Die Tänzerin auf der Wundermaschine

Ania Losinger spielte am Donnerstagabend in der Kammgarn (SH) mit einem Instrument, das alles Bekannte in den Schatten stellte. Ein Konzertbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Manche Menschen können gut tanzen, manche Menschen gut musizieren. Ania Losinger kann beides, und zwar gleichzeitig. Dies ermöglich ihr ein spezielles Instrument, das man nicht spielt, nein, die Töne werden durch das Tanzen erzeugt. Der elektroakustische Klangkörper namens „Xala III“ ist eine richtige Wundermaschine. Er sieht unscheinbar aus. Wie eine kleine Holzpalette. Doch die Wirkung ist beeindruckend. Am Donnerstagabend machte Ania Losinger mit ihrer Band „NEN“ in der Kammgarn halt. Der Saal war mit Tischchen und Stühlen hergerichtet. Ein interessiertes Publikum hatte sich eingefunden. Auf der kleinen Holzplatte stehend, sorgte Losinger für Kinnladen, die erstaunt nach unter klappten. Mit zwei Klangstöcken und Flamenco-Schuhen bewaffnet, tanzte, stampfte, schlug und streichelte sie den musikalischen Fussboden. Die Musik klang wie in einem Spa-Bereich, in welchen ein iberischer Stier eingebrochen war. Teilweise Richtung Chillout und Jazz. Im nächsten Moment mischten sich Rock und Power in die Mixtur. Drei Klangkünstler am Bass, Schlagzeug und Keyboard begleiteten sie auf ihrem musikalischen Surfbrett. Die Band von Ania Losinger sind allesamt verdiente Virtuosen. Chrigel Bosshard an den Drums entlockte seiner Küche knackige Beats und akzentuierte Kicks. Björn Meyer zupfte den sechsseitigen sonoren Masseur der Seele. Und Seitlich angedockt, zwischen Fender Rhodes und Vibraphon, sorgte Mats Eser für einen melodischen Klangteppich. Der Auftritt war stimmig und mitreissend. Die Klangstöcke wurden manchmal zur Seite gelegt, damit Ania Losinger noch mehr Bewegungsfreiheit hatte. Der Tanz artete zuweilen zu ästhetischen Gymnastikübungen aus. Manchmal schnell, dann plötzlich wieder wie in Zeitlupe. Auch eine kleine Kritik sei angebracht Auf den Gesang wartete man leider vergeblich. Eine Band, die so stark, kreativ und frisch aufspielt, hätte sich mit einer singenden Person im Zentrum vielleicht noch die Krone aufgesetzt. Doch der Auftritt war so einmalig, dass dieser kleine Makel schnell vergessen ging. Die Band „NEN“ passt in keine Schublade, sie bewegen sich auf einem ganz anderen Level. Die Lieder gleichen einem Wellengang im Meer. Sanft und gemütlich tritt gegen stürmisch und wild in die Arena. Elegant, graziös und manchmal sportlich war die Darbietung der Frontfrau. Die Besucher waren begeistert und applaudierten laut. „Wir freuen uns unglaublich, dass wir heute hier spielen und den wunderschönen Raum mit unseren Klängen zu füllen“, richtete Ania Losinger zum Schluss das Wort an das Publikum. Der Applaus war „NEN“ sicher, denn dieser Auftritt ist mit nichts zu vergleichen. Das Konzert war, als hätte jemand musikalisch die Seele eines jeden Gastes persönlich massiert. Begeisterung pur, soviel stand definitiv fest.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten”.

Nach 15 Minuten schloss sich der Vorhang gnadenlos

Am“8×15“-Event von SRF Virus zeigten acht Newcomer ihr musikalisches Können. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Am Samstagabend machte die Konzertreihe „8×15“ zum 3. Mal Halt in der Kammgarn. Das Konzept der Veranstaltung ist einfach und faszinierend: „Acht Newcomer Bands, die Aufmerksamkeit verdient haben, können sich während 15 Minuten dem Publikum zeigen“, erklärt Simona Vallicotti, redaktionelle Projektleiterin von SRF Virus. „15 Minuten reichen, um ein Publikum zu fesseln und um abzuschätzen, ob man mehr von ihnen haben möchte. Zudem ist 15 Minuten eine erträgliche Zeit, falls einem eine Band nicht gefällt und man lieber an der Bar ein Bier trinken will.“ Um die Spannung ein bisschen zu erhöhen, war ein Bildschirm mit einem Countdown installiert und ein Vorhang schloss sich exakt nach Ablauf der Frist.

