Die verflixte Ex und der gewiefte Agent

Das Sommertheater „Nichts als lauter Liebe“ brachte am Mittwoch Humor, Intrigen und Coronamasken nach Unterstammheim. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

„Das ist indiskutabel!“, schimpfte der Protagonist auf der Bühne und liess eine Reihe von vulgären Flüchen folgen. Beim Sommertheater in Unterstammheim hatten am Mittwochabend die Emotionen einen wichtigen Stellenwert. Und das hatte einen guten Grund: Der Agent und der Theaterregisseur hatten ein riesiges Problem: Die weibliche Hauptrolle war wegen ihrer Schwangerschaft ausgefallen. In der Note suchten sie sich die 2. beste Besetzung, welche die Region zu bieten hatten: Gigi. Doch besagte Dame trug eine Altlast mit sich: Die frühere Liebesbeziehung zu Hugo, dem Protagonisten. Da die zwei in Streit und Zorn auseinandergegangen war, glich ein gemeinsames Theater der Quadratur des Kreises. Doch der fiese Agent spannte so ein gerissenes Lügengeflecht, dass selbst eine Spinne mit Judo-Kenntnissen nicht ohne weiteres daraus hätte entkommen können. Die Ausgangslage war verzwickt, und sorgte damit für viele Lacher.

Proben via Videokonferenz

Der Abend im Schwertsaal hatte ein bisschen schwerfällig begonnen, weil die Hitze auf die Besucher drückte. Ursprünglich wäre das Sommertheater des Theater Kanton Zürich auf dem Dorfplatz in Unterstammheim geplant gewesen. Trotz schönsten Sonnenstrahlen wurde aber nach drinnen verschoben. „Meteo Schweiz sprach von einer Gewitterlage und einen Blitzeinschlag wollten wir nicht riskieren“, erklärte Silvia Müller vom Theater Kanton Zürich. Sie war trotzdem überglücklich mit dem Abend, denn endlich konnte wieder gespielt werden. Eigentlich wäre ja das Stück „Der Geizhals“ von Molière geplant gewesen, doch die Corona-Krise verunmöglichte das Inszenieren eines neuen Theaters. „Somit fiel die Wahl auf ein bewährtes Sommerstück, welches mit Social Distancing und vier Schauspielern realisierbar war“, erklärte Sara Schneider vom OK. „Geprobt wurde während dem Lockdown teilweise via Videokonferenz.“

180-Grad-Wende

Auf der Bühne hatten sich mittlerweile die Ereignisse überstürzt. Das Ex-Paar Hugo und Gigi stritten sich so intensiv, dass an „normales“ Proben nicht zu denken war. Der Theateragent hatte dazu beigetragen, indem er behauptet hatte, Hugo hätte Lungenkrebs. Zudem sei es sein letzter Wunsch gewesen, mit Gigi zu proben. Es setzte für ihn eine gepflegte Ohrfeige, sein Jackett wurde zerrissen und Hugo zerkratzte den Porsche des Intriganten. Doch dann passierte das Unglaubliche. Plötzlich tauchten die Gefühle des streitlustigen Paares wieder auf und sie machten eine 180-Grad – Wende. Nun wurde geknutscht anstatt gestritten.

Besser als Netflix

„Wir haben uns unglaublich aufs Spielen gefreut“, erklärte vor Beginn der Vorstellung Andreas Storm, der in die Rolle des bösen Agenten geschlüpft war. „Es herrschte eine Lagerfeuer-Atmosphäre. Die Leute freuen sich, endlich wieder einmal etwas anderes als Netflix zu sehen.“ Für ihn sei das eine der schönsten Erfahrungen, nach der Corona-Pause wieder spielen zu können. Auch die Schutzmasken im Publikum störten ihn nicht. Etwa ein Drittel der Besucher trugen den Atemwegsschutz. Mittlerweile hat man sich an das Bild gewöhnt und war eher erstaunt, dass nicht ein Grossteil des Saales wie ein Operationssaal im Spital aussah.

Das humorvolle Theaterstück unterhielt die Gäste vortrefflich. Wie die Geschichte ausging, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch eins ist klar: Harmonisch konnte das Ganze nicht enden, solange der Agent noch ein Wörtchen mitzureden hatte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 4. Juli 2020.

Ein gewaltloser Kämpfer gegen Rassismus

Im Stadttheater stand am Mittwoch nicht nur Nelson Mandela, sondern auch seine Frau im Fokus. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Nelson Mandela und seine Frau Winnie kämpften auf unterschiedliche Weise gegen die Apartheid. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

