Mit dem Bulldozer den Duden überfahren

Am Freitagabend erklärte der Satiriker Renato Kaiser in der Kammgarn, warum öffentliche Toiletten magisch sind und Velofahrer wie Cervelats aussehen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Das Schauwerk-Team und der Satiriker Renato Kaiser. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Schaffhausen erhält nicht oft royalen Besuch. In Neuhausen soll einst ein russischer Zar übernachtet haben. Am Bahnhof steht ein Stand seiner Durchlaucht, dem Brezelkönig. Und das war’s bereits. Doch dann kam am Freitagabend Kaiser Renato. Der Satiriker und Poetryslammeister trägt seine Krone allerdings nicht auf dem Kopf, sondern auf der Zunge. Er fuhr bei seinem Auftritt in der Kammgarn nicht mit der Königskutsche vor, sondern bearbeitete den Duden mit dem Bulldozer. Seine Worte hatten Sprengkraft, waren gefeilt, gepfeffert und zwischendurch auf giftig. Der Wortakrobat ist ein genauer Beobachter, der humorvoll und lakonisch das Alltagsgeschehen kommentiert. Yogamatten findet er mindestens so schlimm wie Liegevelos. Influencer würde er am liebsten auf den Mond schiessen und er gestand ganz offenherzig seine Liebe zu öffentlichen Toiletten. „WCs sind Oasen. WCs sind magisch. Es sind die letzten Rückzugsorte in stürmischen Zeiten.“ Für ihn ist auch klar, warum das stille Örtchen einen wertvollen Beitrag zur Genderdebatte leisten können: „Auf dem WC sind alle gleich!“ Der 36-jährige führte seinen verbalen Boxkampf auch gegen die Kirchen, Sauerteig und Medien, welche am liebsten über das Herkunftsland von Gewalttätern berichten und damit Stereotypen bedienen. Zum Schluss gab er sich selbstkritisch. Seine Leidenschaft Rennvelo fahren sei alles andere als sexy. „Ich fühle mich in meinem Velodress wie ein neonfarbener zu eng vakuumierter Cervelat.“ Als wäre das noch nicht genug, beschrieb er daraufhin Sekunde für Sekunde, wie er dank seiner Klickpedalen beim Anhalten am Rotlicht verunfallte. Das Publikum kugelte sich vor Lachen und das Schauwerk war mit Renato Kaisers Auftritt erfolgreich in die neue Saison gestartet. Es gab viel Applaus und der Kaiser schien seine Audienz in der Munotstadt in vollen Zügen genossen zu haben.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 6. September 2021. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Kraftvolle Stimme und powervolle Show

An der Streetmusic Night heizten Mr. Mojo und Rusty Stone den Besuchern am Donnerstag ein.

