Dem Zorn eine Stimme gegeben

Die Band Knöppel trat am Freitag laut fluchend vor vollen Rängen in der Kammgarn Schaffhausen auf. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Jack Stoiker sieht zwar harmlos aus, doch seine Wortwahl haut den Zuhörer vom Hocker. Wenn seine Band Knöppel aus dem Autoradio beim Vorbeifahren dudelt, dann springen Rentner zur Seite, Zahnärzte schliessen die Fenster ihrer Praxen und Mamis halten ihren Kindern am Strassenrand verzweifelt die Ohren zu. In den Liedern wird derart deftig geflucht, dass Adolph Freiherr Knigge im Grab am liebsten gleich einen Salto gemacht hätte. Beleidigungen, Manipulationen am Unterleib, Fäkalien und unzüchtige Wörtchen aller Arten unterhielten die Kammgarnbesucher am Freitagabend knapp drei Stunden lang. Eigentlich erstaunlich, denn Jack Stoiker alias Daniel Mittag wirkt auf den ersten Blick nicht so, als sässe eine betrunkene Seeräuberbande auf seinen Stimmbändern. Er arbeitet als Wirtschaftsinformatiker, ist Politiker bei Grünen in Fribourg und Familienvater mit Jahrgang 1973. Wie passt dieses „gesittete“ Leben mit diesen vulgären Texten zusammen? Es muss eine Art Ventil sein. Auf der Bühne will er «die Sau rauslassen», wie er selber sagt. Zudem verweist er auf amerikanische Raptexte, bei welchen das F-Wort nonstop fallen würde. Im Vergleich dazu sind Jack Stoikers Texte eigentlich nur Durchschnitt. Den Kammgarnbesuchern gefiel es enorm. Der Duden wurde mit dem Mähdrescher überfahren, der verbale Anstand ausgepeitscht und der Sittenwächter schüttete sich Aromat in die Augen, damit er nicht hinsehen konnte. Aber: Jeder von uns flucht im Alltag. Sei es wegen der Steuerrechnung, dem Tritt in ein Hundehäufchen oder wegen der langsamen Supermarkt-Kassiererin. Knöppel gibt unserem Zorn eine Stimme. Vielleicht ist es genau das, was den Reiz dieser Band ausmacht: Knöppel ist ehrlich. Und das ist gut so.

Von Hermann-Luc Hardmeier, erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8. Oktober 2018.

Ein musikalisches Erdbeben auf dem Kammgarn-Hof

Palko!Muski und vier weitere Bands sorgten am Hoffest der Kammgarn für Grossandrang und Tanzstimmung. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier.