Kaum zu glauben. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg herrschten in Südafrika immer noch Gesetze und Regeln, die böse Erinnerungen wachriefen. Politische Gegner der Regierung wurden geschlagen und gefoltert. Mischehen zwischen Weissen und Schwarzen waren verboten. Die farbige Bevölkerung musste in getrennten Wohngebieten leben und höhere Bildung war nur den Weissen zugänglich. Die Apartheid und damit die Diskriminierung des Grossteils der Bevölkerung dauerte bis 1994. Das Ende dieses schlimmen Kapitels ist mit einem Namen zwingend verknüpft: Nelson Mandela. Fast auf den Tag genau vor dreissig Jahren wurde er aus seiner südafrikanischen Haft entlassen. Das Stadttheater nahm das Ereignis als Anlass, das Ensemble „TNT Theatre Britain“ mit ihrem Stück „Free Mandela“ einzuladen. Erfrischend an der Inszenierung von Paul Stebbings war vor allem, dass nicht etwas die 27-jährige Haft von Mandela im Zentrum stand, sondern ein anderer Fokus gelegt wurde. Erzählt wurde die Geschichte von Mandelas Ehefrau Winnie. Parallel zum Werdegang ihres Mannes erfuhren die Zuschauer, was ihr wiederfahren war. Während Nelson Mandela darauf bestand, einen gewaltlosen Protest wie Gandhi zu führen, erlebte Winnie Mandela Folter im Gefängnis und entfremdete sich von ihrem Ehemann. Der gewaltlose Weg hatte für sie und einige Anhänger der Apartheid-Gegenpartei ANC bald keine Priorität mehr. Der Dualismus zwischen Erduldung der Demütigungen und Rachegefühlen war ein roter Faden durch das Stück.

Foto: Selwyn Hoffmann

Aktualitätsbezug fehlte

Keine Frage: Nelson Mandela war ein moralisches und politisches Vorbild. Er war der Wegbereiter des versöhnlichen Übergangs von der Apartheid zu einem demokratischen Afrika, das er als erster schwarzer Präsident von 1994 bis 1999 leitete. Ein bisschen schade war, dass die Inszenierung im Stadttheater bei diesem Rückblick verharrte. Dabei wäre es doch extrem spannend gewesen, wenn man die Chance genutzt hätte, und einen Bezug zur Aktualität gezogen hätte. Könnte gewaltloser Protest eine aktuelle Krise lösen? Sollten sich Politiker wie Boris Johnson oder Donald Trump ein Vorbild an Mandela nehmen? Ist in Südafrika mittlerweile eine soziale Gerechtigkeit erreicht? Wo stehen wir 30 Jahre nach Nelson Mandela? Solche Diskussionen führten die Zuschauer in der Pause und anschliessend an die Vorstellung. Das Theaterstück lieferte dazu leider keine neuen Interpretationsansätze. Doch die angeregten Gespräche bewiesen, dass indirekt das Ziel des englischsprachigen Theaters erreicht worden war: Mandela bewegt – auch dreissig Jahre nach seinem Erfolg in Südafrika. Insofern war „Free Mandela“ eine sehr gelungene Vorstellung, welche darüber hinaus durch die starke Leistung der Schauspieler für einen bleibenden Eindruck sorgte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Freitag, 14. Februar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Das grosse Duell der Improvisationskünstler

Wenn aus dem staubtrockenen Zivilgesetzbuch urspontan eine spannende Krimikomödie wird – am Freitag und Samstag duellierten sich die kreativen Theaterköpfe beim Improvisationstheater in der Kammgarn Schaffhausen. Eine Theatertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Voller Körpereinsatz: Die vier Theatersportler verblüfften das Publikum
mit ihren kreativen Ideen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Michael Kessler)

„Drei, zwei, eins, los!“ Das Publikum zählte am Freitagabend jede Szene ein, welche die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Doch was im Drehbuch stand, wussten weder Besucher noch Schauspieler. Beim Theatersport stehen sich jeweils zwei Mannschaften gegenüber. Ein Schiedsrichter moderiert den Anlass und fragt beim Publikum nach Orten der Handlung, nach Gefühlen, Sätzen, Berufen und weiteren Zutaten für die Szenen. Kurzum: Das Publikum ist der Regisseur und die Schauspieler sind zu 200% in ihrer Kreativität gefordert. Am Freitagabend trafen Kirsten Sprick (Hamburg) und Birgit Linner (München) auf Reto Bernhard und Randulf Lindt von Improphil Luzern. Am Samstag duellierten sich Martina Schütze und Birgit Linner (beide Improtheater Tsurigo) mit der gegnerischen Seite Kirsten Sprick und Nicole Erichsen (Bremen). Organisiert wurde der Anlass vom Schauwerk in der Kammgarn. Schon die Aufwärmrunde am Freitag war vielversprechend. Die Szene begann auf dem Klo eines Warenhauses, wechselte dann in den Windkanal, mutierte zum Märchen rund um Rumpelstilzchen und schlussendlich wurde geheiratet. Die Zuschauer konnten herzhaft lachen und mitfiebern. Beim nächsten Spiel wollte der Moderator Gefühle aus dem Publikum haben. Leidenschaft und Rache kamen als Vorschläge. Die zwei Damen aus Deutschland entwickelten nun eine Liebesgeschichte rund um einen Flokatiteppich. Doch kaum war die wollige Lovestory vorbei, holte das Schweizer Team zum Gegenschlag aus. Sie wollten nur in Reimen sprechen und suchten dafür eine Epoche. Es kamen als Vorschläge Zukunft, Rokoko, Steinzeit und Mittelalter. Sie entschieden sich für Letzteres und fragten: Was zeichnete denn die damalige Zeit aus? Als Antwort riefen die Gäste Begriffe wie Aberglaube, Läuse und Pest. Lachend wurden die Vorschläge aufgenommen. Eine Geschichte rund um einen dicken Schlossherrn und eine holde Maid wurde im Turbotakt gereimt und aufgeführt. „Wahnsinn, das könnte ich nie“, meinte ein Zuschauer. Sein Sitznachbar bemerkte trocken: „Ich denke, da ist sicher ein Teil vorbereitet. So spontan kann niemand sein.“ Das Geheimrezept liegt aber ganz woanders begraben: Die Schauspieler üben, üben, üben. Kreativität ist zum einen Teil eine Trainingssache, zum anderen Teil gibt es bei den Proben sicherlich immer wieder Szenen, die ähnlich sind und man je nach Stichworten adaptieren und verändern kann. Doch die Realität kann gnadenlos zuschlagen. Als zusammen mit der Pocketband ein Lied gesungen werden musste, verlangte ein Gast, dass man es in einer Pink Floyd – Version spiele. Solche Inputs sind auch beim besten Training nicht vorhersehbar und dies bewies, dass auf der Bühne unheimliche kreative Menschen am Werk waren. Nun waren die Schauspieler erst richtig in Fahrt gekommen. Auf der Bühne war ein Bohrmaschinen-Tanz zu sehen, ein Rentnerpaar, das zu Fuss nach Kuba wollte, und ein Schreiner, der einen Schrank zimmerte, der gleichzeitig ein Sarg war. Nach der Pause änderte sodann der Modus des Abends. Es gab nicht mehr mehrere Spiele, sondern eine einzige lange Szene, bei welcher die Schauspieler das Publikum fragten, ob jemand ein Buch dabei habe. Der erste und der letzte Satz des Werkes bildeten den Rahmen des Mini-Theaters. Lustigerweise wählten die Künstler nicht Hemingway oder den Steppenwolf, sondern das ZGB – Zivilgesetzbuch, welches jemand zum Lernen dabei hatte. Es gab tote Pferde im Moor, eine eklige Aal-Suppe und der Sensenmann, welcher eine Verschwörung plante. So viel gelacht hat wohl noch niemand über das ZGB. Der Abend war grossartig kreativ und zum Schluss siegte keine Mannschaft, sondern das Publikum.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 20. Januar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Auch ohne Pudel konnte Mephisto Faust umgarnen