 Von Techno bis HipHop

Die erste Band hiess „Alois“. Die vier Musiker aus Luzern waren wie ein musikalischer Heissluftballon. Sie stiegen in die Höhe und schwebten gemütlich über den Besuchern. Mit Daydream-Indie-Pop eröffneten sie den Abend gekonnt und sympathisch. Die nächste Aufführung riss alle aus den Socken. Die Ein-Frau-Band „Jessiquoi“ aus Bern lieferte einen frischen Auftritt, der an Kreativität gar nicht zu überbieten war. Ein fahrbares „Leiterwägeli“, auf welchem ein DJ-Pult befestigt war, diente ihr als Kulisse. Es war zu einer Mischung aus Marktstand und Hindutempel umgebaut. Es blinkte und blitzte bunt. Laute Technobeats dröhnten aus den Boxen. Jessiquoi sang, tanzte, schwang ihre Haare durch die Luft und spielte verschiedene Instrumente. Knallig, bunte Leggins, auffällige Schminke und freakige Accessoires rundeten das Ganze ab. Das Publikum kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Und schon war es auch wieder vorbei. Die dritte Viertelstunde gehörte einer Band aus der französischen Schweiz. Dicke Hiphopbeats und Rap auf Englisch standen nun auf dem Programm. „Rootwords“ war eine Combo, die innert kürzester Zeit das Publikum zum Tanzen und Mitfeiern brachte. Die Hände schnellten in die Höhe und wippten im Takt. „Der Abend ist extrem abwechslungsreich“, freute sich eine Besucherin. „Man weiss nie, was als nächstes Hinter dem Vorhang herausspringt.“ Kaum gesagt, was es auch schon Zeit für die nächste Wundertüte. „Make Plain“ war ein Tessiner Duo, das fünf Instrumente gleichzeitig spielte, sang und dabei noch lässig Countryhemden und Cowboyhüte trug. Beim Auftritt der Punkrockband „The Hydden“ gab es sodann eine ungeplante Überraschung. Der Vorhang streikte und musste von zwei Helfern während dem halben Konzert zurückgehalten werden. „Das wird in die 8×15-Geschichte eingehen“, lachte Simona Vallicotti. Es folgten zwei weitere Konzerte von „Carvel‘“ und dem Bühnenkönig „Crimer“. Fazit: Es war ein grandioser Abend, der Abwechslung, frische Musik und eine Prise Humor für die Gäste bereithielt.

Von Herman-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 11.Dezember 2017.

Eine Mischung aus Party und Philosophievorlesung

Käptn Peng und die Tentakel von Delphi begeisterten die Kammgarn am Mittwoch mit ihren tiefsinnigen Texten. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

