Dank einer Handyvorwahl vom Herrenacker zum Partyacker

Lo & Leduc brachten gestern lastwagenweise gute Laune und Tanzstimmung ans «Stars in Town». Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

hardmeier+lo+leduc

Bild: Lo & Leduc am Stars in Town 2018. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«079 het sie gseit» und «Per favore», so klang es gestern Abend aus über 6500 Kehlen auf dem ausverkauften Herrenacker. Die Chartstürmer aus Bern namens Lo & Leduc feuerten einen Hit nach dem anderen aus ihrem musikalischen Maschinengewehr. «Sie sind besser als ‹Despacito› und besser als Ed Sheeran!», kündigte Moderator Alex Blunschi die Formation vollmundig an. Wer bei Konzertbeginn noch nach vorn an die Bühne wollte, hatte Pech. Es gab kein Durchkommen mehr, als die zwei Frontmänner loslegten. Sie wurden flankiert von einer achtköpfigen Band und einer stimmgewaltigen Backgroundsängerin. In der Munotstadt sind sie zudem nicht unbekannt. 2015
spielten sie bereits am «Stars in Town», und im vergangenen Dezember beehrten sie die Kammgarn. «Es ist ein Glücksfall, dass wir sie buchen konnten. Sie passen perfekt ins Programm», freute sich Mediensprecherin Nora Fuchs. Lo & Leduc spielten Popmusik, mischten diese mit Latino, Reggae, Hip-Hop und weiteren Elementen.Die Gute-Laune-Musik steckte an. Überall schwangen die Hüften und die Hände. Vor der Bühne, auf der VIP-Terrasse, in den offenen Fenster der Anwohner und selbst die Ameisen auf dem Platz schienen im Takt zu krabbeln. «O mein Gott, es ist so geil hier», freute sich Rapper Lo, bevor er eine kräftige Freestyle-Session einläutete. Und das ging so: Die Besucher riefen den Künstlern Begriffe zu, welche sie in den Raptext einbauen sollten.
«Hörnlisalat», «T-Shirt», «Tiramisu», «Bürzi» und weitere Kuriositäten galt es
einzubetten. Lo machte das so genial, dass Leduc kleinlaut murrte: «Nach so einer Show
komme ich mir immer ein wenig unspontan vor.»

hardmeier+luc+lo+leduc

Diabolisches Licht und Hüpfbefehl
Doch im diabolisch roten Licht startete er nun den Hit «Jung verdammt», bei welchem
die Textzeile «Rotes Chleid» so lautstark mitgesungen wurde, dass der Munot erzitterte.
Die zwei baten nun alle Besucher niederzuknien. «Die Stadtverwaltung hat gesagt, der
Platz sei schräg, wir müssen ihn nun geradestampfen », forderte Leduc, und die Gäste
hüpften auf Befehl kräftig auf und nieder. Als am Schluss nun der Chartstürmer «079»
erklang, gab es kein Halten her. «Schaffhausen, es war magisch», freute sich Leduc. «Wir
kommen gern nächstes und jedes Jahr danach wieder.»

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Samstag, 11. August 2018.

Theaterkritik: Tränen bei seinem Tod sieht er als Kompliment

Im Sommertheater „Krabat“ im Kanton St. Gallen ist der Schaffhauser Thomas Strehler gleichzeitig Schauspieler und Regieassistent. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

hermann+luc+hardmeier+krabat3

Haltet den Dieb! Soeben hat ein Jogger am Zürichsee einer Gruppe das Fleisch vom Grill gestohlen. Die Barbecue-Freunde sind entsetzt und der Jogger macht sich grinsend aus dem Staub. Die dreiste Aktion ist zum Glück nur gespielt. Es ist ein Werbespot für einen Schweizer Getränkehersteller, bei welchem ein Schaffhauser die Hauptrolle spielt. Der Fleischdieb nennt sich Thomas Strehler und ist nicht nur Werbegesicht, sondern hauptberuflich Schauspieler. Am Samstag konnte man ihn bei der Premiere des Freilichtspiels „Krabat“ von Otfried Preussler sehen. Das Sommertheater in Lichtensteig, Kanton St. Gallen, begeisterte 500 Zuschauer und hält Thomas Strehler mit einer Doppelfunktion auf Trab.

Berufsweg mit vielen Zwischenstopps

„Als ich während dem Casting einem Konkurrenten einen Tipp gab, engagierte mich der Regisseur gleich auch als seinen Assistenten“, erinnert sich Strehler schmunzelnd an sein Vorsprechen. Das ist nicht selbstverständlich, denn der 32-Jährige machte keinen klassischen Karriereweg. Er kommt ursprünglich aus Winterthur und hat eine KV-Ausbildung bei einer Versicherung gemacht. „Mein Traum war es TV-Moderator zu werden“, erzählt er. Vier Jahre arbeitete er beim SRF in der Sportredaktion, doch die Rolle hinter dem Mikrophon als Befrager reichte ihm nicht. Er warf den Job hin. Der Durst nach Abwechslung und der grossen Bühne brachte ihn zuerst nach Australien, dann an die Schauspielschule nach Berlin. 2014 wirkte er beim Sommertheater „Schwarzes Gold“ in Diessenhofen mit und zog nach Schaffhausen. „Der Rhein, die Offenheit der Menschen und die Gemütlichkeit sorgten dafür, dass ich mich in die Stadt verliebt habe und blieb“, schwärmt Strehler.