Im Theaterstück „Faust“ fehlten dem Stadttheater Schaffhausen am Dienstagabend einige wichtige Elemente. Dafür gab’s eine Überraschung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Gretchen und der «Kneipenfaust» in einer verkürzten Fassung: «Heinrich! Mir graut’s vor dir.» (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Foto: Selwyn Hoffmann)

Halbnackt sitzt er auf dem Tisch. Er isst Wiener Würstchen und trinkt den Wein direkt aus der Flasche. Am Dienstagabend präsentierte sich im Stadttheater den Besuchern ein Faust, der auf den ersten Blick wenig mit dem Protagonisten von Goethes berühmtem Drama zu tun zu haben schien. Das Publikum sah nicht einen Universalgelehrten, der nach dem Sinn des Lebens suchte, sondern einen „Kneipenfaust“, der abgewetzte Manchesterhosen trug. Das Landestheater Tübingen hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollten den über 200 Jahre alten Klassiker ansprechend umsetzen und die tragische Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen ins Zentrum stellen. Um es vorweg zu nehmen: Das Ziel wurde erreicht. Das Stück hatte Tempo, beeindruckte durch die Schauspieler und war kurzweilig und unterhaltsam gestaltet. Beim zweiten Blick gab es aber auch eine kleine Enttäuschung: Den Kürzungen waren Elemente zum Opfer gefallen, die für die Interpretation der Geschichte sehr wichtig sind. Komplett fehlte beispielsweise der Prolog im Himmel. Der Teufel wettet dort mit Gott, dass er Faust vom rechten Weg abbringen kann.  Zum Schluss des Theaters ist Fausts Schwarm Gretchen im Kerker und schickt ihn mit den Worten fort: „Heinrich! Mir graut‘s vor dir.“ So endete allerdings nur die Vorstellung im Stadttheater. In der Originalversion ergänzt der Teufel „Sie ist gerichtet“, worauf Gott anfügt „Ist gerettet.“ In der Tübinger Version endet somit die Geschichte traurig und weltlich, bei Goethe hingegen ist Raum für Interpretation vorhanden und der Grundstein für „Faust II“ bereits vorbereitet.

Geniale Änderung

Dass eins der drei Vorworte namens „Zueignung“ oder die Kapitel „Auerbachs Keller“ und „Walpurgisnacht“ den Kürzungen zum Opfer gefallen waren, mag verkraftbar sein. Doch nur zu gern hätte man die Verwandlung eines süssen Pudels in Mephisto erlebt. So fehlte am Dienstag auch die Erkenntnis: „Das also war des Pudels Kern“. Trotz dieser Kürzungen hatte das Stück viele Stärken. Genial war die Idee, dass Faust nach dem Teufelspakt nicht mit einer Perücke verjüngt wurde, sondern begleitet von Donner und Blitzlicht mit Mephisto die Rolle tauschte. Diese Erzählart hatte Tiefgang und Klasse. Denn nun lag eine ganz neue Leseart der Story nahe: Wird Faust durch den Teufelspakt selber zu Luzifer? Sein Verhalten spricht dafür: Vier Leichen, eine geschändete Frau und ein hedonistisches, selbstgefälliges Streben nach Glück. Derzeit läuft im Schauspielhaus Zürich eine fast achtstündige „Vollversion“ von Faust 1 und 2. Ein spannendes, aber echt hartes Stück Arbeit. Fürs Theater sollte das Drama gekürzt werden. Die Tübinger Version von Christoph Roos hat dafür einen interessanten Weg gewählt. Gretchens fehlende Erlösung und den Verzicht auf den süssen Pudel schmerzten Goethe-Fans dennoch ein wenig.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Januar 2020.