Dieser Pirat ist etwas ganz Besonderes. Käptn Peng aus Berlin lud am Mittwochabend eine wilde Meute von 440 Besuchern auf eine stürmische Seefahrt ein. Kanonenschüsse, Blitz, Donner und viele musikalische Abenteuer hatte er in seiner Schatztruhe bereit. Und als wäre das noch nicht genug, waren auch viele Ungeheuer mit von der Partie. Eines war ihm wohlgesinnt: Die Tentakel von Delphi, so der Name seiner Band. Die vier Musiker unterstützten den kreativen Kapitän mit allem, was Omas Keller und Mamas Küche hergab. Töpfe, Bürsten, Fahrradklingen und fies gestimmte Gitarren gehörten zu den Objekten, welche als Instrumente dienten. „Wir sind am Anfang immer ganz schüchtern“, begrüsste Käptn Peng alias Robert Gwisdek die Besucher, „deshalb wollten wir fragen, ob ihr Lust habt, für die nächsten zwei Stunden unsere Freunde zu sein?“ Natürlich freute sich das Publikum und das Eis war gebrochen. Käptn Peng nannte die Gäste liebevoll „Hans-Maria“, weil er sie nicht mit dem unpersönlichen „Kammgarn, wie geht’s?“ oder „Schaffhausen, seid ihr noch da?“ ansprechen wollte. Hans-Maria hatte seine pure Freude daran und es war schnell klar: Dieser Käptn hat einiges im Köpfchen. Überhaupt könnte Robert Gwisdek nicht weiter vom Bild des typischen Rappers entfernt sein. Weder Goldkette, Ghettofaust noch dicke Kapuzenjacke. Ganz im Gegenteil: Unauffällige Kleidung, lange Haare und drahtig vom Körperbau. Er wirkte eher wie der nette Herr im Supermarkt, der Ungeduldige in der Schlange bei der Kasse vorlässt. Mit charmantem Lächeln und ein wenig Schalk im Mundwinkel. Der Käptn sang über griechische Mythologie, Wahnsinn, Erleuchtung, Fabelwesen, Monster, Socken und weitere mehr oder minder surreale Themen. Manchmal klang das nach Hiphop, dann nach Alternativ Rock, zwischendurch ein Drum’n’Bass oder Dancehallstück à la Seeed. Plötzlich ging das Licht an und er lieferte sich mit dem Perkussionisten ein Battle-Rap. Danach legte er einen gekonnten Freestyle hin und im nächsten Moment wurde er besinnlich. Hielt er gerade eine Philosophievorlesung? War das Ganze eine Dada-Vorstellung oder drehte er das Wörterbuch durch den Fleischwolf? An der Grenze dieser Kategorien tänzelte der Käpt’n gekonnt auf dem schmalen Grad. Hans-Maria feierte, als gäbe es kein Morgen mehr. Passend gewählt war übrigens auch die Vorband des Käptns und seinen Tentakeln. Das Trio „Dlé“ hatte sich als griechische Götter verkleidet und inszenierten eine Mixtur aus Theateraufführung und HipHop-Party. Sie sangen von König Tantalos, der die Götter erzürnte und über fünf Generationen hinweg verflucht wurde. Vom Hawaiihemd über den Ganzkörper-Lederanzug bis zur Tarnjacke reichten ihre Kostüme. Dieser Abend hatte einfach alles, was das Herz von Hans-Maria erfreute.

Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 8. Dezember 2017. Von Hermann-Luc Hardmeier.

Hiphop, Zauberei und ein abgedrehtes Krippenspiel

Bei der “Open Stage” im Club “Orient” in Schaffhausen gab es viel zu staunen. Ein Eventbericht von Hermann-Luc Hardmeier.

Hardmeier+Talentshow

„Wir haben heute fantastische Künstler für Sie bereit“, begrüsst Moderator Loris Brütsch am Donnerstagabend das Publikum im Orient. Wie jedes Mal leitete der Gastgeber mit Charme und flotten Sprüchen durch die zweistündige „Open Stage“. Diesmal standen sechs Talenten von Nah und Fern im Rampenlicht. Den Beginn machte Magier Dominic Oesch. Der 19-Jährige verblüffte mit geschickter Zauberkunst, magischen Ringen und einem fliegenden Tisch. Danach sang Roger Stüssi für die Gäste. Seine voluminöse Stimme war voller Energie und stand in überraschendem Gegensatz zu seiner eher zurückhaltenden Begrüssung. Eine Wundertüte, genau wie die Veranstaltung selber. Denn als nächstes kam das schrägste Krippenspiel, welches die Weihnachtszeit je gesehen hat. Komiker Gregor Schaller zeigte den Anwesenden, wie man aus Haushaltsmüll die Weihnachtsgeschichte nachbauen kann. Um das Ganze zimmerte er eine ausgeflippte Geschichte, die sich anhörte, als hätte man einen Duden unter Drogen gesetzt. Für die Maria-Figur benutzte er eine leere Milchpackung, die er mit dem Borer und dem Winkelschleifer bearbeitet, bis die Funken flogen. Aus einer Bierflasche und einem angebissenen Apfel gab es den Josef. Im Mittelalter hätte die katholische Kirche Gregor Schaller wohl auf den Scheiterhaufen geführt, hätten sie gesehen, wie er einen Emmy-Energiedrink mit Stichsäge und Beil zum Jesuskind umarbeitete. Das Ganze war zum Brüllen komisch, doch noch lange nicht der Höhepunkt des Abends. Neben Loris Brütsch, der in die Rolle des Zauberers „Lorios“ schlüpfte und die Gäste einmal mehr mit seinen Kartentricks begeisterte, warteten noch zwei musikalische Leckerbissen auf ihren Auftritt. Gefühlvoll und ausdrucksstark war Fabio Brellos aus Schaffhausen. Der Schaffhauser KV-Lehrling zeigte mit Gitarre und Klavier, dass der nächste Ed Sheeran durchaus auch aus der Munotstadt kommen könnte. Doch der Auftritt, der sich den Anwesenden am stärksten ins Gedächtnis brannte, war jener des Rapperduos „SAR – Neon & Santa“. Mit Wortwitz, dickem Flow und eine Mixtur aus Partysongs und tiefgründigen Gedanken enterten die Wortkünstler aus Stein am Rhein die Bühne. Sie wechselten zwischen ruhigen Balladen und fetzigen Tanznummern. Ein Teil des Publikums stand auf, tanzte und feierte. Sowas gabs bislang noch an keiner der „Open Stage“-Veranstaltungen. Insgesamt bot die Talentshow in ihrer letzten Ausgabe vor der Winterpause viel Abwechslung und Unterhaltung. Von dicken Punchlines der Rapper, über Magier mit telepathischen Fähigkeiten, einem wortgewaltigen Sänger bis hin zum freakigsten Krippenspiel des Jahres war für jeden etwas dabei. Loris Brütsch verabschiedete die Besucher mit den Worten „Wenns euch gefallen hat, dann kommt wieder!“. Viele Besucher werden 2018 dieser Aufforderung mit viel Vorfreude folgen.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 18.11.17.

