Es gab im Zweiten Weltkrieg kein explizites «stay at home»-Gebot

Das Notrecht des Bundesrates und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens: Immer wieder werden Parallelen zwischen der Corona-Krise und dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Vier Schaffhauser Historiker äussern sich dazu, ob dieser Vergleich zulässig ist. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Das waren nicht sieben Bundesräte, das waren sieben Diktatoren“, erzählte eine Zeitzeugin, deren Familie während dem 2. Weltkrieg einen Teil ihrer Ernte an den Staat abgeben musste. Das Notrecht und die behördlichen Massnahmen sorgten damals für ähnlich viel Gesprächsstoff wie heute während der Coronakrise. Doch kann man aus historischer Sicht zwischen 2020 und den Kriegsjahren 1939 bis 1945 überhaupt Parallelen ziehen? „Das ist kaum miteinander vergleichbar, ausser man übernähme die politische Rhetorik, die von einem „Krieg“ gegen das Coronavirus spricht“, erklärt Staatsarchivar Roland E. Hofer. „Was sich am ehesten vergleichen lässt, ist die Ausnahmesituation.“ Historiker Matthias Wipf erklärt die damalige Bedrohungslage: «Die Unsicherheit und Nervosität der Menschen lag daran, dass unser Land während des 2. Weltkriegs von den Achsenmächten fast gänzlich umschlossen war. An den Brücken über den Rhein waren Sprengladungen und man fühlte sich als Zitat ‚verlorenen Zipfel jenseits des Rheins‘. Mit einem Angriff von Hitler musste man fast immer rechnen. Das ist dann doch nochmals eine andere Situation als bei Corona!» Die Unsicherheit von damals und heute, so Wipf weiter, habe zudem einen entscheidenden Unterschied: „Während der Kriegsjahre konnte der Feind – die Nazis – klar benannt werden. Während die Ängste heute sehr diffus sind.“

Foto: Bericht über die Mobilmachung der Schweizer Armee im 2. Weltkrieg in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“. (Quelle: www.shn.ch)

Hamsterkäufe und die SBB

2020 sollen die Menschen zu Hause bleiben, Distanz halten und sich nicht in Gruppen mit mehr als fünf Menschen treffen. Sind diese Massnahmen ähnlich wie jene der Kriegsjahre? „Es gab damals zwar kein explizites Stay-at-Home-Gebot, aber im zweiten Weltkrieg wurden die persönlichen Freiheiten ebenfalls stark eingeschränkt“, erklärt Historiker Eduard Joos. Allerdings auf eine andere Art und Weise als heute: „Durch die Generalmobilmachung wurden 700 000 Schweizer in den Militärdienst aufgeboten. Diese Männer fehlten sodann in der Familie und auch am Arbeitsplatz.» Gemeinsamkeiten sieht er in der Sperrung der Grenzen und der tageweisen Schliessung der Schulen. Allerdings hat dies einen ganz anderen Hintergrund: „Aus Mangel an Heizkohle wurde der Schulbetrieb zeitweise auf fünf Tage beschränkt.“ Den Hauptunterschied sieht er allerdings beim Einkaufen: „Die Lebensmittelrationierung fast aller Güter des täglichen Bedarfs verhinderte Hamsterkäufe. Ohne die pro Person zugeteilten Rationierungsmarken gab es nichts mehr zu kaufen. Montag, Mittwoch und Freitag waren fleischlose Tage. In unserer Bäckerei hing der Spruch: „Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart.“ Das ist der grösste Unterschied zur Coronakrise, in der es keinen Lebensmittelmangel gibt. Altstoffsammlungen wurden durchgeführt, Gebrauchsgegenstände sorgfältig repariert.» Als ganz wichtigen Punkt nennt Eduard Joos, dass die Krise auch einen Fortschritt erzwang: «Die SBB rüstet innert Kürze ihre Dampflokomotiven auf Elektroloks um. Elektrizität war dank der Stauwerke genügend vorhanden. Kohle hingegen musste importiert werden.»

Foto: Lebensmittelkarte von 1941 (Quelle: Staatsarchiv Schaffhausen)

Andere Bedeutung der Kinos

Interessant ist, dass das gesellschaftliche Leben im 2. Weltkrieg nicht stillstand. „Vorträge, Veranstaltungen, Kino- und Museumsbesuche, Sportanlässe und sonstige gesellschaftliche Zusammenkünfte fanden trotz Krieg statt“, erklärt Mattias Wipf. Die sechs Schaffhauser Kinos spielten dabei eine wichtige Rolle: „Das Kino galt als Medium der Zerstreuung, um den Kriegsalltag zu meistern und stärkte somit den Durchhaltewillen“, so Roland E. Hofer. Insofern ist das ein gewichtiger Unterschied zur Coronakrise. Allerdings liefen damals im Kino nicht Actionfilme, sondern das Highlight war die 12-minütige Wochenschau, welche die Ereignisse der vergangenen Woche zusammenfasste. Auch Partys mit DJs und regelmässige Konzerte kannte man damals nicht. „Man tanzte allenfalls im Sommer auf dem Munot“, erklärte Eduard Joos. „Das kulturelle Leben war im Vergleich zu heute natürlich eher bescheiden.“

