Louis Armstrong mit einem Schuss Jamaika vermischt

Am Freitagabend herrschte in der Kammgarn in Schaffhausen dank dem New-York-Ska-Jazz-Ensemble deftige Tanzstimmung. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Alberto Tarin greift in die Saiten mit dem New York Ska-Jazz Ensemble. (Bild: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Ein Gedankenbeispiel: Wenn Jazzlegende Louis Armstrong nach Jamaica gereist wäre und dort eine Rockband gegründet hätte, dann kann man erahnen, wie das Endprodukt namens Ska-Jazz klingen könnte. Es war aber nicht Armstrong, sondern sechs Künstler, die 1994 in New York eine Band mit genau diesem Sound ins Leben riefen. Offbeat trifft auf Saxophon und Posaune. Hotellobby-Musik verheiratet sich mit deftigem Ska-Disco-Beat. Kurzum: Ska-Jazz. Rund 200 Gäste waren am Freitagabend in die Kammgarn gekommen, um genau diese Zutaten des Musikcocktails zu geniessen. Wie auf Knopfdruck mit dem Konzertbeginn bildete sich eine Menschentraube vor der Bühne. Schon mit den ersten Klängen begann das vordere Drittel des Publikums zu tanzen. „Come on Switzerland, shake your Body“, forderte Sänger Fred Reiter die Gäste auf und rückte dabei cool seine Sonnenbrille zurecht. In einigen Songs improvisierte die Musiker, was das Zeug hielt. Andere Stücke waren als klare Offbeat-Tanzeinlagen konzipiert. Die Energie, welche die Band auf der Bühne verbreitete, riss bald den ganzen Saal mit. Vom Punk über den Familienvater, vom Teenie bis zum Reggaefan mit Rastafrisur. Alle feierten in der Kammgarn zu den Klängen des New-York-Ska-Jazz-Ensembles. Die Formation ist derzeit auf Europatournee. Schaffhausen war Nummer 8 von 24 Konzerten in acht Ländern. In einem Song zückte der Sänger anstatt seines Saxophones eine Querflöte. Der Pianist improvisierte gekonnt, und auch der begnadete Gitarrist Alberto Tarin legte seine Solokünste in die Waagschale. In einem Lied erklang die Melody des Ska-Songs „A message to you Rudy“, was die Besucher ausflippen liess. Plötzlich ergriff der Gitarrist das Mikrophon und sagte ein sympathisches „Hola Amigos de Schaffhausen.“ Dann begann er zu singen. In den meisten Liedern der Band wurde die Stimmen allerdings nicht benutzt, sondern die Instrumente standen im Vordergrund. Und dies passte hervorragend. Die Stimmung war bombastisch, es gab zwei Zugaben und die Band verabschiedete sich enthusiastisch mit den Worten „You are a great crowd!“.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 27.12.2016.

«Legt eure iPhones nieder und schwingt eure Hüfteli!»

Mit Humor und Charme, aber auch mit politischen Statements begeisterte Müslüm am Freitagabend in der “Kammgarn” in Schaffhausen. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Müslüm sorgte für Stimmung in der Kammgarn. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Herman-Luc Hardmeier)

«Ich bin so scharf wie Wasabi!» Die Textzeile aus dem Lied «Ego» scheint etwas rollig, doch Müslüm-Kenner wissen, wie sie zu verstehen ist. Der Künstler polarisiert, provoziert und unterhält. In goldenem Smoking, mit schwarzem Hemd und goldener Fliege, dichtem, wuscheligem Haar, Mono-Augenbraue und pechschwarzem Bart spielt der Komiker Semih Yavsaner mit Müslüm eine charismatische Figur, die man weder übersehen noch ignorieren kann. Für manche ist er nur ein bunter, freakiger Musiker, doch eigentlich ist Müslüm ein politischer Botschafter. Die Inhalte seiner Lieder sind nicht nur witzig, sondern auch gesellschaftskritisch. In Schaffhausen zerpflückte er
schon nach dem zweiten Song lautstark die Globalisierung. Die Konsumgesellschaft
sei schlecht für uns, und vor allem für die Kinder. Mit schelmischem Augenzwinkern sprach er direkt zu einigen Teenagern, die ihn mit dem Handy filmten. «Früher sagte
man, legt eure Waffen nieder. Heute sage ich, legt eure iPhones nieder.»