 

Die gemütlichen Soulkönige von Schaffhausen

Nach dreijähriger Pause begeisterte die Band „Min King“ hunderte von Besuchern in der Kammgarn.

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 “Min King” brachten gute Stimmung in die Kammgarn. (Foto: Phillip Schmanau, Bericht Hermann-Luc Hardmeier)

 „Der Typ hat so eine geile Stimme“, schwärmte Musiker James Gruntz über die Band „Min King“. Der Schweizer Hitparadenstürme war vor einer Woche auf der Kammgarnbühne und lobte neben dem Rheinfall die musikalische Vielfalt unserer Stadt. Mit seiner Einschätzung lag er goldrichtig, denn „Min King“ ist wirklich etwas Aussergewöhnliches. Am Samstagabend war die Kammgarn mit 800 Besuchern ausverkauft. Dicht gedrängt standen Jung und Alt, von Partygängern über Familien bis hin zu Lokalpolitiker vor der Bühne und wartete auf die sympathischen Soulkönige der Munotstadt. Gegen 22 Uhr enterten Sänger Philipp Albrecht und seine sechsköpfige Band sodann das Podium.

Leckerer Musikcocktail

Das Keyboard groovte, die Bläserfraktion fetzte, Gitarre und Bass legten das Tanzfundament und der Drummer pfefferte knackige Beats durch die Boxen. Garniert wurde das Ganze mit der rauchig-sanften Stimme von Philipp Albrecht. Und fertig war die Mixtur für den wohl leckersten musikalischen Cocktail, der den Besuchern in der Kammgarn seit langem serviert wurde. Zwischen Soul, Funk, Blues und manchmal einer Prise Reggae und Offbeat balancierten die sieben Musiker perfekt. „Die Band macht mit viel Sorgfalt Musik von der grossen Welt, bringt sie in unsere Stadt und verankert sie so gekonnt in unseren Ohren, das wir sie als heimisch empfinden“, lobte Besucher Gregor Szöllösy die Band. Ihn erinnerte „Min King“ ein wenig an eine Schaffhauser Version der Blues Brothers. Und tatsächlich erklangen während dem Konzert viele bewusste oder vermeintliche Referenzen an bekannte Musiker. Gewisse Songs erinnerten an Soulgrössen wie Otis Redding, Stevie Wonder oder Al Green. Kurz wurde sogar der Song „I Shot The Sheriff“ von Bob Marley angespielt. Doch natürlich spielte „Min King“ keine Covers, sondern liess sich von Soulklassiker inspirieren, wandelte es in ihre ganz eigene Musik um und unterlegte es mit Texten, die auf Schaffhauser Mundart gesungen wurden.

