Punk-Tornado auf der Tanzfläche

Die Melodic-Hardcore-Urgesteine «Pennywise» zerlegten am Dienstagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Jim Lindberg von Pennywise dirigierte genussvoll den Hexenkessel vor der Bühne. (Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Zur Hymne von Quentin Tarantinos blutigem Film «Kill Bill» marschierte die Vorband «Bombpops» auf die Bühne. Während aus den Lautsprechern noch «Bang, Bang, my Baby shot me down» erklang, griffen die zwei Musikerinnen und die zwei Musiker bereits in die Saiten. Das martialische Intro machte klar: Dieser Abend würde nichts für zarte Fans von Kuschelrock-CDs werden. Die Band aus San Diego brauste gleich mit Vollgas los und entlockten einem Besucher den lobenden Kommentar: «Endlich ist mal wieder Eskalation angesagt!» Sängerin Jen Razavi liess nichts anbrennen und forderte die Gäste auf, deftig mitzufeiern: «Es ist ein bisschen scary, wenn ihr so steif dasteht. Ich will, dass ihr feiert, als wäre heute das beste Konzert eures Lebens.» Gesagt getan. Die Besucher tauten langsam auf und fuhren auf der Tanzfläche die Ellbogen aus. Nicht zuletzt war der Energieschub auch dem Schlagzeuger zu verdanken, der Dampf machte wie eine Lokomotive auf Ecstasy. Das Sommergewitter verwandelte sich zunächst in einen Sturm. Als sodann «Pennywise» die Bühne betrat, wurde der Sturm zum waschechten Punk-Tornado, der alles und jeden mitriss. Gleich mit dem ersten Song «Fight till you die» erreichte die Stimmung ihren Siedepunkt. Die ganze Halle schien Pogo zu tanzen. Sprechchöre erklangen, Teufelshörner wurden begeistert mit den Fingern gezeigt und das Bier schoss in Fontänen über das Publikum. Als hätten die Besucher seit Jahren nur auf diesen Moment gewartet, wurde mitgefeiert. Der legendären Band aus Hermosa Beach in Kalifornien fiel es auch leicht, sich in die Herzen der Melodic Hardcore-Fans zu spielen. Ihr Sound war hart, aggressiv und trotzdem melodisch. Egal ob sie mit «Fuck Authority» gesellschaftskritisch wurden oder mit «Stand by me» über Emotionen sangen. Die Hauptbotschaft blieb stets dieselbe: Es passiert genug Mist auf der Welt, lass uns die Sorgen wegtanzen und die Machthaber der Welt lautstark von ihrem arroganten Podest stossen. Zwischendurch trieb Sänger Jim Lindberg seine Spässe mit dem Publikum. Er wollte wissen, welche Punkbands sie auf ihren Skatermützen herumtrugen und lobte die NOFX-, Millencolin- oder Bad Religion – Kopfbedeckungen. Danach spielte Pennywise einige Covers und liessen die Halle zu einer Punkversion von AC/DCs «TNT» ausflippen. «Wir machen den Scheiss schon 30 Jahre», lachte Gitarrist Fletcher Dragge und spielte damit auf das Gründungsjahr 1988 an. Im Hexenkessel vor der Bühne gingen unter anderem ein Schuh und eine Brille verloren. Gäste sprangen zum Stagediving auf die Hände der Tanzenden und der Schweiss schien von der Decke zu tropfen. Zum Abschluss des Konzerts erklang die «Bro Hymn», bei welcher wirklich der ganze Saal mitsang. Was für eine Stimmung an einem sonst so harmlosen Dienstagabend.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Freitag, 27. Mai. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wie zwei Freunde, die zusammen abfeierten

