Philosophiekurs mit dem anatolischen Möchtegern-Bundesrat

Der Berner Sänger Müslüm“ trat am Donnerstag mit seinem ersten Comedyprogramm „MüsteriüM“ in der Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Mit Hüftschwung und Tiefgang zog Müslüm die Besucher in seinen Bann. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

Die ganze Kammgarn tanzt, schwitzt und singt aus vollen Kehlen den Hitsong „Süpervitamin“ mit. Die Bierflaschen werden angesetzt und die Stimmung nähert sich dem Siedepunkt. Was normalerweise die Konzerte von Müslüm prägt, suchte man am Donnerstagabend in der Kammgarn vergebens. Auf den ersten Blick wirkte das Arrangement etwas enttäuschend. Die Tanzfläche war mit Stühlen und Tischen ausgestattet, die Besucher sassen leise flüsternd in Reih und Glied vor der Bühne. Dort standen Müslüm und ein Gitarrist fast ein wenig verloren vor ihren Gästen. Doch Der Berner Entertainer Semih Yavsaner hatte sich an diesem Abend neu erfunden. Nicht mit lauter Musik, sondern mit tief-philosophischen Botschaften wollte er die Gunst des Publikums gewinnen. Verpackt in eine deftige Portion Humor. Das Arrangement erinnerte ein wenig an das Konzept der Tragikomödie des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat», sagte er einst. Damit die Leute aber überhaupt zuhören, versteckt man die schwere Kost hinter der Fassade der Komödie. Müslüm bediente mit seiner Mono-Augenbraue und dem türkischen Akzent viele Klischees. Als er die Bühne in seinem glänzenden türkis funkelndem Anzug betrag, musste man sich ein Kichern verkneifen. «Warum weinen wir bei der Geburt, wenn die Gesellschaft von uns erwartet, dass wir das ganze Leben lang lächeln?» Wow. Schon der erste Satz des Abends machte klar: Hier stand kein türkischer Peach Weber auf der Bühne. Müslüm sprach über die «Essenz des Lebens», über die Bedeutung von Wörtern und darüber, dass das Leben ein «MüsteriüM» sei. Man könne einen perfekten Moment der Erleuchtung nicht einfach mit der Plattitüde «Ich habe Gänsehaut» beschreiben. Die Worte seien ein hinderliches Gefängnis. «Wenn du mit der Zunge sprichst, hört es das Ohr. Wenn du aber mit dem Herzen sprichst, hört es das ganze Universum.» Die Gedankenwelt des verkleideten Philosophen wurde immer wieder durch amüsante Episoden aus dem Leben von Müslüms Vater, humorvollen Songs und dem unglaublich faszinierenden Gitarrenspiel von Raphael Jakob aufgelockert. Die zwei harmonierten perfekt auf der Bühne, als wie wenn ein anatolischer Ghandi auf Jimmy Hendrix treffen würde. Der Sänger liebte es, Klischees und gesellschaftliche Zwänge zu demontieren. Mit Aussagen wie: «Eines Tages werde ich Bundesrat. Als erste Amtshandlung schaffe ich das «ich» ab, damit wir wieder ein Kollektiv werden», kämpfte er gegen die Ellbogengesellschaft und machte sich auch stark für die Migration: «In der Schweiz wächst das Geld auf dem Boden. Oder warum haben alle Gastarbeiter Rückenschmerzen, wenn sie sich danach bücken?» Müslüms Odyssee durch die unergründlichen Tiefe des menschlichen Seins zog die Besucher gekonnt in den Bann. Abgerundet wurde der Abend durch einen herrlichen Zugabe Song über einen Bandscheiben-Vorfall. Dürrenmatt hätte seine Freude daran gehabt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. Dezember 2021.

Der König der guten Laune heizte deftig ein

Reggaemusiker Dodo nahm die Gäste in der Kammgarn am Samstagabend mit auf eine musikalische Reise nach Jamaika und erklärte, warum er jeden Morgen kalt duschen muss. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende: Dodo verwandelte die Kammgarn mit seiner Energie in eine Partysauna. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ich sorge dafür, dass eure Stimmen für Dodo schon einmal warmgesungen sind“, animierte Rita Roof am Samstagabend als Vorband das Publikum in der Kammgarn. Normalerweise steht sie als Backgroundsängerin von Nemo, Lo & Leduc und auch Dodo im Hintergrund, doch heute war alles anders: „Ich sagte immer, irgendwann kommt mein eigenes Album. Niemand glaubte daran, doch heute ist es soweit“, freute sie sich. Humorvolle Songs über ihr Handy, Powerlieder wie „Ich und mini Girls“ oder die Ballade „Abe an Fluss“ zeigten ihr breites Spektrum. „Sorry Dodo, ich will nicht gehen. Es macht mir einfach zu viel Spass“, scherzte sie und spielte noch eine Zugabe.