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Band und Sänger ergänzten sich perfekt. (Fotos: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Gelungene Plattentaufe

Die zwei bekanntesten Lieder, die auch national im Radio gespielt werden, sind „Bluemeweg“ und Philipp Albrechts Solostück „Fründin“. Als sie erklangen, war die Stimmung auf dem Siedepunkt und in der Halle herrschten nicht nur Tanzstimmung, sondern auch Saunatemperaturen. Doch die Band zeigte nicht nur Bewährtes, sondern auch ihre neusten Songs und taufte in der Kammgarn ihr zweites Album namens „Immer wieder“. Während die ersten Stücke von 2012 ein bisschen den Partytornado-Kurs eingeschlagen hatten, sind die neuen Lieder von 2017 eher auf der Stufe einer gemütlichen Sommerbrise anzusiedeln. Den ganzen Abend herrschte eine behagliche Stimmung. Man hätte gerne ewig weitergehört, doch plötzlich war die Bühne leer und erst mit enthusiastischen Zugabe-Rufen konnte man die schönen Klänge noch einmal zurückholen. Im letzten Teil des Abends gab es neben einer zusätzlichen Ladung „Min King“-Songs auch Gastauftritte des Rappers E.K.R. und des Musikers der Vorband Mory Samb. Die dreijährige Pause von „Min King“ von 2014 bis 2017 schien der königlichen Klangwelt nicht geschadet zu haben; im Gegenteil. Die Musik ist gereift, hat sich weiterentwickelt und entfaltete am Samstagabend ihre ganze Power in der Kammgarn. Es ist schön zu sehen, dass eine kleine Herblinger Quartierstrasse wie der „Bluemeweg“ am Samstagabend so vielen Menschen in der proppenvollen Kammgarn einen so tollen Abend beschert konnte.

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Am Schluss gab es noch Verstärkung auf der Bühne E.K.R. und Mory Samb. (Fotos: Phillip Schmanau. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Text von Hermann-Luc Hardmeier, erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 13.11.17.

Der Goldfisch, der auch ein Hai sein kann

Am Freitag verzauberte der Berner Musiker die Kammgarn mit seiner hypnotischen Stimme. Eine Konzertkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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James Gruntz in Schaffhausen. (Foto: Selwyn Hoffmann, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Wow, was für ein Ambiente. Mysteriöses blaues Licht, ein riesiges Bild von Felsen im Meer thront über den Instrumenten. Durch die Lichteffekte von LED-Säulen auf der Bühne wirkte es, als sprudle Sauerstoff und blaues Wasser in die Luft. Als wäre die Bühne ein riesiges Aquarium, in welchem der Goldfisch James Gruntz aus dem Fenster der versunkenen Burg hinausschaue und friedlich seine Runden drehe. Kurzum: Die zauberhafte Umgebung für die Charakterstimme von James Gruntz war perfekt hergerichtet. Mit seiner vierköpfigen Band spielte sich der Singer-Songwriter bereits mit den ersten Klängen in die Herzen der Zuhörer. Er hat seine ganz eigene Mischung aus Pop, Jazz, Rock und anderen Mixturen. Eine wichtige Rolle spielt der Synthesizer, der eine Prise Funk dazu streute. James Gruntz traf die Töne gekonnt und überraschte zwischendurch, als er ganze Passagen oder einzelne Einwürfe mit der hohen Kopfstimme sang. Den Wechsel zwischen hoch und tief lösten die Illusion aus, als würden gleich mehrere Sänger auf der Bühne stehen.

Musikalische Trickkiste

«Ich freue mich, heute für euch zu spielen», begrüsste er nach dem 2. Song die Gäste und wurde mit grossem Applaus empfangen. Die Klänge waren kreativ und harmonisch. Doch der Goldfisch verwandelte sich zwischendurch auch zum bissigen Hai. Als beim Song «Homework» der Gitarrist zu einem Solo ansetzte, begleitete James Gruntz ihn enthusiastisch mit dem Schellenring. Er tanzte, sang und fuhr sich immer wieder durch das krause Haar, damit er nicht zu brav aussah. Vor ihm auf der Bühne stand ein Keyboard, mit welchem er bei längeren musikalischen Passagen mitspielte oder in die Trickkiste der Effekte griff. In der Kammgarn spielte er vor allem die Songs seines neusten Albums «Waves». Mit dem gleichnamigen Titelsong seines sechsten Albums stieg er ein und ein erster Höhepunkt des Abends war erreicht, als er mit «Speechless» den Saal zum Kochen brachte.