Die Musiker Bligg und Marc Sway rockten als «Blay» am Freitagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Geballte Partystimmung im Doppelpack. Bligg und Marc Sway in der ausverkauften Kammgarn am Freitagabend. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«Es fühlt sich gut an, nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder zurück zu sein», freute sich Marc Sway, als er am Freitagabend die Kammgarnbühne betrat. Das ungleiche Duo mit dem Pop-Rocker Sway und dem HipHopper Bligg hat sich unter dem Namen Blay zusammengefunden und letztes Jahr ihr erstes Album «Heimspiel» herausgebracht. Die Scheibe flog direkt auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts und somit war es auch nicht verwunderlich, dass der Konzertabend in der Kammgarn ausverkauft war. Das Publikum war bunt gemischt mit älteren Musikfans, jungen Partygängern, Kindern und Familien. Die Bühne glich einem Laufsteg, auf welchem Blay mitten ins Gästemeer spazieren konnten. Mit Liedern wie «Us Mänsch» oder «Sorry Mama» zeigten die zwei, wie sie ihre Energie zusammen bündeln können und gemeinsam die Baumgartenstrasse rocken. Beide haben ein sehr tiefes und eindringliches Stimmorgan, welches die Fenster es Clubs zum Vibrieren brachten. Der Auftritt wirkte zudem nicht nur wie der Gig von zwei Profis, sondern sie hatten sichtlich Spass aneinander und es schien, wie wenn zwei Freunde zusammen abfeierten. Blay gab es jedoch nicht nur im Doppelpack, sondern Bligg und Marc Sway nutzten den Abend auch, um ihre eigenen Songs zu spielen. Als «Chef», «Manhattan» oder «Rosalie» erklangen, erinnerte man sich, dass Bligg auch ohne Hilfe die Halle zum Schwitzen und Ausflippen bringen kann. Dies war vielleicht die einzige Schwäche des Abends. Nach den Hits der Einzelauftritte wirkten die gemeinsamen Songs zunächst ein wenig dünn und schwach. Man hatte zwischendurch das Gefühl, es fänden drei Konzerte statt. Einmal mit Bligg, einmal mit Marc Sway und zu Beginn und zum Schluss mit Blay. Alle diese Darbietungen waren gut, aber irgendwie nicht ganz harmonisch kompatibel. Man kann das jedoch auch positiv sehen: Einmal Eintritt zahlen, dreimal Konzerte geniessen. Spätestens bei ihrem Hit «Mona Lisa» hatten Blay die Herzen der Fans wieder vereint. Powervoll und mitreissend wurde getanzt und lautstark mitgesungen. Das Lied und die dazugehörige Show beeindruckten die Besucher so sehr, dass danach minutenlanger Applaus erklang. Blay konnte es kaum fassen, als das Klatschen nicht mehr enden wollten. «Liebst du mich auch so hemmungslos?», wollte Bligg scherzhaft von Marc Sway daraufhin wissen. Es folgten weitere Songs, teilweise in sogar in neuen Interpretationen. Eine der Highlights dabei war eine Karibik-Version von «Musigg i de Schwiiz». Marc Sway und Bligg erzählten zwischendurch viele Anekdoten von ihren gemeinsamen Auftritten. Sie hatten als Blay auch Schulklassen besucht und dabei fünf Klassen ausgewählt, welche sie beim grossen Auftritt im Hallenstadion begleiten dürfen. «Ihr seid dann hoffentlich auch dabei?», rief Bligg in die Kammgarn und lauter Jubel schallte ihm entgegen. «Geili Sieche», freute sich der Musiker und genoss mit Marc Sway den Moment. Blay warteten ganz zum Schluss mit einem Special auf. Ein Mashup von Bliggs Hit «Rosalie» und von Marc Sways «Severina». Die eine Publikumshälfte sang dabei «Rosalie», die andere den Severina-Refrain «Love, love, love». Damit gelang Blay der perfekte und harmonische Abschluss des Abends.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 23. Mai 2022.

Die Tastenlöwinnen trafen den Marathonläufer

«Was ist denn hier los?», fragte sich der eine oder andere TapTab-Besucher am Freitagabend. Auf der Bühne stand ein Bügelbrett und darauf thronten zwei Casio-Kinderkeyboards. Was wirkte wie das Setting eines chaotischen Kindergeburtstags, war aber nichts Geringeres als die Arbeitsfläche von Casiofieber. Die zwei Schaffhauser Damen Vree Ritzmann und Nora Vonder Mühll eröffneten den Konzertabend und ernteten immer wieder grossen Applaus. Witzig, harmonisch und fetzig waren ihre Songs, die einmal von depressiven Freunden oder ein andermal von der Vergänglichkeit der Zeit bei «Ich bin die Uhr» handelten. Einmal mussten sie ein Lied erneut starten, aber auch das meisterten sie souverän und sehr sympathisch. Zu «Schüsse im Wald» oder «Land der Zwerge» wurde getanzt oder verträumt mitgeschunkelt. Die zwei Tastenlöwinnen rockten das TapTab und bereiteten den Boden für den Hauptact des Abends. Als der St. Galler Manuel Stahlberger mit seiner fünfköpfigen Band die Bühne betrat, waren die Gäste im rappelvollen TapTab schon ordentlich in Tanzstimmung. Stahlberger bot einen Mix aus elektronischem Discosound und nachdenklichem Hypnose-Pop. Er ist derzeit auf Tour für sein neustes Album «Lüt of Fotene». Zu Liedern wie «Hütte», «Drifte» oder «Gar nöd i» zündete das Stroboskop im Takt und die Bässe wummerten durch den Saal. Dazwischen ergriff Stahlberger immer wieder das Wort und erzählte kleine Anekdoten zu den Songs. Sein trockener, lakonischer Humor zeichnete dabei abwechselnd ein Lächeln oder ein Fragezeichen auf die Gesichter der Besucher. Und genau dieser Mix schien dem Maestro vorzüglich zu gefallen. Ein Beispiel: «Ich habe geträumt, ich treffe meinen Onkel. Er sage mir, es sei Welt-Aufräumtag. Aber ich dürfe nicht mitmachen.» Während man noch über die philosophische Tiefe der Aussage rätselte, startete bereits das nächste Lied. Die Musik von Stahlberger glich einem powervollen Marathonlauf, bei dem zwischendurch in die Steckdose gegriffen wird. Treibend, mitreissend, energetisch, aber auch gemütlich. Einfach der perfekte Soundtrack, um sich für das Wochenende einzustimmen. Der Abend endete mit fetzigen Vinyl-Beats von DJ Fancy Fingers.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 9. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Stage-Diving mit der musikalischen Wundertüte