„Leckeres Bier und gute Musik, es ist einfach gemütlich hier“, freute sich Besucher Lorenz Keller am Hoffest der Kammgarn. Schätzungsweise 1800 Besucher feierten trotz Kälte die Saisoneröffnung des Kulturlokals auf dem Parkplatz vor der Eventhalle. „Die Veranstaltung ist unser Dankeschön an die Gäste“, erklärte Claudio Keller vom Kammgarnteam die Idee des Anlasses. „Der Eintritt ist gratis und soll musikalisch unsere Vielfältigkeit zeigen. Zudem hoffen wir natürlich, dass der Funke auf der Tanzfläche springt.“ Im Verlaufe des Abends sollte er tatsächlich nicht nur springen, sondern doppelte und dreifache Rückwärtssaltos vollführen. Doch der Reihe nach. Um 17.30 Uhr begann alles ganz gemütlich auf der Terrasse der Kammgarnbeiz. Die Ein-Frau-Band Monzoo aus Schaffhausen eröffnete mit gemütlichen Songs und humorvollen Texten die Veranstaltung. Es folgte das Duo Quiet Island aus Genf, ebenfalls auf der Terrasse. Zwischendurch gab es Nieselregen. Die Besucher trudelten langsam ein und liessen sich von der Nässe und Kälte nicht abschrecken. In der Beiz hatte es eine behagliche Chai-Tee-Lounge mit bequemen Sofas, auf dem Kammgarnhof lockte ein sehr breites kulinarisches Angebot. Deftige Hamburger, das berühmte Tschannen-Risotto, würziges Gulasch, Lunas süsse Crêpes, exotische Momos, delikate Thai-Moving-Noodles und, und, und. Doch nicht nur für den Hunger, sondern auch für den Durst gab es Schmackhaftes. Sieben lokale Bierbrauer hatten einen Stand, an welchem man Gerstensaft aus Heimproduktion verkosten konnte. „Wir produzieren etwa 1000 Liter pro Jahr und es ist natürlich ein Highlight, dass wir heute der Öffentlichkeit unsere Schätze zeigen können“, sagte Toni „Manitou Thön“ Kraner. Er stellt mit seinen Kollegen unter anderem das „Rhyale“ her, das sie scherzhaft auch „Rhyalge“ nennen. Auf der Bühne machte sich mittlerweile die Formation Quince aus Schaffhausen bereit. „Das OK hat dafür gesorgt, dass es nicht mehr regnet. Also bitte kommt näher zur Bühne!“, pries Moderator Simon Sepan die Band an. Die Musik begeisterte und die ersten Tanzbeine knickten nonchalant im Takt. Auf dem Festgelände zirkulierten derweil Mitglieder der Afghanistanhilfe Schaffhausen, welchen man das Becher-Depot spenden konnte. Einige von ihnen hatten einen Eimer mit Mini-Basketballkorb dabei, damit der soziale Akt mit einer sportlichen Herausforderung kombiniert werden konnte. Der Kammgarnhof füllte sich mehr und mehr. Es dunkelte ein und die Combo Panda Lux aus St.Gallen sorgte nun für gute Stimmung. Der Pop-Rock der vier Musiker eroberte auch die Herzen der elegantesten Damen und coolsten Hipster im Publikum. Nun war die perfekte Betriebstemperatur erreicht, um den Knüller der Veranstaltung zu empfangen. Auf dem Kammgarnhof gab es fast kein Durchkommen mehr, als die Schaffhauser/Zürcher Band Palko!Muski die Bühne betrat. Die fünf Musiker kombinierten Gipsy Polka mit englischen Texten, die mit dem Akzent eines angetrunkenen russischen Seemanns gesungen wurden. Ganz bewusst raubeinig und elektrisierend zugleich. Das musikalische Erdbeben riss die Besucher mit. Es wurde getanzt, gefeiert und die Refrains aus vollen Kehlen mitgesungen. Der Sänger Baptiste Beleffi zog wie immer alle Register: Er sprang und turnte auf der Bühne, liess die Besucher auf den Boden kauern und ekstatisch auf Kommando in die Höhe springen. Er setzte zum Stagediving an und schlussendlich zeigte er dem Publikum seinen nackten Hintern. Die Partytiger verteilten sich im Anschluss an dieses Feuerwerk auf die Afterpartys. Im neuen Flügelwest drehten unter anderem die Chiesgrueb-DJs mit 80s und 90s an den Turntables. Im TapTab wurde elektronisch gefeiert und in der Kammgarnhalle heizte das Nightrider Soundsystem die Hitparade durch die Boxen. Keine Frage: Der Saisonstart der Kammgarn ist geglückt und hat Hunderten von Besuchern einen grossartigen Abend bereitet.

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Montag, 27. August 2018.

