Kraftvolle Stimme und powervolle Show

An der Streetmusic Night heizten Mr. Mojo und Rusty Stone den Besuchern am Donnerstag ein.

Am Donnerstagabend steppte der Bär ordentlich in der Safrangasse. Entlang dem Cuba-Club und dem Abaco lud die 5. Streetmusic Night von der Band-Union einmal mehr zum musikalischen Highlight der Woche. Der eingangs erwähnte Bär war allerdings nicht aus dem Zoo entwichen, sondern direkt vom Präsidentenstuhl der Band-Union auf die Konzertbühne gesprungen. Ronny Bien trug sodann auch keinen Honigtopf unter dem Arm, sondern hatte eine tolle Band im Rucksack dabei. Der Musiker tobt sich seit 26 Jahren auf der Bühne aus. 17 Jahre davon unter dem Künstlernamen Mr. Mojo. Nach der Coronazeit ist er aus dem Winterschlaf erwacht und hungriger denn je auf Auftritte und das Bühnenadrenalin. Doch der Reihe nach: Das kleine Schaffhauser Strassenfestival startete um 19 Uhr mit vielen Zuschauern. Den Auftakt machte der Folk-Blues-Künstler Rusty Stone. Als hätte er seine Stimme jahrelang in Cognac gebadet und mit dem Rauchen von dicken Cohibas verfeinert. Markant, urchig und tiefsonor klang sein Gesangsorgan. Mit einem Effektgerät als Assistenten legte er einen Klangteppich auf die Safrangasse, als wäre er mit einer ganzen Cowboygang aus dem Wilden Westen angereist. Es gab allerdings weder eine Prügelei im Saloon des Cuba-Clubs noch ein Revolverduell im Schaffhauser Bermudadreieck. Der Blues war schwungvoll und mitreissend, aber kein Partytornado. Rusty Stone hat sich sein Lebensmotto gleich auf den linken Unterarm tätowiert: „Blues was my first love“. Sein Lebenselixier verteilte der Künstler aus München grosszügig an die Gäste. Mit Zutaten von Country, Folk, Blues, Rock’n’Roll mixte er einen Cocktail, der sehr bekömmlich war und die Zuhörer in gute Stimmung versetzte. Nach einer kurzen Pause war sodann die Zeit von Mr. Mojo angebrochen. Mit Tom Rollbühler an der Gitarre, Andreas Rankel am Gesang, Bruno Niederhauser am Bass und Melchior Hürner am Schlagzeug startete die Rakete mit Vollgas in den Rock’n’Roll-Himmel. Egal ob man Rhythm’n’Blues oder Soul mochte, Mr. Mojo hatte für jeden Zuhörer etwas im Gepäck. Seine kraftvolle Stimme und seiner powervolle Show riss alle vom Hocker. Hätte die Safrangasse Beine, hätte sie wohl gleich selber mitgetanzt. Doch nicht nur «Mr. Steam Engine», wie Ronny Bien auch genannt wird, glänzte beim Auftritt. Ohne das perfekt eingespielte Räderwerk der Band könnte die Maschine ihre spezifische und authentische Kraft kaum entwickeln. Die Band hatte einen Hauch von den Blues Brothers und sie feierten die Songs mit Leidenschaft. Das riss die Besucher mit und sie genossen mit kühlen Getränken die heissen, musikalischen Leckerbissen der Streetmusic Night. Keine Frage, nach diesem Feuerwerk darf man auch auf die nächsten sechs Donnerstage mit einem musikalischen Bärenhunger entgegenfiebern.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 21. August 2021.

 

 

 

 

Mit Paukenschlag die Stadt geweckt

Am Donnerstagabend eröffneten zwei Bluesrock Bands die Street-Music-Saison in der Schaffhauser Safrangasse. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

„Ich freue mich extrem, dass es klappt. Wir wollen die Leute ermutigen, wieder auf die Gasse zu kommen“, sagte Mitorganisator Ronny Bien. Die Safrangasse füllte sich am Donnerstagabend schnell mit Zuschauern. Man sass an 6er-Tischen, fläzte sich auf Liegestühle oder machte es sich lässig an einem Bier nippend an einem Stehtisch bequem. Live-Music, anstossen und den Abend geniessen. Es schien fast so, als wäre man in die Zeitmaschine gesessen und in die Zeit vor Corona geflogen. Es war herrlich, den mief vom Homeoffice gegen den Charme von Livemusik einzutauschen. Zwei Bands unterhielten knapp drei Stunden mit bestem Bluesrock. Das war der Auftakt von insgesamt 18 Konzertabenden mit total 36 Bands. „Jetzt können wir voll durchstarten. Wir haben uns bewusst für einen Paukenschlag zum Beginn entschlossen“, freute sich Bien. „Wir wollen die Corona-Sorgen loswerden und wieder Leben in die Stadt bringen.“ Unter den 36 Bands ist fast jedes musikalische Spektrum abgedeckt. Es werden Lokalmatadoren aber auch gestandene internationale Acts spielen. Eine Newcomer-Band ist dabei und auch einige kleine Perlen finden sich. Beispielsweise ein ehemaliger FCS-Profifussballer, der das runde Leder gegen das Mikrophon eingetauscht hat. 22 der auftretenden Bands gehören zur Schaffhauser Bandunion, welche zusammen mit dem Cuba Club und dem Abaco den Event auf die Beine stellt.