Mit der Blechtrommel gegen die Nazis

Beim Stück «Die Blechtrommel» überzeugte Schauspieler Michael von Burg die Zuschauer im Schaffhauser Stadttheater, kritisierte jedoch den Autor des Werks, Günter Grass. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Mit der Blechtrommel gegen Faschismus. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

SCHAFFHAUSEN. «Das war eine Monsterleistung », befand eine Zuschauerin am Mittwochabend im Schaffhauser Stadttheater. Soeben war das 140-minütige Stück zum Roman «Die Blechtrommel» von Günter Grass zu Ende gegangen. Autor Oliver Reese und Regisseur Markus Keller hatten es geschafft, das 800-seitige Buch dem Schauspieler Michael von Burg auf den Leib zu schneidern. Dieser bestritt als One-Man-Show den Abend und verblüffte das Publikum. Seine Rolle des Oskar Matzerath,
der mit seiner Familie die Machtergreifung der Nazis und den Krieg erlebt, kam mit wenig Requisiten, aber mit viel Pathos aus. Als Dreijähriger erhält der kleine Oskar eine Blechtrommel,mit welcher er beispielsweise einen Marschrhythmus der Nazis mit einem Walzertakt durcheinanderbringt. Aus seiner naiven, kindlichen Sicht erzählt er, wie in der kleinbürgerlichen elterlichen Welt der Vater zu Hitlers Parteigänger wird. Oskar weigert sich, während der Hitlerzeit zu wachsen. Das könnte man als Verweigerung der deutschen Bevölkerung deuten, die Verantwortung oder moralische Schuld für die Verbrechen der Nazis zu übernehmen. Das ganze Stück zielt kritisch auf die Nazizeit und trommelt gegen das Vergessen und das Leugnen der Schuld. Das Buch ist nicht zuletzt deshalb als Jahrhundertwerk und Klassiker bezeichnet worden.

Grass und die Waffen-SS

Doch darf man sich in der heutigen Zeit noch über ein Werk von Günter Grass freuen? Der Autor gestand 2006, in der Waffen-SS gewesen zu sein und warf damit einen dunklen Schatten auf seine Rolle als moralische Instanz der Nachkriegszeit. Er wurde unter anderem aufgefordert, seinen Nobelpreis zurückzugeben. «Das hat mich extrem beschäftigt », sagte Schauspieler Michael von Burg im Publikumsgespräch nach der Vorstellung. «Ich bin politisch mit Günter Grass nicht einverstanden, aber der Roman gefällt mir dennoch enorm», sagte er. «Ich finde, die Biografie von Grass und die Frage, ob er ehrlich war, muss an einer anderen Stelle als auf der Bühne diskutiert werden.» Im Verlauf des Gesprächs verriet von Burg auch, dass er fast drei Monate brauchte, um den Text auswendig zu lernen und vor der Vorstellung in Schaffhausen ein bisschen Angst hatte: «Es ist zwar für mich ein Heimspiel, aber ich hatte das Stück einen Monat nicht mehr gespielt.» Die Angst, einen Satz zu vergessen und aus dem Text zu fallen, sei wie ein Ritt auf einem wilden Pferd. Man müsse höllisch aufpassen, damit man die Zügel nicht verliere. Kein Problem, denn Michael von Burg beherrschte den störrischen «Blechtrommel»-Gaul vorzüglich. Mord, Sex und Brausepulver sorgten für einige Ausrufezeichen, doch schlussendlich war weder die Vergangenheit von Grass noch die Zerstörung mehrerer Blechtrommeln auf der Bühne entscheidend: Am beeindruckendsten war die Leistung des Schauspielers.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 8. November 2019.

Politiksatire kombiniert mit dem Hüftschwung von Elvis

Der Schweizer Komiker und Kabarettist Bänz Friedli fühlte am Samstag im Stadttheater den Politikern auf den Zahn. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Bänz Friedli war der Star des Abends, trotz Pappaufsteller von Elvis. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Bild: Michael Kessler).