Teufel und Tränen

Zurück ins Jahr 2018: Regisseur Simon Keller wollte den Wahlschaffhauser für die Rolle des Tonda, der beste Freund der Hauptperson. In der düsteren Geschichte von „Krabat“ kommen zehn junge Burschen in den Kontakt mit einem Meister, der ihnen in seiner Mühle die dunkle Magie näherbringt. Er steht mit dem Teufel im Bunde und opfert jedes Jahr einen Jüngling. Der Protagonist Krabat versucht den Bann zu brechen. „Das Stück ist nur auf den ersten Blick schaurig“, so Strehler. „Die Liebe wird schlussendlich Krabat zum Sieg verhelfen.“ Seine Doppelfunktion war zwar anspruchsvoll, doch er konnte viel lernen und hat es geschätzt, Verantwortung zu übernehmen. „Viel wichtiger als Anweisungen ist die Harmonie unter den Schauspielern“, so eine seiner wichtigsten Erkenntnisse. „Künstler sind oft sehr eitel und emotional. Das muss man ausbalancieren als Regisseur.“ Auch selber trainierte er hart an sich. „Ich will Leute berühren und zum Mitfiebern bringen.“ Jemand sagte ihm nach der Premiere, er habe geweint beim Tod von Tonda. „Das war für mich das grösste Kompliment“, so Strehler. Wo er  als nächstes spielt, weiss er noch nicht. „Die Schauspielerei ist ein Abenteuer. Man weiss selten, wo man in einem halben Jahr steht.“ Er lässt aber durchblicken, dass er ein interessantes TV-Angebot erhalten hat und vielleicht auch wieder einmal als Jogger in einer Werbung auftaucht. Die nächste Vorstellung von „Krabat“ findet am kommenden Samstag statt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. Juli 2018.

 

Ein perfektes Liebeschaos

In einer sanft modernisierten Version von Shakespeares «Sommernachtstraum» begeisterte das Theater Kanton Zürich auf der Freilichtbühne vor der Mehrzweckhalle Marthalen die Zuschauer. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier

hardmeier+sommernachtstraum

«An diesem Sommerabend passt das Stück herrlich», sagte Silvia Müller, Gastspielorganisatorin vom Theater Kanton Zürich, erfreut. Das Ensemble ist derzeit auf Freilichttournee, welche 45 Vorstellungen umfasst. In Marthalen fand am Samstag vor der Mehrzweckhalle die 32. Aufführung statt.

Verfremdungseffekt wie bei Dürrenmatt

Das Stück orientiert sich am Original, wurde aber sanft modernisiert. Das Bühnenbild umfasste Sofas und Sitzkissen, welche die Baumstrünke imitierten. Eine zweiköpfige Band mit Puck am Mikrofon spielte fetzige Songs, und die Schauspieler lieferten mit
zeitgenössischen Sprüchen und Flüchen immer wieder humorvolle Einlagen. Nicht zuletzt wurde à la Brecht und Dürrenmatt der Verfremdungseffekt zentral eingebettet. Shakesåpeare hatte in seiner Version eine Theatergruppe eingebaut, welche in das Stück
verwickelt wird. In der Darstellung des Theaters Kanton Zürich wurde diese Episode von einer heutigen Regisseurin geleitet, die schimpfte, nörgelte und sogar einen Zuschauer aus Marthalen auf die Bühne holte.

Das verflixte Kraut

Die Handlung von Shakespeares Stück begeistert die Zuschauer seit Jahrhunderten. Es ist eine verzwickte Liebesgeschichte, die durch den Waldgeist Puck zum Liebeschaos wird. Doch der Reihe nach: Hermia ist verliebt in Lysander. Er ist ein Poet, ein Minnesänger und vergöttert seine Angebetete. Eigentlich wäre alles perfekt, doch ihr Vater Theseus, Herzog von Athen, hat andere Pläne. Er hat den selbstverliebten Demetrius für sie vorgesehen. Falls sie ablehnt, droht er ihr mit dem Tod. Hermia flieht mit Lysander in den Wald. Demetrius folgt den beiden heimlich. Im Schlepptau hat er Helena, welche unsterblich in ihn verliebt ist, jedoch von ihm verschmäht wird. Zwei Frauen, zwei Männer, die Gleichung scheint einfach. Der Elfenkönig Oberon will den Streit mit einem Zauberkraut schlichten. Sein Plan: Durch das Kraut verliebt sich Demetrius in Helena, lässt Hermia in Ruhe, und diese kann mit Lysander glücklich werden. Ausführen soll das Ganze der Waldgeist Puck. Als dieser jedoch die beiden Männer verwechselt, verliebt sich Lysander in Helena, und das Tohuwabohu beginnt.