Häufige Strafen

Wer die Abstandsregeln nicht einhält, kann während der Coronakrise eine Geldstrafe erhalten. Wie hart gingen die Behörden 1939-1945 mit Gesetzesübertretern um?  „Die Polizeitrapporte der Landjägerstationen im Kanton zeigen, dass immer wieder Bussen wegen Vergehens gegen Rationierungsvorschriften und Verdunkelungszwang verhängt werden mussten“, erklärt Roland E. Hofer.

Bundesrat in der Kritik

Dies soll aber nicht heissen, dass man wütend auf den Bundesrat gewesen sei. Nein, viel eher wurden die behördlichen Massnahmen zu einer Normalität und das Bedürfnis wuchs, sie zu umgehen. «In den 1930er/1940er Jahren hinterfragte man die Anweisungen der politischen und militärischen Behörden viel weniger», sagt Matthias Wipf.» Man vertraute darauf, dass diese schon richtig waren. Wenn man Zeitzeugen von damals befragt, ob sie überzeugt gewesen seien vom Réduit-Plan General Guisans, von der Verdunkelung oder auch von Massnahmen wie der Pressezensur, dann antworten sie ganz klar: Man habe die Anordnungen halt einfach befolgt.» Trotzdem schwankte laut Roland E. Hofer das Bild des Bundesrates aber auch zwischendurch: „Einen Tiefpunkt erreichte es nach der für die Zeitgenossen völlig überraschenden Niederlage Frankreichs mit der Rede von Bundesrat Pilet-Golaz am 25. Juni 1940“, so Hofer. „Die Ansprache war so ungeschickt formuliert, dass daraus geschlossen werden konnte, der Bundesrat befürworte die Annäherung an das Dritte Reich und sei sogar teilweise zur Aufgabe der Eigenständigkeit der Schweiz bereit.“ 2020 erlangt Daniel Koch, der Direktor des BAG (Bundesamt für Gesundheit) mit dem Spitznamen „Mr. Corona“ fast schon Kultstatus. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Gab es in der Politik in den 40er-Jahren auch eine solche Symbolfigur?  „Der in weiten Kreisen unbestrittene Held, der den Bundesrat in den Hintergrund drängte und dessen Bild in vielen Häusern hing, war General Guisan“, konstatiert Roland E. Hofer. Er war nicht nur Sympathieträger, sondern wurde „dank kluger medialer Inszenierung zum Führer des Widerstandes“.

Spanische Grippe

Laut den Schaffhauser Historikern gibt es viele Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Corona und dem 2. Weltkrieg. Stadtarchivar Peter Scheck sieht dies anders und winkt beim Vergleich kategorisch ab: „Die Massnahmen und Reaktionen zeigen vielmehr interessante Parallelen zur Spanischen Grippe von 1918. Eine Pandemie, der schweizweit 25 000 und weltweit 50 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen.“ Laut Peter Scheck reagierten der Bundesrat und die Kantone 1918 zu zögerlich. Doch danach schnell und konsequent: Versammlungsverbot, Schulschliessung, Gottesdienste und Feste mussten abgesagt, Telefonhörer regelmässig desinfiziert werden. «Bei Missachtung drohten drakonische Bussen», so Scheck. «5000 Franken oder alternativ drei Monate Gefängnis.» Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals 250 Franken im Jahr. Auch die Verharmlosung zu Beginn der Krise schlug sich in einem Schaffhauser Leserbrief von 15. August 1918 nieder: „Alles nur wegen der bösen Grippe (…). Was schert uns die Grippe. Unsere weise Obrigkeit wird schon dafür sorgen, dass die Krankheit am Rheine Halt macht.“

Foto: Tote durch die Spanische Grippe in Schaffhausen. (Quelle: Staatsarchiv Schaffhausen)

Normalität liess auf sich warten

Peter Scheck unterstreicht zudem, dass es fast ein Jahr ging, bis nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe das Leben in der Gesellschaft wieder seinen normalen Lauf nahm. Im 2. Weltkrieg war das noch extremer. „Der Bundesrat hat offenbar gefallen am Notrecht gefunden“, erklärt Mattias Wipf. Erst sieben Jahre nach Kriegsende beendete die Volksinitiative mit dem Titel „Rückkehr zur Demokratie“ das Regime der Vollmachtserlasse. Insofern sind wir 2020 in einer komfortablen Lage, dass wir uns über einige Wochen bis Monate des Stillstandes, der wirtschaftlichen Einbussen, aber auch der Entschleunigung ärgern.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 15. April 2020.