Ein riesiger Pappaufsteller von Elvis Presley thronte auf der Bühne. Auf einem Beistelltischchen waren die Brille des King of Rock’n’Roll bereitgelegt, aber auch das Lieblingsgetränk Pepsi des Musikers und eine Flasche Bier. Der Star des Abends kam jedoch nicht aus Memphis, Tennessee, sondern war gebürtiger Berner, nun aber wohnhaft in Zürich. Mit Elan und Energie schritt Bänz Friedli auf die Bühne das Publikum. Wenn er von Elvis sprach, dann nannte er ihn immer „Den King“. Geschickt setzte er Pointe um Pointe, die er jeweils thematisch mit einer kurzen Liedzeile von Elvis abschloss. „Was würde Elvis sagen?“, war das Motto von Friedlis Programm. Und dies wurde den Besuchern des Stadttheaters immer wieder vor Augen geführt. Trump war für ihn „Nothing but a Hounddog“ und SVP-Nationalrat Andreas Glarner ein „Devil in Disguise“. Wenn er davon sprach, wie die Menschheit mit den Ressourcen der Welt umgehen, dann war man nicht nur im „Jailhouse“, sondern bereits mit einem Bein im „Irrenhaus“. Wer nun erwartete, dass der Kabarettist den ganzen Abend über die Bühnenshows von Elvis und die neusten Erkenntnisse zu seinem mysteriösen Todesfall spekulieren würde, hatte sich jedoch getäuscht. Bänz Friedli ist ein sehr politischer Mensch, der mit offenen Augen und einer giftig-satirischen Zunge durch die Welt geht. Elvis ist für ihn ein Idol. Ein Dalai-Lama oder Nelson Mandela der Rockmusik. Doch auch der Vergleich hinkt. Eigentlich sieht er ihn eher als griechischen Philosophen wie Aristoteles, dessen Songzeilen man auf die heutige Weltpolitik anwenden konnte. Friedlis Kritik traf die Frisur vom englischen Premierminister Boris Johnson genauso wie Donald Trumps Haltung zur Weltpolitik oder die Elektrobus-Pannenserie in Schaffhausen. Auch Thomas Minder oder Christian Amsler gerieten ins Visier des 54-jährigen. „Warum reisst Bundespräsident Ueli Maurer nach Saudiarabien?“, beschäftigte den Künstler genauso wie sein Besuch an der Schaffhauser Herbstmesse. Gekonnt imitierte er Werbedurchsagen von Herbstmesse und im Lipopark. Schliesslich kam er auf den Besuch von Ex-Fifaboss Sepp Blatt beim FCS zu sprechen. „Ihr wisst schon, dass der überall auf der Welt Stadionverbot hat? Aber bei euch ist er Ehrengast?“ Die Besucher konnten herzhaft darüber lachen, dass man ihnen den satirischen Zerrspiegel vorhielt. Eine erfrischend kritische Sicht auf die Geschehnisse in der Munotstadt und in der Weltpolitik, kombiniert mit dem Hüftschwung von Elvis. Zwischendurch gab es auch Seitenhiebe gegen die Digitalisierung, „erlebnisorientierte Fans“ (Hooligans) und Rentner im Zug. Als Bänz Friedli zum Schluss „Love me tender“ anstimmte. Sangen viele Gäste im Stadttheater mit. Das hätte Elvis sicherlich gefallen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Ursus und Nadeschkin entlassen 50% ihrer Mitarbeiter

Die zwei Comedy-Urgesteine sorgten am Mittwoch mit absurdem Humor für viele Lacher im Stadttheater. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Ursus und Nadeschkin kurz vor dem Start ihrer Bollywood-Parodie. (Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Schneeflocken im Stadttheater. Während die weisse Pracht von der Decke regnete, tanzten im Ballettoutfit Ursus und Nadeschkin eine Tschaikowsky-Nummer und sangen dabei synchron für die Zuhörer. Das fast ausverkaufte Haus applaudierte begeistert und die zwei Künstler verbeugten sich enthusiastisch. Irgendwann wurde es aber grotesk, denn das Verbeugen nahm kein Ende und man merkte, dass künstlicher Applaus durch die Boxen eingespielt wurde. Kurz darauf ging das Gezänke der zwei Protagonisten los. Wie ein altes Ehepaar stritten sie darüber, wer sich zuerst umziehen soll und was der andere in jener Zeit auf der Bühne zu tun gedenke. «Moment, sind Sie nicht…Madonna?», hielt Ursus plötzlich inne und zeigte auf eine Dame im Publikum. Es entwickelte sich daraus ein Running-Gag, der immer wieder für Lacher sorgte. «Die sieht ja privat ganz anders aus», stellte Nadeschkin fest und sorgte sich im nächsten Moment, ob ihr ein Scheinwerfer auf den Kopf fallen könnte. Ein Knall, ein Blitz und tatsächlich krachte die Deckenbeleuchtung plötzlich darnieder. Nadeschkin amüsierte sich köstlich, denn der Scheinwerfer wurde vom Kabel genau auf der Höhe festgehalten, auf welcher er Ursus treffen könnte, sie jedoch elegant hindurchtänzeln konnte. Ursus wusste noch nichts von seinem beinahe Unfall und sinnierte fröhlich darüber, wie er in ihrem Zwei-Personen-Betrieb einen Stellenabbau machen könnte, um als Solostar dazustehen. «Ich sehe schon die Schlagzeile», mutmasste seine Bühnenpartnerin. «Ursus und Nadeschkin entlassen 50% ihrer Mitarbeiter.» Es folgte eine Zaubernummer, die unterirdisch billig war, was Ursus jedoch partout nicht einsehen wollte. «Das ist nur ein halber Trick», stellte Nadeschkin kritisch fest. «Das ist, wie wenn man bei einem Witz nur die Pointe erzählen würde. «Beide tot.» – «Beide tot?», rätselte der Beschuldigte ahnungslos. «Ja, eigentlich müsste ich vorher sagen: Treffen sich zwei Jäger.» Sie stritten fröhlich weiter, während sich die Zuschauer dabei kugelten vor Lachen. Die Show war in keiner Sekunde langweilig und produzierte immer wieder Missverständnisse und paradoxe Situationen, welche durch die Argumentationsversuche von Ursus und Nadeschkin keineswegs gelöst, sondern immer noch komplexer und komplizierter wurden. Sei es eine unsichtbare Türe, die zu einer unsichtbaren Kaffeemaschine mutierte und schliesslich explodiert. Oder seien es der Einsatz eines Feuerlöschers auf der Bühne oder ein waschechter Bollywood-Partysong, der mit abenteuerlichen Texten für beste Unterhaltung sorgte. Zum Schluss rezitierte Ursus mit Feuerwerk auf dem Helm und mit dem elektrischen Einrad fahrend ein Goethe Gedicht. Ob das dem Faust-Schriftsteller gefallen hätte, sei dahingestellt. Im Stadttheater jedoch sorgte es für tosenden Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 27. Sept. 2019 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Der Daniel Düsentrieb des Theaters