Am Donnerstagabend steppte der Bär ordentlich in der Safrangasse. Entlang dem Cuba-Club und dem Abaco lud die 5. Streetmusic Night von der Band-Union einmal mehr zum musikalischen Highlight der Woche. Der eingangs erwähnte Bär war allerdings nicht aus dem Zoo entwichen, sondern direkt vom Präsidentenstuhl der Band-Union auf die Konzertbühne gesprungen. Ronny Bien trug sodann auch keinen Honigtopf unter dem Arm, sondern hatte eine tolle Band im Rucksack dabei. Der Musiker tobt sich seit 26 Jahren auf der Bühne aus. 17 Jahre davon unter dem Künstlernamen Mr. Mojo. Nach der Coronazeit ist er aus dem Winterschlaf erwacht und hungriger denn je auf Auftritte und das Bühnenadrenalin. Doch der Reihe nach: Das kleine Schaffhauser Strassenfestival startete um 19 Uhr mit vielen Zuschauern. Den Auftakt machte der Folk-Blues-Künstler Rusty Stone. Als hätte er seine Stimme jahrelang in Cognac gebadet und mit dem Rauchen von dicken Cohibas verfeinert. Markant, urchig und tiefsonor klang sein Gesangsorgan. Mit einem Effektgerät als Assistenten legte er einen Klangteppich auf die Safrangasse, als wäre er mit einer ganzen Cowboygang aus dem Wilden Westen angereist. Es gab allerdings weder eine Prügelei im Saloon des Cuba-Clubs noch ein Revolverduell im Schaffhauser Bermudadreieck. Der Blues war schwungvoll und mitreissend, aber kein Partytornado. Rusty Stone hat sich sein Lebensmotto gleich auf den linken Unterarm tätowiert: „Blues was my first love“. Sein Lebenselixier verteilte der Künstler aus München grosszügig an die Gäste. Mit Zutaten von Country, Folk, Blues, Rock’n’Roll mixte er einen Cocktail, der sehr bekömmlich war und die Zuhörer in gute Stimmung versetzte. Nach einer kurzen Pause war sodann die Zeit von Mr. Mojo angebrochen. Mit Tom Rollbühler an der Gitarre, Andreas Rankel am Gesang, Bruno Niederhauser am Bass und Melchior Hürner am Schlagzeug startete die Rakete mit Vollgas in den Rock’n’Roll-Himmel. Egal ob man Rhythm’n’Blues oder Soul mochte, Mr. Mojo hatte für jeden Zuhörer etwas im Gepäck. Seine kraftvolle Stimme und seiner powervolle Show riss alle vom Hocker. Hätte die Safrangasse Beine, hätte sie wohl gleich selber mitgetanzt. Doch nicht nur «Mr. Steam Engine», wie Ronny Bien auch genannt wird, glänzte beim Auftritt. Ohne das perfekt eingespielte Räderwerk der Band könnte die Maschine ihre spezifische und authentische Kraft kaum entwickeln. Die Band hatte einen Hauch von den Blues Brothers und sie feierten die Songs mit Leidenschaft. Das riss die Besucher mit und sie genossen mit kühlen Getränken die heissen, musikalischen Leckerbissen der Streetmusic Night. Keine Frage, nach diesem Feuerwerk darf man auch auf die nächsten sechs Donnerstage mit einem musikalischen Bärenhunger entgegenfiebern.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 21. August 2021.

 

 

 

 

Eine grosse La-Ola-Welle für den Theatersport auf der Kammgarnterrasse

Zwei Schauspieler versetzten die Kammgarnterrasse mit Improvisationstheater am Freitagabend ins Staunen!

Fünf, vier, drei, zwei, eins – Los! Jede Szene auf der Kammgarnterrasse wurde mit diesem Countdown eingezählt. Die zwei Schauspieler Nike Erichsen und Gunter Lösel vom Theatersportteam Winterthur hatten am Freitagabend ein spezielles Konzept für die Gäste im Gepäck. Sie nannten es „Gameshow“. Wie beim Theatersport übernahm das Publikum die Rolle des Regisseurs. Die Schauspieler wollten von ihnen Themen, Orte, Gefühle und Hauptpersonen der Stücke wissen. Es war jedoch kein Wettbewerb zwischen den zwei Schauspielern, sondern es wurde alles gemeinsam aufgeführt. Bei besonders gelungenen Vorführungen hatte Zuschauerin Katharina jeweils die Aufgabe, eine kollektive La-Ola-Welle zu initiieren. „Was hattet ihr als Kinder für einen Berufswunsch?“, wollte Gunter Lösel für eines der ersten Spiele wissen. „Helikopterpilot. Aber schliesslich bin ich Chemielaborant geworden“, sagte ein Zuschauer und prompt wurde aus diesen „Zutaten“ ein Stück gespielt. Es folgte eine „Mord-und-Totschlag“-Geschichte mit zwei Handwerken. Sobald jemand „Das klingt nach einem Lied“ aus dem Publikum rief, mussten beziehungsweise durften die Schauspieler ihre Gefühle in einem spontanen Song ausdrücken. „Bei der Auswahl der Stücke und den „Zutaten“ war sehr viel Humor im Spiel. Die Gäste amüsierten sich prächtig und waren immer wieder auf’s neue verblüfft, wie die zwei Schauspieler aus den wenigen Vorgaben gute interessante und ansprechende Stücke aufführen konnten. Ein Höhepunkt des Abends war, als Gunter Lösel in die Rolle eines Erfinders schlüpfen musste. Das Publikum legte zuvor ohne sein Wissen fest, welche Erfindung er gemacht habe: Ein TV-Sessel, der gleichzeitig ein WC ist. Die Gäste kugelten sich vor Lachen, als der Tüftler nun herausfinden musste, was zum Teufel er denn da überhaupt entwickelt habe. Es folgten viele witzige Episoden wie eine kleine Oper, eine Lovestory inklusive Kinderzeugung auf dem Munot hinten den Kanonen und ein Hund namens Elvis wurde zum Publikumsliebling erkoren. Der Abend endete mit einer grossen und verdienten La-Ola-Welle von Katharina und viel Applaus.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 16. August 2021.