Dank einer Handyvorwahl vom Herrenacker zum Partyacker

Lo & Leduc brachten gestern lastwagenweise gute Laune und Tanzstimmung ans «Stars in Town». Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Lo & Leduc am Stars in Town 2018. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«079 het sie gseit» und «Per favore», so klang es gestern Abend aus über 6500 Kehlen auf dem ausverkauften Herrenacker. Die Chartstürmer aus Bern namens Lo & Leduc feuerten einen Hit nach dem anderen aus ihrem musikalischen Maschinengewehr. «Sie sind besser als ‹Despacito› und besser als Ed Sheeran!», kündigte Moderator Alex Blunschi die Formation vollmundig an. Wer bei Konzertbeginn noch nach vorn an die Bühne wollte, hatte Pech. Es gab kein Durchkommen mehr, als die zwei Frontmänner loslegten. Sie wurden flankiert von einer achtköpfigen Band und einer stimmgewaltigen Backgroundsängerin. In der Munotstadt sind sie zudem nicht unbekannt. 2015
spielten sie bereits am «Stars in Town», und im vergangenen Dezember beehrten sie die Kammgarn. «Es ist ein Glücksfall, dass wir sie buchen konnten. Sie passen perfekt ins Programm», freute sich Mediensprecherin Nora Fuchs. Lo & Leduc spielten Popmusik, mischten diese mit Latino, Reggae, Hip-Hop und weiteren Elementen.Die Gute-Laune-Musik steckte an. Überall schwangen die Hüften und die Hände. Vor der Bühne, auf der VIP-Terrasse, in den offenen Fenster der Anwohner und selbst die Ameisen auf dem Platz schienen im Takt zu krabbeln. «O mein Gott, es ist so geil hier», freute sich Rapper Lo, bevor er eine kräftige Freestyle-Session einläutete. Und das ging so: Die Besucher riefen den Künstlern Begriffe zu, welche sie in den Raptext einbauen sollten.
«Hörnlisalat», «T-Shirt», «Tiramisu», «Bürzi» und weitere Kuriositäten galt es
einzubetten. Lo machte das so genial, dass Leduc kleinlaut murrte: «Nach so einer Show
komme ich mir immer ein wenig unspontan vor.»

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Diabolisches Licht und Hüpfbefehl
Doch im diabolisch roten Licht startete er nun den Hit «Jung verdammt», bei welchem
die Textzeile «Rotes Chleid» so lautstark mitgesungen wurde, dass der Munot erzitterte.
Die zwei baten nun alle Besucher niederzuknien. «Die Stadtverwaltung hat gesagt, der
Platz sei schräg, wir müssen ihn nun geradestampfen », forderte Leduc, und die Gäste
hüpften auf Befehl kräftig auf und nieder. Als am Schluss nun der Chartstürmer «079»
erklang, gab es kein Halten her. «Schaffhausen, es war magisch», freute sich Leduc. «Wir
kommen gern nächstes und jedes Jahr danach wieder.»

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Samstag, 11. August 2018.

Mit der Zeitmaschine nach Woodstock

Flower-Power mit älteren Herren in der Kammgarn: Die Band Canned Heat, die mit ihren Hits eine ganze Epoche prägte, macht im Rahmen ihrer Europatournee auch in Schaffhausen halt. Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier.

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Wow, das war eine abgefahrene Zeit! Woodstock 1969. Das bisher grösste Flower-Power-Festival lockte 400 000 Besucher an und gilt bis heute als einer der Höhepunkte der Hippiebewegung. Bei sommerlichen Temperaturen im August zelebrierte die Partymeute gute Musik und freie Liebe. 32 Bands spielten damals für die Festivalbesucher. Darunter Canned Heat, die im selben Jahr ihren grössten
Hit «Going up the Country» herausgebracht hatte. Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. Verschiedene Bandmitglieder – unter anderem Frontmann Bob Hite – starben an den Spätfolgen ihres Drogenkonsums. Von den Woodstockbands touren nur noch zwei durch die Welt. Eine davon ist Ten Years After, die andere nennt sich Brennpaste in Blechdosen.
Oder zu Deutsch: Canned Heat.

Am heute machen sie im Rahmen ihrer aktuellen Europatournee in der Kammgarn halt. Ein Grund für die Munotstadt, kollektiv die Peace-Flaggen an die Fenster zu hängen und die Schlaghosen aus dem Kleiderschrank zu nehmen. Doch wie kommt es, dass eine 1967 gegründete Formation bis heute gefragt ist?