«Die Geschichte gefällt mir so gut, weil sie sehr humorvoll ist und die Vielschichtigkeit der Liebe zeigt», erklärt Silvia Müller. «Es ist zeitlos und öffnet den Zuschauern die Herzen. » Die Marthaler spendeten zum Schluss viel Applaus, doch auch die Schauspieler
waren zufrieden. «Shakespeare ist mit den gereimten Texten anspruchsvoll, mit unserer modernen Adaption kam es bei den Besuchern aber gut an», erklärte Joachim Aeschlimann alias Lysander. «Unter freiem Himmel wirkt das Stück genial», ergänzte Marie Gesien, alias Helena. «Es gab von draussen zwar Störgeräusche, aber seit wir eine Aufführung neben einem hupenden WM-Autokorso überstanden
haben, kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. Juli 2018.

Die Spareribs-Grillweltmeister aus dem Weinland

Die «Smoker Dudes» stammen aus dem Zürcher Weinland. Seit sie am Grill stehen, mischen sie an Meisterschaften ganz vorne mit. Im irischen Limerick holten sie im Jahre 2017 gar den Weltmeistertitel. Im September brutzelt ihr Fleisch in Wil, sozusagen vor der Haustür. Von Hermann-Luc Hardmeier.

sn_smoker_WBQA Limerick 2017 1

Bild: Rangverkündigung an der Weltmeisterschaft 2017. (Foto: Smoker Dudes, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

BUCH AM IRCHEL. Es brutzelt und zischt auf dem Pellet-Smoker-Grill in Buch am Irchel. Im Schützenhaus arbeiten ein knappes Dutzend Freunde fieberhaft und mit Schweisstropfen auf der Stirn. Hier planen nicht etwa die Ocean’s Eleven den nächsten Bankraub, sondern das neunköpfige «Smoker Dudes»-Team bereitet sich auf die BBQ-Weltmeisterschaft in Limerick in Irland vor. Auf dem Balkon von Simon Ganz hatte alles sehr bescheiden angefangen. Zunächst trafen sich die Freunde einfach regelmässig zu Grillpartys. Im Militärdienst von Simon ging’s dann richtig los. «Ich hatte sehr viel Zeit, um mich mit den Geheimnissen des BBQ zu beschäftigen », sagt Simon Ganz. «Ich
recherchierte nach Rezepten und einem geeigneten Grill.» Eher aus Jux kaufte er
sich den Pellet-Smoker und überzeugte seine Freunde, bei den Schweizer Meisterschaften in Schaffhausen anzutreten.Und da sind die «Smoker Dudes» mit
ihren Spareribs dann gleich ganz steil eingestiegen. Sie wurden auf Anhieb
Vizemeister im Gesamtklassement der Amateure. «Wir waren selber erstaunt»,
erklärt Simon Ganz. «Das war unser erster Wettbewerb, an dem wir jemals teilgenommen hatten.» Die gewonnene Silbermedaille beflügelte das Team.

Spass statt Leistungsdruck

dav

Bild: So sehen Weltmeister aus! (Foto: Smoker Dudes, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Mittlerweile sind die Spareribs fertig an der Weltmeisterschaft in Irland. Es
kommt der entscheidende Moment. Die Jury kostet die Grilldelikatesse, und die
Augen der Geschmacksrichter beginnen zu funkeln. «Wir haben’s gerockt,
wir haben tatsächlich den Weltmeistertitel 2017 geholt», sagt Sebastian Braun
auch heute noch erfreut. «Ich denke, unser Erfolgsrezept sind die Gemütlichkeit
und der Spass, die im Zentrum stehen », sagt er ausserdem. Selbstverständlich bereiten die «Smoker Dudes» auch ausgezeichnetes Pulled Pork, Beef Brisket sowie Chicken,
Fisch und weitere Köstlichkeiten zu. Doch bei der Spareribs-Marinade und der eigens dafür entwickelten Barbecue-Sauce haben sie mit ihrem Geheimrezept offenbar ins Schwarze getroffen. «Eine solche Weltmeisterschaft durchzustehen, ist übrigens gar nicht so einfach », erklärt Patrick Brandenberger. Man sitzt nicht den ganzen Tag im Liegestuhl und wirft ein bisschen Holzkohle in den Grill.» Das Grillieren beginnt
bereits am Vortag mit der Zubereitung. Insgesamt steht das Team gut
bis zu 48 Stunden am Pellet-Grill und muss bereits am Vormittag des ersten
Tages der Jury einen Gang servieren. «Das geht dann sogar so weit, dass man
selber gar nicht mehr gross Lust auf Fleisch hat», sagt Sebastian Braun.
Doch bei den Vorbereitungen einen Monat vorher werde dafür umso mehr
geschlemmt.

Finger weg von Fertigsaucen

Die «Smoker Dudes» grillen auf amerikanische Art und Weise. Das heisst,
es wird süss gewürzt und bei niedrigen Temperaturen gegart. Weil sie aus Spass
und nicht aus beruflichen Gründen das Fleisch brutzeln lassen, können sie ihre
ganze Aufmerksamkeit und Leidenschaft einsetzen. Und dies ist denn auch
ihr wertvollster Tipp für Hobbygriller. «Geduld, Geduld und noch einmal Geduld!
Ein gutes Stück Fleisch nehmen, und auf gar keinen Fall fertig marinierte
Steaks verwenden», sagt Simon Ganz. «Ich ermuntere alle zum kreativen Ausprobieren,
dann klappt das mit dem kulinarischen Höhenflug.»