Keine Jubiläumsfeier

Eigentlich wäre 2021 ein Jubiläumsjahr. Die Street-Music-Nights starten in die 5. Saison. «Wegen Corona können wir den 5. Geburtstag nicht richtig feiern, daher verschieben wir das auf das 10-jährige», scherzt Ronny Bien. Doch am Donnerstagabend ging es durchaus feierlich zu und her. Für einen besseren Klang war die Band an der Ecke Safrangasse/Stadthausgasse positioniert. Zu Beginn noch zaghaft, später wurde immer intensiver mitgeklatscht. Einige schwangen sogar das Tanzbein und hauchten dem Bermudadreieck wieder Leben ein.

Songs wie Kanonenkugeln

Den Auftakt machte die Weinländer Combo «Say it Loud!». Die Formation schien den Groove gepachtet zu haben. Ein Feuerwerk von Gitarrenklängen balanciert die Gäste durch das wummernde Meer von Bassriffs. Der Schlagzeuger hämmerte lässig den Takt und der Keyboarder sorgte für eine stürmische See. Jimmy Hendrix hätte vor Freude einen Luftsprung gemacht, wäre er an diesem Abend in der Safrangasse gestanden. Als die Stimmung dem Siedepunkt nahe war, übernahmen die Seebären von «Shaky Ground» das Ruder. Bei ihnen herrschte sehr starker Wellengang. Einige Songs fetzten den Zuhörern wie Kanonenkugeln aus den Rohren eines Piratenschiffs um die Ohren. Andere Lieder hingegen waren sanft wie eine milde Meeresbrise an einem gemütlichen Hochsommertag. Die Gäste forderten Zugabe um Zugabe. Es war schön zu sehen, wie Schaffhausen an diesem Abend kulturell erwachte und aufblühte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 5. Juni 2021.

Der König des Fondue-Western

Der Basler Musiker Sam Himself stoppt für seine Herbsttour in der Kammgarn Schaffhausen. Und wer ihn kennt, weiss, dass keiner seiner Auftritte nach dem Schema „nullachtfünfzehn“ abläuft. Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier.

«Schaffhausen ist für mich eine Premiere als Musiker und als Person», freut sich Sam Himself auf seinen Auftritt in der Munotstadt. «Aus dem Geographieunterricht weiss ich noch, dass Schaffhausen von oben ein bisschen wie ein Hirn aussieht», meint er lachend. Nun will er also das hiesige Denkorgan untersuchen und für sich gewinnen. Im Juni wurde der nach New York ausgewanderte Basler von SRF zum «Best Talent» gekürt und steckt nach dem Corona-Lockdown voller Tatendrang. «Es ist für mich eine grosse Ehre und ein Highlight, in der Kammgarn zu spielen.» Denn wer Sam Himself kennt, weiss, dass kein Auftritt von ihm einfach 0815 abläuft. «Mir ist die Interaktion mit dem Publikum wichtig. Ich möchte aber keine Touristen-Animationen abspulen, der Live-Auftritt darf ruhig etwas gefährlicher sein, auch für mich auf der Bühne.» Das bedeutet nicht, dass er mit einem Flammenwerfer experimentiert oder seine Talente als Messerwerfer zur Schau stellt. Nein. Viel eher kann es an Konzerten von Sam Himself vorkommen, dass er plötzlich die Gitarre umstimmt und sich selbst vor eine neue Challenge stellt. «Das kann auch einmal schief gehen», schmunzelt Sam, «aber ich riskiere gerne etwas.» Er reisst sich gerne aus seiner Komfortzone heraus und serviert den Zuhörern «Fondue-Western». Erst wenn die Gitarre lange Fäden zieht und die Füsse mitwippen, ist Sam glücklich und giesst Kirschlikör nach. Die aktuelle EP «Slow Drugs» klingt entsprechend fröhlich. Ein Schwerpunkt liegt auf 80er Chic und wird durch seine charmante Stimme untermalt. Ob man dabei an Bryan Ferry denkt oder sich David Bowie mit der Fondue-Gabel vorstellt; irgendwo dazwischen macht es sich Sam Himself gemütlich.

Kein Zeigefinger

Die Corona-Zeit war auch für Sam sehr schwierig. Er versuchte sich an Livestream-Auftritten, doch vermisste die Reaktionen vom Publikum extrem. «Es war schon fast unheimlich, in diesen kargen Bildschirm hinein zu singen.» Er atmete auf, als die Regeln wieder gelockert wurden. Nun ist er bereit für seine Herbsttournee. Doch will er nur feiern oder steckt auch Tiefgang dahinter? «Ich möchte den Zuschauern nicht eine Botschaft aufzwingen, indem ich sie mit dem mahnenden Zeigefinger instruiere», erklärt er. «Ich hoffe eher, dass ich sie positiv inspirieren kann und vielleicht zu Mitgefühl und Empathie ermutige.» Wenn jemand etwas von seinen Konzerten mitnimmt, freut ihn das.

