Happy End dank Gaddafis Goldbarren

Die Komödie «Bank-Räuber» von Beat Schlatter amüsierte die Zuschauer im Trottentheater Neuhausen am Samstag und überraschte mit einem Promi. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

An der Olma 2009 hatte er fast einen Bundesrat in die Luft gesprengt. Der schräge Erfinder Eberhard ist zu Besuch in der Traditionsbank «Lamm» und braucht 100 000 Franken. Doch die Investitionsanfrage ist nicht das einzige Problem, welches Bankdirektor Kaspar Lamm am Hals hat. Frau Suter vom Pestalozzi Kinderdorf verlangt 900 000.- für eine neue Heizung und Vater Lamm Senior will ein Familienfoto vor dem offenen Geldtresor mit den Goldbarren machen. Eigentlich alle kein Problem, wenn Direktor Lamm Junior nicht alles Geld der Bank verpulvert hätte. Als Sponsor vom «Live at Sunset» brachte ihn die hohe Gage von Rod Stewart arg in Bedrängnis. Die Bank ist pleite und Kaspar Lamm kommt auf die wahnwitzige Idee, seine eigene Bank mithilfe des Erfinders zu überfallen. Es startete ein herrliches und temporeiches Verwirrspiel mit einem bösartigen UBS-Banker Alain Küng und einem Presslufthammer im Kleiderschrank.

Witzig und spannend

Der Komiker Beat Schlatter hat zusammen mit Stephan Pörtner ein Stück geschrieben, das viele wichtige Zutaten einer gelungenen Vorstellung vereint. Spannung, Humor und Überraschungen. Die Dialoge sind witzig und es wird nie langweilig. Schlatter ist ein überzeugender Schauspieler und hat sich ein Ensemble ausgesucht, das ihn perfekt unterstützt. Besonders Pascal Ulli sticht hervor, dem man den fiesen Grossbanker sofort abkauft.

Etwas zu brav

Bei allem Lob sei eine kleine Kritik dennoch angebracht. Beat Schlatter ist ein intelligenter Beobachter des Alltagslebens und war im Jahr 2009 das Aushängeschild der BAG-Kampagne gegen die Schweinegrippe. Seine Aufforderung, Hände zu waschen, ist uns allen noch gut im Gedächtnis. Mit diesem Hintergrund hätten sich ein paar kleine satirische oder selbstironische Seitenhiebe auf die Coronakrise durchaus angeboten. Der Humor des Stückes war gut, aber blieb verhältnismässig sehr brav. Auf der Leiter der Boshaftigkeit hätte Schlatter durchaus noch ein paar Sprossen höher klettern können. Zur Verteidigung kann man aber anfügen, dass es wieder einmal eine Wohltat war, zwei Stunden bestens unterhalten zu werden, ohne dass nur einmal das Wort «Corona» fiel.

Federer am Telefon

Ein Highlight des Stückes war sicherlich, als Roger Federer in der Bank anrief und von Kaspar Lamm Tickets für das Rod Stewart – Konzert verlangte. Die Stimme war natürlich nicht echt, aber trotzdem freute sich das Publikum enorm über die Überraschung. Das Verwirrspiel im Trottentheater nahm seinen Höhepunkt, als der UBS-Banker die illegalen Goldbarren des ehemaligen Diktators Muammar al Gaddafi in der Bank Lamm versteckte und damit unfreiwillig das Verwirrspiel auflöste. Ein Happy End dank Gaddafi? Ein solch pointierter Schlusspunkt kann nur Beat Schlatter einfallen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 28. Oktober 2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

 

 

 

„Lost“ ist das Jugendwort 2020

Das Jugendwort 2020 steht fest. Doch was heisst „lost“ und warum hatten „wild“ und „cringe“ das Nachsehen?

