Die Tastenlöwinnen trafen den Marathonläufer

«Was ist denn hier los?», fragte sich der eine oder andere TapTab-Besucher am Freitagabend. Auf der Bühne stand ein Bügelbrett und darauf thronten zwei Casio-Kinderkeyboards. Was wirkte wie das Setting eines chaotischen Kindergeburtstags, war aber nichts Geringeres als die Arbeitsfläche von Casiofieber. Die zwei Schaffhauser Damen Vree Ritzmann und Nora Vonder Mühll eröffneten den Konzertabend und ernteten immer wieder grossen Applaus. Witzig, harmonisch und fetzig waren ihre Songs, die einmal von depressiven Freunden oder ein andermal von der Vergänglichkeit der Zeit bei «Ich bin die Uhr» handelten. Einmal mussten sie ein Lied erneut starten, aber auch das meisterten sie souverän und sehr sympathisch. Zu «Schüsse im Wald» oder «Land der Zwerge» wurde getanzt oder verträumt mitgeschunkelt. Die zwei Tastenlöwinnen rockten das TapTab und bereiteten den Boden für den Hauptact des Abends. Als der St. Galler Manuel Stahlberger mit seiner fünfköpfigen Band die Bühne betrat, waren die Gäste im rappelvollen TapTab schon ordentlich in Tanzstimmung. Stahlberger bot einen Mix aus elektronischem Discosound und nachdenklichem Hypnose-Pop. Er ist derzeit auf Tour für sein neustes Album «Lüt of Fotene». Zu Liedern wie «Hütte», «Drifte» oder «Gar nöd i» zündete das Stroboskop im Takt und die Bässe wummerten durch den Saal. Dazwischen ergriff Stahlberger immer wieder das Wort und erzählte kleine Anekdoten zu den Songs. Sein trockener, lakonischer Humor zeichnete dabei abwechselnd ein Lächeln oder ein Fragezeichen auf die Gesichter der Besucher. Und genau dieser Mix schien dem Maestro vorzüglich zu gefallen. Ein Beispiel: «Ich habe geträumt, ich treffe meinen Onkel. Er sage mir, es sei Welt-Aufräumtag. Aber ich dürfe nicht mitmachen.» Während man noch über die philosophische Tiefe der Aussage rätselte, startete bereits das nächste Lied. Die Musik von Stahlberger glich einem powervollen Marathonlauf, bei dem zwischendurch in die Steckdose gegriffen wird. Treibend, mitreissend, energetisch, aber auch gemütlich. Einfach der perfekte Soundtrack, um sich für das Wochenende einzustimmen. Der Abend endete mit fetzigen Vinyl-Beats von DJ Fancy Fingers.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 9. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Stage-Diving mit der musikalischen Wundertüte

In der ausverkauften Kammgarn sorgte am Freitag die Band Bukahara für kollektive Kniebeugen und staunende Besucher. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Volles Haus und gute Stimmung beim Aufritt des deutschen Hauptacts Bukahara in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Melanie Duchene)

Am Freitagabend platzte die Kammgarn aus allen Nähten. Die zwei Bands Suma Covjek und Bukahara hatten knapp 800 Gäste angelockt, welche sich auf einen sehr abwechslungsreichen Abend freuten. Suma Covjek heizte als Vorband die Halle ein. Die junge Partyband mit ihren Wurzeln in Bosnien und Algerien zeigte ein sehr breites Spektrum von melancholischen Balladen bis hin zu Balkan-Pop. Wer die Texte verstehen wollte, war intensiv gefordert. Denn die acht Musiker sangen auf Französisch, Serbokroatisch, Spanisch, Englisch und auch auf Arabisch. Mit ihrem Hit «Bouge ton Coeur» brachte die Combo definitiv den Frühling in die Kammgarn. Die dreiköpfige Bläserfraktion sorgte für energievolle Melodien und Druck, während die zwei Sänger feierten und auf der Bühne kräftig mittanzten. Doch die Künstler hatten nicht nur gute Stimmung, sondern auch nachdenkliche Botschaften im Gepäck: «Wir sind verwundbare Wesen, welche eine helfende Hand benötigen», sangen sie im Song «Fata Morgana». Später riefen sie zur Solidarität mit allen Menschen auf, die derzeit auf der Flucht sind. Nach gut einer Stunde verabschiedeten sie sich unter grossem Applaus und überliessen die Bühne dem Hauptact des Abends. Als Bukahara mit der Hymne aus dem Boxer-Film «Rocky» einmarschierten, gab es kein Halten mehr. Eigentlich war die Band kein Partyvulkan, aber sie wurden ab der ersten Minuten gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe. Die Gäste tanzten und sangen voller Power mit, sodass der Posaunist nach dem ersten Stück begeistert fragte: «Leute, wie geil seid ihr denn drauf?» Bukahara spielte in der Kammgarn ihren Tourneeabschluss und bestritten dabei ihr 22. Konzert. Man merkte es daran, dass die Stimmen schon etwas heiser waren, sie aber genau wussten, wie sie die Menge zum Ausflippen bringen konnten. Es wurde kollektiv geschunkelt, auf den Boden gekniet und Tanzschritte eingeübt. Ihre schräge-interessante Musikombination aus Gitarre, Posaune, Kontrabass, Geige und Standschlagzeug machte das Quartett unvergleichlich. Gekrönt wurde das Ganze von den tiefsonoren Stimmen, welche sogar Darth Vader neidisch machen würden. Die Musik war extrem kreativ und eine musikalische Wundertüte, die einen immer wieder aus den Socken haute. Ein Song war komplett auf Arabisch, das Publikum übernahm einmal die Rolle des Schlagzeugs, plötzlich leuchtete eine Lampe aus dem Sousaphon in der stockdunklen Kammgarn und einer der Musiker stürzte sich zum Stagediving in die Menge. Bierdusche inklusive. Eine Überraschung gab der nächsten die Türklinke in die Hand. Die Besucher feierten, tanzten und genossen die gelungene Unterhaltung. Einige der Gäste hatten hatten sich für die Show eine stylische Garderobe ausgesucht. Jemand trug ein rotes Halstuch wie Luky Luke, einige Damen hatten bunte Haarschleifen und Stirnbänder umgebunden. Wieder andere demonstrierten stolz, dass der Schnauzbart seine Rückkehr feierte. Bukahara wollte aber nicht nur die Gäste, sondern auch sich selbst herausfordern. Am Freitag spielten sie gleich vier Songs, die sie noch nie auf einer Bühne gezeigt hatten. Die Reaktion war so positiv, dass der Sänger meinte: «Wir sind überwältigt von eurer Energie. Das ist wie ein schöner Traum heute Abend.» Zum Schluss gaben sie dann noch einmal alles, um die Halle zum Dampfen zu bringen. Mit «No!» und «Eyes wide Shut» legten sie Feuer auf der Tanzfläche und verabschiedeten sich von der begeisterten Kammgarn.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier

Polka-Explosion im TapTab

Die Schaffhauser Band «Palko!Muski» brachte die Baumgartenstrasse am Freitag zum Schwitzen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wenn man einen Toaster in die Badewanne schmeisst, dann ergibt das in etwa das Gefühl, das am Freitagabend im Schaffhauser Club «TapTab» vorherrschend war. Starkstrom, Power, Energie, Exzess und Euphorie. Die fünfköpfige Band Palko!Muski kannte kein Halten und quasi ab dem 1. Song herrschte Partystimmung auf Knopfdruck. Sänger Baptiste Beleffi animierte die Besucher immer wieder mitzusingen und im richtigen Moment die Arme in die Luft schnellen zu lassen. Im blauen Strobokskop-Licht wirkte das sehr ansprechend und mitreissend. Bereits beim 3. Song riss der Frontmann der Combo sich das Hemd vom Oberkörper und fragte: «Is this enough?». Ein lautes «No!» schalte ihm entgegen. Es brodelte und strudelte, als ob das TapTab in einem Whirlpool mit bissigen Piranhas sitzen würde. Die Stimmung im Club an der Baumgartenstrasse war absolut ausgelassen. Die Band nutzte die Gelegenheit, um auch eine klare politische Position zu markieren. «This is for my brothers and sisters in the Ukraine!”, sagte der Sänger und grosser Applaus erklang. Er kämpfte sich in der Folge von der Bühne auf die Hände der Besucher. Nicht nur buchstäblich, sondern in Tat und Wahrheit. Stage-Diving bekam am Freitagabend eine neue Dimension. Singend und fordernd wurde Baptiste Beleffi durch das TapTab getragen. Plötzlich kroch er am Boden, dann sprang er an die Säule inmitten des Raumes und kletterte sie empor. Der Hexenkessel hatte seinen Siedepunkt erreicht und die Menge feierte den Auftritt der wilden Truppe. Vor der Bühne wurde intensiv Pogo getanzt. Mit ausgefahrenen Ellbogen und viel Energie duellierten sich die Zuschauer auf der Tanzfläche, während Palko!Muski den Takt vorgab. «Is this enough?», wollte der Frontmann erneut wissen und laute Chöre mit der Aufforderung «Einer geht noch!» erklangen. Die Temperatur kletterte das Barometer empor. Die Sauna an der Baumgartenstrasse arbeitete auf Hochtouren. Neben allen bekannten Palko!Muski-Songs erklang plötzlich die Partisanen-Hymne «Bella Ciao». Mittlerweile gab es kein Halten mehr. Die Gäste feierten, tanzten, sangen, eskalierten. Es wurde geschwitzt, geröchelt und gekämpft. Kein Tanzbein blieb arbeitslos und keine Kehle trocken. «Absolut fantastisch», freute sich eine Besucherin, die gerade an der Shotbar neben der Tanzfläche eine Runde bestellte. Nach dem Konzert startete das Trubači Soundsistema die Partyrakete und sorgte dafür, dass das ausgelassene Fest bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Erschienen am Montag, 11. April 2022 in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» von Hermann-Luc Harmdier.

Disclaimer: Es handelt sich beim Bericht um einen Stimmungsbericht. Keine Konzertkritik. Ziel des Berichts war es, den Lesern die Stimmung während des Konzertes zu vermitteln.