Song über Schaffhausen?

Lieder wie «Like a Friend», «Nobody” oder das Bruce Springsteen-Cover “Dancing in the Dark” des Musikers sind eingängig und werfen die Frage auf, was ihn zu seiner Musik inspiriert: «Oft finde ich zuerst eine Melody. Manchmal kann es aber auch ein Satz sein, der aufgefallen ist und später von mir wie ein Waisenkind adoptiert wird.» Dann dürfen wir gespannt sein, ob beim Spaziergang am Rhein das Rauschen des Wassers bald in einem seiner Songs zu hören sein wird. Eins ist sicherlich klar: Das Konzert am Freitagabend wird alles andere als gewöhnlich.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. Oktober  2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Der Schulheft-Fälscher mit der Maske

Der Künstler Manuel Stahlberger zeigte am Donnerstag, wie man trotz Corona feiern kann. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der groteske Corona-Tanz von Manuel Stahlberger. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was ist denn hier los? Am Donnerstagabend tanzte auf der TapTab-Bühne ein 46-jähriger Herr ekstatisch zu wilder Technomusik. Er trug ein goldenes Glitterhemd und eine Anti-Corona-Schutzmaske. Ein bisschen grotesk, aber auch ziemlich humorvoll startete somit der Auftritt von Manuel Stahlberger. Der St.Galler Liedermacher powerte sich einige Minuten aus, bis er keuchend und leicht schwitzend vor den Zuschauern zu stehen kam. Der Konzertraum war mit Stühlen eingerichtet. Tanzstimmung und Körperkontakt war aus gegebenem Anlass unerwünscht. Gleich anschliessend performte er – begleitet vom Synthesizer – ein Lied über eine Gewitternacht. Manuel Stahlberger beschrieb dabei eine Welt mit einem Belohnungssystem. «Wenn man gehorcht, gibt es Punkte.» Ob er damit den Überwachungsdrang von gewissen asiatischen Diktaturen im Auge hatte oder in einer Phantasiewelt schwebte, liess er offen. Viel mehr als eine Autokratie interessierte ihn sowieso sein Heft aus der Primarschule. Er habe es beim Aufräumen gefunden und nahm sich viel Zeit, die alten Inhalte von damals vorzustellen. Es fanden sich darin Diktate, Verbesserungen und auch Zeichnung von einem Kompass oder den Pfahlbauern und den Helvetiern. Er unterbrach die Erzählung immer wieder mit passenden Songs, die vom familiären Weihnachtsfest, von Reisen und von anderen Alltagsbeobachtungen handelten. Leicht lakonisch, leicht depressiv, aber auch leicht sarkastisch beschrieb er Szenerien, welche schon jeder erlebt und dabei über sich selbst schmunzeln musste. Nun sass Stahlberger in einen bequemen Bürostahl und knöpfte sich nochmals das Schulheft vor. Das Diktat war witzig, die Zeichnungen noch witziger. Spätestens als die sorgfältige Zeichnung durch einen Tornado verwüstet wurde, dämmerte es den Beobachtern langsam: Das Schulheft war natürlich ein Fake und passte wunderbar ins Programm. Eigentlich unglaublich, dass Manuel Stahlberger offenbar ein Dutzend «Schnürlischrift»-Texte inklusive Lehrerkorrekturen mit Rotstift für seine Show nachgestellt hatte. Das Gelächter wurde immer lauter und die Überraschung war perfekt gelungen. Es zeigte sich einmal mehr, dass der Künstler nicht nur ein Sänger und guter Erzähler, sondern auch ein ausgezeichneter Zeichner ist. Bald löste er sich vom Schulheft und zeigte auf der Leinwand einen Adventskalender, der die «Bünzli»-Schweizer aufs Korn nahm oder groteske Geschichte vom synchronschwimmenden Fisch oder von der lahmen Ente und der dummen Gans. Letztgenannte frassen am Weihnachtsfest Globi, überlebten einen Mordanschlag von Papa Moll und zündeten den Weihnachtsbaum an. Der Abend war eine gelungene Mischung aus Konzert und kabarettistischer Satireshow. Trotz Corona-Hemmschwelle sprang der Funke aufs Publikum und es «erklatschte» sich begeistert eine Zugabe.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. September in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“

Loco Escrito: Der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung

Am Samstagabend rockte Sänger Loco Escrito trotz Heiserkeit die Kammgarn. Er sang nicht nur über Liebe, sondern nahm auch das Corona-Virus ins Visier. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Coolness gemixt mit Latinopower. Loco Escrito begeisterte das Publikum in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Flavia Grossenbacher)