Bild: Die Jugendsprache bleibt unberechenbar. Mit „lost“ ist dem Wörterbuch ein weiterer kreativer Anglizismus entsprungen. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Chill mal, Alter!“ Der Langenscheidt-Verlag hat nach einem Jahr Pause die beliebte Wahl zum Jugendwort wieder aufgenommen. Wer hat’s erfunden? Ätsch, diesmal nicht die Schweizer, denn das Jugendwort war ein „Nebenprodukt“ zur Wahl des „Wort und des Unwortes des Jahres“ unserer Nachbarn. Doch spätestens als 2009 die Eidgenossen die Wahl unter Leitung einer Radio SRF-Jury kopiert haben und den Ausdruck „s’beschte wos je hets gits“ zum Gewinner gekürt wurde, erfreuen sich auch hierzulande die Wahlgänge grosser Beliebtheit. Klar, es gab einige Durchhänger. „hobbbylos“ oder „Smombie“, eine Mischung aus Smartphone und Zombie, sorgten für gedämpfte Temperaturen im Duden-Schmelzofen. Doch es gab immer wieder Highlights wie „Swag“, „Yolo“ oder „Babo“. Ihr wisst schon, der Chef unter den Chefs. 2018 wurde Ehrenmann/ Ehrenfrau das Jugendwort des Jahres und liess einen für Tod gehaltenen Begriff wieder aus der Gruft steigen. Doch dann wurde der Langenscheidt-Verlag verkauft an Pons und 2019 brachte man es nicht auf die Reihe zu wählen. Ein Fail der Extraklasse. Wahrscheinlich hatte das irgendein Alpha-Kevin (Der Volldepp unter den Deppen) verursacht. In einer inoffiziellen Wahl im Internet wurde der Ausdruck „Gönnjamin“ gekürt. Ein Ausdruck für jemanden, der das Leben in vollen Zügen geniesst. Meistens hat er damit Erfolg und ist damit das pure Gegenteil eines Lauchs. Ein unmuskulöser Mensch oder ein Vollversager. Damit wären wir auch gleich bei der Frage angelangt, warum „Lauch“ nie zum Jugendwort wurde. Richtig: Der Begriff zum Jugendwort muss neu sein, er muss verbreitet unter Jugendlichen sein und zum Schluss: Er muss etwas Positives oder lustiges ausdrücken. Beleidigungen werden aus Prinzip nicht akzeptiert. So hatte Alpha-Kevin keine Chance, Lauch auch nicht. Auch Ausdrücke wie Zwergadapter (für Kindersitz), Böög (für eine störende Person), Speckbarbie (eine zu dicke Frau in zu engen Kleidern), Spaghetti-Sultan (ein Lauch) oder andere Schmeicheleien mussten dem strengen Urteil der Jury weichen. 2020 ging der Langenscheidt-Verlag nun einen neuen Weg: Die Wahl fand vollständig online statt. Tausende von Vorschlägen konnte man während mehreren Monaten einreichen. Die drei aussichtsreichsten wurden sodann zur Wahl durch die Internet-User zugelassen. In der Pole-Position waren „wild“, „lost“ und „cringe“. Letztgenanntes meint etwas Peinliches oder Unangenehmes. „Wild“ oder „wyld“ hingegen bezeichnet etwas Krasses oder Heftiges. Würde man eine Wandergruppe fragen „Seid ihr wild“?, so würde die Wanderung offenbar kurz vor der Eskalation stehen. Mit der Konfettikanone würde man sich gegenseitig die Wanderschuhe um die Ohren feuern, der mitgebrachte Ghettoblaster würde wilden Techno spielen, mit den Wanderstöcken würden ein Lichtschwertkampf wie bei StarWars ausgetragen und vom Himmel würde ein Ufo in Form einer Bratwurst fallen. Ja, das in etwa wäre „wild“ und würde den Organisator wohl ziemlich „cringe“ zurücklassen. Doch die zwei Ausdrücke blieben auf der Strecke. „Lost“, ein Ausdruck, der gleichsam „ahnungslos“, „verloren“ oder „planlos“ heisst, steht nun auf dem Podest. Habe ich die Hausaufgaben nicht gemacht, so bin ich completly lost. Aber merkt es der Lehrer nicht, so dreht der Spiess. Voll lost, wenn er sowas nicht mitbekommt. Eigentlich ist das neue Jugendwort der perfekte Ausdruck, der das Jahr 2020 beschreibt. Corona hat uns alle ein bisschen „lost“ zurückgelassen. Ferienpläne umgeworfen, die Openair-Saison vermasselt und vielen guten Partys und Events den Stecker gezogen. Da wünscht man sich doch irgendwie das Jahr 2016 zurück, als „Am Fly sein“ eine besonders coole Situation beschrieb oder als 2014 mit „Läuft bei dir“ die Welt sich noch so drehte, wie sie sollte. 2008 wurde übrigens das Jugendwort ins Leben gerufen. „Gammelfleischparty“ bezeichnete damals eine Ü-30-Party. Total lost, aber alle Gönnjamins, Lauchs, Speckbarbies und Alpha-Kevins würden mittlerweile liebend gerne die Quarantäne gegen ein bisschen Spass am Gammelfleisch-Event eintauschen. 2021, hoffentlich „läufts bei dir“. Wir wären ready und „wild“.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Publiziert am 16. Oktober 2020.

Der König des Fondue-Western

Der Basler Musiker Sam Himself stoppt für seine Herbsttour in der Kammgarn Schaffhausen. Und wer ihn kennt, weiss, dass keiner seiner Auftritte nach dem Schema „nullachtfünfzehn“ abläuft. Eine Konzertvorschau von Hermann-Luc Hardmeier.