Humorvoller Rhetorik-Kurs für die Bundesräte

Die Comedyshow «Fake me Happy» von Michael Elsener am Mittwochabend im Stadttheater war sehr humorvoll und verblüffend spontan. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Ich fake gerne», gestand Michael Elsener am Mittwochabend. Zu seiner zweitägigen Comedyshow waren zahlreiche Gäste ins Stadttheater gekommen. «Die Vorstellung wird heute aufgezeichnet, also bitte macht ein bisschen mehr Applaus, als ihr es lustig findet», erklärte der Showstar mit einem Augenzwinkern. Ein riesiger Kamera-Arm war im Stadttheater installiert und an allen Ecken und Enden wurde gefilmt. Die Zuschauer waren in ausgezeichneter Stimmung und kamen dem Wunsch gerne nach. Schnell hatte man die Kameralinsen vergessen, denn Michael Elsener hat ein grosses Talent: Er kann spontan Menschen im Publikum ansprechen, ihnen einige Informationen entlocken und diese dann immer wieder an passender Stelle in seiner Show einbauen. So sorgten eine Physiotherapeutin, ein Fotograf, der keine schwangeren Damen oder verliebte Pärchen fotografieren möchte, oder ein Verschwörungstheoretiker bezüglich der Erdanziehungskraft für grossen Unterhaltungswert und viele Lacher.

Rhetorikkurs für Politiker

Anschliessend inszenierte der Komiker einen Rhetorikkurs mit Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger. Er hatte die Aufgabe, die aktuelle Landesregierung in punkto Neujahrsrede zu schulen. Das Figurenensemble beherrschte Michael Elsener grossartig. Egal ob breiter Walliser Dialekt von Viola Amherd, tiefsinnige Gedanken zum Vorsorgemodell von Alain Berset oder amüsante sprachliche Missverständnisse mit Guy Parmelin, jede Partei bekam einen saftigen Seitenhieb. Aber es gab natürlich auch andere Themen: Er erklärte, warum sein Opa wegen terroristischem Verhalten angeklagt war, wie Roger Federer in der Sauna auf Kliby und Caroline traf und schlug vor, den Genderstern in der Sprache mit einem akustischen Signal sichtbar zu machen. Ein Highlight des Abends war sicherlich, als er erzählte, wie viel besser es wäre, wenn das Leben rückwärts abliefe. «Man wacht auf und bekommt ein riesiges Erbe, wird aus dem Altersheim entlassen, muss immer weniger arbeiten, an der Uni bekommt man am ersten Tag das Abschlussdiplom, qualifiziert sich in der Primarschule für den Kindergarten und kann neun Monate im warmen Mutterbauch verbringen, bis man immer kleiner wird und schlussendlich als Funkeln in den Augen zweier Verliebten verglimmt.»

Zu langes Bewerbungsvideo

Am Schluss des Abends gab es sodann eine Zusatzrunde: Für einen Comedywettbewerb in London diente das Publikum als Kulisse. Michael Elsener drehte ein Bewerbungsvideo und trat mit einer englischen Standup-Nummer auf. Er wiederholte dabei auch einige der bereits gezeigten Nummern auf Englisch. Zeitlich dauerte das eindeutig zu lange. Dennoch gab es begeisterten Applaus am Schluss und Elsener freute sich: «Ihr seid Goldschätze, bitte kommt mit auf meine Tournee.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 18. März 2022.

Vortrag: Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944

Am 1. April fand an der Berufsmaturiät ein Vortrag von Dr.Matthias Wipf zur Bombardierung von Schaffhausen im 2. Weltkrieg statt. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Luc Hardmeier und Matthias Wipf inmitten der 70 Lernenden.

Genau 78 Jahre ist es her, dass die Alliierten einen Bombenregen auf die Ostschweiz niederliessen. Der tragische Vorfall ereignete sich am 1. April 1944. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts an der Berufsmaturität fand unter der Leitung von Geschichtslehrer Luc Hardmeier ein Vortrag mit dem Historiker Dr. Matthias Wipf am Freitag in der Aula des Hauptgebäudes statt. Matthias Wipf erklärte, wie die Piloten ursprünglich Ludwigshafen bombardieren wollten und anschliessend Schaffhausen wegen Navigationsfehlern, dem Ausstieg des Radars und der Lage von Schaffhausen auf der „falschen“ Seite am Rhein verwechselten. Sie dachten, sie hätten eine deutsche Stadt unter sich. Als sogenanntes Gelegenheitsziel (Target of opportunity) wollten sie ihre Bombenlast loswerden und begingen den fatalen Irrtum. In Ludwigshafen hätten sie die IG Farben zerstören wollen. Dort wurde unter anderem das Gas Zyklon B hergestellt, mit welchem die Nazis ihre fürchterlichen Verbrechen im Holocaust begingen. Schaffhausen hatte das Pech, dass an diesem nebligen Tag genau über der Munotstadt die Wolkendecke aufgerissen war und daher den Flugzeugen ein ideales Ziel bot: Innerhalb von 40 Sekunden fielen 400 Bomben. 40 Menschen starben und die ganze Schweiz blieb geschockt zurück. Der Bahnhof erlitt einen Volltreffer, dort starben 18 Menschen. Auch getroffen wurden ca. 50 weitere Gebäude wie das Industrie-Quartier Mühlenen, das Regierungsviertel und der Fronwagplatz. Die US-Regierung entschuldigte sich umgehend und bezahlte eine Wiedergutmachung von 40 Millionen US-Dollar. Insgesamt gab es in Schaffhausen 544 Luftalarme. Die Bevölkerung nahm die Überflüge des US-Militärs zunehmend als Schauspiel wahr und schützte sich nur noch teilweise mit dem Gang in die Luftschutzbunker. Wahrscheinlich hätte es etwa 1/3 weniger Opfer geben können, hätte man sich ordnungsgemäss verhalten. An diesem 1. April war Schaffhausen und die Schweiz plötzlich mitten im 2. Weltkrieg. „Ein Schreckenstag“ wie die Zeitung Schaffhauser Nachrichten damals titelte. Die 70 Lernenden in der Aula des Hauptgebäudes der Berufsmaturität nutzten den Anlass, um viele Fragen an den Experten zu stellen und es entbrannte eine spannende Diskussion. Auch Vergleiche mit dem Ukrainekrieg wurden gezogen. Das Ereignis ist absolut tragisch. Der Anlass war an diesem Jahrestag dennoch sehr wichtig und hat den Geschichtsunterricht anschaulich, einprägsam und höchst interessant bereichert.