Sonnenbrille im Gesicht, angespannter Bizeps und zwei sexy Tänzerinnen an seiner Seite. Der Latino-Pop-Sänger Loco Escrito bediente zu Beginn seines Auftritts in der Kammgarn am Samstagabend gleich einige Klischees. Doch der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung gewann die Herzen der Besucher im Turbogang. Lauter Jubel brach aus, als das Saallicht ausging und Nicolas Herzig, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen heisst, die Bühne betrat. Er gilt als Goldjunge und grosses Talent der Schweizer Musikszene. Der 30-Jährige mit kolumbianischen Wurzeln macht schon seit seiner Teenagerzeit Musik. Zuerst in der Hiphop-Combo LDDC und seit 2013 als Solokünstler in einer Mischung aus Reggaeton und Latino. Weil er früher als Rapper öfters einen „Crazy Flow“ hatte, gab man ihm den Namen Loco Escrito. Nach seinem Debütalbum „Mi vida es mia“ und der EP „La conquista“ ging es steil nach oben. Er kletterte in die Musikcharts, wurde beim Radio SRF 3 zum „Best talent“ gekürt und im September 2019 durfte er am NRJ Air vor 40 000 Zuschauern spielen.

Heiserkeit nach Preisverleihung

Am Abend vor seinem Auftritt in der Kammgarn feierte er zudem einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Loco Escrito holte sich zum zweiten Mal Swiss Music Award in der Kategorie „Best Hit“ und war quasi direkt danach nach Schaffhausen gereist. „Ich muss euch etwas gestehen“, erklärte er den Gästen. „Wir haben gestern Schweizer Musikgeschichte geschrieben und ich habe so fest gekrächzt, dass ich heute heiser bin. Verzeiht ihr mir das?“ Ein euphorischer Beifallssturm bestätigte seine Hoffnung. Keine Frage, das Publikum war in Partystimmung. Schon bei den ersten Songs wurde mitgesungen und die Hüften in südamerikanische Schwingungen versetzt. Mit Hits wie „Adios“, „Maria“ und „Punto“ brachte der Musiker mit seiner sechsköpfigen Band die Stimmung zum Kochen. Loco Escrito zeigte, dass Kolumbien weit mehr als Kaffee und Empanadas zu bieten hat. Und falls man den Vergleich dennoch machen wollte, dann wäre dieser Kaffee ein heiss brodelnder Koffein-Vulkan und die Empanadas wären mit hochexplosivem Dynamit gefüllt.

Geheimrezept: Lebensfreude

Doch wie schafft der in Wetzikon aufgewachsene Kolumbianer es eigentlich, so erfolgreich zu sein? „Ich glaube, meine Fans bezaubert meine Liebe zum Leben“, erklärte der Musiker im Interview vor dem Konzert. „Ich bin sehr positiv, was bestimmt ansteckend ist. Zudem habe ich sicher eine Prise Talent und arbeite hart für meinen Erfolg.“ Vielleicht lag es auch an der unsichtbaren Verbindung, welche der Reggaeton-Schönling zur Munotstadt hat. Denn er war schon öfters mit seinen Verwandten aus Kolumbien am Rheinfall und schwärmt: „Es ist eine wunderschöne Gegend und der Rheinfall löst immer wieder viel Staunen bei meinen Gästen aus.“ Mittlerweile war in der Kammgarn der Song „Soledad“ angestimmt. Bei rot-gelblichem Licht herrschte eine sommerliche Stimmung, welche mitriss und Loco Escrito hängte an den Perkussionsinstrumenten eine Kolumbienflagge auf.

Seitenhieb auf das Corona-Virus

Die Halle rockte und war mit mehreren hundert Gästen gut gefüllt. Doch einige Plätze waren leer geblieben. „Es sind wohl ein paar Leute nicht gekommen, weil sie Angst haben, es sei zu gefährlich“, nahm der Sänger das Corona-Virus auf die Schippe. „Die einzige Gefahr ist heute, dass wir zu viel schwitzen oder uns morgen die Hüfte schmerzt.“ Er forderte das Publikum auf, sich die Sorgen vom Leib zu tanzen und kräftig mitzusingen. „Ich will, dass ihr morgen genauso heiser seid wie ich.“ Zwischendurch war die tatkräftige Mithilfe der Schaffhauser Kehlen durchaus angebracht. Denn je länger das Konzert dauerte, desto mehr machte sich der Loco Escritos Stimmbänderexzess vom Vorabend bemerkbar. Doch gemeinsam war man stark. Das Konzert hatte viel Power und PS unter der Haube. „Sin ti“ und „Lo que me vio nacer“ und viele weitere Hits peitschten durch die Boxen. Inhaltlich ging es meistens um Emotionen, um Liebe und um den Genuss des Lebens. Das war auch ganz bewusst beabsichtigt vom Künstler. „Musik ist da, damit man sich gut fühlt“, sagte er gegenüber den Schaffhauser Nachrichten. „Politisch äussere ich mich in meiner Musik nicht gross. Früher als ich gerappt habe, sah ich das noch anders. Doch heute habe ich nur noch eine Botschaft: Positive Vibes. Ich will die Menschen bestärken, dass sie glücklich sind und an sich selber glauben. Egal, was die Leute um dich herum sagen. Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist du selbst.“ Nach eineinhalb Stunden näherte sich das Konzert bereits seinem Ende. Die Zuschauer erkämpften sich mit lauten „Loco, Loco!“-Rufen eine Rückkehr des heiseren Protagonisten. Mit dem Titelsong des neuen Albums „Estoy Bien“ verabschiedete er sich und dann endgültig bilanzierte voller Emotionen: „Danke, danke vielmals. Ich küsse und umarme euch.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 2. März 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Ein Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung

Mit viel Power heizte Boban Markovic mit seiner Band am Freitagabend den Kammgarnbesuchern ein. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Sonnenbrille auf und viel gute Laune im Gepäck. Der serbische Trompeter Boban Markovic rockte mit seiner Band am Freitagabend die Kammgarn, als ob es kein Morgen gäbe. Insgesamt neun Musiker standen auf der Bühne, davon sieben mit einem Blasinstrument bewaffnet. Der Balkan-Brass der Band hatte so eine gewaltige Wucht, dass es kein Entkommen gab. Die Besucher tanzten ausgelassen und feierten den aussergewöhnlichen Sound. Warum die Tanzfläche sofort Feuer fing, ist schnell gesagt. Der Polka-Beat massierte den Herzmuskel wie ein ausser Kontrolle geratener Stromgenerator und die die Blasinstrumente spannten unsichtbare Fäden zu Armen und Beinen der Gäste, welche sie wie ein Tornado auf Ecstasy durcheinander wirbelten. Es herrschte ein muskalischer Klangteppich, wie wenn Miles Davis einen Schluck kochende Lava getrunken hätte. Die Roma-Bläsertruppe spielte sowohl traditionelle serbische Stücke, als auch moderne Eigenkompositionen. Teilweise mit Funk, Jazz und Rock gewürzt. Unglaublich powervolle Songs wechselten sich mit unendlich traurigen Liedern ab. Kein Wunder hat Boban Markovic in seiner Heimat und vor allem am Guca-Festival schon viele Preise wie beispielsweise mehrfach die „Goldene Trompete“ verliehen bekommen.

Bekannt aus dem Film „Underground“

Besonders die zwei Songs „Mesecina“ und „Kalaschnikow“ kennt man auch ausserhalb der Balkan-Brass-Szene. Bekannt geworden sind sie durch den Film „Underground“ von Emir Kusturica. Im Film wird einer Gruppe von Partisanenkämpfern in Jugoslawien nach dem Ende des Nazibesetzung das Kriegsende nicht mitgeteilt. Sie werden von einem Schwarzmarkthändler mit gefälschten Radiomeldungen im Glauben gelassen, es herrsche noch Krieg. Irgendwann haben sie genug, brechen aus ihrem Versteck im Untergrund von Belgrad aus und nehmen Rache. Mit dabei auf ihrer satirischen Odyssee ist stets eine laute und enthusiastische Musikgruppe, welcher der Filmkomponist Goran Bregovic den Sound von Boban Markovic auf den Leib geschneidert hat. Die schwere Thematik wird mit der fröhlichen Musik verknüpft, was unglaublich unterhaltsam auf den Zuschauer wirkt. Dieser Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung war auch am Freitagabend eines der Markenzeichen und Stärken von Boban Markovics Band. Meist standen dabei die Instrumente im Vordergrund, doch immer wieder überzeugte der Frontmann mit seiner starken Stimme. Elvis vom Balkan wurde Boban Markovic schon getauft, was durchaus passend ist. Weder bei Elvis noch bei Boban Markovic kann man Zuhören, ohne kräftig das Tanzbein zu schwingen. Rock’n’Roll sowie Balkan-Brass ist nicht bloss eine Musikrichtung, sondern eine Lebenseinstellung. Die Besucher genossen den Abend, prosteten sich mit Slivovica zu und forderten von der Band eine Zugabe nach der nächsten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 4. Februar 2020 in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten.