«Schaffhausen ist für mich eine Premiere als Musiker und als Person», freut sich Sam Himself auf seinen Auftritt in der Munotstadt. «Aus dem Geographieunterricht weiss ich noch, dass Schaffhausen von oben ein bisschen wie ein Hirn aussieht», meint er lachend. Nun will er also das hiesige Denkorgan untersuchen und für sich gewinnen. Im Juni wurde der nach New York ausgewanderte Basler von SRF zum «Best Talent» gekürt und steckt nach dem Corona-Lockdown voller Tatendrang. «Es ist für mich eine grosse Ehre und ein Highlight, in der Kammgarn zu spielen.» Denn wer Sam Himself kennt, weiss, dass kein Auftritt von ihm einfach 0815 abläuft. «Mir ist die Interaktion mit dem Publikum wichtig. Ich möchte aber keine Touristen-Animationen abspulen, der Live-Auftritt darf ruhig etwas gefährlicher sein, auch für mich auf der Bühne.» Das bedeutet nicht, dass er mit einem Flammenwerfer experimentiert oder seine Talente als Messerwerfer zur Schau stellt. Nein. Viel eher kann es an Konzerten von Sam Himself vorkommen, dass er plötzlich die Gitarre umstimmt und sich selbst vor eine neue Challenge stellt. «Das kann auch einmal schief gehen», schmunzelt Sam, «aber ich riskiere gerne etwas.» Er reisst sich gerne aus seiner Komfortzone heraus und serviert den Zuhörern «Fondue-Western». Erst wenn die Gitarre lange Fäden zieht und die Füsse mitwippen, ist Sam glücklich und giesst Kirschlikör nach. Die aktuelle EP «Slow Drugs» klingt entsprechend fröhlich. Ein Schwerpunkt liegt auf 80er Chic und wird durch seine charmante Stimme untermalt. Ob man dabei an Bryan Ferry denkt oder sich David Bowie mit der Fondue-Gabel vorstellt; irgendwo dazwischen macht es sich Sam Himself gemütlich.

Kein Zeigefinger

Die Corona-Zeit war auch für Sam sehr schwierig. Er versuchte sich an Livestream-Auftritten, doch vermisste die Reaktionen vom Publikum extrem. «Es war schon fast unheimlich, in diesen kargen Bildschirm hinein zu singen.» Er atmete auf, als die Regeln wieder gelockert wurden. Nun ist er bereit für seine Herbsttournee. Doch will er nur feiern oder steckt auch Tiefgang dahinter? «Ich möchte den Zuschauern nicht eine Botschaft aufzwingen, indem ich sie mit dem mahnenden Zeigefinger instruiere», erklärt er. «Ich hoffe eher, dass ich sie positiv inspirieren kann und vielleicht zu Mitgefühl und Empathie ermutige.» Wenn jemand etwas von seinen Konzerten mitnimmt, freut ihn das.

Song über Schaffhausen?

Lieder wie «Like a Friend», «Nobody” oder das Bruce Springsteen-Cover “Dancing in the Dark” des Musikers sind eingängig und werfen die Frage auf, was ihn zu seiner Musik inspiriert: «Oft finde ich zuerst eine Melody. Manchmal kann es aber auch ein Satz sein, der aufgefallen ist und später von mir wie ein Waisenkind adoptiert wird.» Dann dürfen wir gespannt sein, ob beim Spaziergang am Rhein das Rauschen des Wassers bald in einem seiner Songs zu hören sein wird. Eins ist sicherlich klar: Das Konzert am Freitagabend wird alles andere als gewöhnlich.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. Oktober  2020 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten„.

Der zornige Appenzeller mit den humorvollen Flüchen

Wutanfälle können auch lustig sein. Das zeigte Comedian Simon Enzler am Donnerstag dem Publikum im Schaffhauser Stadttheater ausgiebig.