Mafiahut und Schiffscontainer

Kurz danach war es dann Zeit für den Hauptakteur des Abends. Hippie-Bus-Sänger Dodo erschien auf der Bühne und die Herzen flogen ihm bereits beim ersten Song entgegen. Er trug seinen obligatorischen Mafiahut und eine kreative Anzugkombination, bei welchem Hochwasserhosen auf eine edle Weste trafen. Die Bühne war wie ein roter Schiffscontainer dekoriert, mit einem übergrossen Dodo-Logo. Der Bühnenschmuck wies auf die Tour hin, welche der Sänger im Frühjahr 2020 unternehmen wollte. Mit dem selbstgebauten Studio im Schiffscontainer wollte er um die Welt tuckern und mit seinem schwimmenden «Ministry of Good Vibes» seine afrikanischen Wurzeln finden. Der 44-Jährige ist in Kenia auf die Welt gekommen und verbrachte seine früher Kindheit in Abidjan. Corona durchkreuzte die Pläne und nun erzählt sein Album «Pass» eher von einer Reise über den Vierwaldstättersee oder einer Wanderung auf dem Furkapass als von einer Kreuzfahrt übers Mittelmeer und eine abenteuerliche Reise nach Kenia.

Kalte Dusche zum Frühstück

Dominik Jud, wie Dodo im bürgerlichen Leben heisst, ist mit Schaffhausen verbunden. Eins seiner ersten Konzerte vor rund 26 Jahren spielte er im TapTab mit den Berner Rappern von „Chliklass“. Damals hies Dodos Crew „Heimlich Pheiss“. Zudem war Dodo nicht nur bereits in der Kammgarn, sondern auch immer wieder als Gast in der Reggae-Show von Radio Rasa. Ein Markenzeichen von Dodo ist seine unglaublich gute Laune, wenn er jeweils auf die Bühne tritt. Er nennt sich deshalb selbst auch „Minister of Good Vibes“. Im Interview vor dem Konzert erklärte er, dass er ein sehr ausgeglichener Mensch sei und ihm eine Kombination aus Meditation und einer kalten Dusche die Energie für den Tag gebe. „Ich bin emotional immer bereit, den besten Tag meines Lebens leben zu können. Zudem bin ich authentisch und glaube daran, dass man genau das zurückbekommt, was man bereit zu geben ist.“ In der Kammgarn sprang am Samstagabend dieser Funken sofort auf die Gäste. Sie sangen mit, schwenkten die Hände, zeigten kollektiv das Peace-Zeichen oder liessen sich von Dodo Tanzschritte zeigen, um mit ihm sodann im Gleichschritt Party zu machen. Unter den Besuchern waren nicht nur Partygänger und Reggaefans, sondern auch Familien mit Kindern, die jede Textzeile begeistert mitsangen. Zudem war auch eine Hexe und ein Skelett zu sehen, welche sich passend zu Halloween kostümiert hatten. Dodo zeigte sein Talent als König der guten Laune. Doch gab es von ihm nicht nur Stimmungskracher wie „Hol de Rum“ zu hören, sondern auch nachdenkliche Songs. Mit der Aufforderung „Heb dure“ widmete er ein Lied „allen, die unter Corona leiden oder gelitten haben“. Besonders gelungen war auch der Einstieg mit „Odyssee“. Im Duett mit Rita Roof startete er den Reggaesommer in der Kammgarn. Seine Reise an die warmen Strände von Jamaika boten einen schönen Kontrast zu den derzeit kalten Temperaturen. Keine Frage: Dodos Herz schlägt zu 100% für die Musik aus Kingston. „Reggae hat den perfekten Beat, um meine Botschaft verbreiten zu können“, erklärt der Künstler. „Heruntergebrochen ist meine Kernaussage: Hör nicht auf, das zu machen, was du liebst. Das kann politisch, sozialkritisch oder humoristisch umgesetzt werden.“ Ein Highlight der Show war sicherlich, als der Hit „Hippie-Bus“ erklang und die Besucher in kollektive Ekstase versetzte. Die Discofinger glühten in der Luft und der Saal verwandelte sich in eine kochende finnische Sauna kurz vor dem Siedepunkt. Dodo hatte mittlerweile die Ärmel hochgekrempelt und seinen Mafiahut zur Seite gelegt. Die Gäste feierten mit ihm eine wilde Party und verabschiedeten ihn zum Schluss mit grossem Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 1. November 2021.