Ein Gewitter aus Punk und Polka

Am Samstagabend wurde im Taptab der wilde Bär von der Leine gelassen. Nebel, Blitze, E-Gitarre und viel Power standen auf dem Programm. Den Anfang machte die Vorband Šuma Čovjek, was auf Kroatisch soviel wie „Waldmensch“ heisst. Die sieben Musiker viel Polka im Blut und sangen auf Französisch, Algerisch, Bosnisch und in weiteren Sprachen. Frontmann Ivica Petrusic war vom Schaffhauser Publikum begeistert. „Es ist schön hier. Die Gäste gaben von Anfang an alles und liessen uns ihre Energie spüren.“ Die Musik bewegte sich zwischen Balkanpop, orientalischen Klängen und einigen harmonischen Chansons. Würde man eine Portion Cevapcici, einen Zirkus, eine Postauto-Hupe und ein Erdbeben in einen Mixer stecken, so hätte man annähernd das Partygefühl beschrieben, welche die Band im proppenvollen Taptab auslöste. Auch bei der Hauptband Palko!Muski gab es keine Zeit für Langweile. Die Gäste tanzten sich die Seele aus dem Leib. Vor der Bühne beherrschten Pogotänzer das Parkett. Sänger Baptiste Beleffi riss sich schon bei den ersten drei Songs das Hemd vom Leib und stand auf den Klavierstuhl, um die Menge anzufeuern. „Cigano-Musik hat etwas von Freiheit und Rebellion“, vermutete Ivica Petrusic, warum die zwei Bands das Publikum so enthusiastisch in ihren Bann zogen. Auf einer Skala von 1 bis 10 steigen Palko!Muski immer gleich auf Stufe 12 in den Konzertabend. Die Mischung von Schlagzeug, Polkaklängen und Akkordeon klingt auf den ersten Moment schräg, hat aber die Wucht einer Dampfwalze. Ein Gewitter aus Punk und Polka, das für Blitzeinschläge, Überschwemmungen und Stromausfälle sorgt. „I wanna Disco“, fordert der Palko-Sänger und sorgte damit bis in die frühen Morgenstunden für eine weitere Eskalation im Hexenkessel.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 23. Dezember 2019.

Eine gemütliche Berner Tramfahrt mit Freestyle-Einlage

Die Berner Musiker Lo + Leduc besuchten mit der Hype-Tour die Kammgarn und brachten die Gäste zum Mitsingen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Die zwei Zeremonienmeister im Einsatz. (Foto: Flavia Grossenbacher, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Leute, überall Leute. Wohin das Auge reichte. Vor der Bühne, auf der Treppe und im 1. Stock am Geländer. Die Kammgarn platzte am Freitagabend aus allen Nähten, als Lo & Leduc zum Konzert einluden. Grosser Jubel brach aus, als die zwei Berner Zeremonienmeister mit ihrer achtköpfigen Band die Bühne enterten. Der Saal badete in blaue-violettem Licht. Gemütlicher Berner Rap traf auf eine mitreissende Bläserfraktion, knackige Schlagzeugbeats und einen Bass, der in den Körper eindrang und alle Organe zugleich massierte. Lo & Leduc sprangen, tanzten und feierten ab der ersten Sekunde in der Kammgarn. Ihre Texte und Raps waren meist als Dialog aufgebaut, sodass sie zusammen wie ein altes Ehepaar im Wohnzimmer unter der Rheumadecke ein entspanntes Gespräch zu führen schienen. Das Wort „alt“ passte ansonsten aber keineswegs zum Auftritt der Reimkünstler. Voller Energie und Power und mit sichtlichem Spass meisterten sie ihre gut zweistünde Show in der Munotstadt. „Das ist das allerletzte Konzert einer wunderschönen Dekade“, erklärt Leduc. Er spielte damit darauf an, dass der Startschuss und das allererste Konzert der Band ziemlich genau vor zehn Jahren stattfand. Damals wollte Leduc noch Fussballprofi werden, erfuhr man im späteren Verlaufe des Abends. „Nun habe ich ja auch eine Art Fussballmannschaft, allerdings eher für ein Grümpeltournier“, scherzte er in Richtung seiner Band. Songs wie „Bini bi dir“ und „Chileli vo Wasse“ und „Cuba Bar“ folgten. „Mir si kei Confiture, cha üs nid konserviere“, sangen die Besucher eine bekannte Textzeile lautstark mit. Ein Highlight des Abends war die Freestyle-Show von MC Lo. Sein Bühnenpartner sammelte zunächst Begriffe aus dem Publikum, die Lo in seinen spontanen Rap einbauen sollte. Diamant, Kiesweg, Birrewegge, Hosensack und Na, Omi waren die Vorschläge der Besucher. Lo legte los und war innert weniger Sekunden auf einem Level einer Zahnradbahn unter Starkstrom. Es ratterte und zischte von seinen Stimmbändern, sodass Rapikone Eminem seine wahre Freude daran gehabt hätte. Der hohe Wellengang des Flows riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Die Gäste tobten vor Freude und aus dem hinteren Bereich der Halle stimmten einige Fans im Chor „Freestyleking, Freestyleking“ an. Songs wie „Ingwer und Ewig“ folgten. Die zwei Berner Tramchauffeure schalteten für ihre gemütliche musikalische Rundfahrt wieder einen Gang zurück. Nach einer Stunde war es Zeit für den Song, der in der Hitparade sogar „Despacito“ und alle anderen Ultrahits vom Podest gestossen hatte. „079“ erklang und es gab keinen im Saal, der nicht mitsang. Zeitweise war das Backgroundsängertalent der Schaffhauser Besucher so intensiv, dass es eigentlich gar keine Band mehr gebraucht hätte. Die Musiker liessen die Besucher tanzen, kollektiv auf die Knie gehen und hochspringen. Es gab eine La-Ola-Welle durch den Saal und mehrere Zugaben wurden gespielt. Mit neuen Songs, aber auch mit dem Chartstürmer „Jung verdammt“ und einem neuen Reggaehit, der kein Ende zu kennen schien, spielten sich die Berner einmal mehr in die Herzen der Zuhörer. Ein starker Konzertabend, der definitiv Lust auf die kommende Dekade der Band macht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Dezember 2019.