Bild: Simon Enzler redete sich genussvoll in Rage. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Urchig, knorzig, fluchend. Simon Enzler ist kein feingeschliffener Poet, kein verbaler Edelstein und kein Picasso der Rhetorik. Nein. Er spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und liebt es innig, dabei wie eine rostige Dampflokomotive zu fluchen. Am Donnerstagabend besuchte der Appenzeller mit seinem Programm «wahrhalsig» das Stadttheater und sorgte für volle Ränge. Ein Campingstuhl und eine Lampe im Karton an einer Schnur bildeten das Bühnenbild. Spartanisch und praktisch. Der Humor des Comedian funktioniert ebenso auf eine ganz einfache Art. Er erzählt von Erlebnissen und Beobachtungen aus dem Alltag, die ihr mit Appenzeller Ausdrücken schmückt und dabei dem Teufel ein Ohr ab fluchte. «Himmelherrgott – Sakrament», war dabei noch eins der harmlosen. Er schimpfte über die kantonalen Angestellten, welche in Ruhe Däumchen drehen. Er ereiferte sich über Campingplätze in Kroatien, auf welchen er auch Thurgauer antrifft. Und ganz besonders regten ihn die mutigen und risikofreudigen Menschen auf. Er zitierte den Biologen Charles Darwin und meinte: «Survival of the Fittest» sei obsolet. Den Angsthasen gehöre die Welt. «Survival of the Hoselotteri» laute das Motto der Evolution. Freihändig übersetzte er das ins Französische «Caceur de Pantalon». Abenteuersport wie Bungee-Jumping oder Wingsuit-Fliegern konnte er ebenfalls keine Freude abgewinnen. «Das sind doch einfach Nachthemden mit Redbull-Logo drauf», wetterte er. Er lobte die Angsthasengesellschaft über alles. «Wir haben ihnen viel zu verdanken.» Er überlegte etwas länger. «Beispielsweise das Verbandsbeschwerderecht oder Thermounterhosen.» Besonders grosse Freude hatte er nach der Pause, als er über die Bühne mit einem Bier in der Hand schlurfte. «Schaffhausen ist wohl der einzige Ort in der Welt, an welchem man für’s Biertrinken Applaus erhält.» Doch seine Miene verdunkelte sich sogleich wieder. Er erzählte vom Jasskartenspiel, bei welchem sich die Gegner die Schiefertafel über dem Kopf zertrümmerten. Er kommentiert das mit dem Ausdruck: «Bisch en sture Saubock!» Danach gab er eine kulinarische Empfehlung ab. Das Fondue schmeckt bekanntlich am besten, wenn man es «Moitié-Moitié» zubereitet. Für ihn bedeute das, die Hälfte Käse und die andere Hälfte Aromat. In cholerische Rage redete er sich danach, als er über die Smileys und andere Gesichter bei Smartphone-Kommunikation sprach. «Ich hasse Emojis», sagte er grimmig. Er empfinde es als unnötig. «Dem Appenzeller reichen drei Emojis: Bier. Ein Stück Fleisch und ein Zaun, über welchen mach sich zum Nachbar beugen und schimpfen kann.» Zum Schluss erklärte er, wie er sich ein gelungenes Ende von einem erfüllten Leben vorstellt: «Wenn neben der Todesanzeige gleichzeitig die Konkursanzeige steht, dann hat man richtig gelebt.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» am 19. September 2020.

Der Schulheft-Fälscher mit der Maske

Der Künstler Manuel Stahlberger zeigte am Donnerstag, wie man trotz Corona feiern kann. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der groteske Corona-Tanz von Manuel Stahlberger. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was ist denn hier los? Am Donnerstagabend tanzte auf der TapTab-Bühne ein 46-jähriger Herr ekstatisch zu wilder Technomusik. Er trug ein goldenes Glitterhemd und eine Anti-Corona-Schutzmaske. Ein bisschen grotesk, aber auch ziemlich humorvoll startete somit der Auftritt von Manuel Stahlberger. Der St.Galler Liedermacher powerte sich einige Minuten aus, bis er keuchend und leicht schwitzend vor den Zuschauern zu stehen kam. Der Konzertraum war mit Stühlen eingerichtet. Tanzstimmung und Körperkontakt war aus gegebenem Anlass unerwünscht. Gleich anschliessend performte er – begleitet vom Synthesizer – ein Lied über eine Gewitternacht. Manuel Stahlberger beschrieb dabei eine Welt mit einem Belohnungssystem. «Wenn man gehorcht, gibt es Punkte.» Ob er damit den Überwachungsdrang von gewissen asiatischen Diktaturen im Auge hatte oder in einer Phantasiewelt schwebte, liess er offen. Viel mehr als eine Autokratie interessierte ihn sowieso sein Heft aus der Primarschule. Er habe es beim Aufräumen gefunden und nahm sich viel Zeit, die alten Inhalte von damals vorzustellen. Es fanden sich darin Diktate, Verbesserungen und auch Zeichnung von einem Kompass oder den Pfahlbauern und den Helvetiern. Er unterbrach die Erzählung immer wieder mit passenden Songs, die vom familiären Weihnachtsfest, von Reisen und von anderen Alltagsbeobachtungen handelten. Leicht lakonisch, leicht depressiv, aber auch leicht sarkastisch beschrieb er Szenerien, welche schon jeder erlebt und dabei über sich selbst schmunzeln musste. Nun sass Stahlberger in einen bequemen Bürostahl und knöpfte sich nochmals das Schulheft vor. Das Diktat war witzig, die Zeichnungen noch witziger. Spätestens als die sorgfältige Zeichnung durch einen Tornado verwüstet wurde, dämmerte es den Beobachtern langsam: Das Schulheft war natürlich ein Fake und passte wunderbar ins Programm. Eigentlich unglaublich, dass Manuel Stahlberger offenbar ein Dutzend «Schnürlischrift»-Texte inklusive Lehrerkorrekturen mit Rotstift für seine Show nachgestellt hatte. Das Gelächter wurde immer lauter und die Überraschung war perfekt gelungen. Es zeigte sich einmal mehr, dass der Künstler nicht nur ein Sänger und guter Erzähler, sondern auch ein ausgezeichneter Zeichner ist. Bald löste er sich vom Schulheft und zeigte auf der Leinwand einen Adventskalender, der die «Bünzli»-Schweizer aufs Korn nahm oder groteske Geschichte vom synchronschwimmenden Fisch oder von der lahmen Ente und der dummen Gans. Letztgenannte frassen am Weihnachtsfest Globi, überlebten einen Mordanschlag von Papa Moll und zündeten den Weihnachtsbaum an. Der Abend war eine gelungene Mischung aus Konzert und kabarettistischer Satireshow. Trotz Corona-Hemmschwelle sprang der Funke aufs Publikum und es «erklatschte» sich begeistert eine Zugabe.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 5. September in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“

