Latino-Astronaut mit deftigem Hüftschwung

Der Sänger Loco Escrito brachte am Samstagabend das ausverkaufte „Stars in Town“ auf dem Herrenacker mit seinem Mix aus Reggaeton und Latino-Pop zum Tanzen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende: Er rockt, er animiert und feiert auf der Bühne: Loco Escrito. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Bild: Melanie Duchene)

„Er bringt den Sommer nach Schaffhausen“, freute sich Nora Fuchs, Pressesprecherin von Stars in Town. Cool und lässig mit Sonnenbrille, transparentem Flanellhemd und weissen Hosen betrat Loco Escrito die Bühne. 6500 Besucher auf dem ausverkauften Herrenacker wollten den Latino-Sänger mit kolumbianischen Wurzeln sehen. Mit seinen Songs wie „Adios“, „Sin Ti“ oder „Arriba“ öffnete er schnell die Herzen der Zuhörer. Nicolas Herzig, wie Loco Escrito mit bürgerlichem Namen heisst, hat kolumbianische Wurzeln. Spätestens seit 2020 sollte man seinen Mix aus Reggaeton und Latino-Pop kennen, da er in jenem Jahr mit seinem dritten Album „Estoy bien“ die Nummer eins der Schweizer Albumcharts erobert hatte. Am Stars in Town wurde zu seiner Musik getanzt und mitgesungen. Der Protagonist machte es auf der Bühne vor und legte einen Hüftschwung an den Tag, der Shakira vor Neid erblassen liesse. „Spanisch wird die fünfte Landesprache“, forderte der Sänger und ein begeistertes Echo schallte ihm entgegen. Loco Escrito war sichtlich glücklich mit der guten Stimmung im Publikum und sagte: „Schaffhausen, geht ab bis zum Mond rauf.“ Der Latino-Astronaut steuerte bei dieser rasanten Fahrt ins All das Raumschiff gleich persönlich. Mit an Bord war seine sechsköpfige Band. Auch sie waren bei der musikalischen Reise durch die Galaxie ganz in weiss gekleidet. Loco Escrito hatte sein Set so aufgebaut, dass er eher ruhig startete und danach kräftig aufdrehte. Ein erstes Ausrufezeichen setzte er mit dem Song „Mamacita“. Der Zuruf, den man in Südamerika an eine hübsche Frau richtet, war kollektiv im Refrain zu hören. Die Hände schnellten in die Luft und der Herrenacker hatte sich in einen Partyacker mit euphorischer Tanzstimmung verwandelt. „Bis jetzt habe ich euch verziehen, wenn ihr eure Energie gespart habt. Aber nun müsst ihr wirklich Vollgas geben“, rief der Sänger in die Menge und stimmte seinen Song „Contigo“ an. „Er rockt, er animiert, er feiert“, sagte Besucher Simon Thoma. „Er macht das extrem gut.“ Gleich vor der Bühne stand Alya Limacher, die ebenfalls begeistert war: „Es erinnert mich an mein Austauschsemester in Chile. Das Feuer der südamerikanischen Musik bringt er perfekt rüber.“ Songs wie „Punto“, „Tu mirada“ und „El Ayer“ folgten. Das Finale setzte Loco Escrito mit dem Lied „Amame“. Der Künstler hatte damit die Besucher wundervoll auf die kommenden Bands des Abends eingestimmt und mit seinem musikalischen Flammenwerfer das Eis zum Schmelzen gebracht.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 8. August 2022.

Ein sehr leckerer Reggae-Cupcake

An der „Down by the River” feierten die Besucher einen Sommertag mit schwimmen, tanzen und einem Reggaekonzert am Samstag in der „Rhybadi“ Schaffhausen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bildlegende: Die Rhybadi bot am Samstagabend ein schönes Ambiente für ein sommerliches Reggaekonzert. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier, Foto: Mike Kessler)

«Richtig erfrischend!», freute sich ein Gast, der soeben aus dem Wasser in der Rhybadi kletterte. Während am Samstagnachmittag die Sonne brannte und die Leute badeten, feuerte das Realrock-Soundsystem die ersten gemütlichen Reggaehits aus den Boxen. Die Veranstaltung «Down by the River» sorgte nicht für eine Revolution im beliebten Rheinbad, sondern transportierte die Besucher auf sanften Klangwolken Richtung Jamaika. «Die Rhybadi eignet sich super für eine solche Veranstaltung», sagte Claudio Burri vom Realrock-Soundsystem. Er erklärte, dass der Tag eigentlich aus drei Teilen bestehe. Das gemütliche Geniessen am Nachmittag, welches viele Familien anlocke, das Konzert für die Kulturfreunde und als dritten Teil die Afterparty mit DJs und Barbetrieb für die Tanzfreudigen. Die Veranstaltung findet nun zum 5. Mal statt und begeisterte die Besucher bereits mit den Bands Skarra Mucci (JAM), Basement Roots (CH), Jr. Tshaka (CH) und Samora (NED). «Für mich ein Highlight: Samora, die letztes Jahr bei uns in der Rhybadi gespielt hat und dieses Jahr auf den grossen Bühnen der Festivals, z.B. Afro-Pfingsten sowie Lakesplash auftritt», schwärmte Claudio Burri. Auch Stefano Domeniconi vom Rhybadi-Team ist zufrieden: «Down by the River zieht viele Besucher an, ohne dass wir dafür gross Werbung machen müssen. Viele Leute kommen schon Wochen zuvor und sagen, dass sie sich sehr darauf freuen. Die familiäre Stimmung und die good Vibes in der Luft sorgen jeweils für einen grossartigen Tag.»