Pop aus dem Orient 

Müslüm spielte fast alle seine Hits von den zwei Alben «Süpervitamin» und «Apochalüpt». Die Besucher waren begeistert. Sie sangen und tanzten. Die Kombination aus orientalischer und türkischer Traditionsmusik, gepaart
mit modernem Pop, begeisterte. Abgesehen davon, dass Müslüm ein guter
Sänger ist, hatte er auch eine hochkarätige Band im Rücken. Die bombastische
Stimme der Backgroundsängerin stach dabei immer wieder hervor. Der Star des Abends hatte sichtlich Spass auf der Bühne. Das zeigte sich nicht nur, indem er selbst immer wieder Tanzeinlagen aufs Parkett legte, sondern auch in seinen Animationen. «Ihr Schweizer und Schaffhauser, heute müsst ihr nicht neutral sein. Lasst es
einfach raus! Schwingt eure Hüfteli!», forderte er das Publikum in bekannter
Müslüm-Manier heraus. Ein häufiges Thema seiner Lieder sind Vorurteile gegen Migranten. Aber auch über eine Schlägerei zwischen einem Touristen und einem Bären im Bärengraben, Volksweisheiten, die missverständlich sind, oder über die Folgen
von übermässigem Alkoholkonsum wusste er zu berichten. So richtig in Form war Müslüm gegen Mitte seines Auftritts. Er holte einen Jungen auf die Bühne, der mit
ihm das Kinderlied «Det äne am Bergli» sang, und machte wenig später daraus
eine türkische Müslüm-Version. Auch die «W. Nuss vo Bümpliz» wurde mit
anatolischen Klangkleidern versehen, und schliesslich gipfelte das Ganze in
seinem Hit «La Bambele». Das Publikum durfte immer wieder den Refrain
singen, und Müslüm tanzte so euphorisch auf der Bühne mit, dass Elvis mit
seinem Hüftschwung hätte einpacken können. Zwischendurch strich Müslüm
Wasabi-Paste in die offenen Wunden der Globalisierung. Er scherzte über
Donald Trump, geisselte Schönheitsoperationen und Botoxspritzen und
meinte zu seinem Lieblingsthema Ausländer: «Früher haben die Gastarbeiter
den Gotthard gebaut, heute schiessen sie Tore für die Nationalmannschaft.»
Der Abend endete mit ausgiebigem Konsum der angeblich einzig legalen
Droge der Welt: des Süpervitamins.

Von Herman-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am Samstag, 3. Dezember 2016.

Ein Tritt in die Lachmuskeln und eine Massage für die Ohren

An der 3. Open Stage Show im “Orient” in Schaffhausen zeigten am Donnerstagabend sechs Künstler ihre Talente. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Was die Grossen können, können wir schon lange. Das deutsche Fernsehen hat Dieter Bohlen, das Schweizer TV-Publikum Chris von Rohr und Schaffhausen hat Loris Brütsch. Der Moderator und Erfinder er hiesigen Talentshow namens Open Stage führt gekonnt durch den Abend und hatte mit der dritten Ausgabe des Formats eine gutgelaunte Gästeschar ins Orient gelockt. Eröffnet wurde der Abend von Comedian Sven Ivanic, der über seinen balkanischen Wurzeln Scherz um Scherz aufs Parkett legte. So erfuhren die Zuhörer beispielsweise, dass der studierte Jurist wegen seinem Nachnamen im Gerichtssaal oft für den Angeklagten gehalten werde und dass ihm bereits im zarten Alter von acht Jahren ein Oberlippenbart gewachsen sei. Es folgte auf den Züricher die hiesige Sängerin Lou Kehl. „Ich habe meine traurigsten Songs zu Hause gelassen und singe heute Abend nur melancholisch anstatt komplett depressiv“, witzelte sie. Doch glücklicherweise mussten die Besucher kein Taschentuch zücken, um sich auszuweinen. Lou Kehl belehrte die Besucher, dass auch schwere Themen mit Emotionen und Achterbahnfahrten im Liebesleben positiv und ansprechend zu überzeugen vermögen. Nachfolgend begeisterte der Moderator gleich selber, indem er in die Rolle des Zauberers „Lorios“ schlüpfte. Mit Kartentricks und Houdini-Handschellen beeindruckte er die Gäste. Nach der Pause trat das Ein-Mann-Orchester Airolo Retour auf. Etwas hemdsärmelig aber durchaus unterhaltsam Schüttelte er eine lustige Alltagsbeobachtung nach der anderen aus dem Ärmel. Dyson-Handtrocker auf WCs, Katzen, die sich vegan ernähren und Stand-Up-Paddler bekamen dabei ihr Fett weg. Alles unterlegt mit Gitarre und Gesang.