Der Doppelschlag des Partyvulkans

Beim Doppelkonzert am Freitag und Samstag sorgte Reggaekünstler Phenomden für Tanzstimmung im TapTab und erklärte, warum Jamaika ihn grundlegend verändert hat. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Phenomden begeisterte mit einer energetischen Show und viel Lebensfreude. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Schaffi, wie gaht’s eu?“, wollte Phenomden zu Beginn seines Auftritts im TapTab wissen und ein lauter Begeisterungssturm kam ihm entgegen. Dennis Furrer alias Phenomden hat ein spezielles Verhältnis zur Munotstadt. Eines seiner allerersten Konzerte als Künstler fand im TapTab statt und mit den Gastgebern vom Realrock Soundsystem verbindet ihn eine Freundschaft. „Wir freuen uns immer extrem auf Schaffhausen. Das ist jedes Mal eins der schönsten Konzerte auf der Tour“, erzählte Phenomden im Interview vor dem Konzert. „Schaffhausen ist einfach sehr entspannt und friedlich.“ Zuerst war nur eine Show an der Baumgartenstrasse geplant. Doch das Konzert war so schnell ausverkauft und so viele Anfragen waren noch hängig, dass man sich für eine Zusatzshow am Folgetag entschloss. Zweimal ausverkauft. Zweimal Vollgas am gleichen Wochenende. Konnte das gutgehen? Und wie! Als Phenomden am Samstag auf die Bühne stürmte, explodierte er fast vor Energie und Freude. Mit den Songs seines neuen Albums „Streunendi Hünd“ und dem Song „10 Sache“ heizte er ein. Supportet wurde er dabei von der fünfköpfigen Band „The Scrucialists“, die kräftig in die Tasten griffen. Die Stimmung schien wie auf Knopfdruck gestartet. Die Gäste im ausverkauften Club sangen lautstark mit. Es wurden Hände über dem Kopf geschwenkt, getanzt und genüsslich am Bier genippt. Beim Lied „Roots“ schnellten die Feuerzeuge in die Luft. Wie ein romantisches Kerzenmeer bei leichtem Wellengang wogten die Flammen im Takt.

Kreative Auszeit in Jamaika

Dass Phenomden an zwei Abenden so gut ankommt, war keineswegs voraussehbar. Schliesslich fand seine letzte grosse Schweizer Tour 2013 statt. Danach ist der Zürcher nach Jamaika ausgewandert. Dort hat er eine Familie gegründet und sich entspannt. „Irgendwie brauchte ich eine Auszeit. Ich hatte das Gefühl, alle Geschichte erzählt zu haben und brauchte etwas Neues.“ Die Musik war aber auch dort ein riesiges Thema. Er hat sich intensiv mit Gesang, Songwriting und dem Gitarrespielen beschäftigt. Er wollte sich musikalisch weiterbilden und verbessern. „Ich ging am Anfang häufig an Partys und besuchte sehr viele Veranstaltungen“, so Phenomden. Später war ich oft alleine unterwegs, erkundete das Land und sammelte Eindrücke. Von dieser Zeit handelt mein Album „Streunendi Hünd“. Die neuen Songs haben sich aber nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch verändert. Die dominierende Musikrichtung ist nun Soul und nicht mehr Reggae. „Ja, es klingt schon lustig, dass ich nach Jamaika ging und von der Reggaeinsel nicht mit dem Hauptexportprodukt zurückkam“, lacht der Sänger. „Ich interessierte mich schon immer für andere Richtungen, zudem ist auf Jamaika auch sehr viel Sound von den 50er, 60er und 70er omnipräsent. Daher ist es für mich kein Widerspruch, sondern eher eine Weiterentwicklung. Ich wollte einfach einmal ausbrechen.“ Im TapTab kam am Freitag und Samstag die neue Musik sehr gut an. Phenomden mischte am Abend geschickt die groovigen Soulnummern mit den schweisstreibenden Reggae-Dancehall-Hits zu einem perfekten Cocktail. Nicht nur bei „Eiland“, sondern auch bei „Nume Drum“ war der Partyvulkan explodiert. Die brennende Lava setze die Tanzfläche unter Feuer und sorgten dafür, dass die Gäste keine Sekunde ihre Füsse stillhalten konnten. „Die Leute sagen mir oft, ich hätte so wahnsinnig viel Energie auf der Bühne“, erklärte Phenomden. „Aber ich habe das Gefühl, ich bekomme diese Energie vom Publikum. Wenn es connectet und Emotionen auslöst, dann animiert mich das auch, noch mehr Gas zu geben.“

Texte mit Tiefgang

Bei Phenomdens Musik schimmert inhaltlich immer wieder durch, dass er nicht nur unterhalten will. Er fordert beispielsweise auf, abstimmen zu gehen oder sich sozial zu engagieren. „Für gute Werte einzustehen, finde ich nach wie vor gleich wichtig, wie Lebensfreude zu vermitteln“, so der Musiker. Dieser inhaltliche Tiefgang ist sicher ein Teil seines Geheimrezeptes. Das Doppelkonzert im TapTab war zweimal ein grosser Erfolg. Eines wurde ganz klar: Die Sympathie und Begeisterung des Sängers zur Munotstadt beruht definitiv auf Gegenseitigkeit.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 25.10.2021 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Kraftvolle Stimme und powervolle Show

An der Streetmusic Night heizten Mr. Mojo und Rusty Stone den Besuchern am Donnerstag ein.