Mit dem Velo am Rheinfall

Typisch für James Gruntz war auch, dass er immer wieder kleinere Geschichten vor einigen Songs erzählte. So berichtete er beispielsweise, dass er vor zwei Jahren im Rahmen seines Auftritts am «Stars in Town» mit seinem Klappvelo den Rheinfall besuchte. Dies leitete das Lied «Song to the Sea» ein, welchen er mit der Ukulele begleitete. Die LED-Leuchten schwangen nun im Takt, als wäre die Bühne auf einer leicht stürmischen Schifffahrt. In den vorderen Reihen schienen die weiblichen Besucherinnen jede Textzeile zu kennen und sangen begeistert mit.

Drei Schritte zum Song

«Für mich gibt es drei Stufen, bis ein Song fertig ist», erklärte James Gruntz dem Publikum. In der ersten Phase sei es so, dass sich eine zündende Idee im Kopf verankere und ihn tagelang beschäftige. In der zweiten Phase schreibe er das Lied und feile an den Details. Am meisten freue er sich aber dann auf den dritten Schritt, wenn das Lied zum ersten Mal auf einer Bühne gespielt werde und er zusammen mit dem Publikum dem Track endgültig das Leben einhauchen dürfe. «Das ist wie eine Befreiung», schwärmte Gruntz. «Und genau so ein Lied spiele ich jetzt für euch. Ein Song aus meiner Playlist, der raus musste, damit er mich nachher wieder in Ruhe lässt.» Damit war das Stück «You» gemeint, das derzeit in der Hitparade rauf und runter gespielt wird. Viele Besucher staunten nicht schlecht, dass «live» die Melodie noch viel wuchtiger und eingängiger war als aus dem Radio. Mit einem Drumsolo wurde es aufgepeppt und zum Schluss gab es noch eine Soulversion des Stückes; ganz ohne Synthesizer. Die harmonischen Klänge und die hypnotische Stimme von James Gruntz hatten mittlerweile die ganze Kammgarn in die Fantasy-Welt des musikalischen Aquariums gezogen. Die Herzen der Gäste schmolzen wie Butter in der Sonne dahin und für alle war klar: Das war ein wirklich gelungener Abend.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 6.11.17.

Fussgänger mit viel Reggae im Gebäck

Wäre Reggaemusik ein Coupe Dänemark, so wäre die Band „The Pedestrians“ die Schlagsahne und die Schokostreusel darauf. Die fünf Musiker spielte am Samstagabend im TapTab gemütlichen Reggae, der direkt aus Jamaika stammen könnte. Er kommt aber tief aus dem Aargau. Genauer gesagt aus Baden. Die fünf Studenten kennen sich aus der Zeit in der Kantonsschule und wandern seit über vier Jahren zielsicher auf den Spuren von Bob Marley. Ihr Reggae lässt im Frühling den letzten Schnee schmelzen und bringt den Sonnenschein des Sommers von der Karibik direkt aufs Matterhorn, den Bundesplatz in Bern und natürlich ins TapTab in Schaffhausen. Gemütlich, knackig, frisch und verspielt wirkte ihre Musik. Die Gäste im gut besuchten Lokal tanzten von Beginn weg und genossen die warmen und mitreissenden Klänge. Als Basis diente Reggae, es fanden sich aber auch Pop, Ska, Latin und elektronische Einflüsse. Nicht zu vergessen wäre natürlich auch die wichtigste Zutat: Ganz viel Liebe.