Loco Escrito: Der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung

Am Samstagabend rockte Sänger Loco Escrito trotz Heiserkeit die Kammgarn. Er sang nicht nur über Liebe, sondern nahm auch das Corona-Virus ins Visier. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Coolness gemixt mit Latinopower. Loco Escrito begeisterte das Publikum in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Flavia Grossenbacher)

Sonnenbrille im Gesicht, angespannter Bizeps und zwei sexy Tänzerinnen an seiner Seite. Der Latino-Pop-Sänger Loco Escrito bediente zu Beginn seines Auftritts in der Kammgarn am Samstagabend gleich einige Klischees. Doch der Teufelskerl mit dem südamerikanischen Hüftschwung gewann die Herzen der Besucher im Turbogang. Lauter Jubel brach aus, als das Saallicht ausging und Nicolas Herzig, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen heisst, die Bühne betrat. Er gilt als Goldjunge und grosses Talent der Schweizer Musikszene. Der 30-Jährige mit kolumbianischen Wurzeln macht schon seit seiner Teenagerzeit Musik. Zuerst in der Hiphop-Combo LDDC und seit 2013 als Solokünstler in einer Mischung aus Reggaeton und Latino. Weil er früher als Rapper öfters einen „Crazy Flow“ hatte, gab man ihm den Namen Loco Escrito. Nach seinem Debütalbum „Mi vida es mia“ und der EP „La conquista“ ging es steil nach oben. Er kletterte in die Musikcharts, wurde beim Radio SRF 3 zum „Best talent“ gekürt und im September 2019 durfte er am NRJ Air vor 40 000 Zuschauern spielen.

Heiserkeit nach Preisverleihung

Am Abend vor seinem Auftritt in der Kammgarn feierte er zudem einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Loco Escrito holte sich zum zweiten Mal Swiss Music Award in der Kategorie „Best Hit“ und war quasi direkt danach nach Schaffhausen gereist. „Ich muss euch etwas gestehen“, erklärte er den Gästen. „Wir haben gestern Schweizer Musikgeschichte geschrieben und ich habe so fest gekrächzt, dass ich heute heiser bin. Verzeiht ihr mir das?“ Ein euphorischer Beifallssturm bestätigte seine Hoffnung. Keine Frage, das Publikum war in Partystimmung. Schon bei den ersten Songs wurde mitgesungen und die Hüften in südamerikanische Schwingungen versetzt. Mit Hits wie „Adios“, „Maria“ und „Punto“ brachte der Musiker mit seiner sechsköpfigen Band die Stimmung zum Kochen. Loco Escrito zeigte, dass Kolumbien weit mehr als Kaffee und Empanadas zu bieten hat. Und falls man den Vergleich dennoch machen wollte, dann wäre dieser Kaffee ein heiss brodelnder Koffein-Vulkan und die Empanadas wären mit hochexplosivem Dynamit gefüllt.

Geheimrezept: Lebensfreude

Doch wie schafft der in Wetzikon aufgewachsene Kolumbianer es eigentlich, so erfolgreich zu sein? „Ich glaube, meine Fans bezaubert meine Liebe zum Leben“, erklärte der Musiker im Interview vor dem Konzert. „Ich bin sehr positiv, was bestimmt ansteckend ist. Zudem habe ich sicher eine Prise Talent und arbeite hart für meinen Erfolg.“ Vielleicht lag es auch an der unsichtbaren Verbindung, welche der Reggaeton-Schönling zur Munotstadt hat. Denn er war schon öfters mit seinen Verwandten aus Kolumbien am Rheinfall und schwärmt: „Es ist eine wunderschöne Gegend und der Rheinfall löst immer wieder viel Staunen bei meinen Gästen aus.“ Mittlerweile war in der Kammgarn der Song „Soledad“ angestimmt. Bei rot-gelblichem Licht herrschte eine sommerliche Stimmung, welche mitriss und Loco Escrito hängte an den Perkussionsinstrumenten eine Kolumbienflagge auf.