In der ausverkauften Kammgarn sorgte am Freitag die Band Bukahara für kollektive Kniebeugen und staunende Besucher. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Volles Haus und gute Stimmung beim Aufritt des deutschen Hauptacts Bukahara in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Melanie Duchene)

Am Freitagabend platzte die Kammgarn aus allen Nähten. Die zwei Bands Suma Covjek und Bukahara hatten knapp 800 Gäste angelockt, welche sich auf einen sehr abwechslungsreichen Abend freuten. Suma Covjek heizte als Vorband die Halle ein. Die junge Partyband mit ihren Wurzeln in Bosnien und Algerien zeigte ein sehr breites Spektrum von melancholischen Balladen bis hin zu Balkan-Pop. Wer die Texte verstehen wollte, war intensiv gefordert. Denn die acht Musiker sangen auf Französisch, Serbokroatisch, Spanisch, Englisch und auch auf Arabisch. Mit ihrem Hit «Bouge ton Coeur» brachte die Combo definitiv den Frühling in die Kammgarn. Die dreiköpfige Bläserfraktion sorgte für energievolle Melodien und Druck, während die zwei Sänger feierten und auf der Bühne kräftig mittanzten. Doch die Künstler hatten nicht nur gute Stimmung, sondern auch nachdenkliche Botschaften im Gepäck: «Wir sind verwundbare Wesen, welche eine helfende Hand benötigen», sangen sie im Song «Fata Morgana». Später riefen sie zur Solidarität mit allen Menschen auf, die derzeit auf der Flucht sind. Nach gut einer Stunde verabschiedeten sie sich unter grossem Applaus und überliessen die Bühne dem Hauptact des Abends. Als Bukahara mit der Hymne aus dem Boxer-Film «Rocky» einmarschierten, gab es kein Halten mehr. Eigentlich war die Band kein Partyvulkan, aber sie wurden ab der ersten Minuten gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe. Die Gäste tanzten und sangen voller Power mit, sodass der Posaunist nach dem ersten Stück begeistert fragte: «Leute, wie geil seid ihr denn drauf?» Bukahara spielte in der Kammgarn ihren Tourneeabschluss und bestritten dabei ihr 22. Konzert. Man merkte es daran, dass die Stimmen schon etwas heiser waren, sie aber genau wussten, wie sie die Menge zum Ausflippen bringen konnten. Es wurde kollektiv geschunkelt, auf den Boden gekniet und Tanzschritte eingeübt. Ihre schräge-interessante Musikombination aus Gitarre, Posaune, Kontrabass, Geige und Standschlagzeug machte das Quartett unvergleichlich. Gekrönt wurde das Ganze von den tiefsonoren Stimmen, welche sogar Darth Vader neidisch machen würden. Die Musik war extrem kreativ und eine musikalische Wundertüte, die einen immer wieder aus den Socken haute. Ein Song war komplett auf Arabisch, das Publikum übernahm einmal die Rolle des Schlagzeugs, plötzlich leuchtete eine Lampe aus dem Sousaphon in der stockdunklen Kammgarn und einer der Musiker stürzte sich zum Stagediving in die Menge. Bierdusche inklusive. Eine Überraschung gab der nächsten die Türklinke in die Hand. Die Besucher feierten, tanzten und genossen die gelungene Unterhaltung. Einige der Gäste hatten hatten sich für die Show eine stylische Garderobe ausgesucht. Jemand trug ein rotes Halstuch wie Luky Luke, einige Damen hatten bunte Haarschleifen und Stirnbänder umgebunden. Wieder andere demonstrierten stolz, dass der Schnauzbart seine Rückkehr feierte. Bukahara wollte aber nicht nur die Gäste, sondern auch sich selbst herausfordern. Am Freitag spielten sie gleich vier Songs, die sie noch nie auf einer Bühne gezeigt hatten. Die Reaktion war so positiv, dass der Sänger meinte: «Wir sind überwältigt von eurer Energie. Das ist wie ein schöner Traum heute Abend.» Zum Schluss gaben sie dann noch einmal alles, um die Halle zum Dampfen zu bringen. Mit «No!» und «Eyes wide Shut» legten sie Feuer auf der Tanzfläche und verabschiedeten sich von der begeisterten Kammgarn.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier

Polka-Explosion im TapTab

Die Schaffhauser Band «Palko!Muski» brachte die Baumgartenstrasse am Freitag zum Schwitzen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wenn man einen Toaster in die Badewanne schmeisst, dann ergibt das in etwa das Gefühl, das am Freitagabend im Schaffhauser Club «TapTab» vorherrschend war. Starkstrom, Power, Energie, Exzess und Euphorie. Die fünfköpfige Band Palko!Muski kannte kein Halten und quasi ab dem 1. Song herrschte Partystimmung auf Knopfdruck. Sänger Baptiste Beleffi animierte die Besucher immer wieder mitzusingen und im richtigen Moment die Arme in die Luft schnellen zu lassen. Im blauen Strobokskop-Licht wirkte das sehr ansprechend und mitreissend. Bereits beim 3. Song riss der Frontmann der Combo sich das Hemd vom Oberkörper und fragte: «Is this enough?». Ein lautes «No!» schalte ihm entgegen. Es brodelte und strudelte, als ob das TapTab in einem Whirlpool mit bissigen Piranhas sitzen würde. Die Stimmung im Club an der Baumgartenstrasse war absolut ausgelassen. Die Band nutzte die Gelegenheit, um auch eine klare politische Position zu markieren. «This is for my brothers and sisters in the Ukraine!”, sagte der Sänger und grosser Applaus erklang. Er kämpfte sich in der Folge von der Bühne auf die Hände der Besucher. Nicht nur buchstäblich, sondern in Tat und Wahrheit. Stage-Diving bekam am Freitagabend eine neue Dimension. Singend und fordernd wurde Baptiste Beleffi durch das TapTab getragen. Plötzlich kroch er am Boden, dann sprang er an die Säule inmitten des Raumes und kletterte sie empor. Der Hexenkessel hatte seinen Siedepunkt erreicht und die Menge feierte den Auftritt der wilden Truppe. Vor der Bühne wurde intensiv Pogo getanzt. Mit ausgefahrenen Ellbogen und viel Energie duellierten sich die Zuschauer auf der Tanzfläche, während Palko!Muski den Takt vorgab. «Is this enough?», wollte der Frontmann erneut wissen und laute Chöre mit der Aufforderung «Einer geht noch!» erklangen. Die Temperatur kletterte das Barometer empor. Die Sauna an der Baumgartenstrasse arbeitete auf Hochtouren. Neben allen bekannten Palko!Muski-Songs erklang plötzlich die Partisanen-Hymne «Bella Ciao». Mittlerweile gab es kein Halten mehr. Die Gäste feierten, tanzten, sangen, eskalierten. Es wurde geschwitzt, geröchelt und gekämpft. Kein Tanzbein blieb arbeitslos und keine Kehle trocken. «Absolut fantastisch», freute sich eine Besucherin, die gerade an der Shotbar neben der Tanzfläche eine Runde bestellte. Nach dem Konzert startete das Trubači Soundsistema die Partyrakete und sorgte dafür, dass das ausgelassene Fest bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Erschienen am Montag, 11. April 2022 in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» von Hermann-Luc Harmdier.

Disclaimer: Es handelt sich beim Bericht um einen Stimmungsbericht. Keine Konzertkritik. Ziel des Berichts war es, den Lesern die Stimmung während des Konzertes zu vermitteln.

Die Beute von Stereo Luchs flippte aus

Stereo Luchs brachte mit Dancehall-Vibes am Samstagabend die proppenvolle Kammgarn zum Kochen. Er sprach aber auch über den Ukrainekrieg. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Christoph Merki, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Luchse sind dafür bekannt, dass sie sich erst in der Abenddämmerung aus dem Wald herauswagen. Sie lauern ihrer Beute auf und pirschen sich langsam an sie heran. Ganz anders war am Samstagabend der Auftritt von Stereo Luchs in der Kammgarn. Mit Stroboskop-Blitzen und lauten Beats vom DJ-Pult stürmte der Protagonist des Abends auf die Bühne. In der freien Wildbahn wären die Beutetiere wohl vor Schreck erstarrt. Im Kulturtempel am Rhein jedoch wurde er gefeiert, als hätte man seit der Coronapause sehnsüchtig nur auf ihn gewartet. Proppenvoll war der Saal mit jungen Menschen. Die Songs wurden lautstark mitgesungen. Die Besucher tanzten und prosteten sich begeistert zu.

Vom Architekten zum Solokünstler

Wie kam es dazu, dass Silvio Brunner, wie Stereo Luchs im bürgerlichen Leben heisst, so durchstarten konnte? 2007 brachte er zusammen mit dem Dancehallkünstler Phenomden sein erstes Album heraus. Sie lebten damals zusammen in einer WG in Zürich und nahmen die Erfolgsscheibe in ihrem Studiokeller auf. Eher unscheinbar und ein bisschen als Sidekick von Phenomden fiel Stereo Luchs noch nicht so auf, dass er die Kammgarn hätte füllen können. Das war ihm auch sehr recht, denn er hatte ein anderes Ziel: Er studierte Architektur. Später arbeitete er bei der Zürcher Baudirektion und merkte erst dann, dass für ihn Musik mehr als nur ein kleines Hobby sein soll. Er entschied sich für eine Solokarriere und brachte 2013 sein erstes eigenes Album «Stepp usem Reservat» heraus. Danach sollte es nochmals vier Jahre gehen, bis er endlich die Rakete mit Vollgas zünden konnte. Bei den Alben «Lince» von 2017 und «Off Season» von 2019 schnellten die Verkäufe in die Höhe. Stereo Luchs wurde nicht nur in den Clubs, sondern auch im Radio gespielt. Am Samstagabend war er nun mit seiner neusten Scheibe «Stereo Luchs» auf Tourstopp in der Munotstadt. Nachdem die Musikerin Soukey als Vorband eingeheizt hatte, gab es bei seinem Betreten der Bühne kein Halten mehr.