Von Hermann-Luc Hardmeier

Die Beute von Stereo Luchs flippte aus

Stereo Luchs brachte mit Dancehall-Vibes am Samstagabend die proppenvolle Kammgarn zum Kochen. Er sprach aber auch über den Ukrainekrieg. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Foto: Christoph Merki, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier

Luchse sind dafür bekannt, dass sie sich erst in der Abenddämmerung aus dem Wald herauswagen. Sie lauern ihrer Beute auf und pirschen sich langsam an sie heran. Ganz anders war am Samstagabend der Auftritt von Stereo Luchs in der Kammgarn. Mit Stroboskop-Blitzen und lauten Beats vom DJ-Pult stürmte der Protagonist des Abends auf die Bühne. In der freien Wildbahn wären die Beutetiere wohl vor Schreck erstarrt. Im Kulturtempel am Rhein jedoch wurde er gefeiert, als hätte man seit der Coronapause sehnsüchtig nur auf ihn gewartet. Proppenvoll war der Saal mit jungen Menschen. Die Songs wurden lautstark mitgesungen. Die Besucher tanzten und prosteten sich begeistert zu.

Vom Architekten zum Solokünstler

Wie kam es dazu, dass Silvio Brunner, wie Stereo Luchs im bürgerlichen Leben heisst, so durchstarten konnte? 2007 brachte er zusammen mit dem Dancehallkünstler Phenomden sein erstes Album heraus. Sie lebten damals zusammen in einer WG in Zürich und nahmen die Erfolgsscheibe in ihrem Studiokeller auf. Eher unscheinbar und ein bisschen als Sidekick von Phenomden fiel Stereo Luchs noch nicht so auf, dass er die Kammgarn hätte füllen können. Das war ihm auch sehr recht, denn er hatte ein anderes Ziel: Er studierte Architektur. Später arbeitete er bei der Zürcher Baudirektion und merkte erst dann, dass für ihn Musik mehr als nur ein kleines Hobby sein soll. Er entschied sich für eine Solokarriere und brachte 2013 sein erstes eigenes Album «Stepp usem Reservat» heraus. Danach sollte es nochmals vier Jahre gehen, bis er endlich die Rakete mit Vollgas zünden konnte. Bei den Alben «Lince» von 2017 und «Off Season» von 2019 schnellten die Verkäufe in die Höhe. Stereo Luchs wurde nicht nur in den Clubs, sondern auch im Radio gespielt. Am Samstagabend war er nun mit seiner neusten Scheibe «Stereo Luchs» auf Tourstopp in der Munotstadt. Nachdem die Musikerin Soukey als Vorband eingeheizt hatte, gab es bei seinem Betreten der Bühne kein Halten mehr.

Wie eine Haifischattacke

Die Musik von Stereo Luchs bewegt sich zwischen Dancehall, R&B und HipHop. Leicht gewürzt mit Afrobeats und etwas Pop. Als Besucher fühlte man sich an eine gemütliche Gummibootfahrt auf dem Rhein erinnert. Die Sonne brennt und man geniesst in vollen Zügen den Sommer. Doch für’s Faulenzen bleibt keine Zeit, denn die Gummibootfahrt wird regelmässig von Attacken gefrässiger Haifische oder von einem blitzartig aufgetauchten Wassertornado gestört. Kurz gesagt: Gemütlichkeit trifft auf Eskalation. Die Gäste tanzten nicht nur, sie sprangen in die Luft, wirbelten ihre Pullover wie Helikopterproppeller über ihren Köpfen oder zückten die Feuerzeuge. «Vielen Dank für den warmen Empfang und für die Vibes», freute sich Stereo Luchs und liess sich auch selbst ein paar Tanzschritte entlocken. Der Künstler war aber nicht nonstop eine Partykanone. Immer wieder nahm er sich auch Zeit für ruhigere Lieder und wurde an einer Stelle der Veranstaltung auch politisch. Er kritisierte den Krieg in der Ukraine und legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. Es war sehr beeindruckend, wie über 700 Gäste schweigend im Saal standen und ihre Feuerzeuge oder Smartphones kämpferisch und mitfühlend in die Höhe hielten. Danach spielte Stereo Luchs nochmals einige seiner grössten Hits und liess die Kammgarn begeistert zurück. Der Abend ging danach mit einer deftigen Afterparty bis in die frühen Morgenstunden weiter. Stereo Luchs verabschiedete sich unter grossem Applaus von der Bühne und bilanzierte passend: «Schaffhausen, ihr wart unglaublich nice!»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten am Montag, 21. März 2022.