Die «Smoker Dudes» wollen Pokal

Und wem nun das Wasser im Munde zusammengelaufen ist, wer nun unbedingt
die Spareribs von den «Smoker Dudes» probieren will, dem seien der 1. und der 2. September empfohlen, um nach Wil zu pilgern. Dort findet nämlich die SBA Schweizer Grill- und BBQ-Meisterschaft 2018 statt, und die «Smoker Dudes» werden mit dabei sein im Rennen um den Pokal.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 27. Juni 2018.

Ritter besiegt laktoseintoleranten Drachen

Sechs Wortkünstler überboten sich am Donnerstag beim ersten Poetry-Slam in der Rhybadi Schaffhausen mit ihren assoziativen Spielereien. Der Klamauk streifte bisweilen den Ernst, und das Publikum fühlte sich bestens unterhalten. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

hermann+luc+hardmeier+rhybadislam

Foto: Der Moderator heizt das Publikum auf dem schwimmenden Floss ein. (Bild: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«Wow!» So enthusiastisch begrüsste der Moderator die Gäste in der Rhybadi. Am Donnerstagabend bildete ein kleines Floss mitsamt Sofa, Mikrofon und Stehlampe die Bühne für sechs Slampoeten aus der ganzen Deutschschweiz. Die Gäste waren zahlreich, die Temperaturen perfekt.

Nachdem Lillemor Kausch als Opferlamm die Jury und das Publikum mit einer bizarren Story über eine Hochzeit im konservativen Appenzellerland eingestimmt hatte, trug der Zürcher Gregor Stäheli seinen ersten Text vor. Es war eine gekonnte Parodie auf alle Kinder, die von ihren Eltern zu stark behütet sind, und endete damit, wie er sich von seinem Jugendidol Meister Proper emanzipierte, mit Schleifpapier zwischen den Beinen einen Marathon lief und auf einer Giraffe in den Sonnenuntergang ritt. Darauf folgte Remo Zumstein aus Bern. Er hatte Reime und Wortspiele zum Thema Vaterschaftsurlaub im Gepäck. Er forderte mehr Anerkennung für Väter, denn auch er könne «görpsen» und Bauklötze mit seinen Fingerchen halten.

zitat+hardmeier

Die Grenzen der Lachmuskeln

Nach diesen zwei extrem humorvollen Texten zeigte Sarah Altenaichinger, dass es auch ernsthaft ging. «Der Tag dehnt sich endlos wie Lakritze» und «Der Sommer stöhnt wie ein Tier unter der Hitze» sind nur zwei Leckerbissen ihrer poetischen Reise durch den heissesten Monat des Jahres. Pierre Lippuner aus St. Gallen liess die Besucher abstimmen, ob sie einen Text auf St. Galler Mundart, ein ernstes Thema oder einen «Extrem-Daneben»-Slam hören wollten. Natürlich entschieden sich die Zuhörer für die dritte Version und durften einen bitterbösen Brief an eine Exfreundin in voller Länge geniessen. Remo Rickenbacher aus Thun brachte die Lachmuskeln an ihre Grenzen, als er erzählte, wie er sich gegen Cybermobbing wehrte. Ein Video von seinem Absturz an einer WG-Party liess er verbal rückwärtslaufen und demonstrierte, wie schön er den Kühlschrank und den Teppich reinigte und – abgesehen von ein paar misslungenen Tanzschritten – sogar eine fremde Frau, ohne eine Ohrfeige einzufangen, küssen durfte. Rhea Seleger aus Zürich schliesslich zeigte in ihrer Niederschrift auf, dass man bei den Eltern vieles als selbstverständlich erachtet, was keinesfalls selbstverständlich ist.Eine zufällig ausgewählte Publikumsjury bewertete jeden Auftritt mit Noten. Vier Kandidaten schafften es ins Halbfinale. Im Finale landeten Gregor Stäheli und Remo Rickenbacher. Der Zürcher schlug mit seinem Rittertext über den furchtsamen Frederick, der mit einer Milchschnitte den laktoseintoleranten Drachen besiegte, den kreativen Mitmach-Text des Thuners. Verdient wurde Gregor Stäheli auf dem Floss zum ersten Sieger des Rhybadi-Slams gekürt. Doch der wahre Gewinner beim Poetry-Slam ist wie immer das geniessende Publikum.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 23. Juni 2018.

Mit der Zeitmaschine nach Woodstock

Flower-Power mit älteren Herren in der Kammgarn: Die Band Canned Heat, die mit ihren Hits eine ganze Epoche prägte, macht im Rahmen ihrer Europatournee auch in Schaffhausen halt. Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier.

hardmeier+hermann+luc+cannedheat

Wow, das war eine abgefahrene Zeit! Woodstock 1969. Das bisher grösste Flower-Power-Festival lockte 400 000 Besucher an und gilt bis heute als einer der Höhepunkte der Hippiebewegung. Bei sommerlichen Temperaturen im August zelebrierte die Partymeute gute Musik und freie Liebe. 32 Bands spielten damals für die Festivalbesucher. Darunter Canned Heat, die im selben Jahr ihren grössten
Hit «Going up the Country» herausgebracht hatte. Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. Verschiedene Bandmitglieder – unter anderem Frontmann Bob Hite – starben an den Spätfolgen ihres Drogenkonsums. Von den Woodstockbands touren nur noch zwei durch die Welt. Eine davon ist Ten Years After, die andere nennt sich Brennpaste in Blechdosen.
Oder zu Deutsch: Canned Heat.