Von den Gründern nur noch einer dabei

«Canned Heat haben so viele Hits produziert, dass sie die Epoche prägten», erklärt
Sabine Trunzer vom Management der Band. «Sie sind ihren Wurzeln treu geblieben. Man
erkennt sie an den ersten zwei Tönen ihrer Songs.» Wer jetzt glaubt, man sehe an den
Konzerten nur Rentner mit Blumenkränzen im Haar, der irrt sich gewaltig. «Wir stellen
fest, dass die Musik auch viele Junge begeistert », so Sabine Trunzer weiter. «Sehr auffällig ist das etwa in Frankreich, wo der Altersdurchschnitt fast wie damals in Woodstock selber ist.» Wegen Todesfällen und Austritten ist von der Gründerformation nur noch Bassist Larry Taylor dabei. Verstärkt wird er aber von Urgestein Adolfo «Fito» del Parra. Dieser hatte kurz vor Woodstock Frank Cook ersetzt, doch er wollte zunächst nicht am Open Air auftreten. Die Band hatte seiner Meinung nach zu wenig geprobt. Er drohte, aus der Formation auszusteigen, und konnte nur durch den damaligen Manager Skyp Taylor überzeugt werden. Dieser schloss mit dem Generalschlüssel das Hotelzimmer
auf, überrumpelte den widerspenstigen Drummer und verfrachtete ihn mitsamt den anderen Musikern in den nächsten Helikopter nach Woodstock. Doch diese wilden
Zeiten sind vorbei. Das Quartett ist mittlerweile brav, und die zwei Urgesteine werden
verstärkt von John Paulus, zehn Jahre Hausbassist bei John Mayall, und Dale Spalding
aus Texas, einem der namhaftesten Mundharmonikaspieler aus dem Süden der USA. Canned Heat haben Bluesrock mit Boogie kombiniert. Sie setzten Mundharmonika und Flöten ein, was zur Kombination aus sanften Klängen mit deftigem Tiefgang führte. An den Auftritten fühlt man sich beinahe in die Swinging Sixties verfrachtet. Einziger Wermutstropfen ist jeweils der Abschiedsgruss der Band. Früher beendete Bob Hite das Konzert mit den Worten «And don’t forget to boogie!» Heute nehmen die Besucher diese Botschaft in den Herzen mit nach Hause.

Von Hermann-Luc Hardmeier, Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 4. Juni 2018.