«Wir hatten keine Wohnung mehr und nur noch die Kleider am Leib»

Am Dienstag stellte Historiker Dr. Matthias Wipf sein neues Buch «Als wäre es gestern gewesen» über die Bombardierung von Schaffhausen im Zweiten Weltkrieg vor. Es schliesst die letzte Forschungslücke. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Fotos: Hermann-Luc Hardmeier

«Da steckt schon viel Herzblut drin», sagte Verleger Thomas Stamm, als er die Vernissage über das neue Buch über die Bombardierung von Schaffhausen am 1. Aprill 1944 eröffnete. Der Anlass fand am Dienstagvormittag im Haberhaus statt. Ein symbolträchtiger Ort, da das Nebenhaus «Restaurant Landkutsche» einen Volltreffer während dem Angriff erlitt. Dr. Matthias Wipf ist der ausgewiesene Experte für das Thema und hat alle relevanten Quellen gesehen, aufgearbeitet und in mehreren Büchern präsentiert. «Die Faktenlage ist klar», sagte er den Anwesenden. «Was noch fehlte, war eine Sammlung von persönlichen Schilderungen von Zeitzeugen. Das schliesst die letzte Forschungslücke.» Matthias Wipf kennt viele der Betroffenen Opfer persönlich. Als drei von ihnen kürzlich verstorben sind, beschloss er, das Buchprojekt zu starten. «Ich empfand es als Verpflichtung, dass die Erzählungen nicht verloren gehen für die Nachwelt.» Zudem sei es quasi die letzte Gelegenheit gewesen, solange noch Menschen aus der damaligen Zeit am Leben sind und erzählen können. Zunächst waren es acht Geschichten, schlussendlich dann 35. Mit aufwändigen Recherchen in Archiven, Zeitungen und Gesprächen konnte eine Sammlung von spannenden Geschichten aufgearbeitet werden, welche es so noch nirgends zu lesen gab (siehe Buchbesprechung unten). Er hat ausgerechnet, dass er fast 1000 Stunden Arbeit investiert hat. Durch sein hartnäckiges Nachfragen hat er nicht nur bisher unbekannte Schicksale beleuchtet, sondern auch herausgefunden, dass etwa Bestsellerautor Erich von Däniken im Steigschulhaus war, als nebenan eine Bombe niederging, oder Margaretha Tanner, die einzige Miss Schweiz mit Schaffhauser Wurzeln, am 1. April in der Munotstadt im Spital lag und ihr Bett für eine Verwundete räumen musste dass etwa Bestsellerautor Erich von Däniken oder die einzige Miss Schweiz mit Schaffhauser Wurzeln am 1. April in der Munotstadt betroffen waren.

Hitler ist schuld

Foto: Melanie Duchene

An der Vernissage anwesend waren Ursula Oertli-Huber, welche als Baby aus den Flammen gerettet wurde. Zudem Hans Baader, der durch die Bombardierung als 14-Jähriger beide Eltern verlor. Sie standen stellvertretend für die 40 Toten und 270 Verletzten des tragischen Ereignisses. Ihre Geschichten standen sodann im Zentrum des Anlasses. Ursula Oertli-Huber war damals 19 Monate alt und hat deshalb keine Erinnerungen an den 1. April. Sie erzählte jedoch eindrücklich, wie die Familie alles verloren hatte. «Wir waren ausgebombt, hatten keine Wohnung mehr und nur noch die Kleider am Leib». Zudem zeigte sie die Ehrenmedaille, welche ihre Schwester für die Rettung von der Stadt erhalten hatte. Hans Baader schilderte, wie sein Vater am Bahnhof im Zug sass und seine Mutter ihm den Koffer bringen wollte. Der Volltreffer des Bahnhofs und des Zuges beendete nicht nur ihr Leben, sondern machte Hans Baader auch zum Vollwaisen. Er schilderte, wie er verzweifelt auf die Rückkehr der Mutter wartete, sie in er Abdankungshalle identifizieren musste und wie ihm ein Soldat die Gelegenheit nahm, sich richtig zu verabschieden. Die Frage drängte sich auf: Verspürte er keinen Hass auf die Amerikaner? «Für mich ist klar, dass es ein Versehen war. Die blutjungen Amerikaner hatten nur eine Kurzbleiche als Ausbildung und kaum geographische Kenntnisse.» Er sagte, man habe damals viel mehr sehnsüchtig darauf gewartet, dass eine 2. Front gegen die Nazis eröffnet wurde. Wie es dann am 6. Juni mit dem D-Day auch geschah. «Schlussendlich ist Hitler mit seinem Krieg schuld am Angriff auf Schaffhausen» unterstreicht er. «Vor ihm hatten wir Angst und waren bereit, die Lasten zu tragen, bis er besiegt war.» Nicht nur die Geschichten von Hans Baader und Ursula Oertli-Huber beeindruckten, sondern auch jene von Verleger Thomas Stamm, welche er zur Eröffnung erzählte. Seine Grossmutter stieg während dem Angriff aufs Dach des Metropols in der Unterstadt (heute Meier’s Pool). Mitsamt Baby im Arm. «Sie musste sich danach in der Familie immer wieder Sprüche zum Thema Verantwortungslosigkeit anhören», scherzte Stamm. Matthias Wipf unterstrich, dass auch dies eine verbreitete Haltung war: «Durch die vielen Fliegeralarme nahmen es die Leute zunehmend als Attraktion wahr. Man hätte wohl ein Drittel weniger Opfer am 1. April gehabt, wenn die Bevölkerung korrekt in die Luftschutzkeller gegangen wäre.» Der Autor gibt mit seinem Buch 35 Zeitzeugen die Gelegenheit, die Ereignisse von damals fernab von verstaubten Geschichtsbüchern lebendig zu erzählen und zu erleben. «Ich habe oft kritisiert, dass für die Bombardierungsopfer kein richtiges Denkmal gebaut wurde», so Wipf. «Ich bin deshalb stolz, dass ich das mit diesem Buch vielleicht ein bisschen korrigieren konnte.»