Der Gipfel des absurden Humors

Slam-Poetin Lara Stoll erklärte am Freitagabend, warum sie Staubsauger und Pizzaboten zur Weissglut treiben. Zudem ging sie auf der Kammgarnterrasse Schaffhausen den „blöden Schesen“ an den Kragen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

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Das ist der Gipfel! Lara Stoll mit dem „Ehrengast“ in der Hand, der später noch Flugstunden nehmen würde. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Unser Ehrengast ist auch schon hier“, sagte Lara Stoll zur Eröffnung ihres Auftritts auf der Kammgarnterrasse. Gemeint war ein Laugengipfel, der zum Schluss des Abends ins Publikum geworfen werden sollte. „Ich hoffe, ich vergesse es nicht. Ansonsten bricht das Unheil dieser Welt über uns ein.“ Die 34-Jährige tourt derzeit mit ihrem Programm „Gipfel der Freude“ durch die Schweiz. Sie nennt es nicht Comedy oder Poetryslam, sondern „Ich halte eine energetische Lesung“. Ein Auftritt mit vollem Körpereinsatz, der unglaublich lustig und abwechslungsreich ist. Zunächst liess die Ex-Schaffhauserin die Coronazeit Revue passieren. Leider mussten viele Veranstaltungen abgesagt werden. Lara Stoll nannte beispielsweise die Geissenexpo, das Weinfelder Autofest, das grosse Luganeser Risotto-Tauchen und weitere legendäre Veranstaltungen. „Wir sind unterfestet!“, stellte sie besorgt fest. Nun nahm sie Alltagsthemen ins Visier, die wohl jeder schon erlebt hat. Päärli-Kochen, das mit einem gemeinsamen „passiv-aggressivem“ Einkaufen beginnt und in einem Pak-Choi-Massaker endet. „Man muss ein gutes, eingespieltes Team sein, um sich beim gemeinsamen Kochen nicht umzubringen“, so ihr Fazit. Besonders grosse Feindseligkeiten brachte sie den Staubsaugern entgegen. Entweder sehen sie einem HR-Gyger-Alien ähnlich oder das Rohr knallt einem ständig auf den Kopf, wenn man den Schrank öffnet. Sie forderte indirekt eine Staubsauger-Helmpflicht oder eine architektonische Lösung. Daraufhin gab es ein Intermezzo mit Gitarre. „Jetzt kommt ein kurzes Lied.“ Sie nestelte am Seiteninstrument. Es erklang ein einziger Akkord und das dramatisch gesungene Wort „kurz“. Es war so absurd, dass man nicht anders konnte, als herzlich loszulachen. Lara Stoll war mittlerweile zur Höchstform aufgelaufen und steigerte sich völlig entnervt in „das schlimmste, was mir je passiert ist“, hinein. „Die Pizza, die nicht kam“, wurde zu einer Horrorstory, bei welchem schlussendlich „der tote Leib der wehrlosen Pizza gierig“ verschlungen wurde. Selten hat man sich so köstlich über etwas amüsiert, das im Alltag so ärgerlich ist wie ein verspäteter oder nicht informierte Pizzabote. Die Reise ging weiter über eine Magendarmgrippe: „Das uneheliche Kind des Teufels und einer in der Sonne vergessenen Mayonnaise“. Das kleine „Tête au Toilette“ wurde anschliessend mit einer kleinen Tuba vertont. Notabene ein Instrument, das laut Lara Stoll selber ein bisschen wie ein Verdauungstrakt aussieht. Sie entlockte dem Gerät mysteriöse Töne, die man tatsächlich auf einer Toilette hören könnt. „Sorry, ihr wart noch am Essen“, entschuldigte sie sich amüsiert bei einem Pärchen. Der Abend endete mit zwei Zugaben, einem Märchen über die kleinen Parmelins (ihrem Lieblingsbundesrat) und einer wüsten Prügelei in einem asiatischen Ramen-Restaurant. Inklusive einer „blöden Schese“, einer „Thurgauer-Rasensprenger-Attacke“ und einem Waterboarding mit Sake-Reiswein. Und natürlich wurde zum Schluss der Gipfel ins Publikum geworfen; prallte an der Bühnenbeleuchtung ab und traf die Fotografin. Ein passendes Ende für einen grossartigen Abend mit der Meisterin des absurden Humors.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 9. August 2021 in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“.