Seitenhieb auf das Corona-Virus

Die Halle rockte und war mit mehreren hundert Gästen gut gefüllt. Doch einige Plätze waren leer geblieben. „Es sind wohl ein paar Leute nicht gekommen, weil sie Angst haben, es sei zu gefährlich“, nahm der Sänger das Corona-Virus auf die Schippe. „Die einzige Gefahr ist heute, dass wir zu viel schwitzen oder uns morgen die Hüfte schmerzt.“ Er forderte das Publikum auf, sich die Sorgen vom Leib zu tanzen und kräftig mitzusingen. „Ich will, dass ihr morgen genauso heiser seid wie ich.“ Zwischendurch war die tatkräftige Mithilfe der Schaffhauser Kehlen durchaus angebracht. Denn je länger das Konzert dauerte, desto mehr machte sich der Loco Escritos Stimmbänderexzess vom Vorabend bemerkbar. Doch gemeinsam war man stark. Das Konzert hatte viel Power und PS unter der Haube. „Sin ti“ und „Lo que me vio nacer“ und viele weitere Hits peitschten durch die Boxen. Inhaltlich ging es meistens um Emotionen, um Liebe und um den Genuss des Lebens. Das war auch ganz bewusst beabsichtigt vom Künstler. „Musik ist da, damit man sich gut fühlt“, sagte er gegenüber den Schaffhauser Nachrichten. „Politisch äussere ich mich in meiner Musik nicht gross. Früher als ich gerappt habe, sah ich das noch anders. Doch heute habe ich nur noch eine Botschaft: Positive Vibes. Ich will die Menschen bestärken, dass sie glücklich sind und an sich selber glauben. Egal, was die Leute um dich herum sagen. Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist du selbst.“ Nach eineinhalb Stunden näherte sich das Konzert bereits seinem Ende. Die Zuschauer erkämpften sich mit lauten „Loco, Loco!“-Rufen eine Rückkehr des heiseren Protagonisten. Mit dem Titelsong des neuen Albums „Estoy Bien“ verabschiedete er sich und dann endgültig bilanzierte voller Emotionen: „Danke, danke vielmals. Ich küsse und umarme euch.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 2. März 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Ein gewaltloser Kämpfer gegen Rassismus

Im Stadttheater stand am Mittwoch nicht nur Nelson Mandela, sondern auch seine Frau im Fokus. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Nelson Mandela und seine Frau Winnie kämpften auf unterschiedliche Weise gegen die Apartheid. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

Kaum zu glauben. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg herrschten in Südafrika immer noch Gesetze und Regeln, die böse Erinnerungen wachriefen. Politische Gegner der Regierung wurden geschlagen und gefoltert. Mischehen zwischen Weissen und Schwarzen waren verboten. Die farbige Bevölkerung musste in getrennten Wohngebieten leben und höhere Bildung war nur den Weissen zugänglich. Die Apartheid und damit die Diskriminierung des Grossteils der Bevölkerung dauerte bis 1994. Das Ende dieses schlimmen Kapitels ist mit einem Namen zwingend verknüpft: Nelson Mandela. Fast auf den Tag genau vor dreissig Jahren wurde er aus seiner südafrikanischen Haft entlassen. Das Stadttheater nahm das Ereignis als Anlass, das Ensemble „TNT Theatre Britain“ mit ihrem Stück „Free Mandela“ einzuladen. Erfrischend an der Inszenierung von Paul Stebbings war vor allem, dass nicht etwas die 27-jährige Haft von Mandela im Zentrum stand, sondern ein anderer Fokus gelegt wurde. Erzählt wurde die Geschichte von Mandelas Ehefrau Winnie. Parallel zum Werdegang ihres Mannes erfuhren die Zuschauer, was ihr wiederfahren war. Während Nelson Mandela darauf bestand, einen gewaltlosen Protest wie Gandhi zu führen, erlebte Winnie Mandela Folter im Gefängnis und entfremdete sich von ihrem Ehemann. Der gewaltlose Weg hatte für sie und einige Anhänger der Apartheid-Gegenpartei ANC bald keine Priorität mehr. Der Dualismus zwischen Erduldung der Demütigungen und Rachegefühlen war ein roter Faden durch das Stück.

Foto: Selwyn Hoffmann

Aktualitätsbezug fehlte

Keine Frage: Nelson Mandela war ein moralisches und politisches Vorbild. Er war der Wegbereiter des versöhnlichen Übergangs von der Apartheid zu einem demokratischen Afrika, das er als erster schwarzer Präsident von 1994 bis 1999 leitete. Ein bisschen schade war, dass die Inszenierung im Stadttheater bei diesem Rückblick verharrte. Dabei wäre es doch extrem spannend gewesen, wenn man die Chance genutzt hätte, und einen Bezug zur Aktualität gezogen hätte. Könnte gewaltloser Protest eine aktuelle Krise lösen? Sollten sich Politiker wie Boris Johnson oder Donald Trump ein Vorbild an Mandela nehmen? Ist in Südafrika mittlerweile eine soziale Gerechtigkeit erreicht? Wo stehen wir 30 Jahre nach Nelson Mandela? Solche Diskussionen führten die Zuschauer in der Pause und anschliessend an die Vorstellung. Das Theaterstück lieferte dazu leider keine neuen Interpretationsansätze. Doch die angeregten Gespräche bewiesen, dass indirekt das Ziel des englischsprachigen Theaters erreicht worden war: Mandela bewegt – auch dreissig Jahre nach seinem Erfolg in Südafrika. Insofern war „Free Mandela“ eine sehr gelungene Vorstellung, welche darüber hinaus durch die starke Leistung der Schauspieler für einen bleibenden Eindruck sorgte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Freitag, 14. Februar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

Nationalrätin an der Schule

Im Rahmen des Geschichts- und Politikunterrichts an unserer Schule besuchte uns Nationalrätin Franziska Ryser und stand einer BM2-Klasse für Fragen zu ihrer Politikkarriere und ihrer Partei zur Verfügung.

