. begrüsste die Kammgarn herzlich und erhielt gleich zu Beginn begeisterten Applaus vom vollen Haus. Seit sie 2013 ihr Leben über den Haufen geworfen hat und ihren Job als Psychologin an den Nagel hängte, ist viel passiert. Mit über 64 000 Followern auf Facebook und ihrem Blog auf Watson zählt sie heute zu den erfolgreichsten Bloggern der Schweiz. Derzeit ist sie mit ihrem Programm „Dini Muetter“ auf Tournee und zeigte in der Kammgarn einen Querschnitt durch ihr Werk. Pony M. alias Yonni Meyer erzählte aus ihrer Vergangenheit, gab Alltagsbeobachtungen zum Besten, philosophiert und garnierte ihre scharfzüngigen Kommentare mit einer kräftigen Portion Humor. „Was macht einen echten Schweizer aus?“, war einer der ersten Fragen, die sie in den Raum warf. Sie bediente nun nicht etwa Klischees wie Käsefondue und Jodelvereine, sondern sprach über Skilager, Schulausflüge ins Technorama und Blockflötenunterricht. Sie gestand wildromantische Gefühle für einen der damaligen Lagerleiter. „Hmm, er ist wohl heute 60. Er war damals mein Beuteschema. Heute bin ich möglicherweise seins“, resümierte sie lakonisch. Die Zuhörer schwelgten in Erinnerungen und kugelten sich vor Lachen, als sie detailliert über verkochten Riz Casimir, lauwarmen Sirup aus der Thermoflasche und das Blockflötenspiel an Weihnachten im Familienkreis sprach. Die akustische Flöten-Folter beschrieb sie in allen Details. „Ich litt, die Zuhörer litten und auch die Blockflöte. Manchmal frage ich mich, wie es in so einem vollgespuckten Holzkörper wohl aussieht?“

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Bild: Evelyn Kutschera

Herr Kunz und sein Koffer

Die Lesung des Abends fand auf zwei Ebenen statt. Einerseits wurden viele Geschichten aus ihrem Zyklus präsentiert, andererseits bestimmte die Story des Geschäftsmannes Herr Kunz die Show. Dieser hatte seinen Koffer beim Flug verloren und mutierte ohne Handy sowie Laptop gezwungenermassen zum Offline-Abenteurer. Häppchenweise erfuhr das Publikum über die ganze Vorstellung verstreut, wie es Herrn Kunz ergangen war. Eins der Highlights des Abends waren sicherlich auch ihre Beobachtungen im Mikrokosmos Krankenzimmer. Welche typischen Menschen trifft man im ärztlichen Warteraum? Heiteres Gelächter brach aus, als Pony M. über den „Plauderi“, den „Google-Hypochonder“ und die „Telefoniererin“ sprach. Letztgenannte spricht mit leiser Stimme und geheimen Codes über Beziehungskrach und Unterleibsprobleme. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen erahnen die Zuhörer vieles. Leider zu viel. Pony M. sorgte nicht nur für amüsante Unterhaltung, sondern forderte auch zum Perspektivenwechsel auf. „Vielleicht sind Fünflieber perverse Münzen, die von dir am Selecta-Automaten gerieben werden wollen. Vielleicht wollen die Ramseiers mal etwas anderes, als grasen gehen. Beispielsweise ins Alpamare. Und vielleicht spricht Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht unheimlich langsam, sondern wir alle einfach unheimlich schnell.“ Man hätte gerne noch lange zugehört, doch Herr Kunz hatte sich mittlerweile mit seinem Offline-Leben angefreundet. Er genoss sein analoges Dasein und verzichtete zukünftig auf die geschäftliche Erreichbarkeit in seiner Freizeit. Vielleicht war dies eine der Hauptbotschaften von Pony M. für die Besucher. Wir haben ein schönes Leben. Aber es würde nicht schaden, die Augen zu öffnen und uns mehr mit anderen Menschen, anstatt mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8.Mai 2018.

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Und so fand Pony M. meinen Bericht. Besten Dank, ich fands auch einen superstarken Abend!