Auftritt des „Disco-Moses“

Kräftige Tritte in die Lachmuskeln kamen vom nächsten Künstler. Rollstuhlfahrer Eddie Ramirez hatte viel Selbstironie im Gepäck. Er schilderte das Ausgangsleben aus seiner Sicht. Er verriet dabei, wie er sich schelmisch darüber freut, dass er genüsslich jemandem über dem Fuss fahren könne, und dieser sich dann auch noch bei ihm entschuldige. Wenn er zur Bar wolle, teile sich die Menge so schnell vor ihm, dass ihn seine Kollegen teilweise sogar als „Disco-Moses“ bezeichnen. Den Abschluss machte der Thurgauer Komiker Florian Kern. Er sorgte mit einer Cover-Version einer dadaistischen Weihnachtsgeschichte des Künstlers Patrick Frey für einen bombastischen Schlussapplaus. Wie immer wurden die Auftritt von der Jury mit Musikexperte Marco Clerc, dem Chefredaktor von Schaffhausen.net und Unternehmer Beat Hochheuser sowie dem Gastronomen Bruno Meier kommentiert. Die Experten waren sich einig: Alle Künstler waren grossartig. Es gab viel Lob, wenig Kritik und neben guten Songs ein ausführliches Lachmuskeltraining. Alles in allem ein sehr gelungener Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 4. Dezember 2012.

Herkules muss den Kuhstall ausmisten

Von Hermann-Luc Hardmeier. An der Premiere des satirischen Stücks «Herkules und der Stall der Augia» an der Kantonsschule zeigte der griechische Held sein Talent als Landwirt und sorgte damit für Lacher sowie grossen Applaus. Eine Theaterkritik VON HERMANN-LUC HARDMEIER

Wer kennt ihn nicht? Herkules. Der Held der Antike. Er ist der Sohn des Zeus, hat Löwen, Giganten und eine neunköpfige Schlange besiegt. Und nun soll er einen Kuhstall ausmisten? Das satirische Stück «Herkules und der Stall des Augias» wurde ursprünglich vom Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt geschrieben und ist nun in der Version des Schaffhauser Künstlers Walter Millns noch etwas lustiger und kreativer geworden, als es ohnehin schon war. Und weiblicher: Anstatt auf Dürrenmatts männlichen Augias setzt Walter Millns auf die weibliche Präsidentin Augia. In der heutigen Zeit von Donald Trump und Hillary Clinton kann man schliesslich nie wissen. Richtig gut Zusammen mit Unica Weidmann und Etienne Prodolliet hat Walter Millns das Stück seit Mai im Theaterkurs der Kantonsschule und der FMS Schaffhausen eingeübt. Am Mittwochabend feierte es nun in der Mensa/Aula der Kanti seine Premiere. Um es vorwegzunehmen: Es war gut. Richtig gut. Die Zuschauer konnten lachen, mitfiebern und mitdenken. Die Kostüme waren fantasievoll, die Schauspieler talentiert und ein bisschen frech. Diese frische Brise hätte Friedrich Dürrenmatt sicherlich gefallen. In der Geschichte hat Herkules ziemlich viel von seinem Heldenstatus eingebüsst. Er ist zwar ein Held, aber ein ausrangierter. Seine grossen Taten interessieren keinen mehr, denn der gute Herr zieht lieber alkoholisiert um die Häuser und wacht mit einem Brummschädel neben zwei unbekannten Damen auf. Doch das ist noch nicht alles: Herkules hat Schulden. Da kommt die Anfrage aus dem Ländchen Elis genau richtig. Herkules soll das Land, welches im Mist der Kühe versinkt, ausmisten. Kein Problem, schliesslich ist er Herkules. Doch als er die zwei nahe gelegenen Flüsse Alpheios und Peneios in den Stall leiten will, um den Schmutz elegant hinauszuspülen, meldet sich das Wasseramt. Die Bewilligung für die Aktion fehlt. Und nun geht der Ärger mit den Behörden los.