 

Wenn der Stand-Up-Padler die Tankstelle überfällt

Die Komiker Cenk, Sven Ivanic und Charles Ngulea spielten am Freitagabend in der Kammgarn Schaffhausen humorvoll mit ihrer Herkunft. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Eine kräftige Massage der Lachmuskeln stand für die Besucher der Kammgarnterrasse am Freitagabend auf dem Programm. Es traten drei Komiker auf, die ganz unterschiedlich mit dem Publikum spielten. Der mutigste von allen war Sven Ivanic. Er sprach die Besucher auf der Terrasse an und baute ihre Antworten in seine Comedy ein. Teilweise klappte das sehr gut. Mit der Besucherin Veronika konnte er sogar ein Quiz spielen. Dabei musste sie beispielswiese erraten, ob es im berühmten Video von Ex-Bundesrat Hans-Rudolf Merz um Köfte, Kebab oder Bündnerfleisch ging. Nicht alle Besucher wollten jedoch ins Rampenlicht gezerrt werden. „Wie ist dein Burger?“, fragte Ivanic einen Besucher. „Besser als deine Witze“, konterte der Angesprochene. „Kein Problem“, lachte Sven Ivanic. „Ich weiss, dass wir Zürcher hier als arrogant gelten und uns unbeliebt machen.“ Er nahm sich selber auf’s Korn und erklärte, wie es zum Design des Zürich-Wappens kam: „Es war ein 18-köpfiges Team aus Schweden, dass viereinhalb Jahre darüber brütete. Dann legten sie fest: Blau für den See, getrennt durch einen Strich für die Langstrasse und das Weiss steht für das Kokain.“ Seine Balkan-Wurzeln nahm er ebenfalls ins Visier. Er parodierte Nati-Trainier Petkovic und wünschte sich, dass bei Verbrechensmeldungen im TV nicht die Herkunft, sondern andere Dinge wie Sternzeichen und Hobbys im Zentrum stehen sollten. Er wolle nicht hören „Ein Serbe und ein Kosovare haben eine Tankstelle überfallen“, sondern eher „ein Wassermann, der in seiner Freizeit Triangel spielt, und ein Stand-Up-Padler haben eine Tankstelle überfallen.“ Auf Ivanic folgte Cenk, der ein Herrscher über absurde Storys war. Er berichtet von der Hochzeit seiner Cousine in der Turnhalle. Sie schwebte auf dem Mattenwagen in die Halle, während ihr Ehemann sich mit den Ringen von der Decke herunterhangelte. Die Geschichte nahm immer sonderbare Wendungen, welche später von einem klatschsüchtigen Fussballer jedoch noch übertroffen wurde. Mit Power und Elan stürmte schliesslich Charles Nguela auf die Bühne. Auch er nahm seine afrikanische Herkunft auf die Schippe. Er erzählte, wie er einen Straussenangriff überlebte und an der Kasse im Migros mit einer „I have a dream“-Rede gratis Esswaren bekam. Am Schluss brachte er für die Badisaison noch einen Wunsch an, der es in sich hatte: „Liebe Minimalpigmentierte, bitte fragt uns Maximalpigmentierte im Sommer nicht, ob wir auch einen Sonnenbrand bekommen können. Natürlich können wir das, verdammt. Wir sind Menschen.“

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 12. Juli 2021.

Herzliche Gratulation!

Herzliche Gratulation an alle meine BM2-Schüler*innen zur bestandenen Matur 2021!

Es war super mit euch und ich wünsche euch nur das Beste für die Zukunft!