Wie eine Haifischattacke

Die Musik von Stereo Luchs bewegt sich zwischen Dancehall, R&B und HipHop. Leicht gewürzt mit Afrobeats und etwas Pop. Als Besucher fühlte man sich an eine gemütliche Gummibootfahrt auf dem Rhein erinnert. Die Sonne brennt und man geniesst in vollen Zügen den Sommer. Doch für’s Faulenzen bleibt keine Zeit, denn die Gummibootfahrt wird regelmässig von Attacken gefrässiger Haifische oder von einem blitzartig aufgetauchten Wassertornado gestört. Kurz gesagt: Gemütlichkeit trifft auf Eskalation. Die Gäste tanzten nicht nur, sie sprangen in die Luft, wirbelten ihre Pullover wie Helikopterproppeller über ihren Köpfen oder zückten die Feuerzeuge. «Vielen Dank für den warmen Empfang und für die Vibes», freute sich Stereo Luchs und liess sich auch selbst ein paar Tanzschritte entlocken. Der Künstler war aber nicht nonstop eine Partykanone. Immer wieder nahm er sich auch Zeit für ruhigere Lieder und wurde an einer Stelle der Veranstaltung auch politisch. Er kritisierte den Krieg in der Ukraine und legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. Es war sehr beeindruckend, wie über 700 Gäste schweigend im Saal standen und ihre Feuerzeuge oder Smartphones kämpferisch und mitfühlend in die Höhe hielten. Danach spielte Stereo Luchs nochmals einige seiner grössten Hits und liess die Kammgarn begeistert zurück. Der Abend ging danach mit einer deftigen Afterparty bis in die frühen Morgenstunden weiter. Stereo Luchs verabschiedete sich unter grossem Applaus von der Bühne und bilanzierte passend: «Schaffhausen, ihr wart unglaublich nice!»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten am Montag, 21. März 2022.

«Tanzhausen, gebt mir eure Energie!»

«Crimer» zeigte am Samstagabend in der Kammgarn, dass die sonst so gemütlichen 80er-Jahre auch für eine wilde Partystimmung sorgen können.

Bildlegende: Crimer begeisterte mit 80er-Pop und tanzte sich dabei die Seele aus dem Leib. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Der Samstagabend startete gemütlich und relativ harmlos in der Kammgarn. Die Schaffhauser Support-Band «Walter Frosch» stimmte die Gäste mit viel Wave und Elektropop auf den Hauptact ein. Das violett-rote Licht gepaart mit viel Nebel aus der Trockeneismaschine erzeugten ein etwas mysteriöses Ambiente. Man könnte sich gut vorstellen, dass dieser Soundtrack auf der internationalen Raumstation läuft, während sie im Chillout-Modus durch das Weltall düst. Ein heftiges Meteoritengewitter folgte danach mit der Drag-Queen «Veronica Tention». Zu Disco-Hits tanzte sie powervoll auf der Bühne und performte eine Playback-Show, die für viel Aufmerksamkeit sorgte. Man rätselte und philosophiert über den Auftritt, bis plötzlich das Licht ausging und die Zeit für den «Crimer» angebrochen war. Das Trio auf der Bühne gab ab dem ersten Akkord Vollgas. Die Gäste wurden von einem musikalischen Tsunami ergriffen, der durch die Kammgarn fegte und alles mitriss, was sich im Raum befand. Wer mit dem Sound der 80er-Jahre nur gemütliche Phil Collins Balladen oder «Wake me up before you go-go» von Wham verbindet, wurde kräftig in seinen musikalischen Grundfesten erschüttert. Als hätte man mit der Gabel in die Starkstromsteckdose gestochen, durchzuckte es das Publikum. Die Stimmung kochte heiss und die Begeisterung war den Besuchern anzusehen. Crimer hatte die Eighties in ein wildes Partypacket gepackt. Pompöse Synthesizer gejagt von elektrisierenden Drumcomputern rissen an den Tanzbeinen, bis jeder angesteckt wurde. Auch optisch gab das Konzert viel zu sehen und zu geniessen. Crimer mit dunklem Anzug und Krawatte war flankiert von zwei Herren mit Schnäuzen, die selbst Tom Selleck zu seinen besten Magnum-Zeiten vor Neid hätten erstarren lassen. Gitarrist Moritz Schädler trug dazu ein stylisches Hawaiihemd, Keyboarder Tim Wettstein tanzte und schwang seine Arme, wie wenn er damit die Gäste kollektiv hypnotisieren wollte.