Patrice katapultierte die Zuhörer an die gemütlichen Strände Jamaikas

Reggae in Schaffhausen, das bedeutet nach wie vor: Gute Laune auf Knopfdruck. Schon bei den ersten Klängen des DJ-Teams „Silly Walks Discotheque“ begannen die Gäste in der Kammgarn zu tanzen. Gemütlich kreisten die Hüften und bei den bekannten Refrains wurde bereits kurz nach Türöffnung mitgesungen. Die Zuschauer waren somit perfekt eingestimmt, als kurz vor elf der Star des Abends die Bühne betrat. Im ersten Moment war da eine kleine Enttäuschung. Patrice kam nicht mit Band, sondern die DJs waren weiterhin für das musikalische Fundament zuständig. Im zweiten Moment rückte dies jedoch wieder in den Hintergrund. Patrice zog mit seiner einzigarten Stimme die Zuhörer so in den Bann, dass man sich sofort auf der Reise an die karibischen Strände von Jamaika befand. Patrice sang auf Englisch und Patois, zur Begrüssung fiel er aber kurz aus seiner Rolle: „Schaffhausen, was geht ab?“ , wollte er wissen und ein begeisterter Jubel kam ihm entgegen. Eigentlich kommt der Künstler aus Deutschland, lebte aber auch schon in Paris und New York. Zehn Alben und diverse Hitsingles darf er sein eigen nennen. Spannend ist nicht nur seine Musik, sondern auch sein bürgerlicher Name. In voller Länge heisst der Künstler Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams. Während Gaston der Vorname seines Vaters ist, bedeutet der afrikanische Name Babatunde so viel wie Wiedergeburt. Er kam nämlich exakt am Tag auf die Welt, als sein Grossvater starb. Patrice schliesslich bezieht sich auf den kongolesischen Freiheitsheld Patrice Lumuba. Am Samstagabend kamen die Fans von Livemusik schliesslich doch noch auf ihre Kosten. Nach einigen Liedern griff Patrice zur Gitarre und spielte ohne DJs mehrere Stücke. Dies war eine gute Abwechslung zum Partysound und wirkte dank der sanften und eindringlichen Stimme des Künstlers druckvoll, dynamisch und harmonisch. Als er danach unterstützt von den Plattenlegern einstieg, riss es auch den letzten Gast aus den Socken. Es wurde gefeiert, gesprungen und mitgesungen. Die Dramaturgie des Abends war perfekt gelungen. Vom gemütlichen Reggae steigerte Patrice das Tempo bis hin zum fiebrigen Dancehall. Hie und da mit Jazz oder HipHop-Elementen gewürzt, ergab das eine brodelnde Partysuppe, die vorzüglich schmeckte. Genau ein Jahr nach der ausverkauften Wahnsinnshow von Gentleman hatte die Kammgarn erneut die Hütte zum Schwitzen und Feiern gebracht. Patrice spielte im Juli 2008 im musikalischen Vorprogramm für den Auftritt von Barack Obama an der Berliner Siegessäule vor mehr als 200 000 Menschen. Angesichts der Euphorie, die er auslöst, hätte es nicht verwundert, wenn die Fans von Obama, angestachelt vom Reggaekünstler, anstatt „Yes we can“ gleich auch noch „Yes we dance!“ gerufen hätten. Patrice war damals natürlich nicht zufällig ausgewählt worden. Der Künstler äussert sich in den Songs und in Interviews immer wieder politisch. Nationalismus hat er einmal als „Müll“ bezeichnet. „Man darf stolz sein auf eigene Leistung, ja. Aber nicht darauf, irgendwo geboren zu sein.“ Zudem erschien 2008 sein Song „Dove of Peace“, in welchem er die Politik von George W. Bush kritisierte. In der Kammgarn war die Politik an diesem Abend jedoch nicht auf der Bühne, sondern kuschelte sich fidel am karibischen Strand auf einem Liegestuhl und schlürfte vergnügt einen kühlen Cocktail. Bob Marleys Philosophie „One love, one heart, one destiny“ und „Love the live you live“ waren das Motto des Abends. Patrice hatte die Fähigkeit, das Publikum zu verzaubern und schickte sie nach seinem gelungen Konzert begeistert nach Hause.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 30. April in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Keine braven Fischstäbli, sondern bissige Piranhas