Ein sehr spannender Nachmittag. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für den Besuch!

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Ein Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung

Mit viel Power heizte Boban Markovic mit seiner Band am Freitagabend den Kammgarnbesuchern ein. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Sonnenbrille auf und viel gute Laune im Gepäck. Der serbische Trompeter Boban Markovic rockte mit seiner Band am Freitagabend die Kammgarn, als ob es kein Morgen gäbe. Insgesamt neun Musiker standen auf der Bühne, davon sieben mit einem Blasinstrument bewaffnet. Der Balkan-Brass der Band hatte so eine gewaltige Wucht, dass es kein Entkommen gab. Die Besucher tanzten ausgelassen und feierten den aussergewöhnlichen Sound. Warum die Tanzfläche sofort Feuer fing, ist schnell gesagt. Der Polka-Beat massierte den Herzmuskel wie ein ausser Kontrolle geratener Stromgenerator und die die Blasinstrumente spannten unsichtbare Fäden zu Armen und Beinen der Gäste, welche sie wie ein Tornado auf Ecstasy durcheinander wirbelten. Es herrschte ein muskalischer Klangteppich, wie wenn Miles Davis einen Schluck kochende Lava getrunken hätte. Die Roma-Bläsertruppe spielte sowohl traditionelle serbische Stücke, als auch moderne Eigenkompositionen. Teilweise mit Funk, Jazz und Rock gewürzt. Unglaublich powervolle Songs wechselten sich mit unendlich traurigen Liedern ab. Kein Wunder hat Boban Markovic in seiner Heimat und vor allem am Guca-Festival schon viele Preise wie beispielsweise mehrfach die „Goldene Trompete“ verliehen bekommen.

Bekannt aus dem Film „Underground“

Besonders die zwei Songs „Mesecina“ und „Kalaschnikow“ kennt man auch ausserhalb der Balkan-Brass-Szene. Bekannt geworden sind sie durch den Film „Underground“ von Emir Kusturica. Im Film wird einer Gruppe von Partisanenkämpfern in Jugoslawien nach dem Ende des Nazibesetzung das Kriegsende nicht mitgeteilt. Sie werden von einem Schwarzmarkthändler mit gefälschten Radiomeldungen im Glauben gelassen, es herrsche noch Krieg. Irgendwann haben sie genug, brechen aus ihrem Versteck im Untergrund von Belgrad aus und nehmen Rache. Mit dabei auf ihrer satirischen Odyssee ist stets eine laute und enthusiastische Musikgruppe, welcher der Filmkomponist Goran Bregovic den Sound von Boban Markovic auf den Leib geschneidert hat. Die schwere Thematik wird mit der fröhlichen Musik verknüpft, was unglaublich unterhaltsam auf den Zuschauer wirkt. Dieser Spagat zwischen Traurigkeit und Partystimmung war auch am Freitagabend eines der Markenzeichen und Stärken von Boban Markovics Band. Meist standen dabei die Instrumente im Vordergrund, doch immer wieder überzeugte der Frontmann mit seiner starken Stimme. Elvis vom Balkan wurde Boban Markovic schon getauft, was durchaus passend ist. Weder bei Elvis noch bei Boban Markovic kann man Zuhören, ohne kräftig das Tanzbein zu schwingen. Rock’n’Roll sowie Balkan-Brass ist nicht bloss eine Musikrichtung, sondern eine Lebenseinstellung. Die Besucher genossen den Abend, prosteten sich mit Slivovica zu und forderten von der Band eine Zugabe nach der nächsten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 4. Februar 2020 in der Zeitung Schaffhauser Nachrichten.