Wohl die amüsanteste Pause in der Geschichte des Stadttheaters

Die Satirekünstler Mike Müller und Viktor Giacobbo legten sich am Donnerstag im Stadttheater auf die Therapiecouch. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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(Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ihr seid kein Publikum, ihr seid bloss Gaffer!“ Mit markigen Worten ging Mike Müller in der zweiten Halbzeit auf die Gäste im Stadttheater los. Und Viktor Giacobbo ergänzte: „Ihr seid schuld daran, dass wir uns nicht mehr vertragen.“ Die Köpfe waren rot, die Stimmen laut und die Therapie der zwei Schauspieler schien kurz vor dem Scheitern. Doch was hatte zu diesem Eklat geführt? Am besten gehen wir der Reihe nach. Von 2008 bis 2016 flimmerte acht Jahre lang am Sonntagabend die Satiresendung Giacobbo/Müller auf SRF in die Wohnzimmer. Plötzlich war Schluss. Die zwei Künstler waren befreit und hatten nun Zeit für neue Projekte. Doch auf ihrer „Therapy Tour“ erzählen die zwei eine ganz andere Geschichte. Mit Dominique Müller von der fiktiven „Darsteller und Mimengesellschaft“ arbeiten die Satire-Rentner an ihrem Comeback auf der Theaterbühne. Damit ihnen der Verband diese Neuorientierung gestattet, sind sie zu Therapiesitzungen mit Dominque Müller verpflichtet. „Mike hat derzeit nur eine provisorische Betriebsbewilligung, und Viktor mussten wir mit der Spitex herbringen lassen“, scherzte der Therapeut über seine Patienten. Völlig ratlos standen die zwei vor dem Publikum, weil ihnen ihre Bürostühle von ihrer alten Sendung nach dem Betreten der Bühne nicht zur Verfügung standen. Als Mike sodann auch seine geliebte Kaffeemaschine nirgends finden konnte, verlor er die Fassung. Müller und Giacobbo nörgelten solange herum, bis ihnen der Therapeut nicht nur die Originalstühle aus der Sendung, sondern auch die Kaffeemaschine vor die Nase stellte. 1:0 für die Schauspieler. Doch es sollte nicht der letzte Streich des selbsternannten Mediziners gewesen sein. Dani Ziegler, der musikalische Sidekick aus der Sendung, brachte seine zwei ehemaligen Chefs aus der Ruhe. „Nur wegen deiner ewigen negativen Einstellung habe ich zugenommen“, warf ihm Mike Müller vor. Doch der Bassist war in Höchstform. Ziegler schwärmte von seinem Soloprogramm und liess sich ausgiebig über die Marotten seiner Ex-Bosse aus. In kleinen Portionen schlüpften Giacobbo und Müller in ihre Kultrollen Fredy Hinz, Toni Brunner und Hanspeter Burri. Sie stritten, debattierten und sorgten für viele Lacher im Verlaufe des Abends. Die zwei stärksten Momente der Show waren sicherlich, als sich die zwei Schauspieler schlagfertig den Fragen der Zuschauer stellten und als sie die ganze Pause durchspielten. Kaum einer im Publikum wagte aufzustehen. Denn jeder, der ein Getränk holen oder aus WC gehen wollte, wurde gnadenlos und scharfzüngig ins Visier genommen. Das war wahrscheinlich die amüsanteste Pause, die es jemals im Stadttheater Schaffhausen gegeben hat. Ob die zwei ihre Bühnenlizenz schlussendlich erhalten haben und ob die Therapie geglückt ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. April 2018.

 

Ein Krawallbengel, den sich so mancher wünscht

Am Samstagabend wurde das Theater zum Kultbuch „Tschick“ in der Mehrzweckhalle Trüllikon aufgeführt. Eine Theater- und Buchkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Rattatatam, Rattatatam. Die Bildschirme auf der Bühne zuckten und man hörte ein Maschinengewehr laut knattern. Der 14-Jährige Maik spielte ein Ballergame, während sich seine Eltern im Hintergrund stritten. Maik ist ein ganz normaler Teenager. Er hat die üblichen Probleme. Die Schule interessiert ihn nicht. Er ist verliebt in ein Mädchen seiner Klasse. Aber er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Und plötzlich taucht Tschick auf. Der neue russische Mitschüler ist ein Rebell. Er ist Ausländer, erscheint betrunken im Unterricht und schert sich einen Deut darum, was der Lehrer sagt. In den Sommerferien muss Maiks Mutter in die Entzugsklinik für Alkoholiker. Der Vater nutzt die Zeit für eine Affäre mit seiner Sekretärin. Maik hat sturmfrei und genau da klingelt Tschick an der Tür. Er schlägt vor, mit einem gestohlenen, äh Pardon, geliehenen Lada einen Roadtrip zu unternehmen. Maik ist zunächst skeptisch, doch diese Reise wird sein Leben auf den Kopf stellen.