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 23. Februar 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Die Crimer-Socken sind auch dabei

Alexander Frei alias Crimer spielt am Samstag in der Kammgarn und erzählte im Interview, was er mit Batman gemeinsam hat und wie er Opfer eines Internet-Perverslings wurde.

Hast du einen Bezug zu Schaffhausen?
Ja, musikalisch ist die Munotstadt kein Neuland für mich. Wir hatten einen superschönen Auftritt in der „Rhybadi“ und einen tollen Gig am „Stars in Town“. Zudem war ich an der Olma, als Schaffhausen Gastkanton war. Ich war im Schaffhauser Zelt habe dort auch eine Schaffhauser Wurst genossen.

Eine Schaffhauser Wurst?
Oder was gibt es bei euch für Spezialitäten?

Beispielsweise Schaffhauser Zungen oder „Bölletünne“.
Hmm, klingt gut. Vielleicht komme ich in der Kammgarn ja in den Genuss. Es ist immer schön, etwas Regionales zu entdecken.

Wie kamst du zur Musik?
Ich habe BWL und Kommunikationswissenschaften studiert. Musik hat mich aber immer stärker interessiert als ein 0815-Job. Ich trat einem Kirchenchor bei, gründete später zwei Bands und spielte Popmusik. Ich stellte fest, dass ich ein Flair für’s Gitarrenspielen hatte.

Mittlerweile ist Gitarrenspielen für dich ja auch nicht mehr so einfach?
Du meinst wegen meinen langen Nägeln? (lacht). Ja, die Nägel haben Priorität. Auf der aktuellen Tour spiele ich auch nicht Gitarre. Ich konzentriere mich auf’s Tanzen und Singen.

Wirst du dir den neuen Batman-Film im Kino anschauen?
(Lacht). Du sprichts meinen Streit mit DC Comics an. (Anmerkung der Redaktion: Crimer hiess früher Batman und bekam mit DC Comics deshalb Zoff. Sie drohten ihm mit einem Rechtsstreit, wenn er nicht den Namen wechsle) Ich gehe den Film definitiv schauen. Batman ist ein bisschen düsterer und böser geworden. Klingt ziemlich vielversprechend.

Hast du dich eigentlich deshalb «Crimer» genannt, weil dir DC Comics etwas Kriminelles vorwarf?
Nein. Mich faszinierten Superhelden wie Wolverine oder Batman schon immer. «Crimer» klingt nach Chromstahl und fiel mir ein, weil es doch auch ein cooler Name für einen fiktiven Superhelden wäre.

Das Thema ist für dich also abgehakt?
Ja, voll. Ganz selten werde ich noch als Batman begrüsst, dann muss ich lachen.
Wie bist du darauf gekommen, Musik der 80er-Jahre zu machen?
Mit meinen ersten Bands „The Axxess» und später «BrefSunAjax» spielte ich Popmusik. Dann kam meine Solokarriere und mich faszinierte von Anfang an der Synthesizer. Es ist lustig, sobald man dieses Instrument bedient, wird man einer musikalischen Dekade zugeordnet.

Stört es dich in dem Fall, wenn man deine Musik als 80s bezeichnet?
Nein. Menschen sind oft froh um „Schubladen“ und ich habe kein Problem damit.
Wenn du eine Traumband zusammenstellen könntest, wer wäre mit dir auf der Bühne?
Ich habe schon einige Vorbilder. Phil Collins wäre in jedem Fall am Schlagzeug dabei. Michael Jackson ohne seine düstere Geschichte sollte mit mir Tanzen und Mitsingen. Er würde mich aber sicherlich in den Schatten stellen. Mir gefallen aber auch die Pointer Sisters. Oder Rick Astley „Never gone let you down…” (Er singt das Lied). Das kennst du sicher. Jeder kennt es.

Ich sehe schon, die Kammgarn kann sich auf eine geballte Ladung 80er am Samstag gefasst machen.
Auf jeden Fall. Aber ich zwinge dem Publikum keine Zeitreise auf. Man sollte das vielleicht in der Coronazeit nicht sagen, aber ich versuche, die Leute mit meinem Fieber anzustecken. Es wäre schön, wenn in der Kammgarn der Teufel los wäre.

Was ist das Beste und Schlimmste, was du bisher auf deinen Touren erlebt hast?
In Polen waren wir einmal auf einem schumrigen Festival und hatten ein sehr mulmiges Gefühl. Aber die Leute flippten schon bei der ersten Zeile aus. Das war irre und wunderschön zugleich. Negatives fällt mir nicht viel ein. Ich bin weder von der Bühne gefallen noch wurden wir ausgeraubt. Aber letzte Woche war plötzlich ein Fuchs in unserem Bandraum. Das war dann schon speziell.

Um was geht es in deinen Texten? Hast du eine Botschaft?
Ich sitze nicht hin und suche nach philosophischen Themen. Das schönste finde ich, wenn ich über ein persönliches Thema sprechen kann und es für andere eine Bedeutung hat.