Am heute machen sie im Rahmen ihrer aktuellen Europatournee in der Kammgarn halt. Ein Grund für die Munotstadt, kollektiv die Peace-Flaggen an die Fenster zu hängen und die Schlaghosen aus dem Kleiderschrank zu nehmen. Doch wie kommt es, dass eine 1967 gegründete Formation bis heute gefragt ist?

Von den Gründern nur noch einer dabei

«Canned Heat haben so viele Hits produziert, dass sie die Epoche prägten», erklärt
Sabine Trunzer vom Management der Band. «Sie sind ihren Wurzeln treu geblieben. Man
erkennt sie an den ersten zwei Tönen ihrer Songs.» Wer jetzt glaubt, man sehe an den
Konzerten nur Rentner mit Blumenkränzen im Haar, der irrt sich gewaltig. «Wir stellen
fest, dass die Musik auch viele Junge begeistert », so Sabine Trunzer weiter. «Sehr auffällig ist das etwa in Frankreich, wo der Altersdurchschnitt fast wie damals in Woodstock selber ist.» Wegen Todesfällen und Austritten ist von der Gründerformation nur noch Bassist Larry Taylor dabei. Verstärkt wird er aber von Urgestein Adolfo «Fito» del Parra. Dieser hatte kurz vor Woodstock Frank Cook ersetzt, doch er wollte zunächst nicht am Open Air auftreten. Die Band hatte seiner Meinung nach zu wenig geprobt. Er drohte, aus der Formation auszusteigen, und konnte nur durch den damaligen Manager Skyp Taylor überzeugt werden. Dieser schloss mit dem Generalschlüssel das Hotelzimmer
auf, überrumpelte den widerspenstigen Drummer und verfrachtete ihn mitsamt den anderen Musikern in den nächsten Helikopter nach Woodstock. Doch diese wilden
Zeiten sind vorbei. Das Quartett ist mittlerweile brav, und die zwei Urgesteine werden
verstärkt von John Paulus, zehn Jahre Hausbassist bei John Mayall, und Dale Spalding
aus Texas, einem der namhaftesten Mundharmonikaspieler aus dem Süden der USA. Canned Heat haben Bluesrock mit Boogie kombiniert. Sie setzten Mundharmonika und Flöten ein, was zur Kombination aus sanften Klängen mit deftigem Tiefgang führte. An den Auftritten fühlt man sich beinahe in die Swinging Sixties verfrachtet. Einziger Wermutstropfen ist jeweils der Abschiedsgruss der Band. Früher beendete Bob Hite das Konzert mit den Worten «And don’t forget to boogie!» Heute nehmen die Besucher diese Botschaft in den Herzen mit nach Hause.

Von Hermann-Luc Hardmeier, Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 4. Juni 2018.

„Ich gab der Bachelorette nur eine Chance von 0.1%“

Mario Osmakcic aus Rafz ist kein Softie. Bei der aktuellen Bachelorette-Staffel auf 3+ sagt er klar seine Meinung und erlebte deshalb in der Berufswelt eine Überraschung. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Mario_Bachelorette

Bild: Derzeit noch im Rennen: Mario Osmakcic (Foto: Hermann-Luc Hardmeier)

„Der Typ hat mein Date gecrasht. Das fand ich voll daneben.“ Mario Osmakcic findet auch heute noch klare Worte, als er über seine Erlebnisse bei der aktuellen Bachelorette-Staffel spricht. Der Rafzer mit kroatischen Wurzeln musste seinen Platz am Frühstückstisch mit Bachelorette Adela räumen, weil Konkurrent Giusi eine Joker-Rose eingesetzt hatte. Auch mit markigen Sprüchen wie „Ich hatte Sex auf einem Kinderspielplatz“ und „Du gsesch mega schöns Kleid“ bei der ersten Begegnung mit Adela ist er aufgefallen. Doch im echten Leben ist Mario kein Mensch, der den Duden mit der Kettensäge bearbeitet oder hauptberuflich das weibliche Geschlecht reiheinweise in Ohnmacht fallen lässt. Er studiert Wirtschaftsinformatik an der ZHAW in Winterthur, arbeitet beim Coop an der Kasse und wurde im Alter von 14 Jahren Junior Schweizermeister im Tennis. Die Frage drängt sich auf: Wie kommt ein intelligenter Mensch dazu, bei der Trashsendung Bachelorette mitzuwirken? Sind bei Mario alle Sicherungen auf einmal durchgebrannt? „Nein, natürlich nicht“, lacht der 21-Jährige. Ein Kumpel hat mich aus Jux angemeldet. Als 3+ anrief, war ich total überrumpelt und sagte mir: Warum nicht. Ich bin jemand, der offen ist und sehr gerne auffällt. Das Unbekannte hat mich gereizt.“ In der Sendung polarisiert Mario. Einige finden ihn ultimativ witzig und vergleichen ihn sogar mit Ex-Bachelor Vujo Gavric. Andere empfinden seine Art als arrogant. Ein Beispiel gefällig? Adela: „Mario, hast du in der Schweiz überhaupt Zeit für mich?“. Mario: „Nein, eigentlich nicht.“

Hat Mario gewonnen?