Am Donnerstagabend steppte der Bär ordentlich in der Safrangasse. Entlang dem Cuba-Club und dem Abaco lud die 5. Streetmusic Night von der Band-Union einmal mehr zum musikalischen Highlight der Woche. Der eingangs erwähnte Bär war allerdings nicht aus dem Zoo entwichen, sondern direkt vom Präsidentenstuhl der Band-Union auf die Konzertbühne gesprungen. Ronny Bien trug sodann auch keinen Honigtopf unter dem Arm, sondern hatte eine tolle Band im Rucksack dabei. Der Musiker tobt sich seit 26 Jahren auf der Bühne aus. 17 Jahre davon unter dem Künstlernamen Mr. Mojo. Nach der Coronazeit ist er aus dem Winterschlaf erwacht und hungriger denn je auf Auftritte und das Bühnenadrenalin. Doch der Reihe nach: Das kleine Schaffhauser Strassenfestival startete um 19 Uhr mit vielen Zuschauern. Den Auftakt machte der Folk-Blues-Künstler Rusty Stone. Als hätte er seine Stimme jahrelang in Cognac gebadet und mit dem Rauchen von dicken Cohibas verfeinert. Markant, urchig und tiefsonor klang sein Gesangsorgan. Mit einem Effektgerät als Assistenten legte er einen Klangteppich auf die Safrangasse, als wäre er mit einer ganzen Cowboygang aus dem Wilden Westen angereist. Es gab allerdings weder eine Prügelei im Saloon des Cuba-Clubs noch ein Revolverduell im Schaffhauser Bermudadreieck. Der Blues war schwungvoll und mitreissend, aber kein Partytornado. Rusty Stone hat sich sein Lebensmotto gleich auf den linken Unterarm tätowiert: „Blues was my first love“. Sein Lebenselixier verteilte der Künstler aus München grosszügig an die Gäste. Mit Zutaten von Country, Folk, Blues, Rock’n’Roll mixte er einen Cocktail, der sehr bekömmlich war und die Zuhörer in gute Stimmung versetzte. Nach einer kurzen Pause war sodann die Zeit von Mr. Mojo angebrochen. Mit Tom Rollbühler an der Gitarre, Andreas Rankel am Gesang, Bruno Niederhauser am Bass und Melchior Hürner am Schlagzeug startete die Rakete mit Vollgas in den Rock’n’Roll-Himmel. Egal ob man Rhythm’n’Blues oder Soul mochte, Mr. Mojo hatte für jeden Zuhörer etwas im Gepäck. Seine kraftvolle Stimme und seiner powervolle Show riss alle vom Hocker. Hätte die Safrangasse Beine, hätte sie wohl gleich selber mitgetanzt. Doch nicht nur «Mr. Steam Engine», wie Ronny Bien auch genannt wird, glänzte beim Auftritt. Ohne das perfekt eingespielte Räderwerk der Band könnte die Maschine ihre spezifische und authentische Kraft kaum entwickeln. Die Band hatte einen Hauch von den Blues Brothers und sie feierten die Songs mit Leidenschaft. Das riss die Besucher mit und sie genossen mit kühlen Getränken die heissen, musikalischen Leckerbissen der Streetmusic Night. Keine Frage, nach diesem Feuerwerk darf man auch auf die nächsten sechs Donnerstage mit einem musikalischen Bärenhunger entgegenfiebern.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 21. August 2021.

 

 

 

 

Mit Paukenschlag die Stadt geweckt

Am Donnerstagabend eröffneten zwei Bluesrock Bands die Street-Music-Saison in der Schaffhauser Safrangasse. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

„Ich freue mich extrem, dass es klappt. Wir wollen die Leute ermutigen, wieder auf die Gasse zu kommen“, sagte Mitorganisator Ronny Bien. Die Safrangasse füllte sich am Donnerstagabend schnell mit Zuschauern. Man sass an 6er-Tischen, fläzte sich auf Liegestühle oder machte es sich lässig an einem Bier nippend an einem Stehtisch bequem. Live-Music, anstossen und den Abend geniessen. Es schien fast so, als wäre man in die Zeitmaschine gesessen und in die Zeit vor Corona geflogen. Es war herrlich, den mief vom Homeoffice gegen den Charme von Livemusik einzutauschen. Zwei Bands unterhielten knapp drei Stunden mit bestem Bluesrock. Das war der Auftakt von insgesamt 18 Konzertabenden mit total 36 Bands. „Jetzt können wir voll durchstarten. Wir haben uns bewusst für einen Paukenschlag zum Beginn entschlossen“, freute sich Bien. „Wir wollen die Corona-Sorgen loswerden und wieder Leben in die Stadt bringen.“ Unter den 36 Bands ist fast jedes musikalische Spektrum abgedeckt. Es werden Lokalmatadoren aber auch gestandene internationale Acts spielen. Eine Newcomer-Band ist dabei und auch einige kleine Perlen finden sich. Beispielsweise ein ehemaliger FCS-Profifussballer, der das runde Leder gegen das Mikrophon eingetauscht hat. 22 der auftretenden Bands gehören zur Schaffhauser Bandunion, welche zusammen mit dem Cuba Club und dem Abaco den Event auf die Beine stellt.

Keine Jubiläumsfeier

Eigentlich wäre 2021 ein Jubiläumsjahr. Die Street-Music-Nights starten in die 5. Saison. «Wegen Corona können wir den 5. Geburtstag nicht richtig feiern, daher verschieben wir das auf das 10-jährige», scherzt Ronny Bien. Doch am Donnerstagabend ging es durchaus feierlich zu und her. Für einen besseren Klang war die Band an der Ecke Safrangasse/Stadthausgasse positioniert. Zu Beginn noch zaghaft, später wurde immer intensiver mitgeklatscht. Einige schwangen sogar das Tanzbein und hauchten dem Bermudadreieck wieder Leben ein.