Das grosse Duell der Improvisationskünstler

Wenn aus dem staubtrockenen Zivilgesetzbuch urspontan eine spannende Krimikomödie wird – am Freitag und Samstag duellierten sich die kreativen Theaterköpfe beim Improvisationstheater in der Kammgarn Schaffhausen. Eine Theatertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Voller Körpereinsatz: Die vier Theatersportler verblüfften das Publikum
mit ihren kreativen Ideen. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Michael Kessler)

„Drei, zwei, eins, los!“ Das Publikum zählte am Freitagabend jede Szene ein, welche die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Doch was im Drehbuch stand, wussten weder Besucher noch Schauspieler. Beim Theatersport stehen sich jeweils zwei Mannschaften gegenüber. Ein Schiedsrichter moderiert den Anlass und fragt beim Publikum nach Orten der Handlung, nach Gefühlen, Sätzen, Berufen und weiteren Zutaten für die Szenen. Kurzum: Das Publikum ist der Regisseur und die Schauspieler sind zu 200% in ihrer Kreativität gefordert. Am Freitagabend trafen Kirsten Sprick (Hamburg) und Birgit Linner (München) auf Reto Bernhard und Randulf Lindt von Improphil Luzern. Am Samstag duellierten sich Martina Schütze und Birgit Linner (beide Improtheater Tsurigo) mit der gegnerischen Seite Kirsten Sprick und Nicole Erichsen (Bremen). Organisiert wurde der Anlass vom Schauwerk in der Kammgarn. Schon die Aufwärmrunde am Freitag war vielversprechend. Die Szene begann auf dem Klo eines Warenhauses, wechselte dann in den Windkanal, mutierte zum Märchen rund um Rumpelstilzchen und schlussendlich wurde geheiratet. Die Zuschauer konnten herzhaft lachen und mitfiebern. Beim nächsten Spiel wollte der Moderator Gefühle aus dem Publikum haben. Leidenschaft und Rache kamen als Vorschläge. Die zwei Damen aus Deutschland entwickelten nun eine Liebesgeschichte rund um einen Flokatiteppich. Doch kaum war die wollige Lovestory vorbei, holte das Schweizer Team zum Gegenschlag aus. Sie wollten nur in Reimen sprechen und suchten dafür eine Epoche. Es kamen als Vorschläge Zukunft, Rokoko, Steinzeit und Mittelalter. Sie entschieden sich für Letzteres und fragten: Was zeichnete denn die damalige Zeit aus? Als Antwort riefen die Gäste Begriffe wie Aberglaube, Läuse und Pest. Lachend wurden die Vorschläge aufgenommen. Eine Geschichte rund um einen dicken Schlossherrn und eine holde Maid wurde im Turbotakt gereimt und aufgeführt. „Wahnsinn, das könnte ich nie“, meinte ein Zuschauer. Sein Sitznachbar bemerkte trocken: „Ich denke, da ist sicher ein Teil vorbereitet. So spontan kann niemand sein.“ Das Geheimrezept liegt aber ganz woanders begraben: Die Schauspieler üben, üben, üben. Kreativität ist zum einen Teil eine Trainingssache, zum anderen Teil gibt es bei den Proben sicherlich immer wieder Szenen, die ähnlich sind und man je nach Stichworten adaptieren und verändern kann. Doch die Realität kann gnadenlos zuschlagen. Als zusammen mit der Pocketband ein Lied gesungen werden musste, verlangte ein Gast, dass man es in einer Pink Floyd – Version spiele. Solche Inputs sind auch beim besten Training nicht vorhersehbar und dies bewies, dass auf der Bühne unheimliche kreative Menschen am Werk waren. Nun waren die Schauspieler erst richtig in Fahrt gekommen. Auf der Bühne war ein Bohrmaschinen-Tanz zu sehen, ein Rentnerpaar, das zu Fuss nach Kuba wollte, und ein Schreiner, der einen Schrank zimmerte, der gleichzeitig ein Sarg war. Nach der Pause änderte sodann der Modus des Abends. Es gab nicht mehr mehrere Spiele, sondern eine einzige lange Szene, bei welcher die Schauspieler das Publikum fragten, ob jemand ein Buch dabei habe. Der erste und der letzte Satz des Werkes bildeten den Rahmen des Mini-Theaters. Lustigerweise wählten die Künstler nicht Hemingway oder den Steppenwolf, sondern das ZGB – Zivilgesetzbuch, welches jemand zum Lernen dabei hatte. Es gab tote Pferde im Moor, eine eklige Aal-Suppe und der Sensenmann, welcher eine Verschwörung plante. So viel gelacht hat wohl noch niemand über das ZGB. Der Abend war grossartig kreativ und zum Schluss siegte keine Mannschaft, sondern das Publikum.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 20. Januar 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Auch ohne Pudel konnte Mephisto Faust umgarnen

Im Theaterstück „Faust“ fehlten dem Stadttheater Schaffhausen am Dienstagabend einige wichtige Elemente. Dafür gab’s eine Überraschung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Gretchen und der «Kneipenfaust» in einer verkürzten Fassung: «Heinrich! Mir graut’s vor dir.» (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Foto: Selwyn Hoffmann)