Laut der Eigenwerbung von 3+ ist Adela mit 21 Kandidaten in Thailand, um ihre wahre Liebe zu finden. Wie sieht das bei Mario aus? Hat er sich in Phuket verzaubern lassen? Funktioniert Liebe auf Knopfdruck? „Ich gab der Bachelorette nur eine Chance von 0.1%. Ich war dann total überrascht, dass sie auch aus dem Balkan kommt, sehr hübsch und offen ist sowie eine mega Ausstrahlung besitzt.“ Hoppla, Mario, das klingt aber schon nach Schmetterlingen im Bauch. Hört sich schon fast ein wenig siegessicher an… „Ich darf laut Vertrag nicht verraten, wer gewonnen hat oder ob ich am kommenden Montag rausfliege. Aber ein bisschen verliebt habe ich mich schon.“ In einem Nebensatz fügt der 1.90 Meter grosse Sportler noch an: „Aber sie ist schon ein bisschen klein für mich.“

Selfies auf der Strasse

Was ist eigentlich echt in der Sendung? Was ist inszeniert? Laut Mario geben die Produzenten den Kandidaten vor den Dates Tipps für Gesprächsthemen und machen Vorschläge. „Es ist aber nichts gescripted.“ Man könne frei reden und theoretisch auch „Stopp“ sagen. „Das macht aber niemand.“ Zudem lassen die vielen Cocktails in der Sendung erahnen, was noch mitspielt. „Ich war zu Beginn sehr nervös wegen der Filmerei. 2-3 Schlückli vor dem Dreh lockern uns jeweils die Zunge. So entstehen auch einige der Kultsprüche der Kandidaten“, erinnert sich Mario amüsiert. Kritik fürchtet er dafür keine: Mich kann man gar nicht negativ darstellen. Und wenn, dann ist‘s mir Pipegal. Presse ist Presse.“ Der Student ist nun ein B-Promi. Er wollte auffallen, das hat er geschafft. In Rafz und schweizweit kennt ihn fast jeder. Unbekannte machen Selfies mit ihm auf der Strasse und seine Fangemeinde auf Instagram wächst. Zwischenstand:         20 000 Follower. Während dem Interview kommen 10 neue dazu. Leben kann er vom Ruhm jedoch noch nicht. Aber an seinem letzten Bewerbungsgespräch erlebte er dann doch eine Überraschung: „Ratet mal, was der Personalchef mich als letztes gefragt hat“, schmunzelt Mario. „Sind sie nicht…?“ Die Bewerbung ist noch offen. Ob Mario am Montag rausfliegt oder am Schluss gewinnt, übrigens auch.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 26. Mai 2018.