Vom Snowboard auf die Bühne

Während sich um 21 Uhr die Band für ihren Auftritt bereit machte, dunkelte es langsam ein. Die fünfköpfige Combo Mighty Roots versorgten Sängerin Jo Elle mit powervollen Reggaeklängen. Jo Elle jagte früher als Proi-Snowboarderin über die weissen Pisten, bevor sie ihre Leidenschaft für die sanften Töne der Karibikinsel entdeckte. Von Laax und St. Moritz hat sie nun nach Montego Bay und Kingston Town gewechselt. «Ich freue mich auf den Reggae-Tag in der wunderschönen Rhybadi», sagte sie vor ihrem Aufritt.» Während sie loslegte, sassen die Besucher eher ein bisschen scheu am Beckenrand oder auf den Holzbrettern am Boden. Einige Kinder tanzten und spielten mit einem Ball. Doch die Offbeat-Klänge massierten intensiv die Kniekehlen und die rauchig, soulige Stimme von Jo Elle sorgte für das passende Topping auf diesem äussert leckeren Reggae-Cupcake. Die Zuschauer waren nun aufgewacht und sammelten sich vor der Bühne. Einige tanzten oder wippten mit im Takt. Die Musik nistete sich in ihren Ohren ein und liess sie nicht mehr los. «Mein Herz brennt nun schon seit 20 Jahren für Reggae und die Musikrichtung hat in Schaffhausen noch immer viele Zuhörer», freute sich Claudio Burri über den Sound und den Event. Auch die Besucher waren begeistert. «Einfach die perfekte Atmosphäre hier», lobte eine Besucherin die «Down by the River», während eine andere wünschte: «Müsste es öfters geben. Von mir aus auch sehr gerne mit ein bisschen mehr Schub in den Boxen.» Als das Konzert endete, waren die Besucher noch längst nicht müde und feierten eine gemütliche und tanzfreudige Afterparty zu weiteren Klängen aus Bob Marleys vielfältiger Plattensammlung.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 11. Juli 2022.

1. April 1944: In letzter Sekunde dem Bombenhagel entkommen

Im neuen Buch des Historikers Dr. Matthias Wipf kommen 35 Zeitzeugen zur Bombardierung von Schaffhausen im Zweiten Weltkrieg zu Wort. Einer davon ist Gerhard Wüst aus dem Zürcher Weinland. Er verlor an diesem Tag beinahe sein Leben. Von Hermann-Luc Hardmeier

Fotos: Screenshots: Landbote, Bilder Staatsarchiv Schaffhausen, Privatarchiv Gerhard Wüst und Hermann-Luc Hardmeier.

Rauch steigt über der Munotstadt auf. Es wüten Brände, 40 Menschen sterben und 270 bleiben verletzt zurück. Am 1. April 1944 griffen 15 amerikanische B24-Bomber des Typs Liberator die Grenzstadt an. Sie verwechselten das Ziel mit Ludwigshafen in Deutschland. Die fürchterliche Katastrophe hat sich bei vielen Schweizern eingebrannt wie bei den Amerikanern 9/11. Der Historiker Dr. Matthias Wipf hat zum prägenden Ereignis schon mehrfach publiziert und am Dienstag nun sein Buch «Als wäre es gestern gewesen» vorgelegt. Es schliesst die letzte Forschungslücke zum Thema und gibt 35 bisher meist unbekannten Zeitzeugen eine Stimme. Es sind erschütternde Schicksale, welche neben der Faktenlage nun dem Krieg ein Gesicht geben. Da viele Zeitzeugen hochbetagt sind, war es eine der letzten Gelegenheiten, um sie zu befragen. Darunter befindet sich beispielsweise Ex-Ständerat Bernhard Seiler, dessen Vater zu nahe am Fenster stand und vom Sog einer Explosion auf die Strasse geworfen wurde und verstarb. Hans Bader, dessen Eltern beim Volltreffer am Bahnhof starben, und er somit zum Vollwaisen wurde. Hans Langhart, der sein Bein verlor, weil man im Spital zu lange gewartet hatte, um schlimmere Verwundete zu versorgen. Ursula Oertli-Huber, die als Baby von ihrer Schwester aus den Flammen gerettet wurde. Henri Eberlin, der seine fünf Brüder aus einem brennenden Haus rettete und auch Margaretha Tanner, die einzige Miss Schweiz aus Schaffhausen, welche für Verwundete ihr Spitalbett räumen musste. Auch Bestseller-Autor Erich von Däniken war damals als Bub in Schaffhausen. Er war an jenem Morgen in der Schule und eine Bombe verfehlte nur knapp das Gebäude. «Scheiss Krieg», entfährt es ihm auch heute noch, als er über die Ereignisse spricht.