Zum Beispiel?
Beim Lied „Never enough“ geht es darum, dass ich als Teenager auf einen Internetperversling hereingefallen bin. Es ist eine mega persönliche Geschichte. Aber ein relevantes Problem unserer heutigen digitalen Gesellschaft. Ein Song kann auch einfach nur Fun machen oder belanglos sein. Man soll auch mal abschalten können.

Was dürfen wir von dir in der Zukunft erwarten?
Das Konzert am Samstag wird eine Explosion in der Munotstadt auslösen. (lacht). Danach wird sicher bald das nächste Album folgen und ich freue mich extrem auf die Festivalsaison. Ich hoffe sehr, dass diese endlich wieder stattfinden kann.

Abschlussfrage: Stimmt es eigentlich, dass man bei dir nach dem Konzert Socken kaufen kann?
Ja, die legendären Crimer-Socken habe ich immer dabei. Man kann damit zwar nicht so komisch tanzen wie ich, aber es ist ein bisschen bequemer.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 21.2.2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Tanzhausen, gebt mir eure Energie!»

«Crimer» zeigte am Samstagabend in der Kammgarn, dass die sonst so gemütlichen 80er-Jahre auch für eine wilde Partystimmung sorgen können.

Bildlegende: Crimer begeisterte mit 80er-Pop und tanzte sich dabei die Seele aus dem Leib. (Foto: Melanie Duchene, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Der Samstagabend startete gemütlich und relativ harmlos in der Kammgarn. Die Schaffhauser Support-Band «Walter Frosch» stimmte die Gäste mit viel Wave und Elektropop auf den Hauptact ein. Das violett-rote Licht gepaart mit viel Nebel aus der Trockeneismaschine erzeugten ein etwas mysteriöses Ambiente. Man könnte sich gut vorstellen, dass dieser Soundtrack auf der internationalen Raumstation läuft, während sie im Chillout-Modus durch das Weltall düst. Ein heftiges Meteoritengewitter folgte danach mit der Drag-Queen «Veronica Tention». Zu Disco-Hits tanzte sie powervoll auf der Bühne und performte eine Playback-Show, die für viel Aufmerksamkeit sorgte. Man rätselte und philosophiert über den Auftritt, bis plötzlich das Licht ausging und die Zeit für den «Crimer» angebrochen war. Das Trio auf der Bühne gab ab dem ersten Akkord Vollgas. Die Gäste wurden von einem musikalischen Tsunami ergriffen, der durch die Kammgarn fegte und alles mitriss, was sich im Raum befand. Wer mit dem Sound der 80er-Jahre nur gemütliche Phil Collins Balladen oder «Wake me up before you go-go» von Wham verbindet, wurde kräftig in seinen musikalischen Grundfesten erschüttert. Als hätte man mit der Gabel in die Starkstromsteckdose gestochen, durchzuckte es das Publikum. Die Stimmung kochte heiss und die Begeisterung war den Besuchern anzusehen. Crimer hatte die Eighties in ein wildes Partypacket gepackt. Pompöse Synthesizer gejagt von elektrisierenden Drumcomputern rissen an den Tanzbeinen, bis jeder angesteckt wurde. Auch optisch gab das Konzert viel zu sehen und zu geniessen. Crimer mit dunklem Anzug und Krawatte war flankiert von zwei Herren mit Schnäuzen, die selbst Tom Selleck zu seinen besten Magnum-Zeiten vor Neid hätten erstarren lassen. Gitarrist Moritz Schädler trug dazu ein stylisches Hawaiihemd, Keyboarder Tim Wettstein tanzte und schwang seine Arme, wie wenn er damit die Gäste kollektiv hypnotisieren wollte.

Kritische Texte, feuriger Sound

Die Musik des neuen Albums «Fake Nails» zeigte mit Songs wie «Body Attack» und «My Demons», dass Crimer nicht nur eine feurige, sondern auch eine nachdenkliche Seite hat. Beim Lied «Never Enough» beispielsweise prangerte er sexuellen Missbrauch im Internet an und erhob die Faust gegen alle «Perverslinge», welche in der Onlinewelt lauern. Der Glam-Popper genoss den Auftritt sichtlich. Er sang mit seiner einprägsamen Stimme, als würde er die musikalische Rebellion ankündigen. Dabei tanzte er sich in Ekstase und forderte vom Publikum, es ihm nachzumachen: «Es ist megaschön, dass ihr alle eine gute Temperatur am Start habt. «Tanzhausen», gebt mir eure Energie!» Seine Aufforderung wurde enthusiastisch umgesetzt. Der Hexenkessel an der Baumgartenstrasse kannte kein Halten mehr. Die 80er-Jahre waren jedoch nicht nur bekannt für Michael Jacksons Tanzschritte, sondern auch für die AKW-Proteste, Rudi Völler auf dem Fussballplatz oder Prinz Charles, der damals noch mit Prinzessin Diana zusammen war. Historisch passte zur Musik von Crimer vielleicht am besten das Bild des Mauerfalls. Allerdings in einer radikaleren Version: Er fuhr nicht in einem langsamen Trabi Richtung Grenze, sondern Crimers musikalische Bulldozer riss alles nieder, was ihm im Weg stand. Der Abend war eine gelungene und wilde Zeitreisse, die zum Wochenbeginn wohl für Muskelkater in den Tanzbeinen vieler Besucher sorgen wird.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 21. Februar 2022.