Patrice katapultierte die Zuhörer an die gemütlichen Strände Jamaikas

Reggae in Schaffhausen, das bedeutet nach wie vor: Gute Laune auf Knopfdruck. Schon bei den ersten Klängen des DJ-Teams „Silly Walks Discotheque“ begannen die Gäste in der Kammgarn zu tanzen. Gemütlich kreisten die Hüften und bei den bekannten Refrains wurde bereits kurz nach Türöffnung mitgesungen. Die Zuschauer waren somit perfekt eingestimmt, als kurz vor elf der Star des Abends die Bühne betrat. Im ersten Moment war da eine kleine Enttäuschung. Patrice kam nicht mit Band, sondern die DJs waren weiterhin für das musikalische Fundament zuständig. Im zweiten Moment rückte dies jedoch wieder in den Hintergrund. Patrice zog mit seiner einzigarten Stimme die Zuhörer so in den Bann, dass man sich sofort auf der Reise an die karibischen Strände von Jamaika befand. Patrice sang auf Englisch und Patois, zur Begrüssung fiel er aber kurz aus seiner Rolle: „Schaffhausen, was geht ab?“ , wollte er wissen und ein begeisterter Jubel kam ihm entgegen. Eigentlich kommt der Künstler aus Deutschland, lebte aber auch schon in Paris und New York. Zehn Alben und diverse Hitsingles darf er sein eigen nennen. Spannend ist nicht nur seine Musik, sondern auch sein bürgerlicher Name. In voller Länge heisst der Künstler Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams. Während Gaston der Vorname seines Vaters ist, bedeutet der afrikanische Name Babatunde so viel wie Wiedergeburt. Er kam nämlich exakt am Tag auf die Welt, als sein Grossvater starb. Patrice schliesslich bezieht sich auf den kongolesischen Freiheitsheld Patrice Lumuba. Am Samstagabend kamen die Fans von Livemusik schliesslich doch noch auf ihre Kosten. Nach einigen Liedern griff Patrice zur Gitarre und spielte ohne DJs mehrere Stücke. Dies war eine gute Abwechslung zum Partysound und wirkte dank der sanften und eindringlichen Stimme des Künstlers druckvoll, dynamisch und harmonisch. Als er danach unterstützt von den Plattenlegern einstieg, riss es auch den letzten Gast aus den Socken. Es wurde gefeiert, gesprungen und mitgesungen. Die Dramaturgie des Abends war perfekt gelungen. Vom gemütlichen Reggae steigerte Patrice das Tempo bis hin zum fiebrigen Dancehall. Hie und da mit Jazz oder HipHop-Elementen gewürzt, ergab das eine brodelnde Partysuppe, die vorzüglich schmeckte. Genau ein Jahr nach der ausverkauften Wahnsinnshow von Gentleman hatte die Kammgarn erneut die Hütte zum Schwitzen und Feiern gebracht. Patrice spielte im Juli 2008 im musikalischen Vorprogramm für den Auftritt von Barack Obama an der Berliner Siegessäule vor mehr als 200 000 Menschen. Angesichts der Euphorie, die er auslöst, hätte es nicht verwundert, wenn die Fans von Obama, angestachelt vom Reggaekünstler, anstatt „Yes we can“ gleich auch noch „Yes we dance!“ gerufen hätten. Patrice war damals natürlich nicht zufällig ausgewählt worden. Der Künstler äussert sich in den Songs und in Interviews immer wieder politisch. Nationalismus hat er einmal als „Müll“ bezeichnet. „Man darf stolz sein auf eigene Leistung, ja. Aber nicht darauf, irgendwo geboren zu sein.“ Zudem erschien 2008 sein Song „Dove of Peace“, in welchem er die Politik von George W. Bush kritisierte. In der Kammgarn war die Politik an diesem Abend jedoch nicht auf der Bühne, sondern kuschelte sich fidel am karibischen Strand auf einem Liegestuhl und schlürfte vergnügt einen kühlen Cocktail. Bob Marleys Philosophie „One love, one heart, one destiny“ und „Love the live you live“ waren das Motto des Abends. Patrice hatte die Fähigkeit, das Publikum zu verzaubern und schickte sie nach seinem gelungen Konzert begeistert nach Hause.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 30. April in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Flöten-Folter, Unterleibsprobleme und Beuteschemen im Skilager

Am Freitagabend trat die Schaffhauser Comedian und Bloggerin Pony M. in der ausverkauften Kammgarn auf. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Hallo, hoi! Es ist so schön, zuhause zu sein!“ Pony M. begrüsste die Kammgarn herzlich und erhielt gleich zu Beginn begeisterten Applaus vom vollen Haus. Seit sie 2013 ihr Leben über den Haufen geworfen hat und ihren Job als Psychologin an den Nagel hängte, ist viel passiert. Mit über 64 000 Followern auf Facebook und ihrem Blog auf Watson zählt sie heute zu den erfolgreichsten Bloggern der Schweiz. Derzeit ist sie mit ihrem Programm „Dini Muetter“ auf Tournee und zeigte in der Kammgarn einen Querschnitt durch ihr Werk. Pony M. alias Yonni Meyer erzählte aus ihrer Vergangenheit, gab Alltagsbeobachtungen zum Besten, philosophiert und garnierte ihre scharfzüngigen Kommentare mit einer kräftigen Portion Humor. „Was macht einen echten Schweizer aus?“, war einer der ersten Fragen, die sie in den Raum warf. Sie bediente nun nicht etwa Klischees wie Käsefondue und Jodelvereine, sondern sprach über Skilager, Schulausflüge ins Technorama und Blockflötenunterricht. Sie gestand wildromantische Gefühle für einen der damaligen Lagerleiter. „Hmm, er ist wohl heute 60. Er war damals mein Beuteschema. Heute bin ich möglicherweise seins“, resümierte sie lakonisch. Die Zuhörer schwelgten in Erinnerungen und kugelten sich vor Lachen, als sie detailliert über verkochten Riz Casimir, lauwarmen Sirup aus der Thermoflasche und das Blockflötenspiel an Weihnachten im Familienkreis sprach. Die akustische Flöten-Folter beschrieb sie in allen Details. „Ich litt, die Zuhörer litten und auch die Blockflöte. Manchmal frage ich mich, wie es in so einem vollgespuckten Holzkörper wohl aussieht?“