Immer wieder überraschend

Der Clou, die Highlights und welche Rolle Herkules’ hübsche Geliebte Deianeira spielt, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Die Schauspieler schafften es immer wieder, das Publikum zu überraschen. Mit originellen Kostümen wie gelben Pelerinen, Charly-Chaplin-Hüten oder Männern in Strumpfhosen. Beindruckend war auch der Bizeps der Hauptperson. Bei näherem Hinschauen entpuppte sich dieser jedoch als T-Shirt mit aufgedruckter Muskelmasse. Oder plötzlich legten die Schauspieler eine Tanzeinlage mit angeschnallten Melkstühlen aufs Parkett, für die es einen kräftigen Spontanapplaus des Publikums gab. Genau diese Details machten das Stück sympathisch und noch lustiger, als es ohnehin schon war. «Ich bin sehr zufrieden mit der Premiere», freute sich Walter Millns. Das laute Klatschen der Besucher zum Schluss gab ihm recht. Die Schüler haben ein tolles und absolut sehenswertes Stück aufgeführt.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 4. November 2016.

Talentshow in Schaffhausen: Einer überraschte alle

Sechs Künstler aus verschiedenen Sparten treten jeweils an der «Open Stage Show» im Schaffhauser Club «Orient» auf und werden von einer Jury bewertet. Von Hermann-Luc Hardmeier. 

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Foto: Bauchredner Marco Knittel und sein frecher Pinguin Rudi überzeugten die Jury an der zweiten «Open Stage-Show» im «Orient». (Bild: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier).

An der zweiten «Open Stage Show» am Donnerstagabend im «Orient» in Schaffhausen traten sechs Künstler auf, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Musiker, Komiker und, und, und. Moderiert wurde der Anlass vom Schaffhauser Zauberer Lorios alias Loris Brütsch, der ebenfalls einige Tricks zum Besten gab. Wie beim TV-Format «Deutschland sucht den Superstar» hatte auch der Schaffhauser Anlass eine Jury, die sich allerdings selber gerne auf die Schippe nahm. So wurde Gastronom Bruno Meier als Dieter Bohlen von Schaffhausen und Bud-Spencer-Double vorgestellt. Unternehmer Beat Hochheuser, der Onlineshops für E-Zigaretten und Nachfülltinte betreibt, wurde als Dampfbaron und Tintenkönig präsentiert, und schliesslich war da noch «der Experte» Marco Clerc, der als Musiker mit einer Band schon als Vorgruppe von Coldplay im Letzigrund aufgetreten ist.

Freches Mundwerk

Den Anfang der Show machte Bauchredner Marco Knittel. Seine Pinguin-Handpuppe hatte ein äusserst freches Mundwerk und verriet dem Publikum, dass sie gerne Erotik-Superstar werden möchte. Bruno Meier freute sich, dass Marco Knittel die Tradition von Kliby und Caroline weiterleben lässt, und Beat Hochheuser erkundigte sich, bei welchem Coiffeur er eine solch bunte Punkfrisur wie der Pinguin machen könne. Der zweite Künstler Christian Bucheli war als Komiker angekündigt. Sein Auftritt liess die Jury etwas ratlos zurück. Marco Clerc lobte den Kontrast zwischen dem «lethargischen Auftreten» und dem «derben Humor». So hatte Bucheli beispielsweise detailliert beschrieben, wie er sich den Tod von DJ Bobo vorstellt. Nach dem Luzerner war ein Musiker aus Schaffhausen an der Reihe: Christoph Bürgin. Er sang über «alte Säcke» auf dem Weidling und endete mit einem Blues über die gestrichenen Kultursubventionen der Kammgarn. Die Jury war begeistert, und Marco Clerc sah Bürgin sogar als würdigen Nachfolger des Schaffhauser Liedermachers Dieter Wiesmann.

Gekonnter Poetry-Slam

Nach der Pause unterhielt Florian Fuenfziger alias DJ Flow mit seinem köstlichen Humor. Die Jury forderte ihn auf, Politiker zu werden und mit dem Wahlslogan «Chicken Nuggets fürs Volk» anzutreten. Danach beeindruckte Sänger Roger Stüssi mit drei starken Songs. Und zum Schluss kam die grosse Überraschung: Loris Brütsch trat auf die Bühne und erzählte, dass der «Special Guest» leider abgesagt habe und nun spontan jemand auf die Bühne kommen solle. Er fragte mehrere der Anwesenden, und schliesslich trat der völlig verdutzte Gast Thomas Strehler auf die Bretter. Er weigerte sich zuerst standhaft, etwas «aufzuführen». Doch als er schliesslich einen gekonnten Poetry-Slam über seinen gestrigen Geburtstag aufs Parkett legte, bekam er tosenden Applaus. War das nun vorbereitet oder nicht? Die Organisatoren liessen es offen, und so endete die Open-Stage-Show einmal mehr als Wundertüte, welche die Anwesenden bestens unterhalten hatte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 22. Oktober 2016.