Kritische Texte, feuriger Sound

Die Musik des neuen Albums «Fake Nails» zeigte mit Songs wie «Body Attack» und «My Demons», dass Crimer nicht nur eine feurige, sondern auch eine nachdenkliche Seite hat. Beim Lied «Never Enough» beispielsweise prangerte er sexuellen Missbrauch im Internet an und erhob die Faust gegen alle «Perverslinge», welche in der Onlinewelt lauern. Der Glam-Popper genoss den Auftritt sichtlich. Er sang mit seiner einprägsamen Stimme, als würde er die musikalische Rebellion ankündigen. Dabei tanzte er sich in Ekstase und forderte vom Publikum, es ihm nachzumachen: «Es ist megaschön, dass ihr alle eine gute Temperatur am Start habt. «Tanzhausen», gebt mir eure Energie!» Seine Aufforderung wurde enthusiastisch umgesetzt. Der Hexenkessel an der Baumgartenstrasse kannte kein Halten mehr. Die 80er-Jahre waren jedoch nicht nur bekannt für Michael Jacksons Tanzschritte, sondern auch für die AKW-Proteste, Rudi Völler auf dem Fussballplatz oder Prinz Charles, der damals noch mit Prinzessin Diana zusammen war. Historisch passte zur Musik von Crimer vielleicht am besten das Bild des Mauerfalls. Allerdings in einer radikaleren Version: Er fuhr nicht in einem langsamen Trabi Richtung Grenze, sondern Crimers musikalische Bulldozer riss alles nieder, was ihm im Weg stand. Der Abend war eine gelungene und wilde Zeitreisse, die zum Wochenbeginn wohl für Muskelkater in den Tanzbeinen vieler Besucher sorgen wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 21. Februar 2022.

Philosophiekurs mit dem anatolischen Möchtegern-Bundesrat

Der Berner Sänger Müslüm“ trat am Donnerstag mit seinem ersten Comedyprogramm „MüsteriüM“ in der Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Mit Hüftschwung und Tiefgang zog Müslüm die Besucher in seinen Bann. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

Die ganze Kammgarn tanzt, schwitzt und singt aus vollen Kehlen den Hitsong „Süpervitamin“ mit. Die Bierflaschen werden angesetzt und die Stimmung nähert sich dem Siedepunkt. Was normalerweise die Konzerte von Müslüm prägt, suchte man am Donnerstagabend in der Kammgarn vergebens. Auf den ersten Blick wirkte das Arrangement etwas enttäuschend. Die Tanzfläche war mit Stühlen und Tischen ausgestattet, die Besucher sassen leise flüsternd in Reih und Glied vor der Bühne. Dort standen Müslüm und ein Gitarrist fast ein wenig verloren vor ihren Gästen. Doch Der Berner Entertainer Semih Yavsaner hatte sich an diesem Abend neu erfunden. Nicht mit lauter Musik, sondern mit tief-philosophischen Botschaften wollte er die Gunst des Publikums gewinnen. Verpackt in eine deftige Portion Humor. Das Arrangement erinnerte ein wenig an das Konzept der Tragikomödie des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat», sagte er einst. Damit die Leute aber überhaupt zuhören, versteckt man die schwere Kost hinter der Fassade der Komödie. Müslüm bediente mit seiner Mono-Augenbraue und dem türkischen Akzent viele Klischees. Als er die Bühne in seinem glänzenden türkis funkelndem Anzug betrag, musste man sich ein Kichern verkneifen. «Warum weinen wir bei der Geburt, wenn die Gesellschaft von uns erwartet, dass wir das ganze Leben lang lächeln?» Wow. Schon der erste Satz des Abends machte klar: Hier stand kein türkischer Peach Weber auf der Bühne. Müslüm sprach über die «Essenz des Lebens», über die Bedeutung von Wörtern und darüber, dass das Leben ein «MüsteriüM» sei. Man könne einen perfekten Moment der Erleuchtung nicht einfach mit der Plattitüde «Ich habe Gänsehaut» beschreiben. Die Worte seien ein hinderliches Gefängnis. «Wenn du mit der Zunge sprichst, hört es das Ohr. Wenn du aber mit dem Herzen sprichst, hört es das ganze Universum.» Die Gedankenwelt des verkleideten Philosophen wurde immer wieder durch amüsante Episoden aus dem Leben von Müslüms Vater, humorvollen Songs und dem unglaublich faszinierenden Gitarrenspiel von Raphael Jakob aufgelockert. Die zwei harmonierten perfekt auf der Bühne, als wie wenn ein anatolischer Ghandi auf Jimmy Hendrix treffen würde. Der Sänger liebte es, Klischees und gesellschaftliche Zwänge zu demontieren. Mit Aussagen wie: «Eines Tages werde ich Bundesrat. Als erste Amtshandlung schaffe ich das «ich» ab, damit wir wieder ein Kollektiv werden», kämpfte er gegen die Ellbogengesellschaft und machte sich auch stark für die Migration: «In der Schweiz wächst das Geld auf dem Boden. Oder warum haben alle Gastarbeiter Rückenschmerzen, wenn sie sich danach bücken?» Müslüms Odyssee durch die unergründlichen Tiefe des menschlichen Seins zog die Besucher gekonnt in den Bann. Abgerundet wurde der Abend durch einen herrlichen Zugabe Song über einen Bandscheiben-Vorfall. Dürrenmatt hätte seine Freude daran gehabt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 5. Dezember 2021.