hardmeier+ponyM

Bild: Evelyn Kutschera

Herr Kunz und sein Koffer

Die Lesung des Abends fand auf zwei Ebenen statt. Einerseits wurden viele Geschichten aus ihrem Zyklus präsentiert, andererseits bestimmte die Story des Geschäftsmannes Herr Kunz die Show. Dieser hatte seinen Koffer beim Flug verloren und mutierte ohne Handy sowie Laptop gezwungenermassen zum Offline-Abenteurer. Häppchenweise erfuhr das Publikum über die ganze Vorstellung verstreut, wie es Herrn Kunz ergangen war. Eins der Highlights des Abends waren sicherlich auch ihre Beobachtungen im Mikrokosmos Krankenzimmer. Welche typischen Menschen trifft man im ärztlichen Warteraum? Heiteres Gelächter brach aus, als Pony M. über den „Plauderi“, den „Google-Hypochonder“ und die „Telefoniererin“ sprach. Letztgenannte spricht mit leiser Stimme und geheimen Codes über Beziehungskrach und Unterleibsprobleme. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen erahnen die Zuhörer vieles. Leider zu viel. Pony M. sorgte nicht nur für amüsante Unterhaltung, sondern forderte auch zum Perspektivenwechsel auf. „Vielleicht sind Fünflieber perverse Münzen, die von dir am Selecta-Automaten gerieben werden wollen. Vielleicht wollen die Ramseiers mal etwas anderes, als grasen gehen. Beispielsweise ins Alpamare. Und vielleicht spricht Bundesrat Johann Schneider-Ammann nicht unheimlich langsam, sondern wir alle einfach unheimlich schnell.“ Man hätte gerne noch lange zugehört, doch Herr Kunz hatte sich mittlerweile mit seinem Offline-Leben angefreundet. Er genoss sein analoges Dasein und verzichtete zukünftig auf die geschäftliche Erreichbarkeit in seiner Freizeit. Vielleicht war dies eine der Hauptbotschaften von Pony M. für die Besucher. Wir haben ein schönes Leben. Aber es würde nicht schaden, die Augen zu öffnen und uns mehr mit anderen Menschen, anstatt mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8.Mai 2018.

hermann+luc+hardmeier+ponym

Und so fand Pony M. meinen Bericht. Besten Dank, ich fands auch einen superstarken Abend!

Wohl die amüsanteste Pause in der Geschichte des Stadttheaters

Die Satirekünstler Mike Müller und Viktor Giacobbo legten sich am Donnerstag im Stadttheater auf die Therapiecouch. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

hermann+luc+hardmeier+giacobbo

(Foto: Selwyn Hoffmann. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Ihr seid kein Publikum, ihr seid bloss Gaffer!“ Mit markigen Worten ging Mike Müller in der zweiten Halbzeit auf die Gäste im Stadttheater los. Und Viktor Giacobbo ergänzte: „Ihr seid schuld daran, dass wir uns nicht mehr vertragen.“ Die Köpfe waren rot, die Stimmen laut und die Therapie der zwei Schauspieler schien kurz vor dem Scheitern. Doch was hatte zu diesem Eklat geführt? Am besten gehen wir der Reihe nach. Von 2008 bis 2016 flimmerte acht Jahre lang am Sonntagabend die Satiresendung Giacobbo/Müller auf SRF in die Wohnzimmer. Plötzlich war Schluss. Die zwei Künstler waren befreit und hatten nun Zeit für neue Projekte. Doch auf ihrer „Therapy Tour“ erzählen die zwei eine ganz andere Geschichte. Mit Dominique Müller von der fiktiven „Darsteller und Mimengesellschaft“ arbeiten die Satire-Rentner an ihrem Comeback auf der Theaterbühne. Damit ihnen der Verband diese Neuorientierung gestattet, sind sie zu Therapiesitzungen mit Dominque Müller verpflichtet. „Mike hat derzeit nur eine provisorische Betriebsbewilligung, und Viktor mussten wir mit der Spitex herbringen lassen“, scherzte der Therapeut über seine Patienten. Völlig ratlos standen die zwei vor dem Publikum, weil ihnen ihre Bürostühle von ihrer alten Sendung nach dem Betreten der Bühne nicht zur Verfügung standen. Als Mike sodann auch seine geliebte Kaffeemaschine nirgends finden konnte, verlor er die Fassung. Müller und Giacobbo nörgelten solange herum, bis ihnen der Therapeut nicht nur die Originalstühle aus der Sendung, sondern auch die Kaffeemaschine vor die Nase stellte. 1:0 für die Schauspieler. Doch es sollte nicht der letzte Streich des selbsternannten Mediziners gewesen sein. Dani Ziegler, der musikalische Sidekick aus der Sendung, brachte seine zwei ehemaligen Chefs aus der Ruhe. „Nur wegen deiner ewigen negativen Einstellung habe ich zugenommen“, warf ihm Mike Müller vor. Doch der Bassist war in Höchstform. Ziegler schwärmte von seinem Soloprogramm und liess sich ausgiebig über die Marotten seiner Ex-Bosse aus. In kleinen Portionen schlüpften Giacobbo und Müller in ihre Kultrollen Fredy Hinz, Toni Brunner und Hanspeter Burri. Sie stritten, debattierten und sorgten für viele Lacher im Verlaufe des Abends. Die zwei stärksten Momente der Show waren sicherlich, als sich die zwei Schauspieler schlagfertig den Fragen der Zuschauer stellten und als sie die ganze Pause durchspielten. Kaum einer im Publikum wagte aufzustehen. Denn jeder, der ein Getränk holen oder aus WC gehen wollte, wurde gnadenlos und scharfzüngig ins Visier genommen. Das war wahrscheinlich die amüsanteste Pause, die es jemals im Stadttheater Schaffhausen gegeben hat. Ob die zwei ihre Bühnenlizenz schlussendlich erhalten haben und ob die Therapie geglückt ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 28. April 2018.