Vom Tellerwäscher zum Cocktailmeister

Seit Januar leitet Simon Schürch die Bar „Tabaco“ in Schaffhausen. Der neue Pächter will alles anders machen und hatte wegen Corona Angst um sein Lokal. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der passionierte Barkeeper Simon Schürch zaubert im Tabaco gerne mit dem
Schüttelbecher. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«Ich tanze den ganzen Abend und betrinke mich mit den Gästen», lacht Simon Schürch. «Nein, natürlich ist das eine völlig falsche Vorstellung vom Barkeeperjob, die ich aber immer wieder zu hören bekomme.» Der 29-Jährige arbeitet seit neun Jahren im Tabaco und hat in diesem Januar die Bar am Rosengässchen als Pächter übernommen. Doch wie kam es, dass der gelernte Schreiner plötzlich hinter dem Tresen stand? Während seiner Zeit an der Berufsmaturitätsschule brauchte Simon Schürch einen Nebenjob. Er begann im Tabaco als Abräumer zu arbeiten. «Ich sah meine Kollegen, hatte Spass, war im Ausgang und verdiente dabei noch Geld.» Doch relativ schnell stieg Simon Schürch zum Barkeeper auf und entdeckte dabei seine wahre Passion. Barbesitzer Patrick Gisi erkannte sein Talent und übergab ihm immer mehr Verantwortung. Schliesslich stellte er ihn als Geschäftsführer ein. Simon Schürch konnte nicht nur Bier zapfen und in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, sondern auch gute Stimmung verbreiten. Als er schliesslich beim Umbau mithalf, welcher das Tabaco vor fünf Jahren vom Partytempel zur stylischen Bar im Stile der Golden Twenties transformierte, hatte er sich endgültig bewiesen. Simon Schürch ist ein multifunktionales Schweizer Taschenmesser. Nur besser. Und mit Bart.

Kein Partytempel mehr
Am 24. Januar stieg nach einer Woche Umbaupause die grosse Wiedereröffnungsparty. Das DJ-Pult wurde diskret in die Ecke versetzt, es gab nun auch im Nichtraucherbereich Lounges und der Bartresen wurde wesentlich vergrössert. Simon Schürch und sein sechsköpfiges Team wollten alles anders machen. Mehr Genuss, weniger Exzess. «Wir sind eine Cocktailbar, bei welcher nicht laute Musik, sondern qualitativ leckere Drinks im Zentrum stehen.» Startbereit wie eine aufgetankte Rakete wollte Simon Schürch nun ins Geschäftsleben starten. Doch dann kam Corona.

Rettende Idee in der Krise
«Ich war geschockt, als ich die Meldung vom Lockdown hörte», sagte Simon Schürch. «Ich stellte mir natürlich die Frage, wie es nun weiter gehen soll.» Durch die Barübernahme hatte er sein Geld investiert und kein finanzielles Polster. Doch dann kam die zündende Idee: «Wenn die Leute nicht zu uns kommen können, dann bringen wir den Genuss zu den Gästen nach Hause.» Das Tabaco startete mitten in der Corona-Zeit einen Cocktail-Lieferservice, der sensationell lief. «Zwischendurch mussten wir mit drei Autos täglich ausliefern. Das hat uns finanziell über Wasser gehalten.»

Ziel: Geschmacksexplosion

Weil die Gäste sich nach der Quarantäne-Pause plötzlich im Ausgang viel mehr Zeit nahmen, spielte Corona dem Tabaco sogar ein bisschen in die Hände. «Unsere Qualität wird enorm geschätzt. Ein guter Cocktail soll keine stupide Alkoholbombe sein, sondern die Zutaten sollen sich harmonisch vermischen und eine Geschmacksexplosion auf der Zunge auslösen.» Wenn Simon Schürch sieht, wie die Gäste dieses Erlebnis geniessen, ist er glücklich und freut sich auf die Zukunft im neuen Tabaco.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 7. August 2020.