Hardmeier + Buch + Kritik

Bild: Das Kultbuch von Wolfgang Herrndorf. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Nebenfiguren als Herausforderung
Der Kultroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf ist eines der meistgespielten Stücke in Deutschland. Durch die Coproduktion des Theater Kanton Zürich und dem Theater Winterthur ist das Schauspiel nun auch in der Schweiz angekommen. Am Samstagabend fand die 14. Vorstellung der Bühnenfassung von Robert Koall statt. Diesmal in der Mehrzweckhalle Trüllikon. Es ist eine humorvolle und warmherzige Inszenierung, die von der starken Leistung der Schauspieler lebte. Allen voran stand Andreas Storm, der fünf Rollen gleichzeitig spielte. Vom Lehrer Wagenbach über das Kind Friedemann bis zur Sprachtherapeutin bot er eine breite Palette. Ob das nicht anstrengend sei, wollte die Schaffhauser Nachrichten von ihm nach dem Ende des Theaters wissen. „Die Personen auseinanderzuhalten ist nicht schwer“, so Storm. „Viel schwieriger ist das Management der Kleider, welche zu jedem Charakter gehören. Ich muss mir Backstage immer genau überlegen, was ich wohin hänge und in welcher Reihenfolge.“

Nicht pädagogisch-peinlich
Beeindruckend war auch die schauspielerische Leistung von Tschick und Maik. Sie sprangen, tanzten, schrien und turnten auf der Bühne, sodass man kaum genug davon kriegen konnte. Doch die Frage drängt sich auf: Warum fasziniert das Stück die Menschen? „Es ist eine zeitlose Geschichte über zwei Teenager“, erklärte Nikolaij Janocha alias Maik nach dem Auftritt. „Der Zuschauer wird nicht einfach unterhalten, sondern erinnert sich an die eigene Jugendzeit.“ Auf ihrer Reise beziehungsweise auf ihrer Odyssee treffen Maik und Tschick nicht auf lauter schlechte Leute, wie sie es erwarten. Im Gegenteil: Sie erleben einen Glücksmoment nach dem anderen und entdecken, was das Leben alles zu bieten hat. Sie philosophieren und Maik entwickelt sich zu einer starken Persönlichkeit, der sich selber zu schätzen weiss und die wahre Liebe findet. „Mir gefällt, dass es nicht so pädagogisch-peinlich ist“, unterstreicht Janocha. „Man kann sich in die Jugendlichen hineinversetzen.“ Zum Schluss wird Tschick noch mit einer faustdicken Überraschung aufwarten, die aber an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Doch auch in dieser Situation wird sich zeigen, wie warmherzig und reif Maik mit diesen Breaking News umgehen wird. Wolfang Herrndorf hat mit Tschick eine Figur erfunden, die das Beste in Maik erwecken konnte. Obwohl er auf den ersten Blick wie ein asozialer Krawallbengel wirkt, hätte sich den Lausbub mit dem gestohlenen Auto wahrscheinlich noch so mancher Zuschauer in seiner Teenagerzeit als Freund gewünscht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 5. Februar 2018.

Theaterkritik: Russischer Angriff auf die Lachmuskulatur

Die russische Nationalmannschaft „Teatr 05“ errang einen Doppelsieg beim Theatersport am Freitag und Samstag in der “Kammgarn” in Schaffhausen. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Es war wie ein Boxkampf zwischen Präsident Putin und Bundesrat Ueli Maurer. Allerdings ohne Fäuste und ohne diese zwei Politiker. Aber immerhin: Die Länder stimmten. Russland gegen die Schweiz. St. Petersburg gegen Bern und Winterthur. „Teatr 05“ gegen „Theater am Puls (TAP)“ und „Winterthur TS“. Gut 550 Besucher waren gekommen, um den jährlichen Theatersportwettkampf vom Schauwerk in der Kammgarn zu sehen. Am Freitag war sogar ausverkauft. „Wir organisieren den Theatersport nun zum 15. Mal und sind davon genauso begeistert wie das Publikum“, freute sich Katharina Furrer vom Schauwerk. Das Improvisationstheater mit den zwei Mannschaften und dem Schiedsrichter war in den ersten Jahren jeweils ein Duell von Schweizer Teams. Später kamen Künstler aus Berlin dazu. Und nun also aus Russland. Allerdings schon das zweite Jahr in Folge. „Wir suchen die Abwechslung bei unseren Events“, erklärte Katharina Furrer. „Sergey Sobolev und Eugen Gerein sind zwei geniale Schauspieler und können es gut mit den Schweizern aufnehmen.“ Und tatsächlich: Die Russen überzeugten.