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Bild: Die Pedestrians im TapTab. (Foto: Hermann-Luc Hardmeier. Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

Mit dem Preisgeld nach England

„Es ist sehr nice, dass ihr mit uns feiert!“, rief Sänger Mike Bill ins Mikrophon und stimmte unter Applaus das nächste Lied an. Die Musiker überzeugten nicht nur im TapTab, sondern haben schon reihenweise Preise geholt. Beim „M4Music- Demotape Clinic“ und „MyCokeMusic-Soundcheck“ gewannen sie 2015 und erfüllten sich mit dem Preisgeld einen grossen Traum. Sie reisten nach England und produzierten dort mit der Hilfe von der englischen Band „Will And The People“ ihr Album «Stoney Vere». 2016 folgte das neue Album «What’s The Difference» und stieg direkt auf Platz 15 der Schweizer Albumcharts ein. Bei Radio SRF3 wurden sie daraufhin im Dezember mit dem „Best Talent“-Preis gekrönt. Im Interview nach dem Konzert erklärten die Musiker, sie hätten immer bodenständigen und authentischen Sound machen wollen. Fussgänger stehen mit beiden Beinen auf dem Boden und so passt die englische Übersetzung des Bandnamens perfekt zur Combo. „Reggae hat eine sehr starke Energie“, schwärmte Gitarrist Davis Knecht. „Es freut und deshalb sehr, dass wir heute die Schaffhauser damit mitreissen konnten.“

Von Hermann-Luc Hardmeier, erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 23.10.17.

Talentshow: Plötzlich flog die Perücke durch die Luft

An der sechsten Ausgabe der „Open-Stage“-Show im Orient begeisterten am Freitagabend einmal mehr die Künstler das Publikum.

„Ich bin total nervös“, scherzt ein Gast, als Moderator und Zauberkünstler Lorios ihn fragte, ob er sich auf den Abend freue. Der Besucher namens „Gigi“ wusste noch nicht, dass er später selber auf der Bühne stehen würde. Doch der Reihe nach. Als erster betrat Yves Keller alias „Chäller“ das Podest. Der Comedian und ehemalige Radio Munot – Chefredaktor witzelte über die seitenlangen «WhatsApp»-Nachrichten seiner Mutter, über seine Zivildiensterlebnisse mit dem Rentner und Flirtkönig Herr Moser und vieles mehr. Danach war es Zeit für den Singer/Songwriter Marco Clerc. Dieser hatte eine Handfeste Überraschung im Gepäck. Nach seinem Evergreen „Just another Folk Song“ verriet er dem Publikum, dass er sich sein ganzes Leben schon verstelle: Nun sei es Zeit, sein wahres Ich zu zeigen und den Rockstar herauszulassen. Er griff in den Gitarrenkoffer und setzt sich eine blonde Kurt Cobain – Perücke auf. Im Truckerfahrer-T-Shirt und voller Haarpracht sorgte er sodann mit dem Cover von «Wicked Game» von Chris Isaak für Schmunzeln und viele Lacher. Marco Clerc gab alles und rockte auf der Bühne so enthusiastisch, bis ihm die Perücke vom Kopf flog. Das nennt man dann wohl, vollen Körpereinsatz zeigen. Nach diesem fulminanten Auftritt kündigte sich der Moderator Lorios gleich selber an und präsentierte einen verblüffenden Zaubertrick mit einem imaginären Kartenspiel und drei mysteriösen Briefumschlägen. Nach der Pause kam sodann der Knüller: Kabarettist Jan Rutishauser begann harmlos mit ein paar Scherzchen, bis am Schluss zu seinen Songs aus der Reihe „defekte Liebeslieder“ alle mitklatschten und applaudierten. Das war schon fast das Ende. Doch da war doch noch was…Ach ja: Der Gast vom Anfang: Der Moderator erklärte, dass er im Publikum zwei Talente für die Show suche und fand diese in «Rock-Ruth» und «Gigi». Sie durften ihm bei einem Zaubertrick assistieren, einen Witz erzählen und zu guter Letzt war eine Playbackshow angesagt. Gigi, der bei einer Rockband singt, liess sich das nicht zweimal sagen und machte aus der Playback-Show gleich eine Karaoke-Nummer. Den Schluss des Abends gestaltete Alex Nauva, der eine Indietronic-Musikshow zeigte, die sich gewaschen hatte. Dies bot einen schönen Kontrast zum bisher eher wortlastigen Abendprogramm. «Das war einmal mehr ein genialer Abend», freute sich Moderator Lorios nach dem Ende der gelungenen Veranstaltung.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 25.11.2017.