Am Samstag fuhr die Band Hecht mit ihrer Kawasaki durch die Ohren der Besucher in der ausverkauften Kammgarn. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Voll, voller, ausverkauft! Auf ihrer aktuellen Tour spielt die Mundartpop Band in elf Städten und bei jedem Konzert gehen die Tickets weg wie frisch gebackene Schoggigipfeli. Es gab fast kein Durchkommen mehr im Saal, als die Vorband „Landro“ am Samstagabend die Bühne betrat. Der 20-jährige Frontmann und sein DJ rappten sich in die Herzen der Zuschauer und krönten den Auftritt mit dem Song „Holunderblüetesirup“, der derzeit die Charts rauf und runtergespielt wird. Dann wurde es sehr, sehr dunkel. Mit Blitzlicht, unter lautem Gekreische und Applaus stürmten die fünf Hecht-Musiker auf die Bühne. „Alles, was ich mir wünsche, ist auf der Bühne der Kammgarn zu sterben. Wir sind sehr glücklich hier!“, sang Stefan Buck und heizte damit gleich von Beginn an ein. Es war unglaublich, welche Energie und Power die Formation verströmte. Wie auf Knopfdruck herrschte eine begeisterte Stimmung im Saal. Schon beim 2. Song „Oh Boy“ fragte Stefan Buck rhetorisch: „Wie lange braucht es, bis man in Schaffhausen Stagediving machen kann?“ Die Antwort wartete er gar nicht erst ab. Er sprang in die Menge und wurde auf den Händen von der Bühne bis in die Mitte des Saales und wieder zurück getragen. Während seiner Surfaktion auf den Partytatzen sang er indes unvermindert weiter. Die Band hat eine harmonische Kombination von sanfter Stimme, eingängigem Keyboard, knackigem Schlagzeug und fetzenden Gitarrenriffs, kombiniert mit sonoren Bassschwingungen, die in die Hüfte gehen. In Schaffhausen sind die Musiker zudem keine Unbekannten. 2013 spielten sie noch in familiärer Vertrautheit am Openair Grüschfang in Hallau. Dann kam 2015 ihr Riesenhit „Adam + Eva“ und sie wurden nach ihrem nationalen Durchbruch 2016 ans „Stars in Town“ gebucht. 2018 werden sie erneut am Openair auf dem Herrenacker auftreten. Der Mundartpop von Hecht trifft offenbar den Nerv der Zeit. Er ist weder patriotisch noch ländlich angehaucht, sondern erzählt in einer frischen Art und blumigen Sprache über Liebe, Beziehungen, das Reisen und den Alltag. Die Texte sind eingängig und reissen jeden locker vom Hocker. Hecht sind keine braven Fischstäbli, sondern eher bissige Piranhas. Auf der Bühne in der Kammgarn gaben sie nonstop Vollgas. Sie animierten die Gäste zum Mitklatschen, zum Tanzen im Takt von links nach rechts, zum Kauern auf dem Boden und zum energetischen Aufspringen und Ausflippen. Mehrfach verliessen die Musiker die Bühne und spielten inmitten des Publikums. Ihre Hits Seespringen, Radio Beromünster und Gymnastique erklangen. Nach einem Sololauf von Keyboarder Daniel Gisler näherte sich der Abend dem Siedepunkt. Bei der Zugabe brodelte der Saal, als der Hit Kawasaki erklang und die Band tauchte für einen Song auf einer Minibühne beim Lichtpult auf. „Kammgarn, den letzten Refrain singen wir alle zusammen, bis die Hütte vibriert“, forderte Stefan Buck von der begeisterten Menge. Es regnete Konfetti von der Decke und unter euphorischem Applaus bedankten sich die Besucher für den bombastischen Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. April 2018.

Sobald die ersten Funken sprühten, herrschte Explosinsgefahr

Mit einer deftigen Portion Punk’n’Roll versetzten die Bands Peacocks und Monsters am Samstag das Konzertlokal Kammgarn in Tanzstimmung. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Am Samstagabend wurde die Hitparade am Galgen aufgeknüpft. Nichts mit Mainstream, nichts mit Rock und Pop, der aus dem Radio dudelt. Die Peacocks und die Monsters hatten ihre Rock’n’Roll-Stiefel dabei und marschierten auf dem Trommelfell der Zuhörer, bis auch der letzte ein lässiges „Oh yeah!“ schrie und auf die Tanzfläche stürmte. Es knallte so deftig in den Ohren, dass Elvis und Little Richard am liebsten euphorisch aus dem Grab gesprungen wären. Den Anfang machte die Berner Combo „The Monsters“. Die vier Musiker hatten mit weissem Hemd, schwarzer Krawatte und rotem Sakko ein stylisches Outfit dabei, das an die Auftritte von Bill Haley in den 1950er erinnerte. Doch bei den Monsters hiess es nicht „Rock around the clock“, sondern sie starteten gleich von Beginn an die musikalische Motorsäge. Laut, heftig, powervoll, mitreissend. Der One-Riff Trash Rock, wie sie ihre Musik nennen, riss dem Publikum mit Schwung den Teppich unter den Füssen weg. Hauptverantwortlich dafür war die Energie der zwei Schlagzeuge, die im Zentrum der Bühne standen. Sie teilten sich zwar eine Bassdrum, aber das Inferno der Drumsticks prasselte und knallte im Doppelpack aus den Boxen. Nachdem das Ungeheuer die Gäste aufgeweckt hatte, war es Zeit für den Hauptact des Abends: Die Peacocks! Die Band mit Wurzeln in Winterthur und Schaffhausen hat seit ihrer Gründung 1990 mit ihrem Mix aus Rockabilly und Punk den Erdball gleich mehrfach umrundet. Sowohl in Japan als auch in den USA waren sie auf Tour und kehren immer wieder gerne in die Munotstadt zurück, wo ihre ersten Konzerte stattfanden. Ohne zu übertreiben lässt sich sagen: Das Trio hat Feuer unter den Füssen und Kerosin in den Instrumenten. Sobald die ersten Funken sprühen, lauert die Explosionsgefahr auf der Bühne. Lässig mit schwarzen Hemden und Elvis-Frisuren traten die Gentleman-Punker auf die Bretter vor das Publikum. Man merkte, dass es brodelte. Mit Knall und Schmackes donnerten die Drums und fetzten die Riffs. Die Leute, tanzten und feierten. Ein Eyecatcher war Simon Langhart, der mit seinem riesigen Kontrabass den Herzschlag der Band befehligte. Als er richtig in Fahrt kam, tanzte er mit seinem Instrument wie mit einer Lady. Normalerweise ist ein Kontrabass ja so manövrierfreudig wie ein Kreuzfahrtschiff, aber bei den Peacocks ging das schwungvoll und elegant übers Parkett. „Mögt ihr noch?“, wollte Sänger Hasu Langhart immer wieder wissen. Das Publikum liess keine Müdigkeit erkennen und twistete sich die Seele aus dem Leib. Es wurde Zugabe um Zugabe gefordert. „Wir hatten sehr viel Spass. Das war ein tolles Heimspiel“, bilanzierte Peacocks-Drummer Jürg Luder nach dem Konzert im Interview. Und Monsters-Frontmann Beat-Man Zeller ergänzte: „Auch wir fanden es geil, aber wir hätten gerne noch viel lauter gespielt.“