Weinland in der Anflugschneise

Die Opfer waren jedoch nicht nur in Schaffhausen, sondern auch auf der anderen Seite des Rheins zu beklagen. Das Zürcher Weinland ist über eine Brücke direkt verbunden. Genau in der Anflugschneise der Bomber spielte an jenem 1. April Gerard Wüst mit seinem Holz-Lastauto vor dem Haus. Es befindet sich gleich neben der reformierten Kirche in Feuerthalen. Die amerikanischen Maschinen hatten an jenem Tag eine Tochterfirma der IG-Farben in Ludwigshafen im Visier. Dort wurde unter anderem das Giftgas Zyklon-B hergestellt, welches die Nazis für ihre Verbrechen in den KZs verwendeten. Die Angreifer kamen durch starke Winde, Navigationsfehler und ihre Unerfahrenheit stark vom Kurs ab und suchten ein «Target of Opportunity», also ein Gelegenheitsziel, um nicht mit ihren Bomben zurückkehren zu müssen. Der Nebel an diesem Tag erschwerte die Operation zusätzlich. Just über Schaffhausen war die Wolkendecke aufgerissen und weil die Stadt auf der «falschen Seite» des Rheins lag, glaubte man, eine deutsche Stadt vor sich zu haben. Eine Staffel bemerkte noch rechtzeitig den Irrtum und warf die Bomben über dem Kohlfirstwald ab. Die Mutter von Gerhard Wüst hörte die Einschläge und sprang aus dem Haus. Sie schnappte sich den Fünfjährigen und rannte mit ihm in den Keller. Sekunden später fiel eine Brandbombe in das Nachbarhaus, eine weitere landete im Garten und eine dritte traf das Haus von Gerhard Wüsts Familie. Sie fiel durch das Dach und den Estrichboden und explodierte im oberen Stockwerk. Sofort brach ein Brand aus. Mit Hilfe der Nachbarn konnte das Feuer eingedämmt werden und der Schaden einigermassen in Grenzen gehalten werden. Noch heute zeugen verschiedenfarbige Ziegel am reparierten Dachstock vom Einschlag. Gerhard Wüst lebt heute wieder im Elternhaus und erinnert sich am 1. April daran, dass sein Leben beinahe geendet hätte.
Zwischentitel: Unbürokratische Hilfe
Schaffhausen und das Zürcher Weinland waren damals eng verknüpft. «Man half sich nach der Katastrophe gegenseitig mit Handwerkern aus und unterstützte sich sehr unbürokratisch», erklärt Matthias Wipf. «Die Feuerwehr aus Feuerthalen war beispielsweise eine der ersten, welche beim Schaffhauser Museum Allerheiligen eintraf und mit den Löscharbeiten begann.» Im Buch erfährt man nicht nur spannende und tragische Schicksale, sondern sieht auch viele bisher ungezeigte Fotos. Beispielsweise vom beschädigten Haus der Familie Wüst, Pfadi- und Schulfotos der Zeitzeugen oder von einem Blindgänger unter den Bahngleisen. Matthias Wipf stellt fest, dass das Interesse an Lokalgeschichte stark zugenommen habe. «Mein Buch ist eine Art Generationenporträt und soll dafür sorgen, dass die Erzählungen der Betroffenen nicht vergessen gehen. Am meisten freuen würde es mich deshalb, wenn es auch an Schulen gelesen würde.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Der Landbote“ am Dienstag, 1. März 2022.

 