Jugendwort 2016: Der Tindergarten und der Fleischdesigner

Bist du ein Fleischdesigner oder ein Uhrensohn? Magst du Banalverkehr oder bist du so krass am fly, dass dein Vater nicht mehr aufhören kann zu darthvadern?

Wer bei diesem Kauderwelsch weder Bahnhof noch Bushof versteht, der hat die Rechnung ohne den Langenscheidt Verlag gemacht. Wie jedes Jahr sammelt das Buchhaus im Internet Vorschläge für Jugendwörter und kürt danach das Siegerwort der Jugendsprache. Hier die Hitliste der vergangenen Jahre des deutschen Jugendwortes. Die Wahl des Schweizer Jugendwortes wurde 2013 eingestellt. Offenbar gibt es seit diesem Jahr keine Jugendlichen mehr in unserem Lande ;-)

  • 2015: Smombie (Smartphone + Zombie = Smombie)
  • 2014: Läuft bei dir (wenn einfach alles klappt)
  • 2013: Babo (der Boss)
  • 2012: Yolo (You Only Live Once = Lebe so, als wärs dein letzter Tag «Carpe Diem»)
  • 2011: Swag (cooler Typ, der den Style gepachtet hat)
  • 2010: Niveaulimbo (Absinken des Gesprächsniveaus)
  • 2009: hartzen (nicht arbeiten, auf der faulen Haut liegen)
  • 2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Partys)

Und wer jetzt denkt, bei diesen Wörter habe man den Duden durch den Fleischwolf gedreht und danach zu lieblosen Sprachkomposthäufchen zusammengepappt, der hat noch nicht die Vorschläge für das kommende Jahr gesehen. Die einen hassen sie, die anderen lieben sie, doch eines muss man jedes Jahr erneut mit Respekt feststellen: Die Jugendsprache ist extrem kreativ. Man wird niemals alles verstehen, und das ist auch gut so.

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(Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Und los geht’s, hier eine kleine Auswahl aus den Top-30 der diesjährigen Wahl:

Wenn man besonders abgeht, so nennt man das „am fly sein“, Ein Hopfensmoothie ist die Bezeichnung für ein Bier, ein Tintling ein Tätowierer und eine Vollpfostenantenne ein Selfiestick. Wer Analog-Spam erhält, der hat einfach einen guten alten Werbe- oder Bettelbrief per Post erhalten. Der beste Freund/ die beste Freundin ist das/der/die „bae“ (before anyone/anything else). Wenn ich also „Party with my Bae“ mache, so ziehe ich mit meiner Freundin oder meinem besten Kumpel um die Häuser. Hast du eine Bambusleitung? Dann ist die Internetverbindung mal wieder so richtig mies. Ein belangloser Chatverlauf ist ein Banalverkehr und wenn jemand sagt „isso“, dann stimmt er dir zu. Jawohl! Äh, isso. Wenn jemand mal so richtig den Vater raushängen lässt, dann ist er am darthvadern (Ich bin dein Vater, Luke!). Ein Fleischdesigner ist ein Chirurg, ein Uhrensohn benimmt sich zur falschen Zeit wie ein Idiot, ein Dumfall ist ein dummer Unfall. Jemand, der einen Tindergarten auf dem Telefon hat, der sammelt Onlinekontakte und was Mois, gz, mailden und Yologamie bedeuten, ja damit könnte man noch ganze Bücher füllen.

Derzeit führt Tintling. Wir sind gespannt, wie die Wahl ausgeht und trinken während der Wartezeit jetzt erstmals ein Hopfensmoothie mit dem Bae. Isso.

Von Hermann-Luc Hardmeier

„Eine Badewanne voller guter Ideen ist nutzlos“

An der 7. Impulsveranstaltung des ITS ging Roland Haas der Frage nach, ob man Kreativität messen kann und was das einer Firma für Vorteile bringt.