Shakespeares Sommernachtstraum gefolgt von einer wilden Party

Fünf Bands, Streetfood-Dörfli und schönes Wetter: Am Samstag startete die Kammgarn mit dem Hoffest in die neue Konzertsaison. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Unter dem Motto „Wir machen Dir den Hof“ lud die Kammgarn am Samstag zum jährlichen Sommerfest vor ihre Kulturhalle. Auf dem Programm standen die Konzerte von fünf Bands und auch für das leibliche Wohl war ausgiebig gesorgt. An diversen Foodständen konnte man sich mit Hamburger vom Angus-Rind, mit Luna-Crêpes, Würsten aus Schaffhausen und mit tibetischen Spezialitäten versorgen. Zudem luden die Schaffhauser Hausbierbrauer mit ihren exzellenten, selbstgebrauten Gerstensäften zum Verweilen ein. „Mit dem Hoffest wollen wir uns für die Treue der Gäste bedanken und gut in die Saison starten“, erklärt Pascal Bührer vom Kammgarnteam die Idee des Anlasses. Die Organisatoren hatten bewusst sehr unterschiedliche Musikrichtungen gewählt, um die ganze Bandbreite des Kammgarnangebots zu zeigen. „Es hat für jeden etwas dabei. Früher oder später zieht’s heute jeden vor die Bühne zum Tanzen“, prophezeite Pascal Bührer. Und er sollte recht behalten. Der Hof verwandelte sich im Laufe des Abends in eine riesige Tanzfläche mit Hunderten von Gästen, die sportlich, elegant und lässig die Hüften kreisen liessen. Ein Sommernachtstraum, wie in schon William Shakespeare beschrieb. Allerdings fand das Ereignis nicht in Athen und auch nicht in einem verzauberten Wald statt, sondern direkt am Rhein am Fusse des Munots.

Ein modernes „Carpe Diem“

Am späten Samstagnachmittag zeigte sich die Sonne und lieferte damit das ideal Fundament zum Start. Zu gemütlichen Funkklängen vom Plattenteller trudelten die Besucher ein und nahmen an den zahlreichen Tischen auf dem Areal Platz. Joya Marleen aus St. Gallen brach das Eis und stimmte die Gäste musikalisch auf den Anlass ein. Sie trat allerdings nicht auf der Hauptbühne, sondern auf der Terrasse vor dem Restaurant auf. Der perfekte Rahmen für die One-Woman-Show mit Gitarre und Keyboard. „Es freut mich mega, dass ich heute für euch spielen darf“, sagte die Singer-Songwriterin, die 2018 den Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb in der Kategorie Rock/Pop gewonnen hatte. Bei ihren gefühlvollen Songs schmolzen die Glaces der Zuschauer wie von selbst. Die Trommelfelle wurden sanft massiert und eine angenehme Wärme durchflutete die Bauchgegend der Zuhörer. Ebenfalls auf der kleinen Bühne trat danach Guy Mandon auf. Die Band von Lucien Montandon stand unter dem Credo „Das Leben ist ein Stream“. Die Basler meinten damit, dass wir ohne Unterbruch und Zwischenspeicher auf dem Globus wandeln. Es gibt keine Möglichkeit, die Wiederholungstaste zu drücken. Ein modernes „Carpe Diem“, das aber auch mit einem warnenden Ausrufezeichen versehen war.

Löwenherz mit Partygarantie

Nach dem gemütlichen Chilloutsound der Combo gab es eine Pause, in welcher der DJ die Gäste mit Reggaemusik auf den nächsten Act vorbereitete. Als Elijah Salomon die Hauptbühne betrat, war die Sonne bereits am Untergehen und das Abendrot passte perfekt zu den jamaikanischen Klängen, die mit schweizerdeutschen Texten gemischt wurden. Der Zürcher sorgte für Partystimmung auf der Tanzfläche und war sicherlich einer der Highlights des Abends. „Schaffhausen, geht es euch gut?“, wollte der Künstler vom Publikum wissen und viele Jubelschreie bestätigten ihm die gute Stimmung. Mit seinem Roots-Reggae konnte der Zürcher die warmen Klänge von Kingston direkt in die Herzen der Besucher transportieren. Einer seiner Lieder trug den Titel „Herz Vomene Loi“. Das Raubtier kann sanft und kuschelbedürftig sein, im richtigen Moment jedoch auch die Krallen zeigen. Diese Metapher passte goldrichtig zum Auftritt des Künstlers. Nachdem der Löwe gebändigt war, gab es einen deftigen Musikwechsel. Das Duo Catalyst hatte sich dem Headbangen verschrieben und der Frontmann setzte seine E-Gitarre wie eine musikalische Motorsäge ein. Es knatterte so heftig aus den Boxen, als würde gleichzeitig der Buchtaler Wald abgeholzt werden und ein Airbus A380 auf der Bachstrasse landen. „Es gefällt mir super hier“, freute sich Besucherin Nicole Harzenmoser. Der Tag ist ideal, um ein schönes Sommerfest mit meinen Freunden zu feiern.“ Gleicher Meinung war auch Cyrill Benz: „Es ist idyllisch und gemütlich hier.“ Die Outdoorparty endete mit dem grossartigen Auftritt von Alice Francis, die mit ihrem Neoswing nochmals so richtig deftig für Tanzstimmung sorgte und ideal auf die kochenden Afterpartys einstimmte.. Fazit: Ein genialer Abend, der grosse Lust auf die kommende Konzertsaison der Kammgarn machte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 26. August in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Eine perfekte Symbiose von Coolness und Tiefgang