Punk-Tornado auf der Tanzfläche

Die Melodic-Hardcore-Urgesteine «Pennywise» zerlegten am Dienstagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Jim Lindberg von Pennywise dirigierte genussvoll den Hexenkessel vor der Bühne. (Foto: Michael Kessler, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Zur Hymne von Quentin Tarantinos blutigem Film «Kill Bill» marschierte die Vorband «Bombpops» auf die Bühne. Während aus den Lautsprechern noch «Bang, Bang, my Baby shot me down» erklang, griffen die zwei Musikerinnen und die zwei Musiker bereits in die Saiten. Das martialische Intro machte klar: Dieser Abend würde nichts für zarte Fans von Kuschelrock-CDs werden. Die Band aus San Diego brauste gleich mit Vollgas los und entlockten einem Besucher den lobenden Kommentar: «Endlich ist mal wieder Eskalation angesagt!» Sängerin Jen Razavi liess nichts anbrennen und forderte die Gäste auf, deftig mitzufeiern: «Es ist ein bisschen scary, wenn ihr so steif dasteht. Ich will, dass ihr feiert, als wäre heute das beste Konzert eures Lebens.» Gesagt getan. Die Besucher tauten langsam auf und fuhren auf der Tanzfläche die Ellbogen aus. Nicht zuletzt war der Energieschub auch dem Schlagzeuger zu verdanken, der Dampf machte wie eine Lokomotive auf Ecstasy. Das Sommergewitter verwandelte sich zunächst in einen Sturm. Als sodann «Pennywise» die Bühne betrat, wurde der Sturm zum waschechten Punk-Tornado, der alles und jeden mitriss. Gleich mit dem ersten Song «Fight till you die» erreichte die Stimmung ihren Siedepunkt. Die ganze Halle schien Pogo zu tanzen. Sprechchöre erklangen, Teufelshörner wurden begeistert mit den Fingern gezeigt und das Bier schoss in Fontänen über das Publikum. Als hätten die Besucher seit Jahren nur auf diesen Moment gewartet, wurde mitgefeiert. Der legendären Band aus Hermosa Beach in Kalifornien fiel es auch leicht, sich in die Herzen der Melodic Hardcore-Fans zu spielen. Ihr Sound war hart, aggressiv und trotzdem melodisch. Egal ob sie mit «Fuck Authority» gesellschaftskritisch wurden oder mit «Stand by me» über Emotionen sangen. Die Hauptbotschaft blieb stets dieselbe: Es passiert genug Mist auf der Welt, lass uns die Sorgen wegtanzen und die Machthaber der Welt lautstark von ihrem arroganten Podest stossen. Zwischendurch trieb Sänger Jim Lindberg seine Spässe mit dem Publikum. Er wollte wissen, welche Punkbands sie auf ihren Skatermützen herumtrugen und lobte die NOFX-, Millencolin- oder Bad Religion – Kopfbedeckungen. Danach spielte Pennywise einige Covers und liessen die Halle zu einer Punkversion von AC/DCs «TNT» ausflippen. «Wir machen den Scheiss schon 30 Jahre», lachte Gitarrist Fletcher Dragge und spielte damit auf das Gründungsjahr 1988 an. Im Hexenkessel vor der Bühne gingen unter anderem ein Schuh und eine Brille verloren. Gäste sprangen zum Stagediving auf die Hände der Tanzenden und der Schweiss schien von der Decke zu tropfen. Zum Abschluss des Konzerts erklang die «Bro Hymn», bei welcher wirklich der ganze Saal mitsang. Was für eine Stimmung an einem sonst so harmlosen Dienstagabend.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Freitag, 27. Mai. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wie zwei Freunde, die zusammen abfeierten

Die Musiker Bligg und Marc Sway rockten als «Blay» am Freitagabend die Kammgarn Schaffhausen. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Geballte Partystimmung im Doppelpack. Bligg und Marc Sway in der ausverkauften Kammgarn am Freitagabend. (Foto: Michael Kessler. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