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Mit Paukenschlag die Stadt geweckt

Am Donnerstagabend eröffneten zwei Bluesrock Bands die Street-Music-Saison in der Schaffhauser Safrangasse. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

„Ich freue mich extrem, dass es klappt. Wir wollen die Leute ermutigen, wieder auf die Gasse zu kommen“, sagte Mitorganisator Ronny Bien. Die Safrangasse füllte sich am Donnerstagabend schnell mit Zuschauern. Man sass an 6er-Tischen, fläzte sich auf Liegestühle oder machte es sich lässig an einem Bier nippend an einem Stehtisch bequem. Live-Music, anstossen und den Abend geniessen. Es schien fast so, als wäre man in die Zeitmaschine gesessen und in die Zeit vor Corona geflogen. Es war herrlich, den mief vom Homeoffice gegen den Charme von Livemusik einzutauschen. Zwei Bands unterhielten knapp drei Stunden mit bestem Bluesrock. Das war der Auftakt von insgesamt 18 Konzertabenden mit total 36 Bands. „Jetzt können wir voll durchstarten. Wir haben uns bewusst für einen Paukenschlag zum Beginn entschlossen“, freute sich Bien. „Wir wollen die Corona-Sorgen loswerden und wieder Leben in die Stadt bringen.“ Unter den 36 Bands ist fast jedes musikalische Spektrum abgedeckt. Es werden Lokalmatadoren aber auch gestandene internationale Acts spielen. Eine Newcomer-Band ist dabei und auch einige kleine Perlen finden sich. Beispielsweise ein ehemaliger FCS-Profifussballer, der das runde Leder gegen das Mikrophon eingetauscht hat. 22 der auftretenden Bands gehören zur Schaffhauser Bandunion, welche zusammen mit dem Cuba Club und dem Abaco den Event auf die Beine stellt.

Keine Jubiläumsfeier

Eigentlich wäre 2021 ein Jubiläumsjahr. Die Street-Music-Nights starten in die 5. Saison. «Wegen Corona können wir den 5. Geburtstag nicht richtig feiern, daher verschieben wir das auf das 10-jährige», scherzt Ronny Bien. Doch am Donnerstagabend ging es durchaus feierlich zu und her. Für einen besseren Klang war die Band an der Ecke Safrangasse/Stadthausgasse positioniert. Zu Beginn noch zaghaft, später wurde immer intensiver mitgeklatscht. Einige schwangen sogar das Tanzbein und hauchten dem Bermudadreieck wieder Leben ein.

Songs wie Kanonenkugeln

Den Auftakt machte die Weinländer Combo «Say it Loud!». Die Formation schien den Groove gepachtet zu haben. Ein Feuerwerk von Gitarrenklängen balanciert die Gäste durch das wummernde Meer von Bassriffs. Der Schlagzeuger hämmerte lässig den Takt und der Keyboarder sorgte für eine stürmische See. Jimmy Hendrix hätte vor Freude einen Luftsprung gemacht, wäre er an diesem Abend in der Safrangasse gestanden. Als die Stimmung dem Siedepunkt nahe war, übernahmen die Seebären von «Shaky Ground» das Ruder. Bei ihnen herrschte sehr starker Wellengang. Einige Songs fetzten den Zuhörern wie Kanonenkugeln aus den Rohren eines Piratenschiffs um die Ohren. Andere Lieder hingegen waren sanft wie eine milde Meeresbrise an einem gemütlichen Hochsommertag. Die Gäste forderten Zugabe um Zugabe. Es war schön zu sehen, wie Schaffhausen an diesem Abend kulturell erwachte und aufblühte.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Samstag, 5. Juni 2021.

„Poetryslam hat mir das Leben gerettet“

Am 1. Provinz-Slam in Andelfingen kämpften am Samstag sechs Poeten um den Siegerwhiskey. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Der Sieger Jachen Wehrli mit dem Siegerwhiskey. Umringt von allen Teilnehmern und Moderatoren des Provinzslams. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es geht tatsächlich wieder los! Wir haben wieder Kultur in unserem Leben“, freute sich Moderatorin Rahel Fink. Zusammen mit Joël Perrin führte sie humorvoll durch den Abend. Sechs Künstler traten gegeneinander zum Poetryslam an. Beim Dichterwettstreit im Löwensaal in Andelfingen entschied das Publikum jeweils mit Applaus, wer eine Runde weiterkam. Das K.O.-System ähnelt jenem an einer Fussball-WM. Nur dass beim Poetenduell nicht mit Steilpässen, sondern mit gepfefferten Worten und verbalen Dribblings gegeneinander angetreten wurde.