Der König der guten Laune heizte deftig ein

Reggaemusiker Dodo nahm die Gäste in der Kammgarn am Samstagabend mit auf eine musikalische Reise nach Jamaika und erklärte, warum er jeden Morgen kalt duschen muss. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende: Dodo verwandelte die Kammgarn mit seiner Energie in eine Partysauna. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ich sorge dafür, dass eure Stimmen für Dodo schon einmal warmgesungen sind“, animierte Rita Roof am Samstagabend als Vorband das Publikum in der Kammgarn. Normalerweise steht sie als Backgroundsängerin von Nemo, Lo & Leduc und auch Dodo im Hintergrund, doch heute war alles anders: „Ich sagte immer, irgendwann kommt mein eigenes Album. Niemand glaubte daran, doch heute ist es soweit“, freute sie sich. Humorvolle Songs über ihr Handy, Powerlieder wie „Ich und mini Girls“ oder die Ballade „Abe an Fluss“ zeigten ihr breites Spektrum. „Sorry Dodo, ich will nicht gehen. Es macht mir einfach zu viel Spass“, scherzte sie und spielte noch eine Zugabe.

Mafiahut und Schiffscontainer

Kurz danach war es dann Zeit für den Hauptakteur des Abends. Hippie-Bus-Sänger Dodo erschien auf der Bühne und die Herzen flogen ihm bereits beim ersten Song entgegen. Er trug seinen obligatorischen Mafiahut und eine kreative Anzugkombination, bei welchem Hochwasserhosen auf eine edle Weste trafen. Die Bühne war wie ein roter Schiffscontainer dekoriert, mit einem übergrossen Dodo-Logo. Der Bühnenschmuck wies auf die Tour hin, welche der Sänger im Frühjahr 2020 unternehmen wollte. Mit dem selbstgebauten Studio im Schiffscontainer wollte er um die Welt tuckern und mit seinem schwimmenden «Ministry of Good Vibes» seine afrikanischen Wurzeln finden. Der 44-Jährige ist in Kenia auf die Welt gekommen und verbrachte seine früher Kindheit in Abidjan. Corona durchkreuzte die Pläne und nun erzählt sein Album «Pass» eher von einer Reise über den Vierwaldstättersee oder einer Wanderung auf dem Furkapass als von einer Kreuzfahrt übers Mittelmeer und eine abenteuerliche Reise nach Kenia.

Kalte Dusche zum Frühstück

Dominik Jud, wie Dodo im bürgerlichen Leben heisst, ist mit Schaffhausen verbunden. Eins seiner ersten Konzerte vor rund 26 Jahren spielte er im TapTab mit den Berner Rappern von „Chliklass“. Damals hies Dodos Crew „Heimlich Pheiss“. Zudem war Dodo nicht nur bereits in der Kammgarn, sondern auch immer wieder als Gast in der Reggae-Show von Radio Rasa. Ein Markenzeichen von Dodo ist seine unglaublich gute Laune, wenn er jeweils auf die Bühne tritt. Er nennt sich deshalb selbst auch „Minister of Good Vibes“. Im Interview vor dem Konzert erklärte er, dass er ein sehr ausgeglichener Mensch sei und ihm eine Kombination aus Meditation und einer kalten Dusche die Energie für den Tag gebe. „Ich bin emotional immer bereit, den besten Tag meines Lebens leben zu können. Zudem bin ich authentisch und glaube daran, dass man genau das zurückbekommt, was man bereit zu geben ist.“ In der Kammgarn sprang am Samstagabend dieser Funken sofort auf die Gäste. Sie sangen mit, schwenkten die Hände, zeigten kollektiv das Peace-Zeichen oder liessen sich von Dodo Tanzschritte zeigen, um mit ihm sodann im Gleichschritt Party zu machen. Unter den Besuchern waren nicht nur Partygänger und Reggaefans, sondern auch Familien mit Kindern, die jede Textzeile begeistert mitsangen. Zudem war auch eine Hexe und ein Skelett zu sehen, welche sich passend zu Halloween kostümiert hatten. Dodo zeigte sein Talent als König der guten Laune. Doch gab es von ihm nicht nur Stimmungskracher wie „Hol de Rum“ zu hören, sondern auch nachdenkliche Songs. Mit der Aufforderung „Heb dure“ widmete er ein Lied „allen, die unter Corona leiden oder gelitten haben“. Besonders gelungen war auch der Einstieg mit „Odyssee“. Im Duett mit Rita Roof startete er den Reggaesommer in der Kammgarn. Seine Reise an die warmen Strände von Jamaika boten einen schönen Kontrast zu den derzeit kalten Temperaturen. Keine Frage: Dodos Herz schlägt zu 100% für die Musik aus Kingston. „Reggae hat den perfekten Beat, um meine Botschaft verbreiten zu können“, erklärt der Künstler. „Heruntergebrochen ist meine Kernaussage: Hör nicht auf, das zu machen, was du liebst. Das kann politisch, sozialkritisch oder humoristisch umgesetzt werden.“ Ein Highlight der Show war sicherlich, als der Hit „Hippie-Bus“ erklang und die Besucher in kollektive Ekstase versetzte. Die Discofinger glühten in der Luft und der Saal verwandelte sich in eine kochende finnische Sauna kurz vor dem Siedepunkt. Dodo hatte mittlerweile die Ärmel hochgekrempelt und seinen Mafiahut zur Seite gelegt. Die Gäste feierten mit ihm eine wilde Party und verabschiedeten ihn zum Schluss mit grossem Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 1. November 2021.