Ein fieser Klimasünder schnappte sich den Sieg am Poetryslam in Andelfingen

Beim 2. Provinzslam im Löwensaal wurde der ehemalige Schweizermeister am Samstagabend im Finale gestoppt. Von Hermann-Luc Hardmeier

Bildlegende: Sie brachten Wortwitz, Humor und Tiefgang in den Löwensaal: Joël Perrin, Milena Cavegn, Remo Zumstein, Annika Biedermann, Fine Degen, Claude Ziehbrunner, Jan Rutishauser und Rahel Fink. (v.l.n.r.) Foto: Hermann-Luc Hardmeier.

„Bei diesem Dichterinnen- und Dichterwettstreit dürfen weder Goethe noch Bushido zitiert werden“, scherzte Moderator Joël Perrin bei der Erklärung der Regeln. Die sieben Poeten des Abends mussten ihre Texte selbst geschrieben haben und bekamen 6 Minuten Bühnenzeit im Löwensaal in Andelfingen. Vor und nach der Pause stimmten die Showmaster Rahel Fink und Joël Perrin das Publikum mit einem fetzigen „Opferlamm“-Text ein. Danach begann der Wettbewerb, bei welchem das Publikum mittels Applaus im K.O.-System einen Kandidaten rauswerfen oder in die nächste Runde schicken konnte. Den Beginn machte Qeumars Hamie. Eigentlich sollte es eine Lovestory werden, doch er schrieb dann doch lieber eine Ode an sein Fahrrad. Mit viel Wortwitz schwärmte er von seinem Stahlross und vom „geilen“ Rahmen. Eine ungewöhnliche Zwei-Pedalen-Romanze mit Happy End.

Sprichwörter kreativ vertauscht

Fine Degen verarbeitete in ihrem Text ihren Namenskomplex und kritisierte dabei Eltern, welche aus egoistischen Gründen ihren Kindern mit seltsamen Vornamen eine Hypothek für’s Leben mit auf den Weg geben. Es folgte die erste Abstimmung: Die Gäste wollten mehr von der Tiefgründigkeit der Slampoetin hören und schickten den Veloromantiker zurück nachhause. Eine besonders üble Story erzählte anschliessend Annika Biedermann: Ihr Exfreund trennte sich von ihr am selben Abend, als sie an der Zürcher Slammeisterschaften teilgenommen hatte. In der Pause. „Dieser Text war akut und handelt vom Scheitern“, sagte sie mit Bitterkeit in ihrer Stimme. Sie wäre damit auf jeden Fall das Finale eingezogen, wenn nicht Remo Zumstein mit einem starken Kontrastprogramm pariert hätte. Er präsentierte eine „Mitmach-Rede“, bei welcher er Sprichwörter bis fast zur Unkenntlichkeit vertauschte. Sätze wie: „Es ist nie zu spät, um den Hals aus der Windel zu ziehen“ oder „Der Glauben kann Zwerge verletzen“, brachten das Publikum dazu, in schallendes Gelächter auszubrechen. Das „Mitsprechen“ an gewissen Stellen klappte erstaunlich gut und somit wurde er für die Originalität des Auftritts klar in die nächste Runde „geklatscht“. In der Pause brachte es ein Besucher auf den Punkt: „Eigentlich sehr schade, dass einige bereits disqualifiziert werden. Ich hätte gerne alle Texte von allen Poeten gehört.“

Geldsparen dank Glatze

„Stellen Sie sich vor, sie hätten vor dem nächsten Text gerade zweieinhalb Flaschen Rotwein auf ex getrunken“, leitete Claude Ziehbrunner seinen Auftritt nach der Unterbrechung ein. Er berichtete von einem Flirt und baute dabei die Namen von alkoholischen Getränken ein. „Ich werde dich RUM kriegen, du bist meine PASOA, dir bleibe ich auf ewig TROJKA und danach gehen wir in mein FELDSCHLÖSSCHEN.“ Milena Cavegn berichtete anschliessend von einem wilden Traum. Nach einem Unfall mit kaputter Bremse verkleidete sie sich als Pinzette, um an eine Technoparty zu gehen. Die absurde Odyssee hatte grossen Unterhaltungswert. Den Abschluss machte Jan Rutishauser, der sich selbst auf die Schippe nahm. Er berichtete über Haarausfall und zeigte dabei auf sein kurzgeschorenes Haupt. Er erklärte, warum weder ein Toupet noch eine „Resthaarfrisur“ für ihn in Frage kämen und freute sich, dass er nun viel Geld beim Frisör spare. Damit schaffte er den Sprung in die Finalrunde. Dort liess er sich weder von der gesellschaftskritischen Fine Degen noch vom Bücherfan und ehemaligem Schweizermeister Remo Zumstein stoppen. Jan Rutishauser warf beide raus, indem er seine fiese Ader zeigte: „Anstatt selbst etwas für die Klimapolitik zu tun, verkleinere ich den ökologischen Fussabdruck meiner Mitmenschen.“ Unter grossem Gelächter berichtete er, wie er beispielsweise dem Nachbarn die Luft aus dem Autoreifen lasse, damit er mit dem Velo zur Arbeit fahren müsse. Er sicherte sich damit den Siegerwhiskey, den er gefolgt von einer grossen La-Ola-Welle in Empfang nahm.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten am Montag, 31. Januar 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.