Pinkelnder Hund

Im ersten Kampf trat der Langenthaler Valerio Moser gegen den Liestaler Dominik Muheim an. Valerio erzählte eine Story über einen Hund, der ihm scheinbar stundenlang ans Bein pinkelte. Während sich seine Hose mit Hunde-Urin füllte, sinnierte er über den besten Freund des Menschen. „Wie gemein es doch ist, dass die Menschen den Hunden Namen geben, welche diese selbst gar nicht aussprechen können.“ So beschloss der Poet kurzerhand, dem Vierbeiner einen eigenen Namen zu  geben. Bello, 500 Gramm Maroni oder Revolution standen zur Auswahl. Bei letztgenanntem Namen könnte man durch das Rufen nach dem Hund einen Staatstreich auslösen. Beim „500 Gramm Maroni“ hingegen gleichzeitig bestellen und das Tier zurückbeordern. Eine definitive Antwort blieb Valerio schuldig.

Dominik hatte ein ganz anderes Problem. Beim spontanen Babysitten wurde er mit der Aufgabe konfrontiert, die Kinder aufklären zu müssen. Er erinnerte sich zurück, dass seine eigene Aufklärung dank einem Schmudelheft während dem Altpapiersammeln passiert war. Das Publikum konnte sich nicht zwischen den zwei entscheiden. Und so schickte man sie als Zweiterteam zusammen ins Finale.

Kindergeschrei und Spaghetti-Sünden

Mia Ackermann aus St.Gallen trat nun gegen Gina Walter aus Basel an. Mia begeisterte mit einer absurden Story über ein Tram, dass sich bei starkem Regen plötzlich und unaufhörlich mit Wasser füllte. Gina hingegen konterte mit einer Liebeserklärung an ihr Leibgericht Spaghetti. Für die Halbitalienerin war klar: Wer Spaghetti schneidet, mit Ketchup isst oder sie als Nudeln bezeichnet, der ist ein „Sündenkevin“ oder ein „ehrenloser Sonnenstuhl-in-Mallorca-Reservierer“. Der Hunger der Gäste war geweckt und sie schickten Gina ins Finale. Die letzte Begegnung fand zwischen Jachen Wehrli aus dem Bündnerland und Martina Hügi aus Winterthur statt. Jachen setzte sich mit einem Text über die täglichen Familienfights mit seinen Kindern gegen das Arzttrauma von Martina durch. Sie gestand, dass sie sich heimlich in Arztpraxen schleiche, um im Warteraum zu schlafen. Neuerdings ist sie „polydoktorös“. Sie geht nun in eine Gemeinschaftspraxis. Jachen hingegen gab einen Tipp, wie man die gesamte Familie endlich wieder einmal zusammenbringt: „Einfach einmal den W-Lan-Stecker ziehen.“ Vor dem grossen Finale kam es sodann zu einer Überraschung: Der Andelfinger Musiker und Texter Urs Späti wurde auf die Bühne gebeten. Mit Badmintonschläger und viel Schwung erklärte er, dass ein Poetryslam ein reizvolles Kräftemessen sei. Allerdings auch ambivalent, denn der Spass und nicht der Wunsch auf einen Sieg solle im Zentrum stehen.

Poetryslam als Ausweg

Die Finaltexte waren allesamt stark. Gina breitete die Gefühlwelt der Riesenschildkröte „Lonesome George“ aus. Das Duo Valerio und Dominik berichteten über ihren Besuch an einer Weinmesse. Der Erlebnisbericht sowie der Slam endeten feuchtfröhlich. Da sie die Zeit überzogen hatten, wurden sie von den Moderatoren von der Bühne „weggekitzelt“. Jachen wählte nicht die humorvolle Schiene. Er berichtete über einen persönlichen Schicksalsschlag. Er hatte drei beruflich bedingte Burnouts. Klinikaufenthalte und dunkelste Gedanken inklusive. Erst seine Familien und das Texteschreiben konnten ihm helfen. „Poetryslam hat mir buchstäblich das Leben gerettet“, erklärte er nach seinem Auftritt. Er hatte damit die Besucher berührt und durfte den Siegerwhiskey zum Schluss in die Höhe stemmen. Der Abend zeigte die gesamte Bandbreite des Poetryslams und war ein grosser Erfolg. „Wir möchten diese Veranstaltung unbedingt wiederholen“, bilanzierte Rahel Fink. „Es wäre schön, wenn wir vielleicht drei Mal jährlich einen Provinzslam veranstalten könnten.“