Der Doppelschlag des Partyvulkans

Beim Doppelkonzert am Freitag und Samstag sorgte Reggaekünstler Phenomden für Tanzstimmung im TapTab und erklärte, warum Jamaika ihn grundlegend verändert hat. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Phenomden begeisterte mit einer energetischen Show und viel Lebensfreude. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Schaffi, wie gaht’s eu?“, wollte Phenomden zu Beginn seines Auftritts im TapTab wissen und ein lauter Begeisterungssturm kam ihm entgegen. Dennis Furrer alias Phenomden hat ein spezielles Verhältnis zur Munotstadt. Eines seiner allerersten Konzerte als Künstler fand im TapTab statt und mit den Gastgebern vom Realrock Soundsystem verbindet ihn eine Freundschaft. „Wir freuen uns immer extrem auf Schaffhausen. Das ist jedes Mal eins der schönsten Konzerte auf der Tour“, erzählte Phenomden im Interview vor dem Konzert. „Schaffhausen ist einfach sehr entspannt und friedlich.“ Zuerst war nur eine Show an der Baumgartenstrasse geplant. Doch das Konzert war so schnell ausverkauft und so viele Anfragen waren noch hängig, dass man sich für eine Zusatzshow am Folgetag entschloss. Zweimal ausverkauft. Zweimal Vollgas am gleichen Wochenende. Konnte das gutgehen? Und wie! Als Phenomden am Samstag auf die Bühne stürmte, explodierte er fast vor Energie und Freude. Mit den Songs seines neuen Albums „Streunendi Hünd“ und dem Song „10 Sache“ heizte er ein. Supportet wurde er dabei von der fünfköpfigen Band „The Scrucialists“, die kräftig in die Tasten griffen. Die Stimmung schien wie auf Knopfdruck gestartet. Die Gäste im ausverkauften Club sangen lautstark mit. Es wurden Hände über dem Kopf geschwenkt, getanzt und genüsslich am Bier genippt. Beim Lied „Roots“ schnellten die Feuerzeuge in die Luft. Wie ein romantisches Kerzenmeer bei leichtem Wellengang wogten die Flammen im Takt.

Kreative Auszeit in Jamaika

Dass Phenomden an zwei Abenden so gut ankommt, war keineswegs voraussehbar. Schliesslich fand seine letzte grosse Schweizer Tour 2013 statt. Danach ist der Zürcher nach Jamaika ausgewandert. Dort hat er eine Familie gegründet und sich entspannt. „Irgendwie brauchte ich eine Auszeit. Ich hatte das Gefühl, alle Geschichte erzählt zu haben und brauchte etwas Neues.“ Die Musik war aber auch dort ein riesiges Thema. Er hat sich intensiv mit Gesang, Songwriting und dem Gitarrespielen beschäftigt. Er wollte sich musikalisch weiterbilden und verbessern. „Ich ging am Anfang häufig an Partys und besuchte sehr viele Veranstaltungen“, so Phenomden. Später war ich oft alleine unterwegs, erkundete das Land und sammelte Eindrücke. Von dieser Zeit handelt mein Album „Streunendi Hünd“. Die neuen Songs haben sich aber nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch verändert. Die dominierende Musikrichtung ist nun Soul und nicht mehr Reggae. „Ja, es klingt schon lustig, dass ich nach Jamaika ging und von der Reggaeinsel nicht mit dem Hauptexportprodukt zurückkam“, lacht der Sänger. „Ich interessierte mich schon immer für andere Richtungen, zudem ist auf Jamaika auch sehr viel Sound von den 50er, 60er und 70er omnipräsent. Daher ist es für mich kein Widerspruch, sondern eher eine Weiterentwicklung. Ich wollte einfach einmal ausbrechen.“ Im TapTab kam am Freitag und Samstag die neue Musik sehr gut an. Phenomden mischte am Abend geschickt die groovigen Soulnummern mit den schweisstreibenden Reggae-Dancehall-Hits zu einem perfekten Cocktail. Nicht nur bei „Eiland“, sondern auch bei „Nume Drum“ war der Partyvulkan explodiert. Die brennende Lava setze die Tanzfläche unter Feuer und sorgten dafür, dass die Gäste keine Sekunde ihre Füsse stillhalten konnten. „Die Leute sagen mir oft, ich hätte so wahnsinnig viel Energie auf der Bühne“, erklärte Phenomden. „Aber ich habe das Gefühl, ich bekomme diese Energie vom Publikum. Wenn es connectet und Emotionen auslöst, dann animiert mich das auch, noch mehr Gas zu geben.“

Texte mit Tiefgang

Bei Phenomdens Musik schimmert inhaltlich immer wieder durch, dass er nicht nur unterhalten will. Er fordert beispielsweise auf, abstimmen zu gehen oder sich sozial zu engagieren. „Für gute Werte einzustehen, finde ich nach wie vor gleich wichtig, wie Lebensfreude zu vermitteln“, so der Musiker. Dieser inhaltliche Tiefgang ist sicher ein Teil seines Geheimrezeptes. Das Doppelkonzert im TapTab war zweimal ein grosser Erfolg. Eines wurde ganz klar: Die Sympathie und Begeisterung des Sängers zur Munotstadt beruht definitiv auf Gegenseitigkeit.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 25.10.2021 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.