Der Erfinder Stefan Heuss sorgte am Freitag in der Kammgarn mit seinen skurrilen Maschinen für Heiterkeit. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Ein automatischer Babywickler, eine Fonduemaschine oder eine Blumensamengranate? Kein Problem ist für den Erfinder Stefan Heuss zu komplex, als dass er sich nicht eine kreative Lösung dafür ausdenken könnte. Der Daniel Düsentrieb des Theaters wurde durch seine Auftritte mit dem St. Galler Mundartkünstler Manuel Stahlberger alias Stahlbergerheuss bekannt. Spätestens seit seinen Auftritten in der Satiresendung Giacobbo/Müller kennt ihn die halbe Schweiz. Am Freitagabend besuchte er nun im Rahmen seiner Tournee „Die grössten Schweizer Patente“ die Kammgarn. Eingeladen hatte ihn das Schauwerk.

Ohne Drohne und Kran

Auf der Bühne war eine kleine Werkstatt mit den skurrilsten Maschinen und einer grossen Leinwand für Präsentation aufgebaut. Der Musiker Dide Marfurt untermalte den Abend mit seinen Instrumenten. Er starte mit einem Drehorgel-Dudelsack, der ebenfalls aus der Konstruktionsküche von Stefan Heuss zu kommen schien. Die grosse Frage war, wie würde Stefan Heuss auf der Bühne erscheinen? Würde er sich auf einer Drohne einschweben lassen, mit einem Knall und viel Rauch wie ein Magier oder hätte er gar für den Kran in der Kammgarn einen Adapter konstruiert, der ihn einschweben liesse? Alles weit gefehlt. Mit breitem Lächeln und ohne grosses Tamtam stolzierte der gelernte Gärtner hinter dem Vorhang hervor und begrüsste die Gäste herzlich.

Kabelrolle für die Handtasche

„Ich zeige Ihnen heute Prototypen direkt aus meiner Werkstatt“ und zog als erstes einen aufgemotzten Kinderwagen hervor. Ein automatisch steuerbares Verdeck und ein Einschlaf-Rüttler, der auf akustische Signale reagiert, waren nur einige der Tunnings, welche der sonst so harmlose Alltagsgegenstand erfahren hatte. Einzig das Problem der Stromzufuhr schien noch nicht gänzlich gelöst zu sein. „Nehmen sie einfach eine handelsübliche Kabelrolle, die in jede Handtasche passt“, meinte der Tüftler dazu mit einem Augenzwinkern. Als nächstes zeigte Stefan Heuss, wie er eine Baustelle zur Wellnessoase umfunktionieren konnte. Für die Säbelsäge hatte er einen Massagehandschuh aus Silikon entwickelt, der nach jedem Arbeitsgang für Entspannung sorgte. „Dank meinem Wellnessadapter bin ich sofort wieder total locker drauf“, pries Heuss das Produkt an. Als er schliesslich noch eine Peelingscheibe für den Winkelschleifer zeigte, musste aber auch er eingestehen, dass nicht jedes Gerät ideal für den Spa-Bereich wäre. „Ich kämpfe noch mit einer Lösung gegen die hohe Drehzahl“, erklärte er und löste damit im Saal grosses Gelächter aus.

hermann+luc+hardmeier

Bild: Stefan Heuss mit seiner genialen Erfindung «Speed-Brush» für die effiziente Tagesfrisur am Morgen. (Foto: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Humor trifft auf Technik

Obwohl die Geräte des Maschinengenies zuverlässig viele Alltagsprobleme lösten, waren sie oft absichtlich unhandlich, etwas umständlich und für ahnungslose Passanten nicht ganz ohne Verletzungsrisiko. Dies in Kombination mit den technischen Erklärungen sorgte für grosses Amüsement unter den Besuchern. Sei es der pneumatische Schuhabsatz für Higheels, der Bratwurst-Niedergar-Adapter, Wasserwanderschuhe für den Zürichsee oder ein Akkubohrer und ein Industriegebläse, mit dessen Hilfe man in 1.38 Minuten einen Weihnachtsbaum schmücken konnte. Der Höhepunkt des Abends war aber sicherlich, als Stefan Heuss seinen „Speedbrush“ vorstellte. Dies war ein Gerät, das jedem Morgenmuffel viel Zeit spart, da es mit drei grossen Bürsten und Haargel-Einspritzung für die perfekte Morgenfrisur im Turbotempo sorgte. Wahlweise mit Oswald-Grübel- oder Justin-Bieber-Effekt. Ist Stefan Heuss der genialste Erfinder aller Zeiten oder einfach nur ein Wahnsinniger, der Technologien für Unsinniges zweckentfremdete? Der Abend liess diese Frage offen und hatte vor allem eines: Einen extrem hohen Unterhaltungsfaktor.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 25. März 2019.