«Es fühlt sich gut an, nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder zurück zu sein», freute sich Marc Sway, als er am Freitagabend die Kammgarnbühne betrat. Das ungleiche Duo mit dem Pop-Rocker Sway und dem HipHopper Bligg hat sich unter dem Namen Blay zusammengefunden und letztes Jahr ihr erstes Album «Heimspiel» herausgebracht. Die Scheibe flog direkt auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts und somit war es auch nicht verwunderlich, dass der Konzertabend in der Kammgarn ausverkauft war. Das Publikum war bunt gemischt mit älteren Musikfans, jungen Partygängern, Kindern und Familien. Die Bühne glich einem Laufsteg, auf welchem Blay mitten ins Gästemeer spazieren konnten. Mit Liedern wie «Us Mänsch» oder «Sorry Mama» zeigten die zwei, wie sie ihre Energie zusammen bündeln können und gemeinsam die Baumgartenstrasse rocken. Beide haben ein sehr tiefes und eindringliches Stimmorgan, welches die Fenster es Clubs zum Vibrieren brachten. Der Auftritt wirkte zudem nicht nur wie der Gig von zwei Profis, sondern sie hatten sichtlich Spass aneinander und es schien, wie wenn zwei Freunde zusammen abfeierten. Blay gab es jedoch nicht nur im Doppelpack, sondern Bligg und Marc Sway nutzten den Abend auch, um ihre eigenen Songs zu spielen. Als «Chef», «Manhattan» oder «Rosalie» erklangen, erinnerte man sich, dass Bligg auch ohne Hilfe die Halle zum Schwitzen und Ausflippen bringen kann. Dies war vielleicht die einzige Schwäche des Abends. Nach den Hits der Einzelauftritte wirkten die gemeinsamen Songs zunächst ein wenig dünn und schwach. Man hatte zwischendurch das Gefühl, es fänden drei Konzerte statt. Einmal mit Bligg, einmal mit Marc Sway und zu Beginn und zum Schluss mit Blay. Alle diese Darbietungen waren gut, aber irgendwie nicht ganz harmonisch kompatibel. Man kann das jedoch auch positiv sehen: Einmal Eintritt zahlen, dreimal Konzerte geniessen. Spätestens bei ihrem Hit «Mona Lisa» hatten Blay die Herzen der Fans wieder vereint. Powervoll und mitreissend wurde getanzt und lautstark mitgesungen. Das Lied und die dazugehörige Show beeindruckten die Besucher so sehr, dass danach minutenlanger Applaus erklang. Blay konnte es kaum fassen, als das Klatschen nicht mehr enden wollten. «Liebst du mich auch so hemmungslos?», wollte Bligg scherzhaft von Marc Sway daraufhin wissen. Es folgten weitere Songs, teilweise in sogar in neuen Interpretationen. Eine der Highlights dabei war eine Karibik-Version von «Musigg i de Schwiiz». Marc Sway und Bligg erzählten zwischendurch viele Anekdoten von ihren gemeinsamen Auftritten. Sie hatten als Blay auch Schulklassen besucht und dabei fünf Klassen ausgewählt, welche sie beim grossen Auftritt im Hallenstadion begleiten dürfen. «Ihr seid dann hoffentlich auch dabei?», rief Bligg in die Kammgarn und lauter Jubel schallte ihm entgegen. «Geili Sieche», freute sich der Musiker und genoss mit Marc Sway den Moment. Blay warteten ganz zum Schluss mit einem Special auf. Ein Mashup von Bliggs Hit «Rosalie» und von Marc Sways «Severina». Die eine Publikumshälfte sang dabei «Rosalie», die andere den Severina-Refrain «Love, love, love». Damit gelang Blay der perfekte und harmonische Abschluss des Abends.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 23. Mai 2022.

Die Tastenlöwinnen trafen den Marathonläufer

«Was ist denn hier los?», fragte sich der eine oder andere TapTab-Besucher am Freitagabend. Auf der Bühne stand ein Bügelbrett und darauf thronten zwei Casio-Kinderkeyboards. Was wirkte wie das Setting eines chaotischen Kindergeburtstags, war aber nichts Geringeres als die Arbeitsfläche von Casiofieber. Die zwei Schaffhauser Damen Vree Ritzmann und Nora Vonder Mühll eröffneten den Konzertabend und ernteten immer wieder grossen Applaus. Witzig, harmonisch und fetzig waren ihre Songs, die einmal von depressiven Freunden oder ein andermal von der Vergänglichkeit der Zeit bei «Ich bin die Uhr» handelten. Einmal mussten sie ein Lied erneut starten, aber auch das meisterten sie souverän und sehr sympathisch. Zu «Schüsse im Wald» oder «Land der Zwerge» wurde getanzt oder verträumt mitgeschunkelt. Die zwei Tastenlöwinnen rockten das TapTab und bereiteten den Boden für den Hauptact des Abends. Als der St. Galler Manuel Stahlberger mit seiner fünfköpfigen Band die Bühne betrat, waren die Gäste im rappelvollen TapTab schon ordentlich in Tanzstimmung. Stahlberger bot einen Mix aus elektronischem Discosound und nachdenklichem Hypnose-Pop. Er ist derzeit auf Tour für sein neustes Album «Lüt of Fotene». Zu Liedern wie «Hütte», «Drifte» oder «Gar nöd i» zündete das Stroboskop im Takt und die Bässe wummerten durch den Saal. Dazwischen ergriff Stahlberger immer wieder das Wort und erzählte kleine Anekdoten zu den Songs. Sein trockener, lakonischer Humor zeichnete dabei abwechselnd ein Lächeln oder ein Fragezeichen auf die Gesichter der Besucher. Und genau dieser Mix schien dem Maestro vorzüglich zu gefallen. Ein Beispiel: «Ich habe geträumt, ich treffe meinen Onkel. Er sage mir, es sei Welt-Aufräumtag. Aber ich dürfe nicht mitmachen.» Während man noch über die philosophische Tiefe der Aussage rätselte, startete bereits das nächste Lied. Die Musik von Stahlberger glich einem powervollen Marathonlauf, bei dem zwischendurch in die Steckdose gegriffen wird. Treibend, mitreissend, energetisch, aber auch gemütlich. Einfach der perfekte Soundtrack, um sich für das Wochenende einzustimmen. Der Abend endete mit fetzigen Vinyl-Beats von DJ Fancy Fingers.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 9. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Stage-Diving mit der musikalischen Wundertüte