Halbnackt sitzt er auf dem Tisch. Er isst Wiener Würstchen und trinkt den Wein direkt aus der Flasche. Am Dienstagabend präsentierte sich im Stadttheater den Besuchern ein Faust, der auf den ersten Blick wenig mit dem Protagonisten von Goethes berühmtem Drama zu tun zu haben schien. Das Publikum sah nicht einen Universalgelehrten, der nach dem Sinn des Lebens suchte, sondern einen „Kneipenfaust“, der abgewetzte Manchesterhosen trug. Das Landestheater Tübingen hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollten den über 200 Jahre alten Klassiker ansprechend umsetzen und die tragische Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen ins Zentrum stellen. Um es vorweg zu nehmen: Das Ziel wurde erreicht. Das Stück hatte Tempo, beeindruckte durch die Schauspieler und war kurzweilig und unterhaltsam gestaltet. Beim zweiten Blick gab es aber auch eine kleine Enttäuschung: Den Kürzungen waren Elemente zum Opfer gefallen, die für die Interpretation der Geschichte sehr wichtig sind. Komplett fehlte beispielsweise der Prolog im Himmel. Der Teufel wettet dort mit Gott, dass er Faust vom rechten Weg abbringen kann.  Zum Schluss des Theaters ist Fausts Schwarm Gretchen im Kerker und schickt ihn mit den Worten fort: „Heinrich! Mir graut‘s vor dir.“ So endete allerdings nur die Vorstellung im Stadttheater. In der Originalversion ergänzt der Teufel „Sie ist gerichtet“, worauf Gott anfügt „Ist gerettet.“ In der Tübinger Version endet somit die Geschichte traurig und weltlich, bei Goethe hingegen ist Raum für Interpretation vorhanden und der Grundstein für „Faust II“ bereits vorbereitet.

Geniale Änderung

Dass eins der drei Vorworte namens „Zueignung“ oder die Kapitel „Auerbachs Keller“ und „Walpurgisnacht“ den Kürzungen zum Opfer gefallen waren, mag verkraftbar sein. Doch nur zu gern hätte man die Verwandlung eines süssen Pudels in Mephisto erlebt. So fehlte am Dienstag auch die Erkenntnis: „Das also war des Pudels Kern“. Trotz dieser Kürzungen hatte das Stück viele Stärken. Genial war die Idee, dass Faust nach dem Teufelspakt nicht mit einer Perücke verjüngt wurde, sondern begleitet von Donner und Blitzlicht mit Mephisto die Rolle tauschte. Diese Erzählart hatte Tiefgang und Klasse. Denn nun lag eine ganz neue Leseart der Story nahe: Wird Faust durch den Teufelspakt selber zu Luzifer? Sein Verhalten spricht dafür: Vier Leichen, eine geschändete Frau und ein hedonistisches, selbstgefälliges Streben nach Glück. Derzeit läuft im Schauspielhaus Zürich eine fast achtstündige „Vollversion“ von Faust 1 und 2. Ein spannendes, aber echt hartes Stück Arbeit. Fürs Theater sollte das Drama gekürzt werden. Die Tübinger Version von Christoph Roos hat dafür einen interessanten Weg gewählt. Gretchens fehlende Erlösung und den Verzicht auf den süssen Pudel schmerzten Goethe-Fans dennoch ein wenig.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Januar 2020.

Theaterbesuch in St. Gallen

Am vergangenen Mittwoch (15. Januar 2020) besuchte ich mit zwei Klassen die Aufführung „Der Prozess“ von Franz Kafka im Theater St. Gallen. Dabei ist folgender Schnapschuss mit den Schülern entstanden.

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Ein Gewitter aus Punk und Polka

Am Samstagabend wurde im Taptab der wilde Bär von der Leine gelassen. Nebel, Blitze, E-Gitarre und viel Power standen auf dem Programm. Den Anfang machte die Vorband Šuma Čovjek, was auf Kroatisch soviel wie „Waldmensch“ heisst. Die sieben Musiker viel Polka im Blut und sangen auf Französisch, Algerisch, Bosnisch und in weiteren Sprachen. Frontmann Ivica Petrusic war vom Schaffhauser Publikum begeistert. „Es ist schön hier. Die Gäste gaben von Anfang an alles und liessen uns ihre Energie spüren.“ Die Musik bewegte sich zwischen Balkanpop, orientalischen Klängen und einigen harmonischen Chansons. Würde man eine Portion Cevapcici, einen Zirkus, eine Postauto-Hupe und ein Erdbeben in einen Mixer stecken, so hätte man annähernd das Partygefühl beschrieben, welche die Band im proppenvollen Taptab auslöste. Auch bei der Hauptband Palko!Muski gab es keine Zeit für Langweile. Die Gäste tanzten sich die Seele aus dem Leib. Vor der Bühne beherrschten Pogotänzer das Parkett. Sänger Baptiste Beleffi riss sich schon bei den ersten drei Songs das Hemd vom Leib und stand auf den Klavierstuhl, um die Menge anzufeuern. „Cigano-Musik hat etwas von Freiheit und Rebellion“, vermutete Ivica Petrusic, warum die zwei Bands das Publikum so enthusiastisch in ihren Bann zogen. Auf einer Skala von 1 bis 10 steigen Palko!Muski immer gleich auf Stufe 12 in den Konzertabend. Die Mischung von Schlagzeug, Polkaklängen und Akkordeon klingt auf den ersten Moment schräg, hat aber die Wucht einer Dampfwalze. Ein Gewitter aus Punk und Polka, das für Blitzeinschläge, Überschwemmungen und Stromausfälle sorgt. „I wanna Disco“, fordert der Palko-Sänger und sorgte damit bis in die frühen Morgenstunden für eine weitere Eskalation im Hexenkessel.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am Montag, 23. Dezember 2019.