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 31.05.2021

Eine Wundertüte mit klarer Botschaft zur Wiedereröffnung des Stadttheaters

Die erste Vorstellung im Stadttheater Schaffhausen nach der Coronapause verwirrte und begeisterte die Zuschauer zugleich. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Zugemüllt und vernebelt. Die Umweltverschmutzung und der einfluss des Menschen dabei wurden am Dienstag im Stadttheater Schaffhausen schonungslos angeprangert. (Fotos: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Es ist toll und schön, dass wir wieder spielen können“, freute sich Kulturbeauftragter Jens Lampater auf die erste Vorstellung nach der Coronapause. Damit der Wiedereinstieg fulminant wird, hatte sich das Stadttheater dafür einen besonderen Leckerbissen ausgesucht. Ein Stück des Theaterensembles Ontroerend Goed unter der Leitung von Alexander Devriendt. «Mir gefällt an ihren Aufführungen, dass sie starke, eigenständige Stücke auf die Beine stellen und nicht einfach zum 37. Mal Shakespeares Sommernachtstraum oder Brechts Dreigroschenoper einspielen und vielleicht ein bisschen modernisieren», so Lampater. «Es ist konzeptionell und strukturell eine ganz andere Art von Theater.» Was das bedeutet, konnten die Schaffhauser bei den drei bisherigen Auftritten in der Munotstadt miterleben. Einmal errichtete das Ensemble ein Spielcasino auf der Bühne, bei welchen die Zuschauer an den Schalthebeln der Finanzmärkte mitwirken konnten. Einmal eine Abstimmungsarena, bei welchem Schauspieler in einem Knock-Out-System der Rhetorik zum Opfer fielen und ein anderes Mal erzählte die Theatergruppe die gesamte Weltgeschichte innerhalb von eineinhalb Stunden. Rückwärts wohlgemerkt. Kein Wunder waren bei diesen innovativen und partizipativen Ideen die fünfzig Tickets für die Aufführung schnell ausverkauft. Um was es genau ging, konnte man dem Programmheft nur ansatzweise entnehmen. Eine Wundertüte zur Wiedereröffnung der Theaterbühne. Das klang vielversprechend.

Seltsames Chaos

Zunächst begann das Stück unspektakulär. Einsam und alleine stand ein Baum auf der Bühne. Rot funkelnd und majestätisch baumelnd ein einzelner Apfel an einem Ast. Die Schauspieler bewegten sich seltsam rückwärts, verhielten sich teilweise kurios und sprachen ein seltsames Kauderwelsch. Selbst eingerostete Englischfans bemerkten schnell, dass dies nicht die versprochene Landessprache aus Grossbritannien war, welche man zu hören bekam. Der Baum auf der Bühne wurde misshandelt, Äste zerbrochen, ausgerissen und schliesslich wurde die Pflanze weggeworfen. Als wäre das noch nicht genug, regnete es bunte Abfallsäcke von der Decke und eine seltsame goldene Statue wurde in Einzelteile vor das Publikum geschoben und aufgerichtet. War das Dadaismus? Provokation? Oder einfach ein Chaos, welches hier vorgesetzt wurde? Die Zuschauer waren ratlos, bis es langsam dämmerte. Die Schauspieler sprachen rückwärts.

Plötzlich macht alles Sinn

Nach der Hälfte der Vorstellung trat eine Akteurin vor den Vorhang und sprach plötzlich in „normalem“ Englisch. Eine Leinwand wurde heruntergelassen und das ganze Geschehen auf der Bühne wurde über den Beamer ab Band rückwärts nochmals abgespielt. Jetzt machte auf einmal alles Sinn. Die goldene Menschheitsstatue wurde umgerissen, die bunten Abfallsäcke eingesammelt. Die Menschen verschwanden und übrig blieb nur der Baum. Es war in der Rückwärtsschau faszinierend, welche Details und Verhaltensweisen man übersehen hatte und nun verstand. Das Stück hatte jetzt auch eine klare Botschaft. Eine Parabel, die vor der Klimaerwärmung und die Zerstörung der Umwelt durch die Menschen warnt. Der Baum der Erkenntnis blieb übrig. Die Apokalypse und die Verschmutzung konnten zwar auf der Bühne rückgängig gemacht werden. Doch schaffen wir das auch im echten Leben? Der Auftakt in den Theatersommer ist dem Stadttheater damit nicht nur geglückt, sondern regte auch intensiv zum Nachdenken an.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Donnerstag, 6. Mai.