In der ausverkauften Kammgarn sorgte am Freitag die Band Bukahara für kollektive Kniebeugen und staunende Besucher. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

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Volles Haus und gute Stimmung beim Aufritt des deutschen Hauptacts Bukahara in der Kammgarn. (Bericht: Hermann-Luc Hardmeier. Foto: Melanie Duchene)

Am Freitagabend platzte die Kammgarn aus allen Nähten. Die zwei Bands Suma Covjek und Bukahara hatten knapp 800 Gäste angelockt, welche sich auf einen sehr abwechslungsreichen Abend freuten. Suma Covjek heizte als Vorband die Halle ein. Die junge Partyband mit ihren Wurzeln in Bosnien und Algerien zeigte ein sehr breites Spektrum von melancholischen Balladen bis hin zu Balkan-Pop. Wer die Texte verstehen wollte, war intensiv gefordert. Denn die acht Musiker sangen auf Französisch, Serbokroatisch, Spanisch, Englisch und auch auf Arabisch. Mit ihrem Hit «Bouge ton Coeur» brachte die Combo definitiv den Frühling in die Kammgarn. Die dreiköpfige Bläserfraktion sorgte für energievolle Melodien und Druck, während die zwei Sänger feierten und auf der Bühne kräftig mittanzten. Doch die Künstler hatten nicht nur gute Stimmung, sondern auch nachdenkliche Botschaften im Gepäck: «Wir sind verwundbare Wesen, welche eine helfende Hand benötigen», sangen sie im Song «Fata Morgana». Später riefen sie zur Solidarität mit allen Menschen auf, die derzeit auf der Flucht sind. Nach gut einer Stunde verabschiedeten sie sich unter grossem Applaus und überliessen die Bühne dem Hauptact des Abends. Als Bukahara mit der Hymne aus dem Boxer-Film «Rocky» einmarschierten, gab es kein Halten mehr. Eigentlich war die Band kein Partyvulkan, aber sie wurden ab der ersten Minuten gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe. Die Gäste tanzten und sangen voller Power mit, sodass der Posaunist nach dem ersten Stück begeistert fragte: «Leute, wie geil seid ihr denn drauf?» Bukahara spielte in der Kammgarn ihren Tourneeabschluss und bestritten dabei ihr 22. Konzert. Man merkte es daran, dass die Stimmen schon etwas heiser waren, sie aber genau wussten, wie sie die Menge zum Ausflippen bringen konnten. Es wurde kollektiv geschunkelt, auf den Boden gekniet und Tanzschritte eingeübt. Ihre schräge-interessante Musikombination aus Gitarre, Posaune, Kontrabass, Geige und Standschlagzeug machte das Quartett unvergleichlich. Gekrönt wurde das Ganze von den tiefsonoren Stimmen, welche sogar Darth Vader neidisch machen würden. Die Musik war extrem kreativ und eine musikalische Wundertüte, die einen immer wieder aus den Socken haute. Ein Song war komplett auf Arabisch, das Publikum übernahm einmal die Rolle des Schlagzeugs, plötzlich leuchtete eine Lampe aus dem Sousaphon in der stockdunklen Kammgarn und einer der Musiker stürzte sich zum Stagediving in die Menge. Bierdusche inklusive. Eine Überraschung gab der nächsten die Türklinke in die Hand. Die Besucher feierten, tanzten und genossen die gelungene Unterhaltung. Einige der Gäste hatten hatten sich für die Show eine stylische Garderobe ausgesucht. Jemand trug ein rotes Halstuch wie Luky Luke, einige Damen hatten bunte Haarschleifen und Stirnbänder umgebunden. Wieder andere demonstrierten stolz, dass der Schnauzbart seine Rückkehr feierte. Bukahara wollte aber nicht nur die Gäste, sondern auch sich selbst herausfordern. Am Freitag spielten sie gleich vier Songs, die sie noch nie auf einer Bühne gezeigt hatten. Die Reaktion war so positiv, dass der Sänger meinte: «Wir sind überwältigt von eurer Energie. Das ist wie ein schöner Traum heute Abend.» Zum Schluss gaben sie dann noch einmal alles, um die Halle zum Dampfen zu bringen. Mit «No!» und «Eyes wide Shut» legten sie Feuer auf der Tanzfläche und verabschiedeten sich von der begeisterten Kammgarn.

Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. Mai 2022. Von Hermann-Luc Hardmeier

Polka-Explosion im TapTab

Die Schaffhauser Band «Palko!Muski» brachte die Baumgartenstrasse am Freitag zum Schwitzen. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Wenn man einen Toaster in die Badewanne schmeisst, dann ergibt das in etwa das Gefühl, das am Freitagabend im Schaffhauser Club «TapTab» vorherrschend war. Starkstrom, Power, Energie, Exzess und Euphorie. Die fünfköpfige Band Palko!Muski kannte kein Halten und quasi ab dem 1. Song herrschte Partystimmung auf Knopfdruck. Sänger Baptiste Beleffi animierte die Besucher immer wieder mitzusingen und im richtigen Moment die Arme in die Luft schnellen zu lassen. Im blauen Strobokskop-Licht wirkte das sehr ansprechend und mitreissend. Bereits beim 3. Song riss der Frontmann der Combo sich das Hemd vom Oberkörper und fragte: «Is this enough?». Ein lautes «No!» schalte ihm entgegen. Es brodelte und strudelte, als ob das TapTab in einem Whirlpool mit bissigen Piranhas sitzen würde. Die Stimmung im Club an der Baumgartenstrasse war absolut ausgelassen. Die Band nutzte die Gelegenheit, um auch eine klare politische Position zu markieren. «This is for my brothers and sisters in the Ukraine!”, sagte der Sänger und grosser Applaus erklang. Er kämpfte sich in der Folge von der Bühne auf die Hände der Besucher. Nicht nur buchstäblich, sondern in Tat und Wahrheit. Stage-Diving bekam am Freitagabend eine neue Dimension. Singend und fordernd wurde Baptiste Beleffi durch das TapTab getragen. Plötzlich kroch er am Boden, dann sprang er an die Säule inmitten des Raumes und kletterte sie empor. Der Hexenkessel hatte seinen Siedepunkt erreicht und die Menge feierte den Auftritt der wilden Truppe. Vor der Bühne wurde intensiv Pogo getanzt. Mit ausgefahrenen Ellbogen und viel Energie duellierten sich die Zuschauer auf der Tanzfläche, während Palko!Muski den Takt vorgab. «Is this enough?», wollte der Frontmann erneut wissen und laute Chöre mit der Aufforderung «Einer geht noch!» erklangen. Die Temperatur kletterte das Barometer empor. Die Sauna an der Baumgartenstrasse arbeitete auf Hochtouren. Neben allen bekannten Palko!Muski-Songs erklang plötzlich die Partisanen-Hymne «Bella Ciao». Mittlerweile gab es kein Halten mehr. Die Gäste feierten, tanzten, sangen, eskalierten. Es wurde geschwitzt, geröchelt und gekämpft. Kein Tanzbein blieb arbeitslos und keine Kehle trocken. «Absolut fantastisch», freute sich eine Besucherin, die gerade an der Shotbar neben der Tanzfläche eine Runde bestellte. Nach dem Konzert startete das Trubači Soundsistema die Partyrakete und sorgte dafür, dass das ausgelassene Fest bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Erschienen am Montag, 11. April 2022 in der Zeitung «Schaffhauser Nachrichten» von Hermann-Luc Harmdier.

Disclaimer: Es handelt sich beim Bericht um einen Stimmungsbericht. Keine Konzertkritik. Ziel des Berichts war es, den Lesern die Stimmung während des Konzertes zu vermitteln.

Humorvoller Rhetorik-Kurs für die Bundesräte

Die Comedyshow «Fake me Happy» von Michael Elsener am Mittwochabend im Stadttheater war sehr humorvoll und verblüffend spontan. Von Hermann-Luc Hardmeier.

«Ich fake gerne», gestand Michael Elsener am Mittwochabend. Zu seiner zweitägigen Comedyshow waren zahlreiche Gäste ins Stadttheater gekommen. «Die Vorstellung wird heute aufgezeichnet, also bitte macht ein bisschen mehr Applaus, als ihr es lustig findet», erklärte der Showstar mit einem Augenzwinkern. Ein riesiger Kamera-Arm war im Stadttheater installiert und an allen Ecken und Enden wurde gefilmt. Die Zuschauer waren in ausgezeichneter Stimmung und kamen dem Wunsch gerne nach. Schnell hatte man die Kameralinsen vergessen, denn Michael Elsener hat ein grosses Talent: Er kann spontan Menschen im Publikum ansprechen, ihnen einige Informationen entlocken und diese dann immer wieder an passender Stelle in seiner Show einbauen. So sorgten eine Physiotherapeutin, ein Fotograf, der keine schwangeren Damen oder verliebte Pärchen fotografieren möchte, oder ein Verschwörungstheoretiker bezüglich der Erdanziehungskraft für grossen Unterhaltungswert und viele Lacher.