Die Geburt eines Roboterbabys auf der Bühne

Geistreich, amüsant und satirisch nahmen die Schauspieler im Stadttheater Schaffhausen beim «Bundesordner ’18» das vergangene Jahr auf die Schippe. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Wo ist der denn?», erkundigte sich Herr Schön zu Beginn der Vorstellung am Mittwoch im Stadttheater über den Verbleib des Bundesordners. «Digitalisiert!», so die lapidare Antwort von Frau Gut. Die Hauptperson der zweistündigen Vorstellung trat selber nicht
auf, doch über dessen Inhalt wurde nach Herzenslust diskutiert, analysiert und
fabuliert. Schauplatz der Geschehnisse war ein Museum, in welchem die Exponate
im Zentrum des satirischen Jahresrückblickes standen. Es wurde gesungen,
gerappt, gedichtet und auch ein Poetry-Slam-Auftritt durfte nicht fehlen.
Die zehn Schauspieler schlüpften in die unterschiedlichsten Rollen und verblüfften
die Zuschauer immer wieder mit Ereignissen aus dem vergangenen Jahr,
welche sehr nah oder gefühlsmässig bereits unendlich fern waren.
Natürlich durfte der magistrale Spruch «Rire c’est bon pour la santé»
vom ehemaligen Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht fehlen. Es gab
einen Chor aus Gilets-jaunes-Protestierenden, welche Emmanuel Marcon mit
einer Mischung aus Guillotine und Bundesordner einen Kopf kürzer machten,
und der Hitsong «079» von Lo & Leduc wurde zum Knüller «2-0-1-8» uminterpretiert.
«Wofür steht denn diese Kartoffel? », wunderte sich Herr Schön im Museum
und begann zu rätseln. «Etwa für die Fair-Food-Initiative?» Nicht ganz. Gemeint war Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz, der 2018 wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen wurde. Doch nicht nur Promis gerieten ins Visier der Satire. Auch das letzte männliche nördliche Breitmaulnashorn war Thema der Diskussion. Der Tod des Tieres veranlasste
Laurin Buser, einen gesellschaftskritischen Poetry-Slam-Text zum Besten zu
geben. Fazit: Die Menschen fallen wie eine Heuschreckenplage über den Planeten
her und haben immer noch nicht gemerkt, dass sie die Täter und nicht die Opfer sind.
In einer weiteren Episode verwandelte sich die Bühne in eine amüsante Quizshow
mit dem Titel: «Deppen Fragen, Experten antworten.» Es stellte sich jedoch
schnell heraus, dass die einfachen Fragen den kaschierenden Antworten
der Wissenschaftler weit überlegen waren und sie demaskierten.
Doch der eigentliche Höhepunkt des Abends war der Elternabend im Primarschulhaus
Steinacker. Anet Corti schlüpfte dabei in die Rolle der Lehrerin Frau Böhni und erzählte über die konkrete Umsetzung des Lehrplans 21, welcher im Zuge der Digitalisierung
nun als Lehrplan 21.1. tituliert wurde. Es werde nicht nur die «Selfie-Kompetenz
» der Schüler geübt, sondern anstatt «Häckeln» gebe es nun das Fach
«Hacken». Doch nicht nur das Eindringen in fremde Computer werde geübt,
sondern auch der Französischunterricht auf eine neue Stufe angehoben.
Mit dem Actiongame «Fortnite» werde im Rahmen der «French Night» die französische
Sprache beim Rumballern geübt. Als sich Frau Böhni im Anschluss im WhatsApp-Chat der Schüler einschaltete und durch Autokorrekturfehler für Verwirrung sorgte, kugelten sich die Zuschauer vor Lachen. Es folgte ein Auftritt von Pfarrer Sieber, ein Seitenhieb
gegen die Doppeladlerhysterie, und dank Gentechnik kam es auf der Bühne zur Geburt des ersten Roboterkindes. Ob der Mensch etwas aus seiner Geschichte gelernt hat, werden wir wohl erst beim «Bundesordner 2019» erfahren.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 25. Januar 2019.

Kräftemessen der Improvisationsprofis

Am zweitägigen Theatersport-Event fieberten 550 Zuschauer in der Kammgarn mit den improvisierten Stücken mit. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

hardmeier+theatersport2019

Bild: Die Improvisationskünstler in der Kammgarn. (Foto: Selwyn Hoffman, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Achtung, fertig, los! Zwei Mannschaften und ein Schiedsrichter. Was ein bisschen nach Fussballspiel klingt, ist in Wirklichkeit die kreativste Veranstaltung, seit es Theaterbühnen gibt. Beim zweitägigen Theatersport des Schauwerks in der Kammgarn mussten zwei Schauspielerensembles gegeneinander antreten und in verschiedenen Spielen die Gunst der Zuschauer gewinnen. Das Schöne daran war, dass die „Zutaten“ für die improvisierten Theaterstücke aus dem Publikum kamen. „Ich suche einen Ort, ein Gefühl und einen Beruf“, forderte die Moderatorin Bettina Wyler das Publikum jeweils auf. Unterstützt wurden die Bühnenpiraten von der Pocket Band, welche die Szenen dramatisch oder enthusiastisch untermalten. So sahen die Gäste jeweils einzigartige und spontane Premieren von Kurztheatern. Das Interesse der Zuschauer war riesig. Am Freitag wollten 300 Besucher das Kräftemessen zwischen „Hiddenshakespeare“ aus Hamburg gegen Winterthur“ TS“ sehen. Am Samstag forderte das „Improtheater“ Konstanz die Hamburger vor 250 Gästen erneut heraus.