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 6. März 2018.

Sturm und Drang in Schaffhausen

Am Konzert von “Palko!Musik” im Konzertlokal “TapTab” in Schaffhausen brannte die Luft. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Ach, hurra und ojemine. Hätte Baptiste Beleffi, der Sänger von Palko!Muski, in der Zeit von 1767 bis 1785 gelebt, wären vielleicht diese Worte aus seinem Mikrophon gekommen. Damals beherrschten die jungen Genies wie Schiller und Goethe die Kulturszene der Sturm und Drang-Epoche. Es war eine Zeit, in welcher man seinen Gefühlen freien Lauf liess. Man lebte im Moment, kostete ihn aus und genoss ihn mit jedem Atemzug. Genau diese Einstellung legten auch die Musiker von Palko!Muski am Freitagabend im TapTab auf das Parket. Der Saal war ausverkauft, die Stimmung aufgeheizt und die Musiker verloren keine Zeit mit Begrüssung oder einer Vorstellungsrunde. Die Schaffhauser Band existiert seit zehn Jahren und ist bekannt für ihren einzigartigen Powersound namens Gypsy-Disco-Polka-Rock. Eine Mischung, die jedes noch so müde Tanzbein zu Höchstleistungen animiert. Die Refrains sind so konzipiert, dass man meint, ein russischer Matrose hätte sie geschrieben. Und zwar erst, nachdem er zwei Flaschen Vodka auf ex getrunken hatte. Es durfte mitgegrölt und mitgejohlt werden. Die Schlagzeugrhythmen peitschten durch den Raum, das Akkordeon liess die Seele hüpfen und der Sänger sprang von einer Ekstase in die nächste. Goethes Werther schrieb seiner Lotte die feurigsten Liebesbriefe. Schillers Räuberhauptmann Karl Moor genoss das Banditenleben in vollen Zügen. Mit einem ähnlichen Tatendrang, stets den Moment zelebrierend, agierte auch Baptiste Beleffi auf der Bühne. Er riss sich das T-Shirt vom Leib und präsentierte sich dem Publikum mit nacktem Oberkörper sowie einer unmöglichen Kombination von Turnhose, Stiefeln und langen Strumpfhosen aus rotem Samt. Er sprang auf seinen Keyboardstuhl, rannte durch das Publikum auf die Treppe und im nächsten Augenblick surfte er auf den Händen der Gäste als Stagediver durch den Saal. Der Höhepunkt des Abends war erreicht, als er auf die Säule mitten auf der Tanzfläche geklettert war und von dort oben mit seinen Songs die Besucher zum Feiern antrieb. Palko!Muski sorgten im proppenvollen TapTab einmal mehr für eine euphorische Partystimmung und Schweiss, der von der Decke tropfte. Wären Goethe und Schiller unter den Gästen gewesen, hätten auch sie kompromisslos bis in die frühen Morgenstunden mitgefeiert.