Theaterkritik: Rasante Jagd nach dem Piratenschatz

Das 2. Stück des Szenario-Ensembles namens „Die Schatzinsel“ sorgte im Fasskeller für Begeisterung. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier.

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Bild: Die Crew auf dem Schiff der Schatzsucher gerät durch Piraten in Bedrängnis (Foto: Phillip Schmanau, Bericht: Hermann-Luc Hardmeier)

„Wow, das haut mich einfach um“, freute sich ein Gast nach der Vorstellung von „Die Schatzinsel“ am Samstagabend im Fasskeller. „Das Bühnenbild, die Requisiten und der viele Text, den sich die Schauspieler merken müssen – da bin ich baff.“ In der heutigen Zeit, in welcher viele Menschen gerade einmal ihren Handy-Pin-Code“ auswendig können, beeindruckt ein Theaterbesuch aus verschiedenen Gründen. Doch das wichtigste ist nach wie vor, dass die Gäste von einer spannenden Geschichte, einer packenden Dramaturgie und einem mitreissenden Spiel der Protagonisten gefesselt werden. Sie sollen die Emotionen des Stücks mitfühlen können. Ganz anders als im Kino springt der Funke im Theater viel leichter von der Bühne auf die Zuschauerränge. Und genau das ist den fünf Schauspielern unter der Regie von Manuela De Ventura und Xenia Ritzmann vorzüglich gelungen. Die Jagd nach dem Schatz des verstorbenen Piraten Käpt’n Flint sorgte für gute Unterhaltung. Als in einer Gaststätte ein Matrose starb, tauchte plötzlich die legendäre Schatzkarte auf. Der Sohn der Restaurantbesitzerin, der Arzt und der Friedensrichter kauften ein Schiff, heuerten eine Crew an und machten sich auf die Reise. Dumm nur, dass ihr Plan aufgeflogen war und ihre Mannschaft aus ehemaligen Piraten von Käpt’n Flint bestand, die ihnen bei der erstbesten Gelegenheit an die Gurgel wollten. Die Ausgangslage war spannend und das Abenteuer konnte beginnen. Der Roman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson wurde von Josha Schraff ins Schweizerdeutsche übersetzt und dem Team der Theatergruppe Szenario auf den Leib geschrieben. Vielleicht war man damit dem Original noch näher als mit anderen englischen Theaterversionen, denn schliesslich war Stevenson die Idee für die Story bei einem Kuraufenthalt in Davos 1880/1881 gekommen. Bei der Umsetzung des Stücks für Schaffhausen war spannend, dass in der Geschichte selber fast nur Männerrollen vorgesehen sind, bis auf Josha Schraff aber nur Frauen im Szenario-Ensemble mitmachen. Zudem mussten jeder mehrere Rollen spielen, was der Aufführung eine zusätzliche Dynamik gab. „Das war schon eine Herausforderung“, erklärte Fanny Nussbaumer, die in die Rolle des grimmigen Piraten Long John Silver und der Restaurantbesitzerin geschlüpft war. „Was mich zusätzlich forderte, waren die vielen Requisiten. Man musste im richtigen Moment ein Fass über die Bühne ziehen, ein Brett aufhängen oder den Revolver an der richtigen Stelle deponieren. Da musste man immer zu 200% bei der Sache sein.“ Intensiv war nicht nur, was auf der Bühne passierte, sondern auch, was im Vorfeld gelaufen war. „Wir haben ein halbes Jahr lang geprobt, in den letzten zwei Wochen vor der Hauptprobe täglich“, erklärte Regisseurin Manuela De Ventura. „Zwischendurch hatten wir vom Fasskeller schon ein wenig den Kellerkoller, aber wir sind sehr glücklich und zufrieden mit der Première und den bisherigen Aufführungen.“ Die Anzahl der Vorstellungen ist übrigens streng limitiert, damit nicht nur das Publikum, sondern auch die Schauspieler hungrig gehalten werden können. Eine frischgebackene, knusprige Pizza bleibt schliesslich auch viel besser in Erinnerung, wenn man sie nach zwei Stücken dem Tischnachbarn weitergeben muss. Die interessante und humorvolle Aufführung der Schatzinsel bereitete den Besuchern einen tollen Abend und man wartet bereits ungeduldig auf den nächsten Streich des Szenario-Ensembles.

Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 18.11.207.