Songs wie Kanonenkugeln

Den Auftakt machte die Weinländer Combo «Say it Loud!». Die Formation schien den Groove gepachtet zu haben. Ein Feuerwerk von Gitarrenklängen balanciert die Gäste durch das wummernde Meer von Bassriffs. Der Schlagzeuger hämmerte lässig den Takt und der Keyboarder sorgte für eine stürmische See. Jimmy Hendrix hätte vor Freude einen Luftsprung gemacht, wäre er an diesem Abend in der Safrangasse gestanden. Als die Stimmung dem Siedepunkt nahe war, übernahmen die Seebären von «Shaky Ground» das Ruder. Bei ihnen herrschte sehr starker Wellengang. Einige Songs fetzten den Zuhörern wie Kanonenkugeln aus den Rohren eines Piratenschiffs um die Ohren. Andere Lieder hingegen waren sanft wie eine milde Meeresbrise an einem gemütlichen Hochsommertag. Die Gäste forderten Zugabe um Zugabe. Es war schön zu sehen, wie Schaffhausen an diesem Abend kulturell erwachte und aufblühte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 5. Juni 2021.

Der König des Fondue-Western

Der Basler Musiker Sam Himself stoppt für seine Herbsttour in der Kammgarn Schaffhausen. Und wer ihn kennt, weiss, dass keiner seiner Auftritte nach dem Schema „nullachtfünfzehn“ abläuft. Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier.

«Schaffhausen ist für mich eine Premiere als Musiker und als Person», freut sich Sam Himself auf seinen Auftritt in der Munotstadt. «Aus dem Geographieunterricht weiss ich noch, dass Schaffhausen von oben ein bisschen wie ein Hirn aussieht», meint er lachend. Nun will er also das hiesige Denkorgan untersuchen und für sich gewinnen. Im Juni wurde der nach New York ausgewanderte Basler von SRF zum «Best Talent» gekürt und steckt nach dem Corona-Lockdown voller Tatendrang. «Es ist für mich eine grosse Ehre und ein Highlight, in der Kammgarn zu spielen.» Denn wer Sam Himself kennt, weiss, dass kein Auftritt von ihm einfach 0815 abläuft. «Mir ist die Interaktion mit dem Publikum wichtig. Ich möchte aber keine Touristen-Animationen abspulen, der Live-Auftritt darf ruhig etwas gefährlicher sein, auch für mich auf der Bühne.» Das bedeutet nicht, dass er mit einem Flammenwerfer experimentiert oder seine Talente als Messerwerfer zur Schau stellt. Nein. Viel eher kann es an Konzerten von Sam Himself vorkommen, dass er plötzlich die Gitarre umstimmt und sich selbst vor eine neue Challenge stellt. «Das kann auch einmal schief gehen», schmunzelt Sam, «aber ich riskiere gerne etwas.» Er reisst sich gerne aus seiner Komfortzone heraus und serviert den Zuhörern «Fondue-Western». Erst wenn die Gitarre lange Fäden zieht und die Füsse mitwippen, ist Sam glücklich und giesst Kirschlikör nach. Die aktuelle EP «Slow Drugs» klingt entsprechend fröhlich. Ein Schwerpunkt liegt auf 80er Chic und wird durch seine charmante Stimme untermalt. Ob man dabei an Bryan Ferry denkt oder sich David Bowie mit der Fondue-Gabel vorstellt; irgendwo dazwischen macht es sich Sam Himself gemütlich.

Kein Zeigefinger

Die Corona-Zeit war auch für Sam sehr schwierig. Er versuchte sich an Livestream-Auftritten, doch vermisste die Reaktionen vom Publikum extrem. «Es war schon fast unheimlich, in diesen kargen Bildschirm hinein zu singen.» Er atmete auf, als die Regeln wieder gelockert wurden. Nun ist er bereit für seine Herbsttournee. Doch will er nur feiern oder steckt auch Tiefgang dahinter? «Ich möchte den Zuschauern nicht eine Botschaft aufzwingen, indem ich sie mit dem mahnenden Zeigefinger instruiere», erklärt er. «Ich hoffe eher, dass ich sie positiv inspirieren kann und vielleicht zu Mitgefühl und Empathie ermutige.» Wenn jemand etwas von seinen Konzerten mitnimmt, freut ihn das.

Song über Schaffhausen?