Abschluss Schuljahr 2019/2020

Mit einer schönen Abschlussfeier mit meiner BM2-Klasse ging das Schuljahr 2019/ 2020 zu Ende. Danke für alles. Es war schön mit euch! Alles Gute für die Zukunft!

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Die verflixte Ex und der gewiefte Agent

Das Sommertheater „Nichts als lauter Liebe“ brachte am Mittwoch Humor, Intrigen und Coronamasken nach Unterstammheim. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

„Das ist indiskutabel!“, schimpfte der Protagonist auf der Bühne und liess eine Reihe von vulgären Flüchen folgen. Beim Sommertheater in Unterstammheim hatten am Mittwochabend die Emotionen einen wichtigen Stellenwert. Und das hatte einen guten Grund: Der Agent und der Theaterregisseur hatten ein riesiges Problem: Die weibliche Hauptrolle war wegen ihrer Schwangerschaft ausgefallen. In der Note suchten sie sich die 2. beste Besetzung, welche die Region zu bieten hatten: Gigi. Doch besagte Dame trug eine Altlast mit sich: Die frühere Liebesbeziehung zu Hugo, dem Protagonisten. Da die zwei in Streit und Zorn auseinandergegangen war, glich ein gemeinsames Theater der Quadratur des Kreises. Doch der fiese Agent spannte so ein gerissenes Lügengeflecht, dass selbst eine Spinne mit Judo-Kenntnissen nicht ohne weiteres daraus hätte entkommen können. Die Ausgangslage war verzwickt, und sorgte damit für viele Lacher.

Proben via Videokonferenz

Der Abend im Schwertsaal hatte ein bisschen schwerfällig begonnen, weil die Hitze auf die Besucher drückte. Ursprünglich wäre das Sommertheater des Theater Kanton Zürich auf dem Dorfplatz in Unterstammheim geplant gewesen. Trotz schönsten Sonnenstrahlen wurde aber nach drinnen verschoben. „Meteo Schweiz sprach von einer Gewitterlage und einen Blitzeinschlag wollten wir nicht riskieren“, erklärte Silvia Müller vom Theater Kanton Zürich. Sie war trotzdem überglücklich mit dem Abend, denn endlich konnte wieder gespielt werden. Eigentlich wäre ja das Stück „Der Geizhals“ von Molière geplant gewesen, doch die Corona-Krise verunmöglichte das Inszenieren eines neuen Theaters. „Somit fiel die Wahl auf ein bewährtes Sommerstück, welches mit Social Distancing und vier Schauspielern realisierbar war“, erklärte Sara Schneider vom OK. „Geprobt wurde während dem Lockdown teilweise via Videokonferenz.“

180-Grad-Wende

Auf der Bühne hatten sich mittlerweile die Ereignisse überstürzt. Das Ex-Paar Hugo und Gigi stritten sich so intensiv, dass an „normales“ Proben nicht zu denken war. Der Theateragent hatte dazu beigetragen, indem er behauptet hatte, Hugo hätte Lungenkrebs. Zudem sei es sein letzter Wunsch gewesen, mit Gigi zu proben. Es setzte für ihn eine gepflegte Ohrfeige, sein Jackett wurde zerrissen und Hugo zerkratzte den Porsche des Intriganten. Doch dann passierte das Unglaubliche. Plötzlich tauchten die Gefühle des streitlustigen Paares wieder auf und sie machten eine 180-Grad – Wende. Nun wurde geknutscht anstatt gestritten.

Besser als Netflix

„Wir haben uns unglaublich aufs Spielen gefreut“, erklärte vor Beginn der Vorstellung Andreas Storm, der in die Rolle des bösen Agenten geschlüpft war. „Es herrschte eine Lagerfeuer-Atmosphäre. Die Leute freuen sich, endlich wieder einmal etwas anderes als Netflix zu sehen.“ Für ihn sei das eine der schönsten Erfahrungen, nach der Corona-Pause wieder spielen zu können. Auch die Schutzmasken im Publikum störten ihn nicht. Etwa ein Drittel der Besucher trugen den Atemwegsschutz. Mittlerweile hat man sich an das Bild gewöhnt und war eher erstaunt, dass nicht ein Grossteil des Saales wie ein Operationssaal im Spital aussah.

Das humorvolle Theaterstück unterhielt die Gäste vortrefflich. Wie die Geschichte ausging, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch eins ist klar: Harmonisch konnte das Ganze nicht enden, solange der Agent noch ein Wörtchen mitzureden hatte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 4. Juli 2020.

Bye, bye Abschlussklassen!

Heute war der letzte Schultag meiner Abschlussklassen. Ich wünsche euch alles Gute und werde euch vermissen!

Oben: Die Klasse BMTK3a. Unten: Die Klasse BMTK3b (Fotos: Luc Hardmeier).