Eine gemütliche Berner Tramfahrt mit Freestyle-Einlage

Die Berner Musiker Lo + Leduc besuchten mit der Hype-Tour die Kammgarn und brachten die Gäste zum Mitsingen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Die zwei Zeremonienmeister im Einsatz. (Foto: Flavia Grossenbacher, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Leute, überall Leute. Wohin das Auge reichte. Vor der Bühne, auf der Treppe und im 1. Stock am Geländer. Die Kammgarn platzte am Freitagabend aus allen Nähten, als Lo & Leduc zum Konzert einluden. Grosser Jubel brach aus, als die zwei Berner Zeremonienmeister mit ihrer achtköpfigen Band die Bühne enterten. Der Saal badete in blaue-violettem Licht. Gemütlicher Berner Rap traf auf eine mitreissende Bläserfraktion, knackige Schlagzeugbeats und einen Bass, der in den Körper eindrang und alle Organe zugleich massierte. Lo & Leduc sprangen, tanzten und feierten ab der ersten Sekunde in der Kammgarn. Ihre Texte und Raps waren meist als Dialog aufgebaut, sodass sie zusammen wie ein altes Ehepaar im Wohnzimmer unter der Rheumadecke ein entspanntes Gespräch zu führen schienen. Das Wort „alt“ passte ansonsten aber keineswegs zum Auftritt der Reimkünstler. Voller Energie und Power und mit sichtlichem Spass meisterten sie ihre gut zweistünde Show in der Munotstadt. „Das ist das allerletzte Konzert einer wunderschönen Dekade“, erklärt Leduc. Er spielte damit darauf an, dass der Startschuss und das allererste Konzert der Band ziemlich genau vor zehn Jahren stattfand. Damals wollte Leduc noch Fussballprofi werden, erfuhr man im späteren Verlaufe des Abends. „Nun habe ich ja auch eine Art Fussballmannschaft, allerdings eher für ein Grümpeltournier“, scherzte er in Richtung seiner Band. Songs wie „Bini bi dir“ und „Chileli vo Wasse“ und „Cuba Bar“ folgten. „Mir si kei Confiture, cha üs nid konserviere“, sangen die Besucher eine bekannte Textzeile lautstark mit. Ein Highlight des Abends war die Freestyle-Show von MC Lo. Sein Bühnenpartner sammelte zunächst Begriffe aus dem Publikum, die Lo in seinen spontanen Rap einbauen sollte. Diamant, Kiesweg, Birrewegge, Hosensack und Na, Omi waren die Vorschläge der Besucher. Lo legte los und war innert weniger Sekunden auf einem Level einer Zahnradbahn unter Starkstrom. Es ratterte und zischte von seinen Stimmbändern, sodass Rapikone Eminem seine wahre Freude daran gehabt hätte. Der hohe Wellengang des Flows riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Die Gäste tobten vor Freude und aus dem hinteren Bereich der Halle stimmten einige Fans im Chor „Freestyleking, Freestyleking“ an. Songs wie „Ingwer und Ewig“ folgten. Die zwei Berner Tramchauffeure schalteten für ihre gemütliche musikalische Rundfahrt wieder einen Gang zurück. Nach einer Stunde war es Zeit für den Song, der in der Hitparade sogar „Despacito“ und alle anderen Ultrahits vom Podest gestossen hatte. „079“ erklang und es gab keinen im Saal, der nicht mitsang. Zeitweise war das Backgroundsängertalent der Schaffhauser Besucher so intensiv, dass es eigentlich gar keine Band mehr gebraucht hätte. Die Musiker liessen die Besucher tanzen, kollektiv auf die Knie gehen und hochspringen. Es gab eine La-Ola-Welle durch den Saal und mehrere Zugaben wurden gespielt. Mit neuen Songs, aber auch mit dem Chartstürmer „Jung verdammt“ und einem neuen Reggaehit, der kein Ende zu kennen schien, spielten sich die Berner einmal mehr in die Herzen der Zuhörer. Ein starker Konzertabend, der definitiv Lust auf die kommende Dekade der Band macht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Dezember 2019.