«Ich bin sehr gespannt, was uns erwartet», freute sich Roger Roth vom Industrie- und Technozentrum Schaffhausen (ITS). Die Organisation hatte ins Haus der Wirtschaft
geladen. Roland Haas vom «five is – innovation management» stellte dort am
Donnerstagabend seine Überlegungen zum Thema «Kreativität messen» vor.
Viele Besucher dachten nun, er spreche vielleicht über bahnbrechende Erfindungen
wie das Internet oder innovative Produkte wie selbstfahrende Autos. Doch der Redner hielt bloss eine simple Konservendose in der Hand. «Ich gebe Ihnen eine Minute
Zeit, mir Verwendungszwecke für diese alte Raviolidose aufzuschreiben
», sagte er und forderte vom Publikum gleich selbst eine kreative Leistung
ein. Die Besucher fanden erstaunlich viele Möglichkeiten. Schnurtelefon,
Musikinstrumente, Schutz vor Fäulnis bei Pfählen, Blumentöpfe, Lampenschirm
oder Zahlungsmittel. Ein Gast hatte sogar dreizehn Ideen notiert. Nun
sammelte Roland Haas dreissig Vorschläge auf einer Flipchart und liess
diese anschliessend vom Publikum bewerten. Es gab drei Siegerideen, und
der Referent erklärte nun, was hinter diesem kleinen Experiment steckte.
Prinzipiell hatte er fünf Grundpfeiler für die Messung von Kreativität gefunden.
Wobei er eine wichtige Einschränkung vornahm: Kreativität kann
man nicht messen, sondern «nur» divergentes Denken (im Gegensatz zu
konvergent-fokussierendem Denken) und Originalität. Denn Kreativität ist
immer subjektiv und relativ. Zum Zweiten stellte er fest, dass die kreative
Leistung immer vom Umfeld beeinflusst wird. Es ist also kaum erstaunlich,
dass Firmen wie Google sehr viel Geld und Energie in das Arbeitsumfeld
investieren. Der Google-Campus erinnert an eine Mischung aus Spielplatz
für Erwachsene, Wellnessoase und Familienbetrieb. Drittens braucht kreative
Leistung auch Hintergrundwissen. Roland Haas sprach von sogenanntem
«Domänenwissen». «Ansonsten erhält man eine Badewanne voller guter
Ideen, die aber wegen ihrer zu breiten Streuung nutzlos sind.» Beim vierten
Punkt zeigte Roland Haas ein Bild der «Let’s Dance»-Jury und illustrierte damit,
dass Produktekreativität von einem Fachgremium beurteilt werden
muss. Und als letzten Punkt legte er fest, dass es viel hilfreicher sei, kreative
Ideen zu ordnen, statt sie zu beurteilen. Mit einer spannenden Diskussion,
welche Rolle der Faktor «Zufall» spiele und ob die Atombombe eine kreative
oder eine teuflische Erfindung gewesen sei, endete der Anlass mit einem feinen Apéro.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 20. August 2016.

Humor, Provokationen und Musik

An der 1. Open Stage – Show im Orient gab es am Donnerstagabend Zauberer, Clowns, gezähmte Punkmusiker und einen Überraschungsgast. Von Hermann-Luc Hardmeier.

„Wir sind ausverkauft!“, freute sich Mitorganisator und Moderator Loris Brütsch vor der Show. Die offene Bühne im Orient wartete zwar nicht mit Gästen aus Las Vegas und Miami auf, aber mit einem illustren und vielfältigen Programm aus Schaffhausen, der halben Schweiz und Deutschland. Kommentiert wurden die Auftritte von einer Jury, die aus drei ebenfalls bunten regionalen Paradiesvögeln bestand. Kultgastronom Bruno Meier, Musiker Marco Clerc und dem gut vorbereiteten „Tintenbaron“ Beat Hochheuser. Es gab keine Punkte oder Bewertungen, sondern die Jury gab Tipps, Kritik und Sprüche à la Dieter Bohlen zum Besten. Zauberer Tom Thomson wurde beispielsweise gelobt für seine Kombination aus Magie und Comedy, Sängerin Jacky für ihre bombastische Stimme und Komikerin Kerstin Luhr für ihre Selbstironie. Sie machte Witze über Übergewicht, worauf Bruno Meier meinte: „Wir kämpfen ja in der selben Gewichtsklasse.“