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Es gab im Zweiten Weltkrieg kein explizites «stay at home»-Gebot

Das Notrecht des Bundesrates und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens: Immer wieder werden Parallelen zwischen der Corona-Krise und dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Vier Schaffhauser Historiker äussern sich dazu, ob dieser Vergleich zulässig ist. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Das waren nicht sieben Bundesräte, das waren sieben Diktatoren“, erzählte eine Zeitzeugin, deren Familie während dem 2. Weltkrieg einen Teil ihrer Ernte an den Staat abgeben musste. Das Notrecht und die behördlichen Massnahmen sorgten damals für ähnlich viel Gesprächsstoff wie heute während der Coronakrise. Doch kann man aus historischer Sicht zwischen 2020 und den Kriegsjahren 1939 bis 1945 überhaupt Parallelen ziehen? „Das ist kaum miteinander vergleichbar, ausser man übernähme die politische Rhetorik, die von einem „Krieg“ gegen das Coronavirus spricht“, erklärt Staatsarchivar Roland E. Hofer. „Was sich am ehesten vergleichen lässt, ist die Ausnahmesituation.“ Historiker Matthias Wipf erklärt die damalige Bedrohungslage: «Die Unsicherheit und Nervosität der Menschen lag daran, dass unser Land während des 2. Weltkriegs von den Achsenmächten fast gänzlich umschlossen war. An den Brücken über den Rhein waren Sprengladungen und man fühlte sich als Zitat ‚verlorenen Zipfel jenseits des Rheins‘. Mit einem Angriff von Hitler musste man fast immer rechnen. Das ist dann doch nochmals eine andere Situation als bei Corona!» Die Unsicherheit von damals und heute, so Wipf weiter, habe zudem einen entscheidenden Unterschied: „Während der Kriegsjahre konnte der Feind – die Nazis – klar benannt werden. Während die Ängste heute sehr diffus sind.“

Foto: Bericht über die Mobilmachung der Schweizer Armee im 2. Weltkrieg in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“. (Quelle: www.shn.ch)

Hamsterkäufe und die SBB

2020 sollen die Menschen zu Hause bleiben, Distanz halten und sich nicht in Gruppen mit mehr als fünf Menschen treffen. Sind diese Massnahmen ähnlich wie jene der Kriegsjahre? „Es gab damals zwar kein explizites Stay-at-Home-Gebot, aber im zweiten Weltkrieg wurden die persönlichen Freiheiten ebenfalls stark eingeschränkt“, erklärt Historiker Eduard Joos. Allerdings auf eine andere Art und Weise als heute: „Durch die Generalmobilmachung wurden 700 000 Schweizer in den Militärdienst aufgeboten. Diese Männer fehlten sodann in der Familie und auch am Arbeitsplatz.» Gemeinsamkeiten sieht er in der Sperrung der Grenzen und der tageweisen Schliessung der Schulen. Allerdings hat dies einen ganz anderen Hintergrund: „Aus Mangel an Heizkohle wurde der Schulbetrieb zeitweise auf fünf Tage beschränkt.“ Den Hauptunterschied sieht er allerdings beim Einkaufen: „Die Lebensmittelrationierung fast aller Güter des täglichen Bedarfs verhinderte Hamsterkäufe. Ohne die pro Person zugeteilten Rationierungsmarken gab es nichts mehr zu kaufen. Montag, Mittwoch und Freitag waren fleischlose Tage. In unserer Bäckerei hing der Spruch: „Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart.“ Das ist der grösste Unterschied zur Coronakrise, in der es keinen Lebensmittelmangel gibt. Altstoffsammlungen wurden durchgeführt, Gebrauchsgegenstände sorgfältig repariert.» Als ganz wichtigen Punkt nennt Eduard Joos, dass die Krise auch einen Fortschritt erzwang: «Die SBB rüstet innert Kürze ihre Dampflokomotiven auf Elektroloks um. Elektrizität war dank der Stauwerke genügend vorhanden. Kohle hingegen musste importiert werden.»

Foto: Lebensmittelkarte von 1941 (Quelle: Staatsarchiv Schaffhausen)

Andere Bedeutung der Kinos

Interessant ist, dass das gesellschaftliche Leben im 2. Weltkrieg nicht stillstand. „Vorträge, Veranstaltungen, Kino- und Museumsbesuche, Sportanlässe und sonstige gesellschaftliche Zusammenkünfte fanden trotz Krieg statt“, erklärt Mattias Wipf. Die sechs Schaffhauser Kinos spielten dabei eine wichtige Rolle: „Das Kino galt als Medium der Zerstreuung, um den Kriegsalltag zu meistern und stärkte somit den Durchhaltewillen“, so Roland E. Hofer. Insofern ist das ein gewichtiger Unterschied zur Coronakrise. Allerdings liefen damals im Kino nicht Actionfilme, sondern das Highlight war die 12-minütige Wochenschau, welche die Ereignisse der vergangenen Woche zusammenfasste. Auch Partys mit DJs und regelmässige Konzerte kannte man damals nicht. „Man tanzte allenfalls im Sommer auf dem Munot“, erklärte Eduard Joos. „Das kulturelle Leben war im Vergleich zu heute natürlich eher bescheiden.“