Lieder wie «Like a Friend», «Nobody” oder das Bruce Springsteen-Cover “Dancing in the Dark” des Musikers sind eingängig und werfen die Frage auf, was ihn zu seiner Musik inspiriert: «Oft finde ich zuerst eine Melody. Manchmal kann es aber auch ein Satz sein, der aufgefallen ist und später von mir wie ein Waisenkind adoptiert wird.» Dann dürfen wir gespannt sein, ob beim Spaziergang am Rhein das Rauschen des Wassers bald in einem seiner Songs zu hören sein wird. Eins ist sicherlich klar: Das Konzert am Freitagabend wird alles andere als gewöhnlich.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. Oktober  2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Der Schulheft-Fälscher mit der Maske

Der Künstler Manuel Stahlberger zeigte am Donnerstag, wie man trotz Corona feiern kann. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der groteske Corona-Tanz von Manuel Stahlberger. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was ist denn hier los? Am Donnerstagabend tanzte auf der TapTab-Bühne ein 46-jähriger Herr ekstatisch zu wilder Technomusik. Er trug ein goldenes Glitterhemd und eine Anti-Corona-Schutzmaske. Ein bisschen grotesk, aber auch ziemlich humorvoll startete somit der Auftritt von Manuel Stahlberger. Der St.Galler Liedermacher powerte sich einige Minuten aus, bis er keuchend und leicht schwitzend vor den Zuschauern zu stehen kam. Der Konzertraum war mit Stühlen eingerichtet. Tanzstimmung und Körperkontakt war aus gegebenem Anlass unerwünscht. Gleich anschliessend performte er – begleitet vom Synthesizer – ein Lied über eine Gewitternacht. Manuel Stahlberger beschrieb dabei eine Welt mit einem Belohnungssystem. «Wenn man gehorcht, gibt es Punkte.» Ob er damit den Überwachungsdrang von gewissen asiatischen Diktaturen im Auge hatte oder in einer Phantasiewelt schwebte, liess er offen. Viel mehr als eine Autokratie interessierte ihn sowieso sein Heft aus der Primarschule. Er habe es beim Aufräumen gefunden und nahm sich viel Zeit, die alten Inhalte von damals vorzustellen. Es fanden sich darin Diktate, Verbesserungen und auch Zeichnung von einem Kompass oder den Pfahlbauern und den Helvetiern. Er unterbrach die Erzählung immer wieder mit passenden Songs, die vom familiären Weihnachtsfest, von Reisen und von anderen Alltagsbeobachtungen handelten. Leicht lakonisch, leicht depressiv, aber auch leicht sarkastisch beschrieb er Szenerien, welche schon jeder erlebt und dabei über sich selbst schmunzeln musste. Nun sass Stahlberger in einen bequemen Bürostahl und knöpfte sich nochmals das Schulheft vor. Das Diktat war witzig, die Zeichnungen noch witziger. Spätestens als die sorgfältige Zeichnung durch einen Tornado verwüstet wurde, dämmerte es den Beobachtern langsam: Das Schulheft war natürlich ein Fake und passte wunderbar ins Programm. Eigentlich unglaublich, dass Manuel Stahlberger offenbar ein Dutzend «Schnürlischrift»-Texte inklusive Lehrerkorrekturen mit Rotstift für seine Show nachgestellt hatte. Das Gelächter wurde immer lauter und die Überraschung war perfekt gelungen. Es zeigte sich einmal mehr, dass der Künstler nicht nur ein Sänger und guter Erzähler, sondern auch ein ausgezeichneter Zeichner ist. Bald löste er sich vom Schulheft und zeigte auf der Leinwand einen Adventskalender, der die «Bünzli»-Schweizer aufs Korn nahm oder groteske Geschichte vom synchronschwimmenden Fisch oder von der lahmen Ente und der dummen Gans. Letztgenannte frassen am Weihnachtsfest Globi, überlebten einen Mordanschlag von Papa Moll und zündeten den Weihnachtsbaum an. Der Abend war eine gelungene Mischung aus Konzert und kabarettistischer Satireshow. Trotz Corona-Hemmschwelle sprang der Funke aufs Publikum und es «erklatschte» sich begeistert eine Zugabe.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. September in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“

Loco Escrito: Der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung

Am Samstagabend rockte Sänger Loco Escrito trotz Heiserkeit die Kammgarn. Er sang nicht nur über Liebe, sondern nahm auch das Corona-Virus ins Visier. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Coolness gemixt mit Latinopower. Loco Escrito begeisterte das Publikum in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Flavia Grossenbacher)

Sonnenbrille im Gesicht, angespannter Bizeps und zwei sexy Tänzerinnen an seiner Seite. Der Latino-Pop-Sänger Loco Escrito bediente zu Beginn seines Auftritts in der Kammgarn am Samstagabend gleich einige Klischees. Doch der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung gewann die Herzen der Besucher im Turbogang. Lauter Jubel brach aus, als das Saallicht ausging und Nicolas Herzig, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen heisst, die Bühne betrat. Er gilt als Goldjunge und grosses Talent der Schweizer Musikszene. Der 30-Jährige mit kolumbianischen Wurzeln macht schon seit seiner Teenagerzeit Musik. Zuerst in der Hiphop-Combo LDDC und seit 2013 als Solokünstler in einer Mischung aus Reggaeton und Latino. Weil er früher als Rapper öfters einen „Crazy Flow“ hatte, gab man ihm den Namen Loco Escrito. Nach seinem Debütalbum „Mi vida es mia“ und der EP „La conquista“ ging es steil nach oben. Er kletterte in die Musikcharts, wurde beim Radio SRF 3 zum „Best talent“ gekürt und im September 2019 durfte er am NRJ Air vor 40 000 Zuschauern spielen.