Appenzeller Wundertüte

Marco Clerc gab konstruktive Kritik ab, indem er einer Künstlerin sagte, sie müsse sich mehr ins Zentrum der Bühne stellen. Er lobte aber auch Sänger Denis Spitzer, der eigentlich Punkmusiker ist und als Singer/Songwriter einen starken Auftritt mit gefühlvollen Songs aufs Parkett legte. Die grösste Wundertüte des Abends war der Appenzeller Entertainer „Dä Sepp“. Mit Hornbrille und ulkigen Gesten legte er einen Kalauer nach dem anderen in die Scherzkiste. Plötzlich begann er zu jodeln, dann erstaunlich gut zu beatboxen und schlussendlich strippte er im Orient und zeigte sich im homoerotischen engen Kleidchen den Zuschauern. Uneinig war sich die Jury beim Clown Bippo, der mit 40 Jahren Bühnenerfahrung einen starken Konstrastpunkt zu den anderen Talenten setzte. Nur mit einem einzigen Wort „Concerto“ kam seine Show aus. Er machte kleine Scherzchen und versuchte auf humorvolle Art ein Alphorn zusammen zu bauen. Vielen älteren Zuschauern gefiel dies sehr gut. „Ein erfrischender Auftritt in unserer heutigen hektischen Zeit“, meint Marco Clerc, während die anderen zwei Jurymitglieder sich nicht dafür begeistern konnten. Die Show endete mit dem Überraschungsgast Gabriel Vetter. Der ehemalige Poetry-Slammer und Künstler testete sein neues Programm am Publikum. Er sprach über eine Kuh, die aus dem Himmel fiel und einen Fischer tötete, über Babybel und Dinosaurier. Beim Thema „Religion“ fühlte sich ein Gast provoziert und es gab ein kleines Wortgefecht. Die Anwesenden waren froh, als der Störenfried ziemlich schnell den Saal verliess. Doch auch dies passte in den Abend, der voller Wundertüten und Überraschungen steckte. Die Gäste erlebten, Humor, Unterhaltung und Provokationen. Manch einer schimpfte danach über die Jury oder lobte die Künstler. Für Gesprächsstoff war gesorgt und man darf gespannt auf die nächste Ausgabe der Talentshow warten.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 10. September 2016.

Jamaikanische Hitkanone in der Kammgarn

Die Reggaeband „Inner Circle“ feierte im Schaffhauser Club “Kammgarn” am Freitagabend ein ausgelassenes Fest. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Der Sänger gab an diesem Abend alles. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Volles Haus und eine  super Stimmung. Die Reggae-Legenden Inner Circle brachten am Freitagabend den Kulturclub in der Kammgarn  einmal mehr zum Kochen.  Schon am späten Abend gab es auf der Terrasse der Kammgarnbeiz ein
Warm-up mit den DJs von Real Rock Sound. Sie legten Reggae-Dancehall auf, und man konnte sich mit sommerlichen Drinks und jamaikanischem Essen verwöhnen lassen. Um 20 Uhr war Türöffnung der Aktionshalle. Während einige noch auf
der Terrasse verweilten, sicherten sich andere bereits einen guten Platz für
das Konzert. Die Halle war im Nu gefüllt. Es gab viele sehr junge Besucher mit Rastafrisuren und Jamaika-Utensilien. Aber auch viele ältere Semester,
teilweise mit ausgebleichten Reggae-T-Shirts, wollten das Konzert sehen.
Und egal, welches Geburtsdatum man hatte, als der Sänger Kris Bentley auf
der Bühne wissen wollte: «Are you ready to party?», schrien ihm Jung und
Alt ein lautes «Yes» entgegen. Nun folgte ein Schuss auf den nächsten aus
der Hitkanone. Jeden Song kannte man, und die Stimmung explodierte schon
beim ersten Lied «One Draw», besser bekannt als «I wanna get high». Es wurde
lauthals mitgesungen und getanzt.

Der ganze Saal groovte im Takt

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Bild: Grossartige Animation für die Gäste durch Inner Circle. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Die gute Laune der Schaffhauser Partygäste war grossartig. «Ich hoffe,
ihr habt alle eure Tanzschuhe an?», fragte der Sänger und demonstrierte,
was er damit meinte. Er zeigte den Gästen Tanzschritte und Handbewegungen,
bis der ganze Saal im Takt groovte. Die Hits «Reggae Nights»,
«Murder she wrote» und «Young, wild and free» folgten. Es gab an diesem
Abend niemanden, der seine Füsse stillhalten konnte. Sogar auf der sonst
eher ruhigen Besuchertreppe in der Kammgarn stand die Hälfte der Gäste
und schwang die Hüften. Doch es ging den sechs Musikern nicht nur um Spass. «Verstehen die Leute überhaupt, was du sagen willst?», fragte der Gitarrist rhetorisch,
und Sänger Kris Bentley antwortete: «Ich singe heute über Politik, Religion
und Sex. Ich klage alle Leute an, welche der Menschheit Krieg und Leid gebracht
haben.» Später wurde während eines Schlagzeugsolos noch Martin Luther Kings Rede «I have a Dream» eingespielt. Es war eine gelungene Mischung aus perfekter Unterhaltung und einer Prise Philosophie. Der Abend endete nach all den Coversongs
mit einem Partyfeuerwerk der zwei bekanntesten eigenen Hits «Bad Boys» und «Sweat (A La La La La Long)». Der Schweiss tropfte von der Decke, und man ging glücklich nach Hause oder feierte weiter an der Afterparty bis tief in die Nacht hinein.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 15. August 2016 in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Faithless-Sänger Maxi Jazz: Mal ganz ohne Technobeats