Häufige Strafen

Wer die Abstandsregeln nicht einhält, kann während der Coronakrise eine Geldstrafe erhalten. Wie hart gingen die Behörden 1939-1945 mit Gesetzesübertretern um?  „Die Polizeitrapporte der Landjägerstationen im Kanton zeigen, dass immer wieder Bussen wegen Vergehens gegen Rationierungsvorschriften und Verdunkelungszwang verhängt werden mussten“, erklärt Roland E. Hofer.

Bundesrat in der Kritik

Dies soll aber nicht heissen, dass man wütend auf den Bundesrat gewesen sei. Nein, viel eher wurden die behördlichen Massnahmen zu einer Normalität und das Bedürfnis wuchs, sie zu umgehen. «In den 1930er/1940er Jahren hinterfragte man die Anweisungen der politischen und militärischen Behörden viel weniger», sagt Matthias Wipf.» Man vertraute darauf, dass diese schon richtig waren. Wenn man Zeitzeugen von damals befragt, ob sie überzeugt gewesen seien vom Réduit-Plan General Guisans, von der Verdunkelung oder auch von Massnahmen wie der Pressezensur, dann antworten sie ganz klar: Man habe die Anordnungen halt einfach befolgt.» Trotzdem schwankte laut Roland E. Hofer das Bild des Bundesrates aber auch zwischendurch: „Einen Tiefpunkt erreichte es nach der für die Zeitgenossen völlig überraschenden Niederlage Frankreichs mit der Rede von Bundesrat Pilet-Golaz am 25. Juni 1940“, so Hofer. „Die Ansprache war so ungeschickt formuliert, dass daraus geschlossen werden konnte, der Bundesrat befürworte die Annäherung an das Dritte Reich und sei sogar teilweise zur Aufgabe der Eigenständigkeit der Schweiz bereit.“ 2020 erlangt Daniel Koch, der Direktor des BAG (Bundesamt für Gesundheit) mit dem Spitznamen „Mr. Corona“ fast schon Kultstatus. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Gab es in der Politik in den 40er-Jahren auch eine solche Symbolfigur?  „Der in weiten Kreisen unbestrittene Held, der den Bundesrat in den Hintergrund drängte und dessen Bild in vielen Häusern hing, war General Guisan“, konstatiert Roland E. Hofer. Er war nicht nur Sympathieträger, sondern wurde „dank kluger medialer Inszenierung zum Führer des Widerstandes“.

Spanische Grippe

Laut den Schaffhauser Historikern gibt es viele Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Corona und dem 2. Weltkrieg. Stadtarchivar Peter Scheck sieht dies anders und winkt beim Vergleich kategorisch ab: „Die Massnahmen und Reaktionen zeigen vielmehr interessante Parallelen zur Spanischen Grippe von 1918. Eine Pandemie, der schweizweit 25 000 und weltweit 50 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen.“ Laut Peter Scheck reagierten der Bundesrat und die Kantone 1918 zu zögerlich. Doch danach schnell und konsequent: Versammlungsverbot, Schulschliessung, Gottesdienste und Feste mussten abgesagt, Telefonhörer regelmässig desinfiziert werden. «Bei Missachtung drohten drakonische Bussen», so Scheck. «5000 Franken oder alternativ drei Monate Gefängnis.» Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals 250 Franken im Jahr. Auch die Verharmlosung zu Beginn der Krise schlug sich in einem Schaffhauser Leserbrief von 15. August 1918 nieder: „Alles nur wegen der bösen Grippe (…). Was schert uns die Grippe. Unsere weise Obrigkeit wird schon dafür sorgen, dass die Krankheit am Rheine Halt macht.“

Foto: Tote durch die Spanische Grippe in Schaffhausen. (Quelle: Staatsarchiv Schaffhausen)

Normalität liess auf sich warten

Peter Scheck unterstreicht zudem, dass es fast ein Jahr ging, bis nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe das Leben in der Gesellschaft wieder seinen normalen Lauf nahm. Im 2. Weltkrieg war das noch extremer. „Der Bundesrat hat offenbar gefallen am Notrecht gefunden“, erklärt Mattias Wipf. Erst sieben Jahre nach Kriegsende beendete die Volksinitiative mit dem Titel „Rückkehr zur Demokratie“ das Regime der Vollmachtserlasse. Insofern sind wir 2020 in einer komfortablen Lage, dass wir uns über einige Wochen bis Monate des Stillstandes, der wirtschaftlichen Einbussen, aber auch der Entschleunigung ärgern.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 15. April 2020.