Rhetorikkurs für Politiker

Anschliessend inszenierte der Komiker einen Rhetorikkurs mit Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger. Er hatte die Aufgabe, die aktuelle Landesregierung in punkto Neujahrsrede zu schulen. Das Figurenensemble beherrschte Michael Elsener grossartig. Egal ob breiter Walliser Dialekt von Viola Amherd, tiefsinnige Gedanken zum Vorsorgemodell von Alain Berset oder amüsante sprachliche Missverständnisse mit Guy Parmelin, jede Partei bekam einen saftigen Seitenhieb. Aber es gab natürlich auch andere Themen: Er erklärte, warum sein Opa wegen terroristischem Verhalten angeklagt war, wie Roger Federer in der Sauna auf Kliby und Caroline traf und schlug vor, den Genderstern in der Sprache mit einem akustischen Signal sichtbar zu machen. Ein Highlight des Abends war sicherlich, als er erzählte, wie viel besser es wäre, wenn das Leben rückwärts abliefe. «Man wacht auf und bekommt ein riesiges Erbe, wird aus dem Altersheim entlassen, muss immer weniger arbeiten, an der Uni bekommt man am ersten Tag das Abschlussdiplom, qualifiziert sich in der Primarschule für den Kindergarten und kann neun Monate im warmen Mutterbauch verbringen, bis man immer kleiner wird und schlussendlich als Funkeln in den Augen zweier Verliebten verglimmt.»

Zu langes Bewerbungsvideo

Am Schluss des Abends gab es sodann eine Zusatzrunde: Für einen Comedywettbewerb in London diente das Publikum als Kulisse. Michael Elsener drehte ein Bewerbungsvideo und trat mit einer englischen Standup-Nummer auf. Er wiederholte dabei auch einige der bereits gezeigten Nummern auf Englisch. Zeitlich dauerte das eindeutig zu lange. Dennoch gab es begeisterten Applaus am Schluss und Elsener freute sich: «Ihr seid Goldschätze, bitte kommt mit auf meine Tournee.»

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 18. März 2022.

Vortrag: Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944

Am 1. April fand an der Berufsmaturiät ein Vortrag von Dr. Matthias Wipf zur Bombardierung von Schaffhausen im 2. Weltkrieg statt. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Bild: Luc Hardmeier und Matthias Wipf inmitten der 70 Lernenden. (Foto: Marco Eugster, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Genau 78 Jahre ist es her, dass die Alliierten einen Bombenregen auf die Ostschweiz niederliessen. Der tragische Vorfall ereignete sich am 1. April 1944. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts an der Berufsmaturität fand unter der Leitung von Geschichtslehrer Luc Hardmeier ein Vortrag mit dem Historiker Dr. Matthias Wipf am Freitag in der Aula des Hauptgebäudes statt. Matthias Wipf erklärte, wie die Piloten ursprünglich Ludwigshafen bombardieren wollten und anschliessend Schaffhausen wegen Navigationsfehlern, dem Ausstieg des Radars und der Lage von Schaffhausen auf der „falschen“ Seite am Rhein verwechselten. Sie dachten, sie hätten eine deutsche Stadt unter sich. Als sogenanntes Gelegenheitsziel (Target of opportunity) wollten sie ihre Bombenlast loswerden und begingen den fatalen Irrtum. In Ludwigshafen hätten sie die IG Farben zerstören wollen. Dort wurde unter anderem das Gas Zyklon B hergestellt, mit welchem die Nazis ihre fürchterlichen Verbrechen im Holocaust begingen. Schaffhausen hatte das Pech, dass an diesem nebligen Tag genau über der Munotstadt die Wolkendecke aufgerissen war und daher den Flugzeugen ein ideales Ziel bot: Innerhalb von 40 Sekunden fielen 400 Bomben. 40 Menschen starben und die ganze Schweiz blieb geschockt zurück. Der Bahnhof erlitt einen Volltreffer, dort starben 18 Menschen. Auch getroffen wurden ca. 50 weitere Gebäude wie das Industrie-Quartier Mühlenen, das Regierungsviertel und der Fronwagplatz. Die US-Regierung entschuldigte sich umgehend und bezahlte eine Wiedergutmachung von 40 Millionen US-Dollar. Insgesamt gab es in Schaffhausen 544 Luftalarme. Die Bevölkerung nahm die Überflüge des US-Militärs zunehmend als Schauspiel wahr und schützte sich nur noch teilweise mit dem Gang in die Luftschutzbunker. Wahrscheinlich hätte es etwa 1/3 weniger Opfer geben können, hätte man sich ordnungsgemäss verhalten. An diesem 1. April war Schaffhausen und die Schweiz plötzlich mitten im 2. Weltkrieg. „Ein Schreckenstag“ wie die Zeitung Schaffhauser Nachrichten damals titelte. Die 70 Lernenden in der Aula des Hauptgebäudes der Berufsmaturität nutzten den Anlass, um viele Fragen an den Experten zu stellen und es entbrannte eine spannende Diskussion. Auch Vergleiche mit dem Ukrainekrieg wurden gezogen. Das Ereignis ist absolut tragisch. Der Anlass war an diesem Jahrestag dennoch sehr wichtig und hat den Geschichtsunterricht anschaulich, einprägsam und höchst interessant bereichert.

Von Hermann-Luc Hardmeier