Das Trio «Fettes Brot» aus Hamburg zog mit Ironie und kräftigem Flow gestern Abend alle Register. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Björn Beton, Dokter Renz und König Boris (v.l.) liebten Sarkasmus, Tiefgang, aber auch Partykracher (Bild: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

«Wir glauben, das wird eine grosse Party», freute sich Mediensprecherin Nora Fuchs auf den Auftritt von «Fettes Brot». Die Stars in Town-Gäste waren deftig aufgeheizt von der HipHop-Ikone Stress und fieberten um 20 Uhr den drei Sprachakrobaten entgegen. Gemäss den Musikern flogen aber nicht nur die verbalen Frikadellen durch die Luft, sondern man konnte auch auf einem Auge blöd werden und alle Science-Fiction-
Freunde sollten sich warm anziehen, denn das Präteritum schlug gnadenlos
zurück. Jawohl Schiffmeister. Es galt Fettleibigkeit zu vermeiden. Es sei denn, sie wurde von Dokter Renz himself diagnostiziert. Mit seinen zwei weiteren MCs König Boris und Björn Beton rockt der HipHop-Arzt den Operationssaal, bis die Herzfrequenzmessgeräte friedlich im Flow mitpiepsten und nur noch in Moll-Dur Geräusche von sich gaben. «Fettes Brot» wissen, wie man Party macht. Seit einem Vierteljahrhundert sind sie in der Hitparade präsent. Jeder kennt einen Song von ihnen. Sei es ihr Durchbruch «Nordisch by Nature », den ultimativen Chartsknacker «Jein» oder doch eher «Emanuela.» Die Hamburger Musiker feierten mit den Gästen auf dem Herrenacker und hatten sichtlich Spass an ihrem Auftritt. Ihre Gewohnheit, Geschichten zu erzählen und innerhalb der Strophen die Zeilen untereinander aufzuteilen, riss jeden
Tanzmuffel vom Hocker. «Fettes Brot», das sind nicht nur adipöses Hefegebäcke, sondern man braucht die gesamten 2.5 Tonnen Eiswürfel des Festivals, um
so viel Coolness einen würdigen Empfang zu bereiten.

«Heute lass ich den Tiger raus», freute sich Besucher Pascal Müller. «Mir klingt das Ganze zu fest nach Ballermann», kritisierte hingegen Zuschauerin Murielle Gasser. Egal wie man es dreht und wendet, Fettes Brot steht nicht nur auf Halligalli, sondern hat durchaus Botschaften in ihren Songs. Allen voran sei «Schwule Mädchen» genannt, das gegen Homophobie ein Zeichen setzt. «Emanuela » warnt mit «Lass die Finger von …» vor Drogenkonsum und mit «Bettina, zieh dir bitte etwas an», unterstrichen
die Brote die Wichtigkeit der Sexismus-Thematik. Ans Stars in Town war das Trio aber eigentlich nicht mit der Zeitmaschine ihrer 90er-Jahre-Hits, sondern mit ihrem neusten Album «Lovestory » angereist. Auch hier zeigten die drei ihr ganzes Können. Von groovend, bis ironisch und politisch bis natürlich vor allem auch nordisch. Ganz nach
dem Motto des letzten Songs: «Schon Störtebeker wusste, dass der Norden rockt, und hat mit seinem Kahn hier gleich angedockt.» Beim neuen Lied «Du driftest nach rechts». hingegen streute «Fettes Brot» Tabasco in die offene Wunde der Hasskommentare im Internet. Im Song entfremdet sich ein Liebespaar, da die Frau aufgrund ihrer Cyberspace-Lektüre mit rechtsradikalem Gedankengut konfrontiert wird.
Knapp 6000 Menschen feierten am Freitagabend auf dem Herrenacker. Und es war klar: Ein Festival ohne Tiefgang wäre zwar unterhaltsam, aber wie ein lauwarmer Waschlappen. «Fettes Brot» war nicht nur fett im Klang, sondern auch fett im Nachgang. Die drei Jungs aus Hamburg überraschten nicht nur philosophisch, sondern auch, indem sie immer wieder den «Schwiizer-Nati»-Refrain anstimmten und die FC St. Pauli-Flagge schwenkten. «Feiern, bis der Arzt kommt», würde Dokter Renz dazu zufrieden sagen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 10. August 2019 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.