Heiserkeit nach Preisverleihung

Am Abend vor seinem Auftritt in der Kammgarn feierte er zudem einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Loco Escrito holte sich zum zweiten Mal Swiss Music Award in der Kategorie „Best Hit“ und war quasi direkt danach nach Schaffhausen gereist. „Ich muss euch etwas gestehen“, erklärte er den Gästen. „Wir haben gestern Schweizer Musikgeschichte geschrieben und ich habe so fest gekrächzt, dass ich heute heiser bin. Verzeiht ihr mir das?“ Ein euphorischer Beifallssturm bestätigte seine Hoffnung. Keine Frage, das Publikum war in Partystimmung. Schon bei den ersten Songs wurde mitgesungen und die Hüften in südamerikanische Schwingungen versetzt. Mit Hits wie „Adios“, „Maria“ und „Punto“ brachte der Musiker mit seiner sechsköpfigen Band die Stimmung zum Kochen. Loco Escrito zeigte, dass Kolumbien weit mehr als Kaffee und Empanadas zu bieten hat. Und falls man den Vergleich dennoch machen wollte, dann wäre dieser Kaffee ein heiss brodelnder Koffein-Vulkan und die Empanadas wären mit hochexplosivem Dynamit gefüllt.

Geheimrezept: Lebensfreude

Doch wie schafft der in Wetzikon aufgewachsene Kolumbianer es eigentlich, so erfolgreich zu sein? „Ich glaube, meine Fans bezaubert meine Liebe zum Leben“, erklärte der Musiker im Interview vor dem Konzert. „Ich bin sehr positiv, was bestimmt ansteckend ist. Zudem habe ich sicher eine Prise Talent und arbeite hart für meinen Erfolg.“ Vielleicht lag es auch an der unsichtbaren Verbindung, welche der Reggaeton-Schönling zur Munotstadt hat. Denn er war schon öfters mit seinen Verwandten aus Kolumbien am Rheinfall und schwärmt: „Es ist eine wunderschöne Gegend und der Rheinfall löst immer wieder viel Staunen bei meinen Gästen aus.“ Mittlerweile war in der Kammgarn der Song „Soledad“ angestimmt. Bei rot-gelblichem Licht herrschte eine sommerliche Stimmung, welche mitriss und Loco Escrito hängte an den Perkussionsinstrumenten eine Kolumbienflagge auf.

Seitenhieb auf das Corona-Virus

Die Halle rockte und war mit mehreren hundert Gästen gut gefüllt. Doch einige Plätze waren leer geblieben. „Es sind wohl ein paar Leute nicht gekommen, weil sie Angst haben, es sei zu gefährlich“, nahm der Sänger das Corona-Virus auf die Schippe. „Die einzige Gefahr ist heute, dass wir zu viel schwitzen oder uns morgen die Hüfte schmerzt.“ Er forderte das Publikum auf, sich die Sorgen vom Leib zu tanzen und kräftig mitzusingen. „Ich will, dass ihr morgen genauso heiser seid wie ich.“ Zwischendurch war die tatkräftige Mithilfe der Schaffhauser Kehlen durchaus angebracht. Denn je länger das Konzert dauerte, desto mehr machte sich der Loco Escritos Stimmbänderexzess vom Vorabend bemerkbar. Doch gemeinsam war man stark. Das Konzert hatte viel Power und PS unter der Haube. „Sin ti“ und „Lo que me vio nacer“ und viele weitere Hits peitschten durch die Boxen. Inhaltlich ging es meistens um Emotionen, um Liebe und um den Genuss des Lebens. Das war auch ganz bewusst beabsichtigt vom Künstler. „Musik ist da, damit man sich gut fühlt“, sagte er gegenüber den Schaffhauser Nachrichten. „Politisch äussere ich mich in meiner Musik nicht gross. Früher als ich gerappt habe, sah ich das noch anders. Doch heute habe ich nur noch eine Botschaft: Positive Vibes. Ich will die Menschen bestärken, dass sie glücklich sind und an sich selber glauben. Egal, was die Leute um dich herum sagen. Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist du selbst.“ Nach eineinhalb Stunden näherte sich das Konzert bereits seinem Ende. Die Zuschauer erkämpften sich mit lauten „Loco, Loco!“-Rufen eine Rückkehr des heiseren Protagonisten. Mit dem Titelsong des neuen Albums „Estoy Bien“ verabschiedete er sich und dann endgültig bilanzierte voller Emotionen: „Danke, danke vielmals. Ich küsse und umarme euch.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 2. März 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Ein Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung

Mit viel Power heizte Boban Markovic mit seiner Band am Freitagabend den Kammgarnbesuchern ein. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Sonnenbrille auf und viel gute Laune im Gepäck. Der serbische Trompeter Boban Markovic rockte mit seiner Band am Freitagabend die Kammgarn, als ob es kein Morgen gäbe. Insgesamt neun Musiker standen auf der Bühne, davon sieben mit einem Blasinstrument bewaffnet. Der Balkan-Brass der Band hatte so eine gewaltige Wucht, dass es kein Entkommen gab. Die Besucher tanzten ausgelassen und feierten den aussergewöhnlichen Sound. Warum die Tanzfläche sofort Feuer fing, ist schnell gesagt. Der Polka-Beat massierte den Herzmuskel wie ein ausser Kontrolle geratener Stromgenerator und die die Blasinstrumente spannten unsichtbare Fäden zu Armen und Beinen der Gäste, welche sie wie ein Tornado auf Ecstasy durcheinander wirbelten. Es herrschte ein muskalischer Klangteppich, wie wenn Miles Davis einen Schluck kochende Lava getrunken hätte. Die Roma-Bläsertruppe spielte sowohl traditionelle serbische Stücke, als auch moderne Eigenkompositionen. Teilweise mit Funk, Jazz und Rock gewürzt. Unglaublich powervolle Songs wechselten sich mit unendlich traurigen Liedern ab. Kein Wunder hat Boban Markovic in seiner Heimat und vor allem am Guca-Festival schon viele Preise wie beispielsweise mehrfach die „Goldene Trompete“ verliehen bekommen.

Bekannt aus dem Film „Underground“

Besonders die zwei Songs „Mesecina“ und „Kalaschnikow“ kennt man auch ausserhalb der Balkan-Brass-Szene. Bekannt geworden sind sie durch den Film „Underground“ von Emir Kusturica. Im Film wird einer Gruppe von Partisanenkämpfern in Jugoslawien nach dem Ende des Nazibesetzung das Kriegsende nicht mitgeteilt. Sie werden von einem Schwarzmarkthändler mit gefälschten Radiomeldungen im Glauben gelassen, es herrsche noch Krieg. Irgendwann haben sie genug, brechen aus ihrem Versteck im Untergrund von Belgrad aus und nehmen Rache. Mit dabei auf ihrer satirischen Odyssee ist stets eine laute und enthusiastische Musikgruppe, welcher der Filmkomponist Goran Bregovic den Sound von Boban Markovic auf den Leib geschneidert hat. Die schwere Thematik wird mit der fröhlichen Musik verknüpft, was unglaublich unterhaltsam auf den Zuschauer wirkt. Dieser Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung war auch am Freitagabend eines der Markenzeichen und Stärken von Boban Markovics Band. Meist standen dabei die Instrumente im Vordergrund, doch immer wieder überzeugte der Frontmann mit seiner starken Stimme. Elvis vom Balkan wurde Boban Markovic schon getauft, was durchaus passend ist. Weder bei Elvis noch bei Boban Markovic kann man Zuhören, ohne kräftig das Tanzbein zu schwingen. Rock’n’Roll sowie Balkan-Brass ist nicht bloss eine Musikrichtung, sondern eine Lebenseinstellung. Die Besucher genossen den Abend, prosteten sich mit Slivovica zu und forderten von der Band eine Zugabe nach der nächsten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 4. Februar 2020 in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten.

Ein Gewitter aus Punk und Polka

Am Samstagabend wurde im Taptab der wilde Bär von der Leine gelassen. Nebel, Blitze, E-Gitarre und viel Power standen auf dem Programm. Den Anfang machte die Vorband Šuma Čovjek, was auf Kroatisch soviel wie „Waldmensch“ heisst. Die sieben Musiker viel Polka im Blut und sangen auf Französisch, Algerisch, Bosnisch und in weiteren Sprachen. Frontmann Ivica Petrusic war vom Schaffhauser Publikum begeistert. „Es ist schön hier. Die Gäste gaben von Anfang an alles und liessen uns ihre Energie spüren.“ Die Musik bewegte sich zwischen Balkanpop, orientalischen Klängen und einigen harmonischen Chansons. Würde man eine Portion Cevapcici, einen Zirkus, eine Postauto-Hupe und ein Erdbeben in einen Mixer stecken, so hätte man annähernd das Partygefühl beschrieben, welche die Band im proppenvollen Taptab auslöste. Auch bei der Hauptband Palko!Muski gab es keine Zeit für Langweile. Die Gäste tanzten sich die Seele aus dem Leib. Vor der Bühne beherrschten Pogotänzer das Parkett. Sänger Baptiste Beleffi riss sich schon bei den ersten drei Songs das Hemd vom Leib und stand auf den Klavierstuhl, um die Menge anzufeuern. „Cigano-Musik hat etwas von Freiheit und Rebellion“, vermutete Ivica Petrusic, warum die zwei Bands das Publikum so enthusiastisch in ihren Bann zogen. Auf einer Skala von 1 bis 10 steigen Palko!Muski immer gleich auf Stufe 12 in den Konzertabend. Die Mischung von Schlagzeug, Polkaklängen und Akkordeon klingt auf den ersten Moment schräg, hat aber die Wucht einer Dampfwalze. Ein Gewitter aus Punk und Polka, das für Blitzeinschläge, Überschwemmungen und Stromausfälle sorgt. „I wanna Disco“, fordert der Palko-Sänger und sorgte damit bis in die frühen Morgenstunden für eine weitere Eskalation im Hexenkessel.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 23. Dezember 2019.