hardmeier+theatersport

Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Das Publikum als Regisseur

Doch der Reihe nach: Am Samstagabend eröffnete die „Pocketband“ mit einem Trommelwirbel und fetzigem Intro den Event. Schiedsrichtern Martina Schütze erklärte nochmals die Regeln: „Theatersport ist ein Improvisationstheater, bei dem das Publikum als Ideenlieferant gefragt ist.“ Spielorte, Themen der Stücke, Gefühle, Farben und, und, und wurden jeweils von den Zwei Mannschaften gefragt. Danach spielten sie damit kurze Szenen, die dann von der Publikumsjury mittels roter und blauer Karten bewertet werden mussten. Kurzum: Die Interaktion war wichtig und man staunte immer wieder, was die Schauspieler spontan für humorvolle und dramaturgisch geschickte Szenen auf die Beine stellten. Besonders schwierig dabei war, dass einer der Russen nur seine Landessprache beherrschte. Glücklicherweise sprach der zweite Russisch und Deutsch und konnte somit die wichtigsten Begriffe dolmetschen. Meistens war dies jedoch gar nicht notwendig. Im ersten Spiel trugen alle vier Schauspieler zusammen zum Gelingen des Stückes bei. Durch Klatschen konnten sie jeweils die Rolle eines anderen übernehmen und sprangen in eine thematisch andere Szene. So entwickelte sich ein Stück vom Gespräch zwischen Schuhputzer und seinem Kunden zum Ritterkampf, zum Flirt in einer Bar und endete im Streit zwischen einem russischen Ehepaar um die Vaterschaft von ihrem Baby.

Millionäre und Gangster

Danach suchte die Schiedsrichterin im Publikum nach vier schweizerdeutschen Sätzen. Selbstverständlich solche, welche die Russen nicht verstanden. Mit diesen Sätzen mussten die ausländischen Gäste nun ein Theater spielen und die Ausdrücke einbauen. Die Zuschauer kugelten sich dabei vor Lachen, denn die Russen schlugen sich sehr gut. Im nächsten Stück musste das Publikum einen Wunsch für 2018 formulieren: „Bei den Euromillions gewinnen“, rief ein Gast und das Thema wurde aufgegriffen. Nun spielten die Schauspieler also ein Stück rund um zwei frische Lottomillionäre, die plötzlich von zwei Gangstern überfallen wurden. Es folgten weitere Runden mit spontanen Liedern und den Lieblingsspielen der zwei Mannschaften. Während die Berner ein superlustiges Fragetheater beim Hundecoiffeur spielten, bereiteten die Russen ihren Favoriten vor: Ein Tanzsprechtheater. Dabei nahm der erste Schauspieler die Rolle des Tänzers ein, während der anderen den Regisseur spielte und dem Publikum erklärte, was nun aufgeführt werde. Da der russische Tänzer die deutschen Erklärungen natürlich nicht verstand, mussten die zwei gegenseitig vermuten und interpretieren, was der anderer nun tanzte beziehungsweise erklärte. Die Russen spielten sich damit in die Herzen der Schaffhauser.

Ein Toter, der singt

Der stärkste Moment des ganzen Abends war sicherlich, als der Russe Sergey bei einem Stück auf dem Friedhof plötzlich aus dem Grab hüpfte und von den Toten auferstand. Dabei sang er einen zornigen Punksong, der davon handelt, dass ihn der Friedhofsgärtner Josef mit seinem lauten Rasenmäher beim Schlafen störte. Nach riesigem Applaus durch die Zuschauer wurden die Gäste aus St. Petersburg nach dem Freitag auch am Samstag zu den Siegern gekürt. Der Doppelsieg markierte einen schönen Abschluss des Theatersports dieses Jahres. Die Gäste freuten sich bereits auf dem Nachhauseweg auf die Fortsetzung im nächsten Jahr.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 15. Januar 2018.