Romantik in der Kläranlage

Gelb, Trauer, Bäcker und Frankreich waren beim 1. Spiel am Samstagabend die Vorgaben des Publikums. Jedes Wort wurde einem der vier Schauspieler zugewiesen und definierte damit seine „Rolle“. Zudem bestimmten die Zuschauer, das Stück müsse in einer Caféteria einer Firma spielen. Bei diesem „In & Out“-Spiel wirkten beide Teams zusammen. Sobald im Gespräch eines der Schlagwörter fiel, musste der entsprechende Schauspieler den imaginären Pausenraum verlassen oder betreten. „Der Kaffee sieht gelb aus“, beförderte demnach den ersten auf die Bühne. „Kennen wir uns nicht aus Frankreich?“ – „Ja, genau aus Frankreich“, sorgte dafür, dass ein anderer Schauspieler kurz hereinkam und sofort wieder hinausmusste. Das Theater um den sauren Kaffee war köstlich komisch und sorgte für viele Lacher im Publikum. „Frankreich“ wurde zudem zum Running-Gag eingebaut. „Nun suche ich einen romantischen Ort für ein erstes Treffen“, erklärte die Moderatorin. „Kläranlage“, schoss es wie aus der Pistole von einem Gast in der Mitte des Saales. Es wurde nun eine Lovestory gespielt, wie man es so wohl noch nie gesehen hat. Mit teilweise überraschenden Wendungen inklusive einem Schluck Wasser aus der Wiederaufbereitungsanlage.

Kreative Einstiege

Moderatorin Bettina Wyler hatte am Samstagabend einige unkonventionellen Ideen für Spieleinstiege mitgebracht. Einmal las sie Tageshoroskop von der Boulevardzeitung Blick einer Schauspielerin vor. Dies war nun ihre Vorgabe für ihre Rolle. Bei einem anderen Spiel las sie den ersten und den letzten Satz aus einem Buch eines Gastes vor. Alles, was dazwischen passierte, hatten die Schauspieler nun aufzuführen. Es folgten Szenen mit einem Glatzkopf beim Frisör, einem viel zu fröhlichem Friedhofsgärtner, der Grabsteine vertauschte, Songs über Fische mit Erfrierungen und ein Nachbarschaftsstreit, der mit dem Tod eines Wellensittichs endete. Die Leistung der Schauspieler, aus ganz wenig ganz viel zu machen, war extrem beeindruckend und einmal mehr gingen die Besucher begeistert nach Hause.

Interview mit den Schauspielern Kirsten Sprick und Thorsten Neelmeyer.

„Wir sind tagsüber wie Schwämme“  theatersport2019

Bild: Thorsten Neelmeyer und Kirsten Sprick. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Interview: Hermann-Luc Hardmeier)

Wie kommt man dazu, Theatersport zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir haben 25 Jahre Bühnenerfahrung und spielen normalerweise Stücke mit vorgegebenen Handlungen und Texten. Der Reiz war gross, etwas Neues auszuprobieren, wo wir kreativ sein können.

Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, auf Kommando und mit wenig Vorgaben ein Stück zu spielen?
Kirsten Sprick: „Ja, es ist eine Herausforderung. Am Freitag musste ich beispielsweise singen und hatte die Vorgaben „Tango“ und „Meditationsmusik“. Das ist nicht einfach, doch es macht unglaublichen Spass, wenn es gelingt.“

Wie übt man Improvisationstheater?
Kirsten Sprick: „Wir sind tagsüber wie Schwämme. Wir saugen Geschichten und Erlebnisse auf, die wir schnell mit den Vorgaben verknüpfen können. Zudem muss man wissen, wie eine Story dramatisch aufgebaut ist. In dem Sinn muss man es nicht oft üben, sondern einfach schnell im Kopf sein. Das trainieren wir.“

Ein „Nein“ gibt es in eurem Wortschatz nicht?
Thorsten Neelmeyer: „Eine Vorgabe oder eine Rolle vom Publikum darf man nicht ablehnen. Die Kunst ist es, die Szene so zu erweitern, dass wir ein knackiges Stück spielen können. Unser Talent ist es, dass wir darin blitzschnell sind.“
Schlechtes Publikum?

Wie gefiel es euch, in Schaffhausen zu spielen?
Thorsten Neelmeyer: „Wir sind begeistert. Die Schaffhauser sind lebendig und euphorisch von Anfang bis Ende. Eine La-Ola-Welle von 300 Leuten zugleich haben wir noch nie erlebt. Wir kommen auf jeden Fall sehr gerne wieder.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 14. Januar 2019.