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 19. Februar 2018.

Die Tänzerin auf der Wundermaschine

Ania Losinger spielte am Donnerstagabend in der Kammgarn (SH) mit einem Instrument, das alles Bekannte in den Schatten stellte. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Manche Menschen können gut tanzen, manche Menschen gut musizieren. Ania Losinger kann beides, und zwar gleichzeitig. Dies ermöglich ihr ein spezielles Instrument, das man nicht spielt, nein, die Töne werden durch das Tanzen erzeugt. Der elektroakustische Klangkörper namens „Xala III“ ist eine richtige Wundermaschine. Er sieht unscheinbar aus. Wie eine kleine Holzpalette. Doch die Wirkung ist beeindruckend. Am Donnerstagabend machte Ania Losinger mit ihrer Band „NEN“ in der Kammgarn halt. Der Saal war mit Tischchen und Stühlen hergerichtet. Ein interessiertes Publikum hatte sich eingefunden. Auf der kleinen Holzplatte stehend, sorgte Losinger für Kinnladen, die erstaunt nach unter klappten. Mit zwei Klangstöcken und Flamenco-Schuhen bewaffnet, tanzte, stampfte, schlug und streichelte sie den musikalischen Fussboden. Die Musik klang wie in einem Spa-Bereich, in welchen ein iberischer Stier eingebrochen war. Teilweise Richtung Chillout und Jazz. Im nächsten Moment mischten sich Rock und Power in die Mixtur. Drei Klangkünstler am Bass, Schlagzeug und Keyboard begleiteten sie auf ihrem musikalischen Surfbrett. Die Band von Ania Losinger sind allesamt verdiente Virtuosen. Chrigel Bosshard an den Drums entlockte seiner Küche knackige Beats und akzentuierte Kicks. Björn Meyer zupfte den sechsseitigen sonoren Masseur der Seele. Und Seitlich angedockt, zwischen Fender Rhodes und Vibraphon, sorgte Mats Eser für einen melodischen Klangteppich. Der Auftritt war stimmig und mitreissend. Die Klangstöcke wurden manchmal zur Seite gelegt, damit Ania Losinger noch mehr Bewegungsfreiheit hatte. Der Tanz artete zuweilen zu ästhetischen Gymnastikübungen aus. Manchmal schnell, dann plötzlich wieder wie in Zeitlupe. Auch eine kleine Kritik sei angebracht Auf den Gesang wartete man leider vergeblich. Eine Band, die so stark, kreativ und frisch aufspielt, hätte sich mit einer singenden Person im Zentrum vielleicht noch die Krone aufgesetzt. Doch der Auftritt war so einmalig, dass dieser kleine Makel schnell vergessen ging. Die Band „NEN“ passt in keine Schublade, sie bewegen sich auf einem ganz anderen Level. Die Lieder gleichen einem Wellengang im Meer. Sanft und gemütlich tritt gegen stürmisch und wild in die Arena. Elegant, graziös und manchmal sportlich war die Darbietung der Frontfrau. Die Besucher waren begeistert und applaudierten laut. „Wir freuen uns unglaublich, dass wir heute hier spielen und den wunderschönen Raum mit unseren Klängen zu füllen“, richtete Ania Losinger zum Schluss das Wort an das Publikum. Der Applaus war „NEN“ sicher, denn dieser Auftritt ist mit nichts zu vergleichen. Das Konzert war, als hätte jemand musikalisch die Seele eines jeden Gastes persönlich massiert. Begeisterung pur, soviel stand definitiv fest.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.