Von Hermann-Luc Hardmeier. Mit seiner Akustikband E-Type Boys begeisterte der Faithless-Frontmann Maxi Jazz die Besucher am Mittwochabend im Orient. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier

«Viel mehr Instrumente hätten auf der Bühne wirklich nicht mehr Platz gehabt», scherzte Selim Schivalocchi vom Orient. Alles war vorbereitet für die Akustikband E-Type Boys – die Zweitformation von Maxi Jazz, dem Frontmanns der Band Faithless. Der Sänger des Hits «Insomnia» war am Mittwochabend mit 22 Helfern und einer Grosszahl von Instrumenten im Orient angekommen, darunter die neunköpfige Band.

Kurz vor Mitternacht betrat die britische Band die Bühne. Maxi Jazz trug ein interessantes Outfit mit Krawatte, Gilet und New-York-Yankees-Basketballmütze. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Auftritt war nicht zu vergleichen mit dem Konzert von Faithless am Vorabend am «Stars in Town». Statt dicken Bässen, Technorhythmen und Lasershow gab es viel Gitarrensound, melodiösen Funk, Einflüsse von Blues und Reggae. Wer nun eine Unplugged-Version von Songs wie «God is a DJ» erwartete, war natürlich an der falschen Adresse.

Ein bewusster Kontrapunkt

Die Formation Maxi Jazz & the E-Type Boys war entstanden, als Faithless 2013 eine Pause einlegte. Ganz bewusst sollte ein Kontrapunkt geschaffen werden. Beeinflusst von Musikern wie Todd Rundgren, James Brown, Jimi Hendrix, Parliament sowie dem goldenen Zeitalter des Reggae, entstand ein komplett neuer Sound.

Am Mittwoch spielte die Band harmonisch zusammen, Sänger Maxi Jazz stand keineswegs im Vordergrund. Im Gegenteil, einige Songs wurden sogar vom Backgroundsänger LSK bestritten. Als ein Besucher «Insomnia! I can’t get no sleep!» rief und nach dem Hit verlangte, lächelte Maxi Jazz nur. Bei ihren groovigen Nummern hatte die Band eine spezielle Technik für die Übergänge der Songs. Bevor das eine Lied zu Ende war, spielte sie bereits die Melodie des neuen ein und liess so die zwei Stücke ineinanderfliessen. Im ersten Moment klang das oft kreuzfalsch, doch plötzlich ging es wunderbar auf und beeindruckte die Zuhörer.

Zustrom vom Herrenacker

Kurz vor Konzertbeginn war das Orient noch fast leer, doch es füllte sich beachtlich während des Auftritts. Viele Besucher waren erst spät vom Herrenacker vom «Stars in Town» gekommen und wollten die andere Seite von Faithless sehen. Einige tanzten, andere genossen die Songs mit einem kühlen Getränk in der Hand, und wiederum andere filmten den ganzen Auftritt mit ihrem Smartphone.
Besucher Roman Spengler war am Faithless-Konzert vom Dienstag ganz vorne an der Bühne gewesen. «Heute ist die Musik natürlich völlig anders. Ich finde es cool, dass der Frontmann zwei Gesichter hat, und der Sound gefällt mir auch heute gut.» Auch Besucher Arsen Seyranian war begeistert: «Die Vielfalt von Rock, Jazz und Reggae beeindruckte mich. Ich fand es einen tollen Abend und besuche gerne wieder ein Konzert von Maxi Jazz.» Der Auftritt war ein Highlight für alle Fans von anspruchsvoller Livemusik und wurde mit einer starken Afterparty perfekt abgerundet.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 12. August 2016.